Chapitre 8: Eliza – Sahnekuchen

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Das Tagebuch liegt schwer in meiner Tasche,

als hätte es beschlossen, nicht mehr fortzugehen.

Das Brackenfold Care House riecht nach warmer Heizungsluft, nach Reinigungsmittel und etwas Süßlichem, das immer bleibt, egal wie oft man lüftet.

Der Flur ist lang und hell, die Schritte hallen gedämpft, als hätte auch der Boden gelernt, leiser zu sein.

Anna bleibt stehen, als sie mich sieht.

Sie hebt überrascht die Augenbrauen und lächelt.

„Jetzt staune ich“, sagt sie.

„Monatelang kommt niemand. Und dann innerhalb weniger Tage gleich zweimal.“

In ihrer Stimme liegt keine Kritik.

Eher so etwas wie Erleichterung.

„Gut, dass Sie da sind“, fügt sie hinzu. „Unser Walter Kensington ist regelrecht fernsehsüchtig. Sein Gerät hat den Geist aufgegeben. Ihre Großmutter hat einen neueren Fernseher, schaut aber nie. Dürfen wir den in Walters Zimmer stellen?“

Ich nicke sofort.

„Natürlich.“

Anna atmet hörbar aus.

„Danke. Das macht ihm den Tag leichter.“

Dann deutet sie den Flur entlang.

„Ihre Oma sitzt heute schon im Gemeinschaftsraum“, sagt sie. „Helen Parker hat Geburtstag. Ihre Tochter hat Kuchen für alle spendiert.“

Wir gehen weiter.

Der Gemeinschaftsraum öffnet sich unerwartet weit.

Größer, als ich ihn mir vorgestellt habe.

Freundlicher als der Flur.

Als hätte jemand versucht, einen Ort zu schaffen, an dem man gern bleibt.

Nachmittagslicht fällt durch die großen Fenster und verteilt sich auf den Tischen.

Weiße Tischdecken.

Papierblumen.

Ein paar Luftballons, die sich träge in der warmen Luft bewegen und bei jedem Luftzug leise aneinanderstoßen.

Sahne, Obst und ein trockener Kuchen zieren eine kleine gedeckte Tafel.

Dazwischen Blumengestecke, zu bunt für den Raum, als hätten sie sich verirrt.

Eine Bewohnerin mit schiefer Papierkrone zupft an einem der Blumenarrangements.

Reißt ein Blütenblatt ab und gleich noch eins.

Ein Pfleger greift sanft ein.

„Nein, Mrs Parker“, sagt er ruhig. „Die Blumen können Sie nicht essen. Die sind giftig.“

Sie sieht ihn verständnislos an.

Dann wieder auf die Blüten.

Er lächelt, lenkt um, deutet auf die Tafel.

„Da steht der Kuchen“, sagt er freundlich. „Was für ein Stück möchten Sie haben?“

Und dann sehe ich meine Oma.

Sie sitzt am Tisch nahe dem Fenster.

Der Rollstuhl leicht schräg gestellt, gerade so, dass sie alles sehen kann.

Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, was anders ist.

Ihr Haar.

Es ist kurz.

Sauber geschnitten. Gleichmäßig.

Der Dutt ist verschwunden.

Die losen Strähnen.

Alles, was sich früher nicht bändigen ließ.

„Warum…“, setze ich an und merke erst da, dass ich laut spreche.

„Warum hat man ihr die Haare geschnitten?“

Anna schiebt gerade einen alten Mann im Rollstuhl an uns vorbei.

Sie bleibt nicht stehen.

Verlangsamt nur einen Schritt.

„Pflegerische Maßnahme“, sagt sie im Vorübergehen, ganz selbstverständlich.

„Das Haar war über Nacht immer völlig verknotet. Schwer zu pflegen.“

Ein kurzer Blick zu mir, dann ein freundliches Lächeln.

„So ist es einfacher. Und hübsch ist es doch.“

Sie beugt sich zu meiner Oma hinunter, ihre Stimme deutlich lauter.

„Nicht wahr, Alma-Mädchen?“

Sie lacht.

„Jetzt siehst du richtig flott aus.“

Ein Augenzwinkern.

„Mach uns nicht noch die Männer verrückt auf der Station.“

Meine Oma reagiert nicht.

Oder vielleicht doch?

Ihre Finger liegen ruhig auf der Tischkante.

Ganz still.

Aber etwas in mir zieht sich zusammen, als hätte jemand in einer anderen Welt gerade mit einer Schere angesetzt.

Ein Teller mit Sahnekuchen steht vor ihr.

Unberührt.

Eine junge Pflegerin steht neben ihr und wirkt erleichtert, als sie mich sieht.

„Wie gut, dass Sie da sind“, sagt sie leise.

„Ihre Oma will sich nicht füttern lassen. Sie besteht darauf, den Kuchen selbst zu essen. Aber nur mit dem Finger.“

Sie lächelt müde und wendet sich einer anderen Bewohnerin zu.

Ich setze mich neben meine Oma.

Der Kuchen liegt vor ihr wie etwas Fremdes.

Oder etwas Wichtiges.

Sie betrachtet ihn lange, als müsste sie sich erinnern, wie man beginnt.

Dann hebt sie langsam den Zeigefinger.

Fährt damit einmal rund um den Kuchenrand.

Nimmt Sahne auf.

Leckt sie ab.

Ganz ruhig.

Ganz konzentriert.

Ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus.

Zufrieden.

Fast glücklich.

Mir zieht es den Atem zusammen.

Das Tagebuch.

Die Elfe.

Der Kuchen.

Die Sahne.

Der Finger.

Ich lege meine Hand auf ihren Arm.

Spüre ihre Wärme.

„Lírien?“ flüstere ich.

„Bist du bei Lírien?“

Kaum ausgesprochen, schäme ich mich.

Was denke ich da eigentlich?

Vor mir sitzt eine alte Frau.

Meine Urgroßmutter.

Sie hat vergessen, wofür eine Gabel da ist.

Mehr nicht.

Oder doch?

Sie fährt erneut mit dem Finger durch die Sahne.

Langsamer diesmal.

Genießerisch.

Und für einen winzigen Moment, nur für mich, habe ich das Gefühl, dass sie nicht allein an diesem Tisch sitzt.

Ich ziehe meine Hand zurück.

Atme aus.

Vielleicht bin ich müde.

Oder zu nah an all dem.

Oder einfach empfänglicher, als mir lieb ist.

Aber das Lächeln auf ihrem Gesicht bleibt.

Und irgendwo tief in mir beginnt etwas, dass ich nicht mehr wegschieben kann.

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