Chapitre 39: Kapitel 38

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Der Morgen lag schwer über der Küste. Grau wich nur zögernd dem Blau, Nebel hing in Fetzen über dem Wasser. Vom nächtlichen Regen glänzten die Blätter dunkel, und selbst der Wind hatte sich verkrochen.

Marit bestand darauf, im Garten zu frühstücken. Niemand hatte wirklich Appetit. Die Brötchen blieben liegen, das Rührei wurde kalt. Nur die Fliegen und Bienen fanden Gefallen an der Erdbeermarmelade. Man schmeckte die Sorge um Sina sogar in der Butter.

Katja stützte das Kinn in die Hand und starrte auf das Badezimmerfenster des Hauses. In ihrer Erinnerung öffnete es sich einen Spalt, und etwas klatschte auf den Terrassenboden. Dass man so etwas je vermissen könnte … verrückt.

Vögel zwitscherten, Spatzen warteten in sicherer Entfernung auf erste Brötchenkrumen vom Tisch, und doch lag eine unheimliche Stille zwischen den Stimmen.

Marit stellte eine Kanne Kaffee ab. „Wenn sie noch lebt …“ Ihre Stimme war kaum hörbar. „… bleibt ihr nicht mehr viel Zeit.“

„Vielleicht war’s gar keine Entführung“, murmelte Konrad. „Vielleicht ist sie einfach … mit jemandem gegangen.“

Sven saß am anderen Ende des Tisches, das Tablet auf den Knien, die Stirn in Falten. Er tippte, scrollte, stoppte, scrollte zurück. „Nichts über die BHRA“, sagte er schließlich. „Nur das Offizielle: Bio Human Research Alliance, angeblich Hauptsitz in Kelowna, British Columbia. Ableger in Boston, Zürich, Kapstadt, Osaka … und Berlin. In Stralsund ist nur eine winzige Verwaltung.“

„Und was machen die?“ Katja wärmte ihre Finger an der Kaffeetasse.

„Offiziell? Krebsforschung. Bilanzen sauber, Kooperationen mit Kliniken. Alles blitzblank.“

Marit griff nach einem Brötchen, schnitt es auf und bestrich es großzügig mit Butter und einem dicken Klecks Erdbeermarmelade. Mit einem leisen Lächeln schob sie es vor den sichtlich überraschten Konrad. Der bedankte sich mit einem kurzen Nicken.

Sven lehnte sich vor, ein schelmisches Grinsen im Gesicht. „Schmierst du mir auch eins, Schatz?“

Katja blinzelte ihn irritiert an.

„Mit Butter und Honig, bitte.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Lass das nicht einreißen“, meinte Katja schmunzelnd. „Aber raffiniert ist es schon. Wir wissen doch, dass die etwas ganz anderes machen und Krebs für sie nur eine zweitrangige Rolle spielt.“

Marit zog ihre Strickjacke enger, und für einen Moment lag schweigendes Einverständnis zwischen ihnen, bevor Konrad das Wort ergriff.

„Wo ist Henning?“

„Schläft seinen Rausch aus.“

„Und was jetzt? Staatsanwaltschaft? Sagen: unsere Bekannte aus dem Jahr 1489 ist verschwunden?“ Katjas Ton war scharf.

Sven schüttelte den Kopf. „Wir würden höchstens eine Anzeige wegen Vortäuschung kassieren.“

Der Kloß in Katjas Magen wurde schwerer. Irgendwie war alles halbgar. Aus den Augenwinkeln sah sie eine Bewegung am Gartentor. Sie stieß Sven an. „Schau.“

Eine Frau kam herein, schlank, weißblondes Haar streng zum Dutt. Alles an ihr cremefarben: Hose, Pullover, Mantel, Schuhe. Hinter ihr parkte eine schwarze Limousine. Davor zwei Männer, dunkel gekleidet, Sonnenbrillen, unbewegte Gesichter.

Die elegante Frau schob einen Rollstuhl. Sina, in eine Decke gewickelt, hob schwach die Hand. Ihre Haare lagen wirr auf der Stirn, ihre Augen waren offen, und sie lächelte.

Marit schlug die Hand vor den Mund. Niemand sagte ein Wort, ein Moment, in dem das Unfassbare wie ein flüchtiger Engel durch den Garten flog. Ihre Finger zitterten, als sie sich neben den Rollstuhl kniete. Tränen kullerten über ihre Wangen, tropften auf die Decke. Vorsichtig strich sie Sina über die Wange, als wolle sie sich vergewissern, dass sie wirklich da war, und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.

Die Frau, die Sina begleitete, stellte sich vor. „Guten Tag, ich bin Dr. Ulla Vogel. Danke, dass Sie uns empfangen.“

Sina sah elend aus. Das Gesicht aschfahl, die Haut dünn, die Adern gezeichnet, und über ihren Augen lag ein milchiger Schleier, wie eine matte Glasfläche.

Marits Atem stockte. „Sie stirbt!“ Sie hob den Blick zu Ulla, die direkt hinter dem Rollstuhl stand. „Was haben Sie mit ihr gemacht? Sie sah vorher krank aus, ja, aber nicht … so.“

„Das Serum ist aufgebraucht. Es wirkt nicht mehr“, erwiderte Dr. Vogel ruhig.

„Welches Serum?“, fragte Sven scharf.

„Das …“ Ulla hielt inne, als taste sie nach den richtigen Worten. „… gleich eins nach dem anderen.“ Sie ließ den Blick kurz über die Gesichter wandern, prüfend und abwägend, ob es wirklich Sinn machte, mit den Anwesenden zu reden.

Katja wandte sich bereits zum Tisch, ohne Ulla anzusehen. „Setzen Sie sich.“ Ihre Hand schob eine Tasse in Ullas Richtung, die Bewegung knapp, beinahe formell. „Kaffee?“

„Gerne.“ Ulla nahm Platz, die Hände gefaltet, den Blick auf Katjas abgewandtes Profil gerichtet.

Sven lehnte sich zurück, sah kurz zu den beiden Männern an der Limousine. „Und Ihre Wachhunde? Dürfen die auch?“

Ein kaum merkliches Lächeln zuckte um Ullas Mundwinkel. „Lars und Felix. Sie bleiben da, wo sie sind.“

„Sitz, Platz, bei Fuß“, murmelte Sven trocken.

Konrad verschränkte die Arme. „Das sind die, die in meinem Labor das Gewand geklaut haben.“

„Nein“, sagte Ulla mit kühler Ruhe. „Das waren sie nicht.“ Ihr Blick wanderte zu Sven. „Aber bei Ihnen, Herr Widahn, die beiden waren bei Ihnen zu Hause.“

Sven hob scharf den Kopf. „Und das sagen Sie einfach so?“

Ulla nahm einen Schluck Kaffee, ganz ruhig. „Sie sind Tierfreund, nicht wahr? Dann verzeihen Sie den … Hunden, dass sie das offene Fenster als Einladung sahen.“

Sven spürte eine Gänsehaut. „Spurensuche bringt da wohl nichts, was?“

„Nein“, erwiderte Ulla. „Die beiden gehören zur N.O.X., Nova Obscura X. Eine interne Spezialeinheit der Bio Human Research Alliance. Ihre Ausbildung ist … nun ja, sagen wir: exzellent.“ Sie stellte die Tasse ab. „Der Kaffee schmeckt im Übrigen ausgezeichnet, Frau Nyborg. Diskretion, Zugang, Neutralisation, psychologische Einschätzung, taktische Verfahren, sie sind auf allerhöchstem Niveau ausgebildet, nicht aufzufallen, und wenn doch, dann nur, was man sehen soll.“ Sie sah Sven mit durchdringendem Blick an. „Sie würden keine Spur hinterlassen, nicht einmal einen Schatten.“

Henning kam schwankend in den Garten, bleich, mit verquollenem Blick. „Wäre der liebe Gott wach gewesen, hätte er mir Kaffee ans Bett gebracht.“

„Ach, Henning … du alter Jammerlappen.“ Marit grinste schief und stellte ihm wortlos eine Tasse hin.

Er nahm sie an, doch sein Blick glitt sofort zu Ulla. Seine braunen Augen verdunkelten sich, schauten eine Spur feindselig, bevor er demonstrativ ins Schwarze seiner Tasse starrte. Er sprach, ohne sie anzusehen: „Waren die beiden auch bei mir?“

„Nein, Herr Tiedemann. Das waren andere Kollegen von ihnen.“

Henning stand noch immer, den Blick in den Garten gerichtet, als würde er jeden Grashalm einzeln mustern, nur um Ulla nicht ansehen zu müssen. Seine Hände steckten tief in den Hosentaschen, die Schultern leicht nach vorne gezogen. Ein Mann, der etwas festhalten wollte, was ihm längst entglitten war.

„Ich habe Ihnen Sina zurückgebracht“, sagte Ulla in die Runde, ohne Hennings Blick zu suchen. „Es war ihr Wille. Wir tun nichts gegen den Willen eines Menschen. Sie ist trotz allem … ein Mensch.“

Henning hob schließlich den Kopf, zwang sich, sie anzusehen. Sein Blick schwankte zwischen Wut und Verzweiflung. „Sie sind doch die Frau, mit der Meike …?“

Konrad und Marit legten Sina behutsam auf die Gartenliege, richteten ihr Kissen zurecht.

Dr. Vogel nickte. „Wir liebten uns“, sagte sie offen. „Dennoch hätte Meike Sie nie verlassen, Herr Tiedemann. Auch wenn sie es manchmal anders sah, sie liebte auch Sie, auf ihre ganz eigene Weise.“

Marit zog die Decke bis unter Sinas Kinn, und Konrad stellte ein Glas Wasser in ihre Reichweite. Es brauchte keine Worte zwischen ihnen, nur dieses leise, stille Einverständnis, dass man für sie da war.

Henning beugte sich leicht nach vorne, als würde er Dr. Vogels Worte prüfen wollen. „Und wer hat sie dann umgebracht?“ Seine Stimme war jetzt hellwach.

„Niemand. Sie war zu schnell in der Kurve. Es war ein tragischer Unfall, der mir genauso zu schaffen macht wie Ihnen.“

Katja räusperte sich. „Meike war begeistert von all dem, was sie erlebt hat. Wir haben ihr Tagebuch gefunden. Sie schreibt nicht nur privat, sondern auch beruflich, es ist nicht so leicht, alles zu verstehen.“

Sven tippte mit dem Finger auf die Tischplatte. „Und auf Ihrer offiziellen Webseite steht nichts über das, was wir in Meikes Aufzeichnungen gelesen haben. Warum so ein Geheimnis?“

Ulla sah ihn lange an, ihre Augen schmal, als prüfe sie, ob er überhaupt reif war für eine Antwort. „Weil Menschen zu oft schon zerstört haben, was sie nicht verstehen.“

Ulla lehnte sich leicht zurück, als wolle sie den Faden ihrer Gedanken sortieren, dann setzte sie an: „Seit achthundert Jahren gibt es den ursprünglichen Orden, den Ordo Silentii. Der Orden hatte einen Wunsch: den Tod zu überlisten. Wo war wirklich das Ende des Lebens? Was war Bewusstsein, und wo saß die Seele?“

Marit beugte sich ein Stück nach vorn, die Hände fest ineinander verschränkt, als wolle sie jedes Wort auffangen. In ihrem Blick lag die angespannte Aufmerksamkeit einer Schülerin, die endlich hofft, eine komplizierte Aufgabe zu verstehen.

„Aus allen Herrenländern kamen sie hierher auf die Insel, aber das wissen Sie ja bereits.“ Ulla machte eine kurze Pause, strich mit dem Finger über den Tassenrand. „Damals hätte das Volk sie alle gelyncht, hätte man davon gewusst. Also zogen sie sich zurück, bauten unterhalb von Klöstern Gewölbe, regelrechte Bunker, und nicht nur auf Rügen, bald schon auch an anderen Zufluchtsorten, die nur Eingeweihte kannten.“

Sven hob kurz den Blick, als wolle er nachhaken, sagte aber nichts.

„Und ja“, fuhr Ulla fort, „die Methoden damals waren rau, unmenschlich und grausam.“ Ihre Stimme senkte sich leicht, als würde sie eine Schattenseite berühren. „Heute bedienen wir uns ganz anderer Mittel: Quantenphysik, Schwingungen, die sich in Resonanzfeldern treffen.“

Marits Augen waren weit geöffnet, ihr Atem ruhig, aber konzentriert, als müsse sie jedes Wort an der richtigen Stelle im Kopf ablegen.

„Wenn heute die Menschen wüssten, was wir tun …“ Ulla sah in die Runde, ihre Stimme fest, „… sie würden uns überrennen. Jeder würde hoffen, sein Bewusstsein, sein ‚Ich‘ und seine Seele bewahren zu dürfen.“

Einen Moment lang lag nur das leise Rascheln der Blätter in der Luft. Katja hatte die Hände um ihre eigene Tasse gelegt, als könnte die Wärme ihr helfen, den Sinn von Ullas Worten zu fassen. Ihr Blick glitt kurz zu Sina, die reglos, mit flachem Atem auf der Liege lag, und blieb dann an einem Punkt im leeren Raum hängen, irgendwo zwischen Abwehr und einem Zwang, die Wahrheit zuzulassen.

„Und Sie zahlen für diese Art von Experimenten Geld an die Hinterbliebenen, damit die keine Fragen stellen, stimmt’s?“, murmelte sie schließlich, ohne Ulla direkt anzusehen.

„Zweihundertfünfzigtausend Euro für jeden Transfer über eine Lebensversicherung unserer Organisation“, sagte Ulla ruhig. „Wir nennen das im Übrigen Mitarbeit.“

Katja suchte nach Worten, in ihren Gedanken war ein Hin und Her, wie auf einem Jahrmarkt.

Ulla neigte kaum merklich den Kopf, als hätte sie mit genau dieser Reaktion gerechnet. „Ich sage einmal so: Wir sind in einer Entwicklungsphase, in der wir menschliche Probanden brauchen und auch nutzen. Und auch da suchen wir ganz gezielt, und nur sehr wenige, Menschen, die wissen, dass sie nicht mehr lange leben werden.“ Sie ließ den Blick zu Lars und Felix gleiten, die immer noch wie Zinnsoldaten am Auto standen, und fügte fast beiläufig hinzu: „Mit ihnen suchen wir das Gespräch. Bis jetzt hat noch niemand abgelehnt.“

Während sie sprach, zog Marit unwillkürlich eine leichte Falte zwischen die Brauen. Ihre Finger trommelten leise auf ihrem Oberschenkel, als müsse sie das Gehörte takten, um es begreifen zu können.

Dr. Vogel nahm einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse sanft auf den Teller. Ihr Blick ging zu Sina, deren Brust sich nur flach hob und senkte. Konrad, der neben der Liege kniete, zog vorsichtig die Decke höher und strich ihr eine Strähne aus der Stirn, ohne den Blick von Ullas Gesicht zu nehmen.

Sina hatte die Augen geschlossen, es war ihr nicht anzusehen, ob sie dem Gespräch folgte oder nicht.

„Für jeden Probanden gibt es einen Vertrag mit Verschwiegenheitsklausel, notariell aufgesetzt und lückenlos dokumentiert. Juristisch einwandfrei“, fuhr sie fort.

Sven stieß ein trockenes Lachen aus. „Das alles muss doch auch finanziert werden.“

Dr. Ulla Vogel sah ihn schweigend und freundlich an.

„Oder?“

„Machen Sie sich keine Gedanken, wer was wie bezahlt. Es ist alles geregelt.“

Sven spielte Stakkato mit seinem Gehstock. „Also alles wie gehabt. Das ewige Leben ist an Reichtum und an Einflussreiche gebunden. War ja klar!“

Katja nahm ihm den Stock ab, das Getrommel machte sie nervös.

„Und so lange lagern Sie die … Seelen, das Bewusstsein, Erinnerungen, das Ich oder was auch immer. Wo? In einem unsichtbaren Quantenraum?“

Katja warf Sven erneut einen Blick zu, sie konnte nicht sagen, ob ihn die Vorstellung von etwas Unvorstellbarem fröstelte oder ob er es schlichtweg nicht verstand.

„Und wie soll das physisch gehen? Können Sie auch Körper für die Ewigkeit …?“

Dr. Vogel schüttelte den Kopf. „Nein, ein biologischer Körper wird zerfallen, da gibt es keinen Zweifel. Man kann den Verfall verzögern und Leben verlängern. Aber wir gehen einen Schritt weiter. Wir bemühen uns um synthetische Körper, exakt wie menschliche. Alles ist identisch: Fingernägel und Haare, die wachsen, alle fünf Sinne, sogar Ausscheidung und Hormonproduktion. Was sie nicht können, ist, krank werden oder sterben. Und Kinder können sie auch keine zeugen oder empfangen.“

Marit schluckte. „Und dann pflanzen Sie in die … Plastikmenschen… das Gehirn da rein?“

„Nein, um Gottes willen. Wir codieren das Bewusstsein, wie eine Blutprobe, extrahiert über Resonanzfelder. Das ‚Ich‘ mitsamt seinen Erinnerungen und seinem Bewusstsein verschwindet aus dem alten Körper, aber es stirbt nicht. Es wartet. Wie erkläre ich es Ihnen am besten?“ Ulla schaute sie an, als würde sie gerade kleinen Kindern eine selbst erfundene Gute-Nacht-Geschichte erzählen wollen. „Wir alle gehen abends schlafen und stehen morgens wieder auf. Und nun stellen Sie sich vor, Sie gehen schlafen und am nächsten Morgen wachen Sie auf, aber in einem neuen Körper, der sich genauso anfühlt wie der alte, nur, dass Sie nie mehr altern, keine Schmerzen haben, nie krank werden und nie sterben.“

„Und Sina?“, fragte Henning und sah auf sie, während Konrad Sina die Decke wieder gerade zog, die verrutscht war. „Wieso bekam sie einen sterbenden Körper, und erst war sie so fit und jetzt …?“

„Sina war nicht geplant. Laut den Unterlagen wurde Frau Fehrmann 1489 zwar hingerichtet, aber …“ Sie spähte zu Sina, die scheinbar schlief. „1489 wurde ihre Tochter Alina Fehrmann getötet, und die Mutter wurde anhand falsch gelegter Spuren und Beweise als Mörderin zum Tode verurteilt. Warum man es gerade auf die Familie Fehrmann abgesehen hatte, weiß niemand so genau. Meike“, sie schaute flüchtig zu Henning, „hatte sich intensiver mit den Dokumenten beschäftigt und vermutete, Vater, Tochter und ein Mönch seien dem Orden zu nahegekommen und mussten beseitigt werden. Und damit Sina keine dummen Fragen stellte, sie galt nämlich im Dorf als sehr schlau, was auch nicht allen gefiel, wurde sie direkt mit …“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Sie verstehen. Aber in Sinas Fall, und das ist dokumentiert, hat man sie mit Absicht bis zur Bewusstlosigkeit am Galgen hängen lassen und dann … ja … eben …“ Katja hatte den Eindruck, der ansonsten souveränen Ärztin ging das Thema sehr nahe. „… so kam es eben zur Konservierung einiger Hirnfragmente. Der Orden hatte auch von jedem, der … behandelt wurde, ihre Geschichte, Kleidungsstücke und das Letzte, was sie trugen, behalten. Wäre es ihnen gelungen, die Sterblichkeit zu durchbrechen, so sollten die Probanden direkt wieder das tragen, was sie als Letztes trugen.“

Sven nahm einen Schluck Kaffee und blickte in den Himmel. „Was für Geisteskinder waren das nur!“

„Gott, mir wird übel.“ Marit verbarg ihr Gesicht in Konrads Schulter.

„Ja! Ich kann Ihr Entsetzen nachvollziehen, und um diese Geschichte beziehungsweise mit der grausamen Vergangenheit abzuschließen, leeren wir das Archiv. In der Nacht auf letzten Dienstag dann sollte ein konservierter Hirnabschnitt, der Precuneus …“ – bedeutungsvoll schaute sie in Sinas Richtung – „… vernichtet werden. Ein Mitarbeiter isolierte ihn, während Elin im Sterben lag. Ihr Körper war leer, ihr Ich extrahiert. Er gab dem Körper, also dem Wirt, eine Einheit unseres TZSF-C-Serums.“

Konrad hob den Kopf. „Ein was für ein Serum?“

„Ein biorestoratives Serum, hemmt den Zellverfall, stabilisiert Vitalfunktionen. Leider nur für wenige Wochen. Mehr als vier Einheiten sind nicht möglich. Elin hatte das Serum für sich abgelehnt. Sie wollte ganz natürlich sterben. Der Mitarbeiter handelte eigenmächtig. Er übertrug die Codierung von Sina Fehrmann dann in Elins Körper, in der Überzeugung, dass es nicht funktioniert.“

„Was ist das denn für ein Unsinn? Man probiert etwas aus, von dem man gleichzeitig überzeugt ist, dass es nicht funktioniert?“ Konrad strich Marit sanft über das Haar.

Dr. Vogel überging die Frage. „Es sah jedenfalls nicht nach Erfolg aus. Die Vitalwerte fielen.“

Sven beugte sich wieder vor, nahm Katja den Stock weg. „Gut, ich denke, bis hierhin haben wir verstanden. Nicht diesen internen Quantenkram, aber dass Ihrem Unternehmen gelungen ist, das Ich des Menschen einzufangen, und dass Sina ein Opfer eines nicht unbedingt mitdenkenden Mitarbeiters war. Mir stellt sich aber eine Frage.“

Er stand umständlich auf und betrachtete den Apfelbaum, als wollte er die kirschgroßen Äpfel zählen. In Wahrheit erinnerte er sich an Meikes Tagebucheintrag. „Wenn Sie doch, wie Sie sagen, nichts mehr mit dem Orden zu tun haben wollen, wieso dann die Tätowierungen? Das Symbol gehörte doch wohl zum Orden?“

Dr. Vogel lächelte. „Das Muster ist heute nur noch Tarnung. Beim Stechen bringen wir mikroskopische Sensoren ein, die sich an Ihr Blut anpassen. Sie überwachen Ihren Körper lückenlos, innen wie außen, und senden die Daten verschlüsselt an unsere Organisation.“

„Überwachungsstaat mit Einverständnis der Probanden und vertraglich festgehalten, stimmt’s?“ fragte Sven sarkastisch.

„Selbstverständlich!“

„Und der Friedhof?“ Henning konnte immer noch nicht seine Gefühle ganz kontrollieren. „Wenn bei Ihnen doch alles so perfekt ist“, er ließ offen, ob er Ulla Vogel persönlich meinte oder die Organisation, „wieso haben Sie die beiden einfach auf dem Friedhof abgelegt, wo Sie jeder finden konnte?“

„Weil nichts auf der Welt perfekt ist, lieber Herr Tiedemann. Die Kühlanlage war defekt. Und der Mitarbeiter hatte den Plan, die beiden auf einem Friedhof zu begraben.“

„Genau, lebendig begraben neben einem nackten Moslem auf einem christlichen Friedhof. Ganz mein Humor.“ Sven schüttelte verächtlich den Kopf.

Dr. Vogels Blick wurde wieder kühl. „Nicht jeder macht sich über Religion Gedanken, wenn er in Not ist. Da der Wirtskörper von Sina keine weiteren Vitalzeichen aufwies, ging er davon aus, dass er verschieden war. Selbstverständlich sollte auch hier alles so diskret und unauffällig wie möglich ablaufen.“

„Drogendealer versuchen das auch immer.“ Henning musste seinen Frust rauslassen.

Dr. Vogel überging die Bemerkung. „Manchmal kommt eins zum anderen. Wir wurden unterbrochen, als erst ein bellender Hund kam und gleich darauf ein Pfarrer, und genau in dem Moment erwachte Sina. Und … nun ja, nun liegt sie hier.“

Die Stille im Garten war greifbar.

„Faris wurde nach Dubai überführt“, sagte Ulla schließlich. „Elins Körper kommt in den Friedwald. Alles ist dokumentiert.“

„Und wenn wir zur Presse gehen?“, fragte Katja.

Ulla stand auf und stellte sich vor Sina, die noch immer mit geschlossenen Augen dalag. „Das ist Ihre Entscheidung. Tun Sie es. Aber Sie kämen nicht einmal bis zum Gartenzaun. Bewahren Sie sich lieber, was Sie haben: eine Freundschaft, wenn auch eine kurze. Das ist mehr wert als jede Wahrheit, die offiziell noch keine sein darf.“

Sie beugte sich zu Sina, streichelte ihren Arm. „Mach’s gut. Du bist frei.“

Sie nickte den anderen zu, alles schien gesagt. Konrad folgte ihr ein Stück.

„Warum das alles?“, fragte er. „Warum den Tod überlisten? Und dann wieder nur die Elite?“

Ulla blieb kurz vor dem Gartenzaun stehen. „Würden alle Menschen verewigt, dürften wir keine Kinder mehr bekommen, und es käme zum Stillstand. Generell aber brauchen wir neues Leben, neue Denker, neue Muster und Altes, das vergeht. Und Neues, das kommt. Nur so können wir existieren. Aber einige unter uns sollten bleiben… oder eine zweite Chance bekommen. Und genauso wird es kommen.“ Sie reichte Konrad die Visitenkarte. „Vielleicht haben Sie noch ein oder zwei Tage mit Sina. Vielleicht aber auch nur ein oder zwei Stunden. Wer weiß das schon. Aber wenn es … vorbei ist, geben Sie uns Bescheid, wir holen dann Elin und erfüllen unseren Vertrag. Elin wollte hier auf Rügen in den Friedwald.“

Konrad starrte auf die schmucklose Karte. „Und Sina?“

„Wir lassen sie gehen, was sonst?“

Sie schloss das Gartentor hinter sich zu und drehte sich nicht mehr um.

Der große Blonde öffnete ihr die Tür der Limousine. Der kleinere Mann startete den Motor. Konrad ging zurück, den Blick noch auf den Kiesweg gerichtet, der hinter ihm im Schatten lag. Die Stimmen im Garten waren leiser geworden, als hätte jemand unsichtbar das Volumen heruntergedreht.

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