Chương 9: Kapitel 8

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Der Raum riecht nach wohlduftenden Kräutern. Nicht nach dem dumpfen, schweren Atem der Zelle. Ich rieche Lavendel, Salbei und den süßen Duft von Waldmeister. Es riecht wundervoll, nicht nach stechendem Schweiß und fauligem Atem. Nein, hier ist es hell, warm und lebendig. Und … fremd.

Der Boden ist glatt und glänzend, aus Stein. Nirgends finde ich Stroh oder Binsen, keine Unebenheit, an der ich mir den Zeh stoßen könnte.

Und es ist still. Ich höre keine Hufe, keine Rufe, kein Hämmern vom Schmied, kein Knistern von Holz. Keine kreischenden oder lachenden Frauen am Brunnen. Keine Tür, die knarrt. Keine Kinder, keine bellenden Hunde, kein Gemaule von Katzen. Warum ist es so still?

Vielleicht, weil Marit eine feine Dame ist und ich in einem feinen Haus bin? Vielleicht ist es hier stiller als in unserem Dorf.

Ich sitze auf einem Hocker mit geschnitztem Holzrücken, Ranken und Linien darin, wie ich sie von den Kirchenbänken kenne. Ich wage kaum, mich anzulehnen. Man nennt so etwas Stuhl, hat mein Vater gesagt. Ich habe einen als Kind gesehen, in der Ratsstube, als der Vogt darauf saß, während man meinen Vater zur Rede stellte.

Mein Vater war ein ruhiger Mann, kein Trinker, kein Raufer. Und doch rief man ihn eines Tages in die Ratsstube. Man beschuldigte ihn, Holz geschlagen zu haben, wo es nicht erlaubt war. Ich erinnere mich genau: Vater stand vor dem Vogt, die Mütze in den Händen, den Blick gesenkt. Mutter war krank, wir hatten nichts zum Heizen. Der Vogt ließ ihn lange stehen, dann sprach er das Urteil: eine Geldstrafe. Aber seine Stimme wurde weicher, als Vater sagte: Ich tat es, um das Leben meiner Frau zu retten. Der Rat ließ Gnade walten. Doch Vater durfte fortan nicht mehr in den Gemeindewald. Und er hat nie wieder ein Stück Holz geschlagen, das ihm nicht gehörte.

Für Menschen wie mich ist ein solcher Sitz nicht gedacht. Er ist zu kostbar, zu aufrecht, zu mächtig. Und dennoch genieße ich den unerlaubten Moment. Der Stoff unter mir ist weich, fast wie Moos nach einem Sommerregen. Aber anlehnen traue ich mich nicht.

Da ist ein anderes Geräusch. Hinter mir, in einer anderen Kammer. Es klingt wie ein einzelner Regentropfen, der beharrlich und rhythmisch in den Dorfbrunnen fällt. Tik … tik … tik … immer weiter.

Die Stimmen von Marit und Katja schwimmen wie Nebel durch die Luft. Ich fange Wortfetzen auf: Mord, Zeugin, Verwirrung. Was meinen sie? Doch ehrlich gesagt interessiere ich mich mehr für diese Kammer voller Wunder. Oder sind es Dämonen, die nur darauf lauern, mich anzuspringen? Ich weiß es nicht.

Rechts an der Wand, ein Stück hinter mir, steht ein sehr großer weißer Kasten. In ihm ist der Winter gefangen. Marit hatte ihn einfach geöffnet, als wüsste sie nicht, wie gefährlich Kälte sein kann. Ich habe nicht hingeschaut, nur den Schauer an meinem Rücken gespürt. Als sie den Kasten wieder schloss, war die Kälte verschwunden. Sie stellte ein Behältnis auf den Tisch und nannte es Milch. Milch ohne Kuh, vom Winter gefangen. Faszinierend.

Links von mir steht ein Sockel, oder ein Schrank? Ein kochender Schrank! Marit hatte einen Topf Wasser darauf gestellt, und als sie ihn berührte, begann es kurz darauf zu dampfen und zu brodeln. Kein Feuer, kein Rauch, keine Glut, Hitze aus dem Nichts.

Zuerst erschrak ich furchtbar. Ich erinnerte mich an Matthes: Du musst nicht alles gleich begreifen, Sina. Der Mond erklärt sich auch nicht, und dennoch leuchtet er.

Ich habe mir vorgenommen, keine Angst mehr zu haben. Es gibt so viel zu entdecken. Und Matthes hat recht: Ich muss nicht alles verstehen. Vielleicht ist es besser so.

Licht fällt in goldenen Streifen durch ein großes, klares Loch in der Wand. Es ist kein Horn, kein Tuch, kein Holzrahmen. Als ich es das erste Mal sah, glaubte ich, es sei Eis. Aber es ist weder kalt noch schmilzt es. Marit nennt es Glas. Ein Fenster.

Fenster kenne ich. Matthes hat uns kurz vor Alinas Niederkunft zwei gebaut, aus Holz und Schweineblasen. Ich will nicht, dass der kalte Wind euch holt, nicht dich und nicht unser kleines Wunder, hatte er gesagt. Der Wind hat draußen genug zu tun. Hier drinnen soll nur Wärme wohnen. Kein Kind kommt mir zur Welt im Zugwind, das schwör ich dir.

Ich sehe alles vor mir, so klar wie durch das seltsame Glas. Dabei steigen mir die Tränen auf. Ich habe mich immer auf ihn verlassen. Und er hat mir versprochen, bei mir zu sein in meinen letzten Momenten. Aber wo war er? Matthes, wo bist du nur?

Ich sehe auch wieder das Ratsgebäude mit den Butzenscheiben vor mir und die bunten Fenster der Sankt-Marien-Kirche. Das Glas hier ist anders, wie klares Wasser, und doch fest wie Stein.

Ich sah, wie Marit das Fenster öffnete, und die warme Juniluft hereinströmte. Vorsichtig berühren meine Finger erneut das Glas. Es fühlt sich kühl an. Vielleicht, weil der Winter im weißen Kasten gefangen ist? Vielleicht will er hinaus. Es ist jetzt keine Zeit für Winter.

Ich habe gesehen, wie leicht Marit den Kasten geöffnet hat. Ich will es auch versuchen. Vielleicht kommt die Welt ja wieder in Ordnung und ich nach Hause, wenn ich den Winter befreie. Ich ziehe an dem Griff. Ja! Kälte schlägt mir entgegen. Ich lasse das Tor weit offenstehen. Jetzt kann der Winter hinaus und der Sommer hinein.

Ich setze mich wieder, lege die Hände in den Schoß. Nicht bewegen. Nur schauen, was geschieht.

„Nun zeigt euch“, flüstere ich. „Winter, Sommer, wer besiegt wen?“

Ich schließe die Augen.

Oh ja, ich spüre die Wärme des Sommers vor mir und die Kühle des Winters hinter mir.

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