Bölüm 7: Kapitel 6

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Zwischen zwei Reihen verwitterter Grabsteine stand Marit Nyborg.

Die große Gartenschere in ihrer Hand schnitt mit einem leisen Knacken Brennnesselstängel durch, der Morgentau perlte an den Klingen. Ihre Fingerspitzen waren vom Grün der Pflanzen gefärbt. In dem geflochtenen Korb zu ihren Füßen lag bereits ein halber Schwung frisch geschnittener Blätter, dunkel und glänzend vom Tau.

Die Unbekannte kniete barfuß neben ihr. Der kalte, feuchte Boden klebte an ihren Zehen, doch sie schien es nicht zu spüren. In ihrem Gesicht lag ein Ausdruck zwischen Staunen und Ehrfurcht, als würde sie einer heiligen Handlung beiwohnen. Jede Bewegung Marits verfolgte sie mit wacher Aufmerksamkeit, so, als könne sie daraus lernen, was in dieser fremden Welt von Wert war.

„Na, schau an“, murmelte Sven, der wegen seines schmerzenden Beins länger im Auto gesessen hatte, als ihm lieb war und nun erst Marit erblickte. „Die Spinatwachtel.“

Marit drehte sich um. Ihre grauen Augen blitzten, als sie Sven musterte. Ihr Blick glitt tiefer und blieb an dem kleinen Bauchansatz hängen, der sich unter seinem Hemd wölbte.

„Ein bisschen mehr Spinat und weniger von dem Süßkram, den du in dich hineinfutterst, könnte dir nicht schaden, lieber Sven.“

Katja lachte leise. Sven verzog nur den Mund.

„Ach, Marit … du bist wie immer ein Quell der Motivation.“

„Manche Wahrheiten schmecken bitter. Wie Brennnesseltee. Aber sie wirken.“

Ein warmer Windstoß fuhr durch die Zweige einer nahen Ulme, ließ das lange Tuch auf Marits Kopf verrutschen. Es glitt herab, und silbergraue Strähnen lösten sich, umspielten ihr Gesicht. Sie schob sie nicht zurück.

„Und ihr habt eine verlorene Seele gefunden.“

„Eine was?“ Katja hob die Brauen. Das von Sven gemurmelte „Amen!“ überhörte sie.

Mit den Händen im Kreuz stützte sie ihren Rücken; in letzter Zeit verspürte sie mehr und mehr Zipperlein. Der frühe Juni zeigte sich ungewöhnlich warm, doch sie wusste, wie schnell das Wetter hier umschlagen konnte. Zwischen den Grabsteinen lag der Geruch von feuchtem Stein und altem Laub, und doch war da noch etwas in der Luft: eine Ahnung, wie feines Salz, das sich unsichtbar auf ihre Haut legte.

Marit zeigte mit einem leichten Nicken auf die Gestalt, die gerade Löwenzahnblätter in den Korb legte. „Ich meine sie.“

Sven verlagerte sein Gewicht, als wolle er nicht zu sehr auf den Stock angewiesen sein. Katja wusste nicht, ob es Eitelkeit, Stolz oder Sturheit war – wahrscheinlich alles zusammen. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu; Worte waren nicht nötig. In diesem Blick lag Zuneigung und Fürsorge, niemals Mitleid.

„Und wer ist sie?“, fragte Sven.

„Das weiß ich nicht. Aber ganz sicher keine Mörderin.“

Sanft fuhr Marit der Fremden über das stumpfe, blonde Haar. „In den langen Praxisjahren bekommt man einen Blick für Menschen. Doch ja, in irgendwelche Ungereimtheiten ist sie wohl verwickelt.“

Katja nickte. Marit hatte ausgesprochen, was sie selbst dachte.

Sven schnaubte. „Weiber …“ Seine Stimme bekam einen spöttischen Zug.

„Ungereimtheiten, Frauen in stinkenden, verdreckten Leinensäcken, denen es die Sprache verschlagen hat, und eine nackte, aber unverletzte Männerleiche, und die nicht unter, sondern über der Erde. Huhuuuu.“

Er klappte Katja spielerisch auf den Po, hauchte ihr einen Kuss in den Nacken. „Hauptsache, wir beide haben heute Nacht keine Ungereimtheiten“, flüsterte er, ehe er laut hinzufügte: „Schaut mal, ob ihr weiterkommt …“, sein Stock deutete auf die Unbekannte, „… mit der da. Ich fahr ins Präsidium und zur Rechtsmedizin nach Greifswald. Mal sehen, was Meister Majonika zu unserem Fund sagt.“

Er drehte sich um und ging den schmalen Kiesweg entlang. Katja bemerkte, wie die Augen der Fremden ihm folgten und wie sie sich weiteten, groß wie Teller, als er die Autotür öffnete.

„Sie scheint Angst vor Autos zu haben“, stellte Katja leise fest. „Ich kann sie nicht einfach gehen lassen. Sie ist die einzige Zeugin, die wir haben, vielleicht sogar in einem Mordfall.“

Marit bückte sich, ordnete die Blätter im Korb.

„Zeugin oder Opfer, wer weiß das schon. Vorschlag: Statt zum Verhör nach Stralsund bringen wir sie erst einmal zu mir. Sie kann sich waschen, etwas essen und bekommt saubere Kleidung. Von meiner Tochter Emma habe ich noch Sachen. Als sie nach Berlin zog, hat sie einiges hiergelassen, damit sie nicht jedes Mal mit Koffer anreisen muss.“

Katja nickte. Gemeinsam mit den beiden ungleichen Frauen ging sie den grasbewachsenen Pfad zwischen den Gräbern entlang, bis das eiserne Tor in Sicht kam.

Die Fremde zögerte, setzte dann einen Fuß vor den anderen, als würde sie einen sicheren Hafen verlassen.

„Na komm, Mädchen“, sagte Marit sanft. „Die Sonne wird heiß glühen, und die Nesselblätter müssen trocknen.“

Der Wind strich durch das Geäst über ihnen, ein Schwarm Spatzen flatterte auf, und zwischen den alten Steinen hing noch der schwere Duft von Erde und Tau.

Die Frau hob den Kopf, sog tief die Luft ein.

„De Winde weet, wo min Kind begroven ligget …“

Die Worte kamen leise, tonlos, mehr zu sich selbst gesprochen.

Katja blieb abrupt stehen, sah zu Marit.

„Was hat sie gesagt?“

Marit schüttelte den Kopf. „Plattdeutsch ist das nicht, aber …“

Die Frau griff nach Katjas Hand, ihre Augen glänzten feucht.

„Die Winde wissen, wo mein Kind begraben liegt.“

Der Blick, den sie Katja schenkte, sagte alles: Hilf mir. Bitte.

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