Capítulo 26: Noah – Wald

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Der Wald nimmt uns auf, als hätten wir nie woanders hingehört.

Das Licht bricht gefiltert durch die Kronen, staubig und weich zugleich. Der Boden unter meinen Füßen ist uneben, durchzogen von Wurzeln, die aussehen wie Adern. Lebendig. Wach.

Lina geht neben mir.

Nicht zu nah. Nicht zu weit weg.

Ich spüre sie, auch ohne sie anzusehen.

Ihre Präsenz zieht an mir, leise und unerbittlich. Wie ein Magnetfeld, das ich nicht abschalten darf.

Eamon hat gesagt, wir sollen unsere Sehnsucht nicht besiegen, nur halten.

Und wir sollen schweigen.

Der Wald sei kein Ort für Worte.

Also schweigen wir.

Nur unsere Schritte.

Unser Atem.

Ich höre, wie sie einmal stockt, kaum merklich. Ich halte an, drehe mich zu ihr um. Sie hebt den Blick, und für einen Moment vergesse ich alles, was ich unterdrücken soll.

Da ist sie wieder.

Diese Sehnsucht.

Nicht wild. Nicht unkontrolliert.

Sondern tief. Alt. Schwer.

Kein Wind, kein Vogelruf, kein Knacken von Ästen. Nur dieses dichte, atmende Schweigen, das sich sofort unter meine Haut schiebt, als hätten wir eine Grenze überschritten, die man nicht sieht.

Feuchtigkeit steigt auf, riecht nach Moos, nach altem Holz, nach etwas, das länger lebt als alles, was wir kennen.

Ich spüre Lina, in jeder Zelle in mir. Das Ziehen in meiner Brust, dieses unverschämte, süße Verlangen, näher zu kommen, sie an mich zu ziehen, meine Stirn an ihre zu legen, ihren Atem zu teilen. Meine Haut prickelt, als hätte jemand Licht daruntergelegt.

„Langsam“, sagt sie leise.

Nicht zu mir. Zu sich selbst. Vielleicht auch zu dem, was zwischen uns wächst.

Ich nicke, obwohl sie mich nicht ansieht.

Der Wald reagiert.

Nicht sichtbar. Nicht greifbar.

Aber etwas verändert sich. Die Stille verdichtet sich, als würde sie zuhören. Als würde sie uns prüfen.

Gefährlich.

Ich halte meine Hände still.

Halte mich selbst fest.

„Noah“, flüstert sie.

Ich sehe sie an. Ihre Augen sind dunkel, weit, voll von dem, was sie noch nicht beherrschen kann. Gefühl auf Gefühl, ungebremst, roh. Sehnsucht. Angst. Vertrauen. Alles gleichzeitig.

Ein Knacken links von uns.

Nicht laut.

Bewusst.

Ich weiß sofort: Das ist kein Tier.

Etwas beobachtet uns.

Nicht neugierig.

Wartend.

Der Wald!

Lina spürt es auch. Ich merke es daran, wie sich ihre Finger in meinen Ärmel krallen, kurz, reflexhaft, dann lässt sie los.

„Nein“, flüstert sie. Nicht panisch. Klar.

Sie hebt den Kopf, sieht mich an. Ihre Augen sind dunkel, offen, ehrlich.

„Wir dürfen uns nicht verlieren“, sagt sie leise. „Nicht so.“

Meine Stirn liegt jetzt an ihrer. Unsere Atemzüge vermischen sich. Jeder von ihnen ist ein Risiko.

„Wenn wir uns…“, sie schluckt, „wenn wir uns gegenseitig auffressen wollen, dann spüren sie uns.“

Ich weiß, dass sie recht hat.

Und es kostet mich alles, es zu akzeptieren.

Ich schließe kurz die Augen. Zwinge mich, die Energie zurückzunehmen. Nicht wegzudrücken, nur zu bündeln. Zu halten.

„Runterfahren“, murmle ich. Mehr zu mir selbst als zu ihr.

Sie nickt.

Atmet bewusst aus. Einmal. Zweimal, hatte Eamon gesagt

„Wir dürfen nicht“, sagt sie.

Ihre Stimme zittert kaum merklich. „Nicht so.“

Ich weiß genau, was sie meint.

Dieses Verschmelzen, dieses Verlieren, dieses Ich will dich ganz.

Der Wald antwortet.

Ein Druck legt sich auf meine Schultern. Nicht schmerzhaft. Wachsam. Als würde etwas sehr Altes sagen: Passt auf.

Ich atme ein. Tief. Langsam. Zwinge meine Gedanken zurück in meinen Körper.

„Ich weiß“, sage ich.

Meine Stimme klingt tiefer, rauer, als ich will. „Aber es ist schwer.“

Ein fast trauriges Lächeln huscht über ihr Gesicht.

„Das ist kein Fehler“, sagt sie. „Das ist nur… viel.“

Sie schließt kurz die Augen. Als würde sie zählen. Oder sich sammeln.

Ich sehe, wie sie kämpft. Mit sich. Mit mir. Mit dem, was wir sind, ohne es gewählt zu haben.

Der Wald knistert.

Nicht laut. Nur ein leises Arbeiten unter der Erde. Als würden Wurzeln sich bewegen, Millimeter um Millimeter.

Ihre Haut riecht nach Wärme, nach Salz, nach Leben. Mein Herz schlägt zu schnell. Ich spüre, wie meine Kontrolle brüchig wird, wie meine Wahrnehmung sich ausdehnt, wie alles in mir auf sie zuläuft. Der Boden vibriert unter unseren Füßen.

„Noah“, sagt sie wieder. Fester jetzt.

Und dann, kaum hörbar:

„Wenn wir uns nicht halten, dann hält uns der Wald.“

Der Satz trifft mich wie ein Schlag.

Nicht drohend.

Wahr.

Ich bleibe stehen. Zwinge mich, Abstand zu lassen. Meine Hände ballen sich, dann lösen sie sich wieder. Einmal. Zweimal.

Der Druck im Wald lässt nach. Nicht weg. Aber er wird… ruhiger.

Lina öffnet die Augen.

Sie sieht mich an. Und diesmal ist da keine Sehnsucht, die schreit. Sondern eine, die bleibt. Ruhig

„Wir können das“, sagt sie.

„Aber nicht, indem wir uns verlieren.“

Ich nicke. Langsam. Ehrlich.

„Dann bleiben wir“, sage ich. „Bei uns.“

Ein Moment vergeht. Oder zehn. Zeit ist hier anders.

Und irgendwo, tief zwischen den Wurzeln, spüre ich es klar und unmissverständlich.

Nicht als Gedanke.

Als Gewissheit.

Dass sie zu mir gehört.

Nicht wie etwas, das man nimmt.

Sondern wie etwas, das man erkennt, wenn man still genug ist.

Und als würde uns etwas sehr Altes zusehen, nicht aus Gnade, sondern aus Neugier, um zu sehen, wie viel Nähe ein Gleichgewicht aushält.

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