Capítulo 1: Alma – Der goldene Zug

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Der Bahnhof ist leer, als ich ankomme. Zu leer für diese Uhrzeit und zu still für einen Ort, an dem Menschen eigentlich immer irgendwohin wollen. Das Bahnhofsgebäude liegt mir gegenüber. Ein altes Häuschen aus hellem Stein, mit Fenstern, die schon lange niemand mehr erneuert hat. Der Kiosk daneben ist geschlossen, das Rollgitter heruntergelassen, ein verblasstes Plakat dahinter. Daneben, der Ticketautomat. Er ist neu und wirkt dadurch etwas deplatziert. Über dem Gleis flackert die digitale Anzeige kurz, dann bleibt sie stehen. Keine weiteren Verbindungen... Ich lese es zweimal, als könnte sich der Satz beim zweiten Mal anders anfühlen. Tut er nicht. Der letzte Bus ist längst weg, die Taxistände leer. Nur Wind, der Papier über den Boden schiebt und gegen die Papierkörbe schlägt, sodass sie leise klappern. Ich setze mich auf eine der Holzbänke. Sie ist glatt gesessen, das Holz kalt unter den Fingern. Vor mir ein Gleis. Hinter mir ein zweites. Ich sitze dazwischen, mit Blick auf das Bahnhofsgebäude, als hätte ich mich absichtlich genau hier platziert.

Erst jetzt merke ich, dass ich nichts bei mir habe. Ich habe weder ein Portemonnaie noch einen Schlüssel. Nur ein paar Münzen, lose in der Manteltasche. BRACKENFOLD steht in weißer Schrift auf dem dunkelblauen Ortsschild. An Ketten hängend, schwankt es leicht im kühlen Wind. Dasselbe Schild hängt noch einmal am Bahnhofsgebäude. Es wirkt, als müsse man den Namen festhalten, damit er nicht davonweht. Meine Beine zittern. Vor Kälte, aber auch vor Erschöpfung. Der Herbst ist schon weit genug, um sich bemerkbar zu machen. Ich denke an Rose, an ihr Gesicht An die Art, wie sie gelacht hat. Für sie war die Welt immer größer als sie eigentlich ist. Und ich erinnere mich an den Moment, in dem alles aufgehört hat, Sinn zu ergeben.

Vielleicht sollte ich nach Hause gehen. Vielleicht sollte ich warten, bis es wieder hell wird. Vielleicht sollte ich auch einfach gar nichts mehr tun.

Der Wind legt sich. Die Stille wird dichter.

Ich schließe kurz die Augen, nur für einen Moment. Als ich sie wieder öffne, liegt eine warme Hand auf meiner Schulter „Sie sollten hier nicht schlafen“, sagt eine weibliche Stimme ruhig zu mir. Vor mir steht eine rundliche Frau in einem dunklen Kostüm. Eine Schirmmütze sitzt tief in ihrem Gesicht. Ihre Augen sind freundlich und blicken mich fast schon liebevoll an. Hinter ihr… Für eine Sekunde halte ich den Atem an. Am Gleis steht ein Zug. Eine Dampflok, wie aus einer anderen Zeit. Das Metall schimmert, als läge Gold darunter. Ich bin mir sicher, dass er eben noch nicht da war. Und es fährt doch heute gar kein Zug mehr. Ich werfe einen Blick auf die Anzeige. Sie bleibt schwarz. „Der letzte Zug fährt gleich“, sagt die Frau. „Ich muss in die Stadt“, antworte ich. Meine Stimme klingt brüchig. „Ich muss Rose, meine Tochter, finden.“ Ich zögere. „Sie hat sich verlaufen.“

Ich höre selbst, wie hoffnungslos das klingt. Sie lächelt mich mitfühlend an. „Steigen Sie ein.“ „Ich habe kein Geld.“ „Das brauchen Sie nicht.“

Ich schüttle den Kopf. "Ist das ein besonderer Zug, er sieht so anders aus?“ Die Frau legt den Kopf leicht schief. „Er bringt Menschen dorthin, wo sie sein müssen.“ Ich weiß nicht, warum ich ihr glaube. Vielleicht, weil mir nichts anderes bleibt.

Der Wagen ist warm, fast schon zu warm, trotz der kühlen Nacht. Der Duft von Kakao liegt in der Luft. Als sie mir eine Tasse reicht, zittern meine Hände. Der erste Schluck schmeckt nach früher. Nach Küche und nach der Wärme meiner Mutter. „Sie können sich hinlegen“, sagt sie. „Die Fahrt dauert.“ Ich folge ihr durch den schmalen Gang. Der Zug ist leer, zumindest soweit ich das beurteilen kann. Sie führt mich zu einem Schlafabteil und öffnet mir die Tür einer Kabine mit nur einem Bett. „Ich wecke Sie“, sagt sie. Dann schließt sie die Tür. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ich höre das rhythmische Schlagen der Räder. Es klingt wie ein Herz. Ich denke noch, dass ich nie einen Zug gesehen habe, der so leise fährt.

Ich schlafe ein. Als ich erwache, ist es hell. Sonnenlicht fällt durch das Fenster. Draußen ist alles grün. Ich sehe auf Wiesen, Blumen und Libellen, die in der Luft stehen zu bleiben scheinen Der Zug hält und ich steige aus. Am Bahnsteig wartet eine Frau. Sie sieht der Zugbegleiterin ähnlich. Vielleicht ist es ihre Schwester? Die Frau trägt ein violett geblümtes Kleid und eine weiße Rüschenschürze. „Willkommen“, sagt sie lächelnd „Ich bin Eira.“ „Wo bin ich?“ frage ich „An einem Ort, an dem viele suchen.“

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Cap 2
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