Der Regen war noch nicht gefallen, aber die Luft hing schwer und feucht über Rügen. In der Ferne grummelte der Himmel, ein Gewitter, das sich nicht entschied. Im Garten von Marits kleinem Haus wehten die Blätter der Himbeersträucher. Auf dem Kiesweg standen drei Personen und diskutierten leise.
Konrad Vohwinkel, in einer blauen Windjacke, blickte immer wieder zur Terrassentür. „Also keine Spur? Keine Nachricht? Gar nichts?“
Marit schüttelte den Kopf. „Ich habe alles abgesucht. Friedhof, Feld, die kleine Waldlichtung hinter dem Haus. Nichts. Nur … das Kissen von der Liege war nass, als wäre sie in der Nacht dort gewesen.“
„Und du bist sicher, dass du geschlafen hast? So tief, dass du nichts gehört hast?“, fragte Katja und zog die Jacke enger um den Körper.
Marit wirkte getroffen. „Ich sage euch, ich hatte Kopfschmerzen. Das war kein normaler Schlaf. Ich … ich habe Wein getrunken, ja, aber das erklärt das nicht.“
Sven war am Telefon, ein paar Meter entfernt, nickte nur gelegentlich. Als er wieder zu ihnen kam, war sein Gesicht ernst. „Von offizieller Seite wird nichts unternommen. Noch keine 48 Stunden, keine Hinweise auf ein Verbrechen, kein Anlass. Sina ist eine freie Frau. Sie kann gehen, wann und wohin sie will.“
„Aber sie wird sterben, wenn wir sie nicht finden!“ Marits Stimme war nun laut.
Konrad legte ihr eine Hand auf den Arm. „Dann müssen wir selbst suchen. Welchen Wagen nehmen wir?“
„Unseren.“ Katja öffnete lautlos die Türen des BMWs. Sven setzte sich auf den Beifahrersitz, das linke, steife Bein ausgestreckt. Marit und Konrad nahmen auf der Rückbank Platz. Der Wagen summte leise, als sie vom Kiesweg auf die Landstraße einbogen.
„Garz zuerst?“, fragte Katja.
„Ja. Vielleicht hat sie sich erinnert. Vielleicht ist sie dort irgendwo …“ Marit starrte aus dem Fenster.
Der Wagen glitt fast lautlos über die schmalen Landstraßen, zwischen wogenden Getreidefeldern und vereinzelten Birken, die sich unter der schwülen Luft nicht mehr rührten. Sven schwieg, aber sein Blick tastete die Landschaft ab, als könnte sich Sina irgendwo zwischen den Bäumen verbergen. Konrad beugte sich, soweit der Gurt es zuließ, nach vorn, als wolle er näher an Marit sein.
Diese schwitzte trotz der Klimaanlage, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und blickte hinaus, vorbei an alten Höfen, Heuschobern und verwitterten Grabsteinen hinter niedrigen Feldsteinmauern.
„Nichts“, murmelte sie. „Einfach nichts.“
Katja antwortete nicht. Ihre Finger lagen fest um das Lenkrad. Nur der Rückspiegel verriet, dass sie mehr mitbekam, als sie zeigte. Sie sah, wie Konrads Hand zögernd nach Marits tastete. Zuerst war es nur ein Streifen, dann legte er seine Finger über ihre. Marit zog die Hand nicht richtig zurück. In ihrem Gesicht, gezeichnet von Müdigkeit und Sorgen, flackerte für einen Moment etwas auf. Wärme. Ein „Endlich“.
Katja schaute wieder nach vorn. Dieser Moment gehörte nicht ihr.
„Ich verstehe nicht, warum man das nicht ernster nimmt“, sagte Konrad.
Sven lachte trocken. „Weil es zu unglaublich klingt. Eine Frau mit Erinnerungen an 1489, verschwunden nach einem Grillabend mit Historiendokumenten.“
„Trotzdem …“ begann Konrad, doch Marit unterbrach ihn.
„Ich glaube nicht, dass sie verloren ist. Nicht wirklich. Sie gehört in diese Welt, aber nicht so wie wir. Sie trägt eine andere Art zu leben in sich. Damals wusste man, wie man mit Regen, Hunger, Angst umgeht. Wäre sie gesund, bliebe uns noch Zeit. Aber so …“
Der Marktplatz von Garz war wie leergefegt. Nur ein paar Touristen schlenderten zwischen Fachwerkfassaden und alten Linden. Sina war nirgends zu sehen. Keine Spur.
Sie parkten nahe der Kirche. Der Himmel färbte sich grau.
„Das ist wie die Nadel im Heuhaufen“, sagte Sven. „Wenn sie wirklich entführt wurde, müssen wir anders vorgehen. Strukturierter.“
Katja drehte sich um die eigene Achse. „Marit, bitte sende uns das Foto. Wir teilen uns auf. Konrad, du gehst zum Supermarkt. Marit, bitte zum Bäcker. Sven, du in den Blumenladen. Ich gehe zur Apotheke. So groß ist der Ort nicht.“
Sven nickte und klopfte mit dem Stock a. „Sehr gut. In einer Stunde treffen wir uns hier.“
Die Straßen lagen still. Der Wind roch nach feuchter Erde. Eine Amsel hüpfte zwischen zwei Pollern hin und her.
Die Tür glitt surrend auf. Katja trat ein, das Foto in der Hand. Es roch nach Kräutern, Putzmittel und Menthol. Hinter dem Tresen ein schlanker Mann mit Bart, freundlich. Eine ältere Kundin wühlte in den Regalen.
„Was kann ich für Sie tun?“
Katja reichte wortlos das Handy. „Kennen Sie diese Frau?“
Der Apotheker runzelte die Stirn. „Tut mir leid … Sie sieht krank aus. Leber oder Niere, wenn Sie mich fragen.“
Die ältere Dame sah nun auch hoch.
Katja, müde und nervös, entfuhr: „Wenn Sie fünfhundert Jahre alt wären, würden Sie auch so aussehen!“
Der Apotheker erstarrte, musterte sie neu. „Nein“, sagte er gedehnt, „diese Frau kenne ich nicht.“
Katja nickte knapp und ging.
„Fünfhundert Jahre alt? Seltsamer Scherz“, flüsterte die Kundin.
„Garz ist manchmal eine merkwürdige Bühne“, erwiderte der Apotheker.
Sven schlug ein Duft aus einer Mischung Erde mit Lavendel entgegen, als er den kleinen Blumenladen betrat. Eine Floristin mit Dutt und grüner Schürze band einen Strauß Sonnenblumen.
„Ich suche eine Frau. Sie ist verschwunden.“ Er zeigte das Foto.
Sie musterte es. „Die war hier nicht. Sieht … sehr krank aus.“
„Ist sie auch“, sagte Sven.
„Ist es … Ihre Mutter?“
Er lächelte müde. „Nein. Aber so fühlt es sich inzwischen fast an.“
Er verließ den Laden. Ein Blumenblatt klebte an seiner Schuhsohle.
Marit hatte ein wenig Hunger, das wurde nicht besser, als sie die Auslage beim Bäcker betrachtete. Sie hatte noch eine Kundin vor sich, die sich nicht zwischen Streuselkuchen und Apfelkuchen entscheiden konnte. Der Duft von Hefeteig und Zucker schien überall zu sein.
Als sie mit der jungen Verkäuferin alleine war, zeigte sie ihr das Foto. Die junge Frau schüttelte den Kopf, aus der Backstube kam der Bäcker dazu. Er wischte sich die Hände ab und Marit zeigte auch ihm das Bild von Sina.
„Nee … die war hier nicht. Sie sieht ja aus wie aus einem Krankenbett gefallen.“
„Könnte sein“, murmelte Marit.
„Tut mir leid“, sagte der Bäcker. „Aber wenn sie wieder auftaucht, der Kaffee geht auf mich.“
Konrad schlug die kühle Luft der Klimaanlage entgegen und das Sonderangebot der Bananen fiel ihm ins Auge, als er den Supermarkt betrat. Er zeigte das Foto an der Kasse.
„Hm, nee“, sagte die Kassiererin. „Aber da vorne … Frau Wernicke. Die sieht alles.“
Konrad trat zu ihr.
„Kommissar Vohwinkel“, sagte die Verkäuferin, ohne dass er sich vorgestellt hatte.
Er nickte und fragte sich, wo er wohl Frau Wernicke begegnet war. „Haben Sie diese Frau gesehen?“
Sie erinnern sich nicht mehr an mich. Vor 5 Jahren, der Einbruch in der Heidestrasse. Naja, Sie können sich ja sicher nicht alles merken.“
Konrad erinnerte sich an die Heidestrasse und an die Frau, die nicht aufhörte zu plappern.
Sie musterte das Bild. „Nein. So jemand war hier nicht.“
Konrad gab ihr seine Visitenkarte. „Falls doch …“
„Ich ruf Sie an. Ist gebongt.“
Katja kehrte zum Marktplatz zurück. Alle waren schon da. Vier Menschen, vier Fotos, keine Spur.
Der Himmel war nun fast schwarz, die Luft drückte, doch der Regen wollte sich einfach noch nicht einstellen.
Sven erhob sich. „Fahren wir nach Hause. Acht Augen sehen mehr als vier.“
Die Straße nach Zirkow lag wie ausgestorben. Katja sah wieder in den Rückspiegel: Konrad und Marit. Zwei Menschen, die endlich zusammenfinden könnten.
Konrad griff nach Marits Hand. Sie schaute verlegen aus dem Fenster, wie ein Mädchen vor dem ersten Kuss.
„Du hast uns noch nicht erzählt, wie dein Treffen mit Pater Adrian war“, sagte Katja.
„Stimmt …“ Konrad räusperte sich. „Adrian meinte, das Monasterium Pax Viventium war nie ein Ort des Glaubens. Unter den Mauern lag ein Gewölbe. Ein Labor. Dort forschten Alchemisten, Ärzte, reiche Kaufleute. Sie wollten Unsterblichkeit. Oder die Seele einfangen. Versuche an Lebenden, Sterbenden und Toten.“
„Und die Äbte wussten davon?“, fragte Sven.
„Angeblich ja. Für ihr Schweigen wurden sie bezahlt. Das Wissen wurde wohl von Abt zu Abt weitergegeben. So genau weiß man das ja nicht. Die eigentlichen Brüder hatten scheinbar keine Ahnung. Die haben gelebt und gebetet, haben sich den Armen und Kranken gewidmet, während in den Gewölben…“
„… gestorben wurde“, ergänzte Marit tonlos.
Einen Moment lang herrschte Schweigen.
„Ich glaube nicht, dass Sina freiwillig verschwunden ist“, sagte Katja.
„Sondern wegen dem, was sie ist“, meinte Sven.
Konrad nickte. „Wenn der Ordo Silentii nie aufgehört hat, dann haben wir es mit Leuten zu tun, die genau wissen, was sie tun.“
„Und was sie vertuschen müssen“, sagte Marit.
Sie bogen in Katjas Straße ein. Die Hecke stand hoch. Etwas stimmte nicht. Patricks altes Fenster stand weit offen. Die Gardinen wehten. Schnief lag zusammengerollt vor der Haustür.
„Hatten wir das Fenster offen gelassen?“, fragte Katja.
„Oh Shit, ja“, sagte Sven sofort.
Katja trat scharf auf die Bremse. Vorsichtig öffneten sie die Haustür.
Drinnen war alles vertraut. Der Geruch nach Lavendel, Kaffee, Papier. Im Jugendzimmer sah es anders aus: Die Kisten, die Ordner, die Dokumente, alles verschwunden.
„Verdammt“, murmelte Sven. „Die Kisten … alles weg.“
Konrad untersuchte das Fenster. „Keine Spuren. Wer auch immer das war, es war kein ersichtlicher Einbruch. Es war ein Zugriff. Leise, perfekt, unsichtbar. Von Menschen, die in Ebenen ausgebildet wurden, von denen wir nichts wissen.“
„Genau wie bei dir im Labor, Konrad, und in Meikes Büro“, sagte Katja.
Sven nickte. „Da hast du deine Antwort, ob es den Orden noch gibt. Und wir können es nicht melden. Niemand glaubt uns.“
„Aber was, wenn wirklich alles bewacht wird?“, fragte Marit.
„Dann hast du leider recht“, sagte Sven. „Aber wir wissen nicht einmal, mit wem wir es zu tun haben.“
„Und wer zieht die Fäden?“, murmelte Katja. „War Sina ein Experiment? Eine Laborratte, die entkommen ist?“
Sven ließ sich auf das Sofa fallen. „Wenn alles weg ist und Sina tot … hat sich alles erledigt. Dann liegt irgendwo eine Akte: Sina Fehrmann, geboren Ende der Achtziger, psychisch auffällig, gestorben in stationärer Behandlung. Ende der Geschichte.“
Er schwieg einen Moment: „Und wenn wir zu viel rühren … sehen wir uns auch alle in fünfhundert Jahren wieder.“
Da erklang der Big Ben Ton auf Marits Handy. Henning.
Sie stellte auf laut. Noch bevor sie etwas sagen konnte, dröhnte seine Stimme heraus, lallend und singend:
„Soooo schöööönes silberweißes Haaaaaar, blau sind deine Auuuugen … wo seid ihr alle? Ich bin bei dir im Garten, du Schneehase!“
Katja zog die Augenbrauen hoch. „Schneehase?“, flüsterte sie.
Konrad guckte verschnupft. „Wieso darf der ‚Schneehase‘ zu dir sagen?“
Marit winkte ab. „Henning, was machst du in meinem Garten? Ist Sina da?“
Flaschenklirren. Schlucken.
„Keine Sina hier. Aber ich sag euch was … alles gelogen. Alles. Anders als ihr denkt. Alles Betrug.“
Stille im Raum. Nur Schnief umspielte ihre Beine.
„Was meinst du?“, fragte Katja.
„Ich hab’s gefunden …“, lallte Henning. „Ich habe Meikes Tagebuch gefunden…“.“