अध्याय 12: Lina – verwirrtes Herz

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Vorgestern war noch alles normal.

Seit dem ersten Auftauchen des blauen Nebels hat sich etwas verschoben – und nichts hat je wieder richtig in seine alte Form zurückgefunden.

Das letzte Schulläuten hallt durch den Flur, unterlegt von Stühlerücken, Stimmen, Lachen.

Der Raum leert sich schnell. Zu schnell.

Ich packe meine Hefte und das Tablet in den Rucksack, bewege mich mechanisch, als müsste ich mir selbst beweisen, dass alles noch funktioniert.

Seit Noah die Klasse verlassen hat, ist etwas in mir in Bewegung geraten.

Er hat mich nicht angesehen.

Kein Guten Morgen.

Kein Abschied.

Nicht einmal ein flüchtiger Blick, als wäre ich Luft.

Als habe der Moment gestern, als sich unsere Blicke trafen, nie stattgefunden.

Und dort, wo sonst nichts ist, keine Regung, keine Wärme, kein Ziehen, sitzt jetzt etwas Neues.

Kein Schmerz wie nach einem Sturz.

Eher wie ein feiner Druck.

Es ist nicht körperlich.

Und doch haftet es an mir wie ein lästiges Insekt, das sich nicht vertreiben lässt.

Ich ziehe den Reißverschluss meines Rucksacks zu und halte inne.

Auf dem nackten Pult, liegt noch ein gefaltetes weißes Blatt Papier.

Noah möchte deine Rufnummer und lässt dich bitten, ihm deine zu geben.

Für den Bruchteil einer Sekunde, ist sie wieder da, die gewohnte Leere, aber nur, um dann in ein anderes Gefühl umzuschlagen.

Hitze.

Genau dort, wo eben noch dieser dumpfe Druck saß, breitet sich nun Wärme aus.

Mein Herz schlägt schneller. Unruhiger.

Also doch körperlich?

Ich setze mich wieder auf den Stuhl, als hätten meine Beine beschlossen, mir nicht mehr zu gehorchen.

Das Papier knistert leise zwischen meinen Fingern.

Ich greife nach meinem iPhone.

Speichere seine Nummer ein.

NOAH

Allein der Name fühlt sich falsch und richtig zugleich an.

Ich tippe in das Nachrichtenfeld, nur um es gleich wieder zu löschen und dann wieder erneut zu tippen. Wo fange ich an und wie höre ich auf?

Hier ist meine Nummer.

Was wolltest du denn?

Lina

Absenden.

Sofort bereue ich es.

Was mache ich da? Warum fühlt sich das an, als hätte ich etwas Unumkehrbares ausgelöst?

Ich stecke das Handy hastig weg. Jetzt ist es so und ich will an was anderes denken, ich will zurück in meine Leere. In dieses fühlbare Nichts.

Diese Unruhe in mir… fühlt sich unpraktisch und unberechenbar.

Ich verlasse als letzte den Klassenraum. Wenn Gefühle immer so sind, denke ich, dann will ich lieber keine haben.

Draußen vor der Schule wartet Caelan an seinem silbergrauen Cabrio.

Er lehnt lässig an der Tür, als hätte er alle Zeit der Welt.

Wie immer, wenn er auftaucht, beginnen Mädchen zu tuscheln und zu kichern.

Blicke fliegen ihm hinterher.

Ich frage mich kurz, warum er eigentlich nicht verheiratet ist.

„Komm“, sagt er, als ich einsteige. „Ich fahre dich nach Hause. Danach hole ich Mathair vom Flughafen ab. Sie ist schon zurück.“

Ich nicke.

„Und?“ frage ich. „Hat sie… eine Lösung?“

Ein Schatten huscht über sein Gesicht.

„Ich hoffe, sie hat zumindest eine Idee im Gepäck.“

Wir fahren los. Der Fahrtwind spielt mit meinem Haar, während die Stadt an uns vorbeizieht. Zwischen Motorengeräuschen, und Menschenmengen, liegt die Skyline klar vor uns. Hoch und unbeweglich, während in mir gerade alles leise verrutscht.

Ich sehe Noah vor mir, wie wir uns für eine Nanosekunde ganz nahe waren, wie die Welt still zu stehen schien und mein Brustkorb zieht sich zusammen. Ganz kurz, wie ein Echo.

Ich ringe nach Luft.

Caelan bemerkt es sofort.

Sein Blick schießt zu mir. „Das ist er, oder? Er ist bei dir.“

Ich sage nichts.

Aber mein Schweigen reicht.

„Er ist der andere Teil“, sagt Caelan leise. Keine Frage. Eine Feststellung.

„Der Mitspieler der Resonanz.“

Mein iPhone vibriert.

Einmal.

Ich ziehe es aus der Tasche.

Auf dem Display strahlt mich mein Vater an, unterbrochen von einem Nachrichtenfeld.

NOAH

Dann ist ja alles Wichtige zwischen uns geklärt.

Was meint er damit? Das beantwortet nicht meine Frage, was er von mir will. Schreiben Jungs immer so einen Unsinn?

Ich schaue auf eine kleine Seitenstraße rechts von mir. Die Wallstreet, so klein und unscheinbar und doch so machtvoll. Genau wie mein Herz oder mein Bauch. Oder beides. Ich versuche das Gefühl in mir mit meinem sonst so analytischen Verstand einzuordnen.

Es ist… etwas Weiches… etwas Unruhiges.

Es geht nicht, ich kann es nicht erklären.

Ich starre auf den Bildschirm.

Ich seufze. Vorgestern war noch alles normal.

Jetzt fühlt sich nichts mehr so an.

Und ich weiß nicht, ob ich Angst habe oder ob das hier der Anfang von etwas ist, das größer ist als alles, was ich je gekannt habe.

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