Bölüm 5: Alma – Mutter

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Wie Wasser, das sich nicht fragt, wohin es fließt,

tragen mich meine Füße weiter.

Ich gehe nicht.

Ich werde getragen.

Der Weg verengt sich.

Die Weite von eben fällt hinter mir zurück,

als hätte sie beschlossen, mich loszulassen.

Eine schmale Gasse öffnet sich.

Zu schmal für Licht.

Zu schmal für Atem.

Blumen hängen schief an den Rändern, ihre Köpfe schwer, ihre Farben stumpf. Nichts an ihnen erinnert noch daran, warum sie einmal geblüht haben. Fensterläden sind geschlossen.

Holz auf Holz.

Kein Spalt, kein Blick nach draußen.

Über mir kippt der Himmel.

Nicht langsam, nicht gnädig.

Ein Dröhnen zerreißt die Luft.

Flieger schneiden durch das Grau.

Hakenkreuze verdunkeln den Himmel, schwarz, hart, unausweichlich.

Mein Herz stolpert.

Der Boden unter meinen Füßen wird unsicher.

Das hier gehört nicht hierher.

Nicht nach Aelyr.

Angst greift nach mir.

Sie ist alt und mir vertraut.

Ich will zurück. Jetzt!

Meine Schritte werden hastig.

Die Gasse scheint sich zu strecken, als wolle sie mich festhalten.

Dann steht da eine Frau. Sie trägt ein Kopftuch und einen schlichten Kittel.

Ihre ist Haltung ruhig, ihre Hände offen.

Sie winkt mir zu und ich erkenne sie, bevor ich einen weiteren Gedanken fassen kann.

Mutter!

Die Erleichterung trifft mich wie Wärme.

Wie ein Mantel, der mir umgelegt wird, nachdem ich zu lange gefroren habe.

Ihre Augen.

Ihr Mund.

Dieses Lächeln, dass nie etwas verlangt hat.

„Mama“, will ich sagen.

Meine Stimme bleibt mir im Hals stecken.

Ich gehe auf sie zu.

Und dort, wo sie eben noch stand, ist sie verschwunden.

Aber die Tür hinter ihr ist offen.

Über mir wird es lauter.

Sirenen.

Metallisches Dröhnen.

Marschierende Schritte im Gleichschritt lassen den Boden beben.

Von unten dringt Gemurmel herauf.

Gedämpft.

Zitternd.

Ich gehe die Treppe hinab.

Der Raum ist niedrig.

Zu niedrig für Gedanken.

Fremde Gesichter.

Angst liegt offen in ihren Augen, ungeschützt.

Um unsere Köpfe, ein Pfeifen, Krachen und Dröhnen.

Balken knirschen, Fensterscheiben zerplatzen.

Menschengeschrei in der Ferne.

Die Fremden hier, sehen mich an.

Sie wissen, dass ich keine Gefahr bin.

Die Luft verändert sich und die Geräusche über uns werden leiser.

Wie von unsichtbarer Hand gelenkt, ziehen sie sich zurück. Jemand hatte entschieden, dass es jetzt im Moment genug ist.

Der Raum öffnet sich und Wände lösen sich.

Die Decke hebt sich. Der Boden wird weich.

Gras breitet sich aus.

Sonnenwarm und lebendig.

Der Geruch von Sommer liegt in der Luft, als hätte ihn niemand je vertreiben können.

Eine Wiese.

Menschen sitzen auf karierten Picknickdecken,

rot-weiß, blau-weiß, verwaschen von vielen Jahren.

Kinder laufen barfuß durchs Gras, lachen, stolpern, stehen wieder auf.

Hunde jagen sich im Kreis, bleiben stehen, rennen los, als gäbe es nichts zu erledigen.

Ein Bach zieht sich durch die Wiese. Schmal, klar ruhig.

Er spricht nicht laut, aber er ist da.

Elfen fliegen zwischen den Menschen hindurch.

Klein, schimmernd mit Flügeln, die im Licht kaum zu fassen sind.

Mit spitzen Ohren und Augen, die lachen und gleichzeitig alles sehen.

Eine Elfe schnappt sich ein Stück Kuchen und fliegt davon.

Gelächter.

Jemand hält einer anderen Elfe ein Stück Schokolade hin.

Sie greift es mit beiden Händen, beißt hinein, schließt genießerisch die Augen.

Elfen lieben Süßigkeiten.

Unter den Bäumen liegen Katzen.

Zusammengerollt.

Ihre Körper berühren sich,

als hätten sie beschlossen, gemeinsam zu schlafen.

Keine Anspannung und keine Angst mehr.

Ich bleibe stehen.

Ein Mann erhebt sich von einer Decke.

Groß.

Schlank.

Eine saubere Uniform, sorgfältig geschlossen.

Seine Stiefel glänzen, aber sie wirken nicht hart.

Sein Gesicht ist offen.

Mit freundlichem wachen Blick, der nun auf mich gerichtet ist.

Er kommt ein paar Schritte auf mich zu und bleibt stehen, als wolle er mir Raum lassen.

„Du bist neu“, sagt er.

Es ist keine Frage.

„Ich bin auf der Durchreise“, antworte ich.

Meine Stimme klingt fremd in dieser Weite.

Er nickt langsam.

„Das sind die meisten hier.“

„Ich kann nicht bleiben“, sage ich hastig.

„Ich suche jemanden.“

„Wen?“ fragt er ruhig.

„Rose“, sage ich.

Der Name liegt offen zwischen uns.

„Meine Tochter.“

Sein Blick wird weicher.

„Ich habe sie nicht gesehen“, sagt er ehrlich.

„Nicht hier.“

Ein Ziehen geht durch mich hindurch.

Nicht scharf, eher wie ein leiser Druck.

„Dann bin ich falsch“, sage ich.

Nein“, sagt er. „Du bist nur noch nicht angekommen.“

Neben ihm sitzt seine Frau auf der Decke.

Sie lacht leise, während eine Elfe mit baumelnden Beinen auf ihrer Handfläche Platz genommen hat.

Ein kleiner blonder Junge kommt hinter ihr hervor und wirft sich gegen sie.

Sie legt den Arm um ihn, als wäre es das Natürlichste der Welt.

Etwas zieht in mir, wie eine schmerzliche und warme Erinnerung.

„Ich heiße Fionn“, sagt der Mann.

„Alma“, antworte ich.

Er neigt leicht den Kopf.

„Setz dich.“

Ich folge seiner Aufforderung.

Das Gras gibt nach und trägt mich.

Für einen Moment sitze ich einfach da.

Atme.

Die Geräusche legen sich nicht auf mich, sie gehen durch mich hindurch.

„Du wirkst, als würdest du immer weitergehen“, sagt Fionn leise.

„Ich muss“, sage ich.

„Wenn ich stehen bleibe, verliere ich sie.“

Er sieht zum Bach.

Das Licht tanzt darauf, als hätte es uns gehört.

„Dann folge dem Wasser“, sagt er.

„Es bringt einen nicht immer dorthin,

wo man hinwill.

Aber oft dorthin, wo man weiterkommt.“

Ich stehe auf.

„Danke“, sage ich.

Fionn nickt.

„Du wirst sie nicht überholen“, sagt er.

„Und du wirst sie nicht festhalten.“

Ich halte inne.

„Aber du kannst ihr nahe sein“, fügt er hinzu.

Das reicht.

Ich gehe los.

Hinter mir bleiben Sommer,

Lachen, Licht.

Vor mir fließt der Bach.

Ruhig.

Unbeirrbar.

Und ich folge ihm.

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