अध्याय 4: Elowen – Die Schuld

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Ich stehe an der Kücheninsel und starre auf das Tagebuch.

Dieses verfluchte Tagebuch. Es wirkt in seinem dunkelblauen Einband normal. Ganz normal.

Als wäre nie ein blauer Schimmer daraus aufgestiegen, nie eine uralte Macht erwacht, nie eine Gefahr in unser Leben gesickert.

Meine Faust berührt schlagend den dunkelgrauen, italienischen Marmor. Meine langen gepflegten Fingernägel krallen sich in meinen Handballen.

Wer zum Teufel schreibt heute überhaupt noch Tagebuch?

Warum musste Lina ausgerechnet dieses öffnen?

Warum konnte sie nicht ihr Smartphone benutzen wie jedes andere Mädchen?

Meine Finger pressen sich an die kalte Marmorplatte. Ich spüre meinen Puls kaum, nur dieses dumpfe, unablässige Dröhnen im Hintergrund. Angst. Rohe, kalte Angst.

Nicht einmal, als ich nicht mehr wusste, wie ich atmen soll, als David starb, hatte ich so viel Angst wie jetzt.

Denn diesmal geht es nicht um mich. Es geht auch um Lina. Und um das, was ich ihr angetan habe.

Ich presse die Lippen zusammen und atme flach aus.

Ich habe ihr die Herzmagie entnommen. Meinem eigenen Kind. Ich habe ihr die Grundlage zu ihrer magischen Existenz genommen. Weil ich sie schützen wollte.

Keiner darf davon erfahren. Nicht einmal Caelan, mein Sohn. Nicht mein Stamm. Nicht die anderen.

Und schon gar nicht die Mor’kels, die wie Schatten zwischen den Clans wandern, immer auf der Suche nach Verrätern.

Ich greife zu einem Foto in einem Silberrahmen, das immer auf der Kücheninsel steht und mich seit drei Wochen jeden Morgen bei einer Tasse Kaffee mit dem Mann auf dem Foto verbindet. Es zeigt David, mit der Angelrute und mit ihm ein elfjähriger strahlender Caelan, der sich freute das sein Vater Zeit für ihn hat. Hinter ihnen der Lough Corrib, über ihnen strahlend blauer Himmel. Ich streichele wehmütig über das Foto, das ich vor 17 Jahren, hochschwanger mit Lina geschossen habe. Und wenn das Bild auch wirkt wie aus einer kitschigen Werbung eines Versicherungskonzerns, so ist es für mich doch die pure Liebe. Ich spüre, wie mir eine Träne die Wange herunterläuft. „Mit dir, David, hätte ich das besprechen können. Du könntest mir sagen, was ich tun soll.“

David wusste alles, und er war einverstanden damit, dass ich Lina ihrer Bestimmung entzog.

Nun war ich allein mit dem Wissen und es durfte auch niemand erfahren, vor allem nicht Caelan. Ich greife nach dem Wasserkocher und bereite mir einen Tee zu.

Lina die Herzmagie zu nehmen, ist ein Eingriff in den Lauf der Welt, ein Bruch der Regeln, der mit dem Tod bestraft wird. Immer. Ausnahmslos. Die Stämme müssen geschützt werden, koste es, was es wolle. Unter allen Umständen.

Und ich, Hohepriesterin von Eirelan, habe das Unverzeihliche getan. Um sie zu schützen, vor Schmerz, Leid und Kummer. Niemand hätte je davon erfahren.

Ich zwinge mich, das Tagebuch anzusehen, öffne es vorsichtig.

Keine Spur mehr von dem blauen Nebel, der Resonanz. Keine Spur von dem goldenen Funkeln. Keine Spur von dem Sog, der Lina erfasst hat.

Verrückt. Aber die Überlieferungen sind da ganz klar: Die Resonanz hat sich nur ein einziges Mal geöffnet. Vor über achthundert Jahren. Und niemand aus dem Clan hat es überlebt. Niemand.

Das Echo dieser Legende liegt wie kalter Nebel in meiner Brust. Mein Smartphone brummt. Die Vibration schneidet durch meine Gedanken. Ich brauche einen Moment, bis ich mich bewege.

Anna. Meine Assistentin. Ich hebe ab.

„Mrs. O’Gommery? Ich wollte Sie nur an Ihren Termin mit Mr. Godfrey von der Caldwell Bank erinnern. Er ist bereits im Wagen unterwegs.“

Ich schließe kurz meine Augen, höre in meinem Kopf, dass ich mit den Zähnen knirsche. Mr. Godfrey. Caldwell. Finanzen. Verträge. Präsentationen. Wie lächerlich klein all das plötzlich ist.

„Anna“, sage ich, und meine Stimme klingt rau. „Sagen Sie alle Termine für heute ab. Ich melde mich krank.“ Eine Stille.

Dann ein ungläubiges: „Sie… melden sich krank?“

„Ja.“

„Soll ich…“

„…Alles absagen. Ich melde mich, wenn ich wieder verfügbar bin.“

Ich lege auf.

Ich habe mich noch nie krankgemeldet. Nicht einmal nach Davids Tod und auch nicht an seinem Grab, als ich zusammengebrochen bin und Caelan mich stützen musste.

Die Angst frisst sich langsam in meine Knochen.

Ich muss Caelan alles sagen. Ich darf eigentlich nicht, aber …

Ich muss, aber wie? Ich brauche ganz schnell eine Lösung.

Siri ruft: „Elowen, ich erkenne Caelan vor deiner Tür, soll ich ihm öffnen?“

„Ja! Lass ihn rein!“ Wenn mir jetzt nicht etwas einfällt…, ist es das Todesurteil für uns alle!

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