Chapitre 8: Lina – Familie

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Ich hänge meine Jacke auf und betrete das Wohnzimmer.

Caelan steht mitten im Raum.

Meine Mutter ein paar Schritte daneben.

„Was ist das denn für eine Begrüßung?“ ruft er mir zu. „Bekomme ich keine Umarmung?“

Ich erinnere mich: Menschen, die mich lieben, werden umarmt. Brüder auch.

„Natürlich! Lass dich drücken.“

Er nimmt mich kurz in den Arm. Nicht fest und nicht lange.

Sein Blick wandert dabei an mir herunter.

„Okay“, er grinst mich an. „Und jetzt erklär mir bitte, warum du aussiehst, als hättest du einen Gemüsestand frontal gerammt.“

Ich folge seinem Blick. Salatsoße. Suppe. Porreestückchen. Rosa, weiß, grün auf hellblauem Stoff.

Ich lache höflich mit ihm.

„Das neue T-Shirt, Lina“, meine Mutter ist entsetzt. „Die Flecken gehen doch nie wieder raus.“

„Ja gedacht habe ich das auch schon.“.

Caelan hebt eine Augenbraue. „Jetzt fehlt nur noch: Weißt du eigentlich, wie teuer das war?“ Flüstert er mir ins Ohr. „Pass auf… jetzt!“

„Ich habe es extra aus Paris einfliegen lassen“, sagt meine Mutter. „Von Vuitton.“

„Naja so ähnlich“, achselzuckend grinst Caelan mich an.

„Es war ein Unfall“, verteidige ich mich. „In der Schule. In der Mensa.“

„Passiert“, Caelan unterstützt mich.

Ich nicke. „Ganz genau. Eigentlich alles ganz normal. Aber eben nur…eigentlich.“

„Heißt?“ Caelans Gesicht zeigt mir immer noch, dass er sich freut mich zu sehen.

„Also…Ich habe mit Sharon, der Klassensprecherin, in der Mensa bei der Essensausgabe angestanden. Sie ist nett. Kümmert sich ein bisschen um mich, bis ich mich eingelebt habe. Die meisten Schüler sind okay.“

Meine Mutter nickt immer noch verärgert. „Und weiter?“

„Naja, dann bin ich mit einem Jungen zusammengestoßen“, fahre ich fort. „Also unsere Tabletts sind zusammengeknallt. Salat. Suppe Teller alles flog durcheinander und der Schwerkraft nach logischerweise zu Boden. Es war Chaos pur.“

„Klassiker“, murmelt Caelan.

„Ja, und dann sind der Junge und ich auf den Flur zu den Waschräumen gegangen. Da ist dann echt etwas seltsames passiert.“

Ich halte kurz inne, ich kann in ihren Blicken nicht erkennen, was sie denken.

„Das war echt crazy. Ich habe plötzlich keine Luft mehr bekommen“, sage ich. „Einfach so. Ohne Grund.“

Meine Mutter erstarrt.

„Nein alles gut, Mama, ich stehe ja hier. Kein Arzt nötig.“ Ich kenne meine Mutter, sie macht gerne aus einer Mücke einen Elefanten.

„Aber das wirklich verrückte ist… gleichzeitig greift er sich an die Brust“, fahre ich fort. „Als würde er jeden Moment einen Herzinfarkt bekommen.“

Stille. Wie kein Lacher oder wenigstens ein unverständliches Kopfschütteln?

„Ja, und dann stand plötzlich seine eifersüchtige Freundin hinter uns und…“

„Hat der Junge dich berührt?“ unterbricht Caelan mich.

Ich blinzle.

Die Erinnerung kommt in mir hoch und ist unerwartet nah. Die Wärme seiner Hand. Nicht fest aber fordernd und dennoch ganz sanft führte er mich in die richtige Richtung. Nicht zu vergessen, seine Augen. Dieses tiefe, klare Blau, das nicht laut war, sondern ruhig. Als würde man in etwas schauen, das weiter reicht als man selbst.

Mir schnürt es erneut den Hals zu.

Caelan klatscht in die Hände. „Erde an Lina.“

Er sieht mich direkt an.

„HAT… ER… DICH… BERÜHRT?“

Was ist denn mit dem los?

Ich schlucke. „Ja, seine Hand lag auf meinem Rücken. Und wir haben uns… angesehen.“ Mehr bin ich nicht bereit zu sagen, Brüder müssen nicht alles wissen.

Caelan dreht sich abrupt zu meiner Mutter. „Buche einen Flug. Jetzt!“

Meine Mutter greift hastig nach ihrem Handy, dabei fällt ihr Blick auf den Wohnzimmertisch. Ihre Augen weiten sich „Caelan, da! Schau! Das Buch!“

Erst jetzt bemerke ich mein Tagebuch auf dem gläsernen Tisch.

Es strahlt. Leuchtendes Königsblau. Noch stärker als gestern. Durchzogen von goldenen Funken, die aussehen wie runenhafte Zeichen, die sich im Nebel bewegen.

„Habt ihr etwa mein Tagebuch gelesen?“ Ich bemühe mich um eine wütende Mimik.

Caelan winkt unwirsch ab. „Quatsch.“

Er sieht das Buch an, dann mich.

„Aber dieser blaue Nebel“, sagt er ruhig. „Du weißt, was er bedeutet?“

„Nein.“

Er sieht mich an, als würde er etwas in mir suchen.

Nicht vorwurfsvoll. Nicht spöttisch.

Eher so, als würde etwas nicht zusammenpassen.

Zwischen uns spannt sich ein Moment, der sich unangenehm dehnt. Kein Geräusch, kein Rascheln, kein leises Summen von draußen. Selbst der Raum scheint innezuhalten, als hätte er begriffen, dass hier etwas kippt.

„Du weißt wirklich nicht, was das bedeutet?“ fragt Caelan schließlich leise.

„Nein“, wiederhole ich. „Sollte ich das wissen?“

Caelan atmet tief ein, als müsse er sich sammeln.

„Kennst du deine Bestimmung?“ fragt er dann.

Ich runzle die Stirn. „Meine was?“

„Du wurdest doch vorbereitet“, sagt er langsamer. „Von Mathair.“

Ich schüttle den Kopf. „Worauf denn?“

Er sieht mich an, als hätte ich gerade etwas Entscheidendes verneint.

„Aber dass du eine Gabe hast, wenigstens das weißt du, ja?“

„Welche Gabe?“ frage ich ehrlich irritiert. „Ich habe keine.“

Für einen Moment fühlt es sich an, als würde der Raum um uns herum den Atem anhalten. Kein Laut dringt an mein Ohr. Alles wirkt gespannt, als warte etwas Unsichtbares darauf, dass ich weiterspreche.

„Ich bin ein ganz normaler Mensch, Caelan“, sage ich ruhig. „Ich bin nicht so wie du. Und nicht so wie Mama.“

Er reagiert nicht sofort.

Sein Gesicht verliert langsam an Farbe. Nicht abrupt, nicht dramatisch. Einfach so, als würde jemand das Licht ein Stück herunterdrehen. Sein Blick gleitet an mir vorbei, bleibt einen Augenblick an meiner Mutter hängen. Ein Blick, den ich nicht deuten kann, der sich aber falsch anfühlt.

Caelan sagt immer noch nichts.

Er steht einfach da, die Schultern leicht angespannt, die Hände reglos an den Seiten. Er sieht mich an, aber nicht wirklich. Eher, als würde er etwas sehen, das hinter mir liegt. Oder unter der Oberfläche.

„Das Einzige, was anders ist“, füge ich hinzu, weil mir sein Schweigen unangenehm wird, „ist, dass ich Gefühle nicht so wahrnehme wie andere.“

Meine Mutter bewegt sich kaum.

„Du hast mir beigebracht, wann ich lachen soll“, ohne Vorwurf schaue ich meine Mutter an. „Wann ein ernstes Gesicht angebracht ist. Was Menschen erwarten. Und ganz ehrlich, ich komme gut klar damit“

Etwas in Caelans Gesicht zieht sich zusammen. Seine Lippen werden schmal, sein Kiefer spannt sich an. Er sieht noch einmal zu meiner Mutter. Länger diesmal. Eindringlicher.

Dann spricht er wieder. Ruhiger. Bedachter.

„Der blaue Nebel“, sagt er und deutet auf mein Tagebuch. „Das ist eine Warnung. Und dass er aufgetaucht ist, Lina, daran erkennst du, dass du eben nicht ein normaler Mensch bist. Du bist ein Hybrid, genau wie wir, vom Stamme der Eirelans…“, er schaut erneut auf unsere Mutter. Wenn Blicke töten könnten, geht mir durch den Kopf. „…Ich befürchte, da sind einige Dinge in deinem Leben schiefgelaufen.“

Ich halte das Buch fester an mich gedrückt. „Und vor was will der Nebel mich warnen?“

„Das eine Resonanz bevorsteht. Weißt du, was Resonanz bedeutet?“ Caelan setzt sich auf das blaue Samtsofa.

Ich zögere, was soll das denn jetzt? „Nicht so wirklich? Was hat das mit dem Buch zu tun?“

Ich setze mich auf das gegenüberstehende Sofa.

„Stell dir vor“, erklärt er, „du schlägst eine Stimmgabel an. Und irgendwo daneben beginnt eine zweite mitzuschwingen. Nicht, weil sie weiß warum, sondern weil sie gleichgestimmt ist.“

Sein Blick trifft meinen. Er scheint mir anzusehen, dass ich immer noch nicht ganz verstanden habe, was er mir sagen will.

„Resonanz heißt: Gleiches zieht Gleiches an. Darum nennt man es auch oft: das Gesetz der Anziehung. Es ist nichts Geplantes oder so. Es kommt von selbst, wie zwei Magnete, die sich finden. Bei normalen Menschen ist das kein Problem, bei einem Hybrid ist es eine Katastrophe.“

Mein Mund fühlt sich mit einem Mal staubtrocken an.

„Und mit wem habe ich jetzt etwas Gleiches, das so stark ist, dass mein Tagebuch leuchtet?“

Sein Blick ist sehr ernst. „Ich habe da so eine Idee, aber ich will mir ganz sicher sein. Wir werden es herausfinden. Und zwar schnell. Sonst weiß ich nicht was geschieht.“

Er dreht sich um zu unserer Mutter, die immer noch kerzengerade am selben Fleck steht. „Versuch dein Glück bei Maeve in London“, sagt er leise zu ihr. „Ich bleibe bei Lina so lange und versuche hier vor Ort eine Lösung zu finden.“

Meine Mutter nickt. „Mein Flug geht um eins heute Nacht.“

Sie will weg? So plötzlich und wer ist Maeve?

Und warum wird mir plötzlich so eiskalt?

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