Chapitre 29: Aren – Finnland

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Lahti riecht nach Wasser, Holz und Sommer.

Die Luft ist klar, beinahe unschuldig.

Ich gehe langsam die Straße entlang. Die Häuser stehen ordentlich nebeneinander, frisch gestrichen, die Vorgärten sauber geschnitten. Hecken auf Linie, Fenster geputzt. Eine ruhige, aufgeräumte Gegend. Finnisch klingt hart in meinen Ohren, kantig, verschlossen. Ich verstehe kein Wort und das ist auch gut so. Worte lenken mich nur ab.

Mein Handy vibriert in der Jackentasche.

THARUN

Ich bin mir sicher. Er ist kein Mensch. Sein Tattoo hat kurz geglüht. Kaum sichtbar. Die anderen haben es nicht bemerkt, aber ich habe es gesehen.

Anweisung?

Ich bleibe stehen.

Im Schaufenster spiegelt sich mein Gesicht. Ruhig. Kontrolliert.

Ein kurzes Glimmen reicht nicht, tippe ich.

Du unternimmst gar nichts. Kein Kontakt. Kein Druck. Halte dich vollständig zurück.

Die drei Punkte erscheinen. Verschwinden.

Dann Stille.

Ich stecke das Handy weg.In mir brennt etwas. Kein Feuer. Eher ein langsames, unerbittliches Zusammenziehen.

Gestern hat mir einer der Nachbarn von gesagt, Mark Collin sei vor gut siebzehn Jahren von Lahti in Finnland nach New York gegangen. Alleine mit seinem Sohn. Von einer Frau war nie die Rede gewesen. Vielleicht hatte der Mann sich geirrt. Vielleicht auch nicht. Ich hatte genickt, mich bedankt, war weitergegangen und hatte dieses Brennen gespürt.

Alles in mir tobt und ich setze die Einzelteile zusammen wie bei einem Puzzle.

Da ist Elowen, sie hat Angst.

Und dann in der Pizzeria, die unbeabsichtigten Bewegungen von Mark, das hastige Schlingen der Pizza, das auf mich wirken sollte, als habe er Hunger. Der Drang in ihm, mich normal anzuschauen. Mir nicht zu zeigen, was er verborgen hielt.

Elowens Kontrolle die keine mehr war.

Konversation gezwungen und konstruiert,

Dieses zu schnelle Schließen von Autotüren, als wir uns vor der Pizzeria verabschiedeten

Geheimnisse hinterlassen Muster.

Was, wenn Mark damals mit einem Kind plötzlich geflohen und die Mutter verschwunden war.

Niemand konnte mir etwas über sie sagen.

Menschen hinterlassen Spuren, Hybride nicht.

Mir kommt nur eine einzige Hybriden in den Sinn, die damals ihren Stamm verlassen hat. Der Stamm der Valeryn lebte bis zu seiner Auslöschung in der Nähe von Reine in den Lofoten, nur eine Hybridin war mit ihrem Mann, einem Amerikaner, nach Lahti in Finnland gezogen.

Lotta

Ich erinnere mich noch ganz genau. Natürlich sind wir ihren Spuren gefolgt, aber wir haben sie nie gefunden. Und ihr Mann? Er hieß nicht Mark und sein Nachname war auch nicht Collin. Namen können Schall und Rauch sein. Folge ich den richtigen Spuren oder vergeude ich gerade wertvolle Zeit.

Dem Brennen in mir nach, bin ich richtig.

Ein paar Jahre hatten wir Lotta auf dem Schirm. Dort wo wir sie vermuteten, setzten wir die Skeldurs auf sie an.

Wir hatten angenommen, sie sei in den Wald geflohen, als wir nirgends Rückmeldung bekamen, gab es für uns nur noch eine Möglichkeit:

Wölfe oder Braunbären.

Ein sauberer Tod für ein sauberes Protokoll.

Ich biege in eine schmale Seitenstraße ein.

Auch hier sind die Häuser gepflegt. Neue Zäune, ordentlich geharkter Kies, Blumen in Kästen. Ich klingele an mehreren Türen.

Einige Türen bleiben geschlossen.

Hinter anderen wird Finnisch gesprochen.

Für mich macht es keinen Unterschied.

Ich gehe weiter.

Am Ende der Straße steht ein Haus, das aus der Reihe fällt.

Der Garten ist verwildert.

Unkraut zwischen den Platten.

Die Gardinen grau statt weiß.

Auf dem Fensterbrett eine Weihnachtspyramide neben einem vertrockneten Hibiskus.

Ich will schon vorbeigehen, als sich die Gardinen kaum sichtbar bewegen.

Ich klingele.

Die Tür öffnet sich einen Spalt.

Eine alte Frau steht davor. Klein, gebeugt. Ein Schneidezahn fehlt. Sie trägt ein geblümtes Nachthemd, dem Geruch nach, nicht erst seit heute. Die Augen hell, verwirrt.

Ich versuche trotzdem mein Glück.

„Sprechen Sie Englisch?“ frage ich.

Sie nickt.

„Ja. Ich war früher Englischlehrerin.“

Ein stolzes Lächeln. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Bitte entschuldigen Sie die Störung, aber ich war gerade hier in der Nähe und ich weiß, hier haben einmal gute Bekannte von mit gewohnt, gleich hier, ein paar Häuser weiter“, sage ich und senke den Blick. „ Sie ist Dänin und heißt Lotta.“

Sie blinzelt, „Lotta… Lotta…“, dann hellt sich ihr Gesicht auf. „Oh ja. Natürlich. Lotta und ihr Mann Patrick. Die Browns. Er war Amerikaner aus den USA und sie hatten ein süßes kleines Baby, ich meine es war ein Junge.“

Nicht Mark Collin? Habe ich mich verrannt?

„Sie haben doch hier gewohnt?“ Ich spiele den freundlich Suchenden, hebe den Blick und schaue die Straße runter.

„Aber ich finde das Haus nicht mehr, sind sie umgezogen?“

Sie strahlt.

„Kommen Sie herein. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“

Offensichtlich bekommt sie nicht oft Besuch, so schnell wie sie mich in ihr Reich zieht.

Das Haus riecht nach Staub, altem Fett und Einsamkeit. Ein Fernseher läuft zu laut. Eine Spielshow. Niemand sieht hin.

„Ich bin ganz allein“, entschuldigt sie sich. „Nur der Fernseher leistet mir Gesellschaft.“

Sie lacht, ein Zahnlücken, freundliches Lachen. „Die Kinder glauben, ich sei eine Hexe.“

„Eine Hexe? Naja Kinderphantasien, nicht wahr. Ich heiße Aren“, freundlich schaue ich sie an, obwohl mir bei ihrem Anblick anderes durch den Kopf geht.

„Ich heiße Aulikii. Kommen Sie, nehmen Sie Platz.“

Sie schlurft auf Pantoffeln mit gebeugtem Rücken vor mich in einen Raum, den sie Wohnzimmer nennt.

Das Sofa ist übersät mit Keks- und Schokoladenkrümeln. Ich setze mich auf einen einfachen Holzstuhl daneben. Der scheint das einzige saubere Sitzmöbel zu sein.

„Patrick hatte etwas mit Häusern zu tun“, erzählt Aulikii. „Bauingenieur. Architekt. So etwas.“ Sie nickt eifrig. „Und Lotta war Künstlerin. Sie hat wunderschöne Bilder gemalt.“

Sie hält inne.

„Und das Baby … wie hieß es noch gleich?“

„Noah“, sage ich.

Aulikii schüttelt den Kopf.

„Nein. Das war nicht sein Name. Er hatte einen ganz komischen Namen, Wie hieß der Junge nochmal…?“

In mir zieht sich alles zusammen.

Das Brennen wird heißer.

„Ha, jetzt weiß ich es wieder, Aedan, der Junge hieß Aedan. Möchten Sie Kaffee? Ich habe mir vor einer Stunde einen gemacht, der ist bestimmt noch warm, sonst brühe ich uns einen neuen auf“ fragt sie.

„Nein, danke.“

Meine Gedanken rasen. Wenn ich mir bis jetzt nicht sicher war, ob ich richtig bin, jetzt weiß ich es. Aedan, ist ein typischer Name für einen erstgeborenen Hybriden.

Sie zeigt mit dem Finger auf ein Bild an der Wand.

„Das hat Lotta mir zum sechzigsten Geburtstag geschenkt.“

Ich betrachte das kleine Gemälde. Hell. Lebendig. Ein Wald, der nicht stillsteht, sondern atmet.

„Ein Bild von Lotta und ihrer Familie haben Sie nicht zufällig, oder?“

Sie überlegt keinen Moment, strahlt mich an. „Doch habe ich.“

Sie geht an ihren Wohnzimmerschrank, der dem Stil nach, wohl schon in ihre Kindertagen existiert hatte.

„Gerade eben habe ich noch gedacht, ich muss dem freundlichen Herrn, das Bil zeigen, auf dem die beiden drauf sind.“

Sie kramt suchend unter vergilbten Zeitungen in einer Schublade und zieht ein grünes Fotoalbum hervor.

Sie lacht auf.

„Das war am Juhannus Wochenende, unser Mitsommerfest“, sagt sie und zeigt auf eine Gruppe Leute, auf einer Sommerwiese, die auf Bänken vor Klapptischen saßen und essen und tranken. Sie deutet auf einen Mann, der in die Kamera lacht.

„Das ist Jyrki. Er ist schon lange tot.“

Sie streicht zärtlich über sein Gesicht. „Er hatte nur einen Fehler. Er hatte die falsche Frau geheiratet.“

Sie hält einen Moment inne.

„Sehen Sie. Dort.“

Weit hinten auf dem Bild: Mark! Jünger zwar, aber unverkennbar.

„Und Lotta steht daneben“, sagt Aulikii leise. Ich sehe eine dunkelblonde Frau mit Zöpfen und einer Latzjeans, unter der sich der Bauch wölbte.

„Damals war sie schwanger.“

Ich sage nichts.

„Im Jahr darauf waren sie verschwunden“, fährt sie fort.

„Alles war sauber. Als wären sie nur kurz hinausgegangen.“

Sie senkt die Stimme. „Aber was seltsam war, alle Fotos, persönlichen Briefe und Dokumente, alles war weg, das fanden wir sehr unheimlich. Sie Polizei ging nicht von einem Verbrechen aus. Wer weiß, was der Grund war, dass sie Hals über Kopf verschwunden sind.“

Ich weiß das.

Ich war damals Teil der Suche. „Das ist schade, ich hätte sie gerne wiedergesehen.“

Ich habe ihn! Ich habe den letzten Valeryn gefunden. Ein Gefühl des Triumpfs durchflutet mich, verschafft mir eine Gänsehaut. Jetzt sind sie dran! Alle Mark oder Patrick wie er ja heißt, Aeden alias Noah und die O’Gommerys, dieses verlogene Pack.

Sie hält die Nase hoch und schnuppert. „Was ist das für ein Geruch nach Rauch und… Blut?“ murmelt sie. Sie sieht mich misstrauisch an und klappt das Album zu und will es zurücklegen. „So mehr kann ich Ihnen nicht helfen, tut mir leid.“

Oh doch! Das kannst du, gib mir das Bild. Ich brauch als Beweis das Original. Nichts Abfotografiertes.

„Darf ich das Foto haben?“ frage ich leise.

Aulikii umklammert das Album und presst es an ihre Brust.

„Nein.“ Ihre Stimme klingt zittrig. Vor was hat sie Angst plötzlich? Ich war doch freundlich…, bis jetzt.

„Das geht nicht. Da ist Jyrki darauf.“

Ich seufze.

Muss das jetzt sein? Scheinbar schon.

Habe ich da jetzt Lust drauf? Aber immer doch.

Wird man sie vermissen? Wohl kaum.

Ich lächele sie an. „Dann habe ich eine bessere Idee.“ Ich hebe den Arm, strecke den Zeigefinger. „Ich schicke Sie zu ihrem Jyrki.“

Mit dem Foto, das ich aus dem Album entfernt habe, verlasse ich das Haus, die Straße ist menschenleer.

Die gepflegten Häuser stehen da wie zuvor.

Kein Auto. Kein Fahrrad. Kein Mensch. Nicht mal eine streunende Katze.

Ich gehe einige Straßenzüge weiter und rufe ein Taxi.

Halte das Foto fest, als trüge ich einen Schatz.

Für mich, wertvoller als Gold. Wertvoller als die Edwardskrone von England.

Morgen werde ich zurückfliegen.

Mark Collin sehen und ihn mit Patrick ansprechen. Oh, das wird ein Genuss.

Und dann ist Noah dran, Aedan.

Ein Valeryn, vermutlich der letzte seines Stammes

Nicht zu vergessen, Elowen und ihre Brut.

Und diesmal wird niemand entkommen.

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