अध्याय 25: Kapitel 24

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Die Sonne stand noch warm am Himmel, als Katja auf Marits Terrasse trat. Der Grill war noch kalt, die Bierflaschen standen verschlossen in einem Kasten neben dem Tisch, doch die Luft war bereits erfüllt von einer merkwürdigen Erwartung. Katja spürte es sofort. Etwas lag in der Luft. Etwas, das schwerer wog als Sommerabend und Holzkohleduft.

Sina saß bereits am Tisch, die Füße unbekümmert auf einem der Stühle abgestützt, als gehöre der Ort ihr. Marit hatte ihr ein weites Sommerkleid gegeben, das ihr seltsam fremd stand, zu leicht, zu bunt für diese Frau mit den wachen, fast zu stillen Augen.

Konrad Vohwinkel nahm sich eine Flasche Wasser und lehnte am Geländer, den Blick links auf das Rapsfeld gerichtet, das sich hinter Marits Haus ausbreitete, rechts die Kirche und der kleine alte Friedhof. Marit trat kurz neben ihn, und sein Blick streifte ihr Profil, nur ein flüchtiger Moment, doch darin lag etwas wie ein stilles Erkennen, etwas Schönes, das er lieber für sich behielt.

Nur Henning wirkte, als sei er nicht ganz angekommen. Blass, mit eingefallenen Wangen, saß er da, wie einer, dem das Fundament unter den Füßen weggezogen worden war. Katja sah Sven an, nur einen kurzen Moment, aber es war genug für ein stummes Einverständnis: Sie würden vorsichtig sein müssen.

Katja wollte Henning gerade fragen, ob sie ihm etwas zu trinken bringen könne, da erhob er sich und verschwand mit den Worten:

„Ich bin gleich wieder da, ich muss nur kurz was aus der Garage holen.“

Marit runzelte die Stirn. „Garage? Was für eine Garage? Meint er etwa meine Garage? Muss ich das jetzt verstehen?“

Einen Augenblick später kam Henning zurück, nicht mit leeren Händen. Er balancierte zwei graue Archivkisten auf den Hüften, schwer und sperrig. Katja stand auf, nahm ihm eine der Kisten ab. Auf dem Deckel prangte das Symbol, das Sina unter der Brust und Faris auf dem Oberschenkel trugen.

„Was zum …?“ Marit starrte ihn ungläubig an. „Wie kommen die in meine Garage?“

Henning wich ihrem Blick aus. „Heute Morgen. Ich war … ich wusste nicht, wohin damit. Ich wollte dich nicht belasten, also habe ich sie kurz in deiner Garage untergestellt.“

„Ohne mir etwas zu sagen?“, fragte Marit, zwischen Erstaunen und Ärger schwankend. Sie nahm ihm die zweite Kiste ab. Auch hier war das Symbol eingebrannt.

„Tut mir leid“, murmelte Henning. „Ich wusste nicht, wem ich noch trauen kann.“

Katja öffnete den Karton, der voll war mit Papieren in Folien. „Das scheint … Pergament zu sein und Tusche. Zeichen, die wie alte Symbole wirken.“

Sie ließ das vergilbte Papier in der Folie und reichte es an Konrad weiter. Sein Spitzbart zitterte vor Aufregung, als er mit den knochigen Fingern sanft über die Hülle strich. „Und eine Handschrift, die kaum zu entziffern ist.“

Sina streckte die Hand aus, vorsichtig, beinahe zärtlich, als läge ein neugeborenes Wesen in der Kiste. Ihre Finger bebten, als sie das vergilbte Blatt berührten. Kaum hatte sie es herausgezogen, erstarrte sie, der Atem brach ab. Katja sah sie an, sie wirkte wie jemand, der jeden Moment zu ersticken drohte.

„So heff se min hert to mi schreven … jüst so. Dat is ehr eigen Hand, de Hand van min Kint.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, rau wie altes Leinen, zart wie das Aufblühen eines längst vergessenen Frühlings.

Sina hob das Blatt vorsichtig, trug es wie ein verletztes Tier auf den Händen. Mit beiden Daumen strich sie sacht über die Buchstaben, suchte darin die Wärme ihres Kindes. Eine Hand legte sie an ihre Brust, schloss die Augen und küsste das Papier. Ein heiliger Gegenstand, das letzte heile Stück einer zerbrochenen Welt.

Als sie die Augen wieder öffnete, glänzten Tränen darin, doch sie lächelte. Ein stilles, dankbares Lächeln, das allen Anwesenden die Kehle zuschnürte. „Se hett mi nich verloten. Se is noch bi mi.“ Ihre Stimme bebte, doch in ihrem Blick lag ein Licht, das sie größer erscheinen ließ, stärker als in all den Tagen zuvor.

Behutsam, wie einen zerbrechlichen Schatz, reichte sie das Blatt Katja. „Von Moder to Moder.“

Die Luft war plötzlich voller Vergangenheit. Und voller Schmerz.

Katja nahm das Papier, und in diesem Moment spürte sie, dass es nicht nur ein altes Pergament war. Es war die ganze, kaum auszuhaltende Liebe einer Mutter, die ihr Kind verloren hatte. Für einen Herzschlag lang meinte sie, Sinas Kummer körperlich zu fühlen, wie ein Gewicht, das sie niederdrückte und zugleich von innen aufriss.

Marit stand etwas abseits, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie rang mit den Tränen, doch in ihren Augen funkelte ein stiller Stolz. Sie sah nicht nur eine gebrochene Frau vor sich, sondern eine Mutter, die ihre Tochter über Jahrhunderte hinweg festgehalten hatte. Stärker als jede Zeit. Stärker als jedes Grab. Und etwas anderes wurde ihr bewusst.

Katja suchte noch nach Worten, in ihrem Kopf drehte sich alles. Sie hörte das Summen der Insekten, das leise Glück eines Vogels im Baum.

„Sie ist echt, Katja“, Marits Stimme klang heiser wie ein Reibeisen. „Sie ist nicht verrückt, das hier ist alles real. Ich weiß nicht wie das möglich sein kann, aber es ist so.“

Katja nickte kaum merklich. Ja, sie würden sie ernst nehmen. Sie gab das Schreiben an Sina zurück und schaute die drei Männer an. „Sven? Konrad? Henning?“

Sven sah erst Katja, dann Sina an. Er räusperte sich, griff aber nicht nach dem Papier. Stattdessen lehnte er sich etwas zurück, suchte Abstand, Klarheit.

„Verdammt“, sagte er leise und drehte seinen Stockknauf in einer Geschwindigkeit, als müsse er ein Rennen gewinnen. „Ich glaub, ich habe schon viele Leute für verrückt gehalten. Aber das hier …“ Er schüttelte leicht den Kopf, ein schiefes Lächeln auf den Lippen. „Eben noch dachte ich, fast wie eine neue Version von Catweazle, live und ohne Drehbuch … nur diesmal mit einer Frau. Reality pur.“

Konrad Vohwinkel hatte die Stirn gerunzelt, als wiege er alles gegen alles ab. Sachlich fügte er hinzu: „Das Papier scheint alt zu sein …“

„Natürlich ist es alt. Meike war eine hervorragende Historikerin. Sie hätte es nicht behalten, wenn es ein Replikat gewesen wäre“, warf Henning leicht empört ein.

„… die Tinte auch.“ Konrad war fasziniert von der Szene und dem Schriftstück. „Und die Schrift passt, so etwas fälscht man nicht aus dem Handgelenk. Ich werde nichts analysieren, aber ich glaube, wir haben es hier mit etwas Echtem zu tun. Und das macht mir mehr Angst als jede Fälschung.“

Henning sah aus, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch: „Meike hat noch kurz vor ihrem Tod gesagt, es gibt Dinge, die sie mir nicht erklären könne. Ich habe ihr nie richtig zugehört. Ich dachte, das sei eine ihrer fantastischen Spinnerei. Aber wenn das, was wir hier gerade erlebt haben, alles echt ist … dann war ihre Arbeit vielleicht größer, als ich dachte.“

Katja wandte sich wieder an Sina. „Was hast du da gerade eben gesagt, Sina?“

Sina antwortete nicht. Sie sprang auf und rannte ins Haus. Kein Wort, keine Entschuldigung. Einfach weg, durch die Terrassentür hinein.

Katja wollte noch etwas sagen, aber Marit hob nur die Hand. „Beiseite, Leute“, murmelte sie und trat seufzend zur Seite.

Wenige Sekunden später knarrte im Inneren des Hauses die Badezimmertür.

Konrad runzelte die Stirn. „Warum? Was ist los?“

Marit schaute ihn fast schon entschuldigend an. „Warte es ab!“

Ein leises Klacken. Das Fenster wurde aufgestoßen, man sah nur eine Hand und eine Schüssel … schwapp!

Ein dünner, schräger Schwall ergoss sich zielsicher auf die warmen Terrassenfliesen.

Hand und Schüssel verschwanden genauso schnell, wie sie gekommen waren, wieder das leise Klacken, als das Fenster geschlossen wurde.

Nur für einen Moment herrschte betretene Stille.

„Das ist nicht ihr Ernst, oder?“ Konrads Blick war pures Entsetzen.

Marit war schon unterwegs zum Gartenschlauch. „Ich sag’s euch, ich krieg sie einfach nicht an die Toilette gewöhnt. Sie hat eine Heidenangst vor dem Höllenloch. Aber du bist bei der Spurensicherung, du hast sicher schon Schlimmeres gesehen.“

Konrad hob die Brauen. „Ja schon“, murmelte er, „aber nicht im privaten Bereich. Ich frage mich, was passiert, wenn sie ihr großes …“

Sven konnte sich ein Lachen nicht mehr verkneifen.

Marit winkte ab. „Wir haben alles im Griff, lieber Konrad“, und drehte den Hahn zum Wasserschlauch wieder zu. „… alles im Griff, mach dir keinen Kopf.“

Sven lachte immer noch. „Naja, Sina weiß, was sie will und was nicht. Und sie hat das Klo neu erfunden.“

„Und einen alternativen Abfluss“, ergänzte Konrad, der jetzt mitlachen musste.

Marit hängte den Schlauch wieder über die Vorrichtung an der Wand. „Ich nehm’s ihr nicht übel. Technik ist nicht ihr Ding. Eine Schüssel versteht sie. Die Toilette faucht.“

Nun musste auch Katja lachen.

Sina trat zurück auf die Terrasse, schnupperte an ihren Händen. „Der Duft von Seife gefällt mir sehr gut.“

Die Stimmung schien etwas aufgelockert, bis auf Henning. Er schien von allem nichts mitbekommen zu haben. Er starrte auf den Karton vor sich, Meikes Karton, als läge darin ein Schlüssel zu all dem, was sie nicht verstanden.

Konrad zog einen kleinen Plastikbeutel aus der Tasche.

„Das war am Leinensack. Ein Haar. Hellblond, sehr kurz. Aber ich kann es nicht analysieren lassen, ohne Fragen zu erzeugen.“

Sven runzelte die Stirn. „Was willst du damit sagen?“

„Dass ich es nicht einreiche. Nicht, solange ich nicht weiß, wen oder was ich da vor mir habe.“

Katja nickte. Und genau das war das Problem.

„Was ist eigentlich mit dem Grillfleisch?“ fragte Sven plötzlich und klopfte sich auf den Bauch.

„Genau, lasst uns anfangen. Ich gehe es holen.“ Marit stand auf und ging zum Haus, während Katja die Teller vom Servierwagen nahm und den Tisch deckte.

„Ja, wir können ja tatsächlich niemand mehr trauen. Konrads Labor, das Büro von Meike …“

Marit kam mit empörtem Blick zurück. „Und jetzt mein Kühlschrank!“

„Wie bitte?“ Katja sah die Verwirrung in Marits Gesicht.

„Das Fleisch, es ist verschwunden.“

Sven beäugte den Kartoffelsalat. „Wie kann das sein?“

Marit runzelte die Stirn. „Gute Frage. Ich hatte es gestern Mittag vorbereitet. In einer Schüssel. Es stand hier im Kühlschrank.“

Sina umarmte Marit strahlend. „Ja, und ich habe es gerettet.“

Sie eilte zu einem mit Steinen gefassten Beet, griff in den Streusalzbehälter, den Marit im Frühjahr nie wegräumte, und zog die Plastikschüssel heraus. Der Deckel war schief, der Inhalt grau. Ein muffiger Geruch breitete sich aus.

„Ich habe es vor dem Winter und dem Sommer geschützt. Es ist warm. Die Sonne ist gierig.“

Marit starrte Sina an, dann auf das Fleisch, dann wieder auf Sina.

„Ich hol neues.“

Sie griff nach ihrer Tasche, warf das vergammelte Fleisch in die Biotonne, schwang sich auf das Fahrrad und fuhr Richtung Dorf.

Katja betrachtete Sina, die wieder Platz nahm, als sei nichts gewesen. Es hatte keinen Sinn, ihr zu erklären, dass Streusalz nicht der richtige Platz war für Fleisch.

„Sina, was hast du vorhin gesagt, als du mir das hier …“, sie zeigte wieder auf das Schreiben in der Folie, „…gegeben hast. Was ist das?“

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