Capítulo 14: Kapitel 13

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Sven schaute sich um, frisch sanierter Plattenbau. Ihn, als einer von ‚drüben‘ erinnerte es dennoch an die endlosen, grauweiß gedämmten Fassaden und daran, dass die DDR einst ganze Straßenzüge wie aus Kopierpapier errichtet hatte: ein Haus, hundertfach vervielfältigt. Am Bordstein stapelte sich Sperrmüll: ein zerschlissenes Veloursofa, zwei alte Matratzen, eine Kiste voller Plastikbausteine, deren Farben längst vom Spiel abgegriffen waren.

Über allem roch es nach feuchtem Beton, Salzluft und vager Vorfreude auf einen sommerwarmen Tag, sobald die Sonne den Nebel vertreiben würde.

Katja drückte die Klingel. Mertens F&D. stand auf einem geklebten Namensschild. Der Türsummer kam fast augenblicklich, als hätte jemand hinter der Gegensprechanlage gewartet.

„Erster Stock, Gott sei Dank“, murmelte Sven. Sein linker Arm stützte den schwarzen Gehstock, während er das Knie kurz kreisen ließ, um es aus der Morgensteife zu lösen.

In der Wohnungstür stand eine hagere Frau Mitte dreißig. Ihr dünnes, halblanges Haar, gefärbtes blond mit mausbraunem Ansatz, fahle Haut, ihre wasserblauen Augen schauten müde und misstrauisch. Zwei Mädchen, vielleicht fünf und acht Jahre alt, flitzten hinter ihrer Mutter hervor, schoben einen kleinen Puppenwagen durch den Flur, als wäre er ein Rallyewagen. Im Gegensatz zur Mutter hatten sie schwarze Locken, olivfarbene Haut, dunkelbraune Augen, die kein bisschen nach deutschem Ostseesand aussahen.

„Sie sind vom Umzugsunternehmen?“, fragte die Frau. Der Blick glitt skeptisch zu Svens Stock, als traue sie dem Mann mit der Gehhilfe den Transport ihrer Kisten nicht zu.

Katja zog ihre Dienstmarke. „Kriminalpolizei, mein Name ist Sommer, das ist mein Kollege Kriminalhauptkommissar Widahn.“

Diana Mertens blinzelte, griff an das verblichene Silberkreuz, das um ihren Hals hing. „Polizei? Ich habe doch gar nichts verbrochen.“ Die Stimme klang heiser, als hätte sie die halbe Nacht sortierend, mit leblosen Kartons gesprochen.

„Wir möchten nur ein paar Fragen stellen, zu Ihrem Mann, Faris Mertens“, sagte Katja sanft.

Ein Zucken ging über Dianas Gesicht, ein Schatten von Trauer und Abwehr zugleich. Sie trat einen Schritt zur Seite. „Kommen Sie rein. Aber lange kann es nicht dauern, der Flieger geht übermorgen und ich habe noch jede Menge zu erledigen.“

Katja und Sven traten in den kleinen Flur. Zwischen Umzugskartons roch es nach billigem Teppichkleber, Sanddorn Duschbad und einem Rest Hoffnung, der in der Luft hing wie nicht ganz ausgepackte Sommerkleider.

„Flieger?“ Katja sah sich um, „Planen Sie in Urlaub zu fliegen?“

Der Flur mündete in das entkernte Wohnzimmer, die Tapete in vergilbtem Pfirsischmuster, halb abgezogen, darunter nackter Estrich. Zwei langgezogene Spuren eines Bollerwagens im Staub rundeten das Bild ab. In der Ecke lehnten zwei zusammengefaltete Campingklappstühle.

„Nein, wir ziehen nach Dubai.“ Die Antwort kam kurz und knapp. Diana klappte die Stühle auf, stellte sie unter das einzige Fenster und wies mit gehetzter Höflichkeit darauf: „Setzen Sie sich bitte. Mehr Möbel gibt’s nicht mehr, außer Matratzen für die Kinder und mich, der Rest ist schon weg.“

Katja nahm Platz, klappte ihr kleines, abgegriffenes Ermittlungsnotizbuch auf, ganz im Gegensatz zu Sven, der jede Adresse in sein Diensttablet tippte, war sie oldschool und schwor noch auf Stift und Papier. Sven ließ sich langsam nieder, das Bein vorsichtig streckend. Diana blieb stehen, verschränkte die Arme, als wollte sie jederzeit weiterpacken.

Katja stellte Schultern; die Pappkartons um sie herum wirkten plötzlich wie Mauern. Sie zeigte der Frau ein Foto. „Ist das Ihr Mann? Frau Mertens?“

Diana schaute auf das Foto: „Ja schon, aber wie kommen Sie denn…?“

„Ihr Mann Faris wurde vorgestern früh tot aufgefunden“, sagte Katja leise. „Auf dem Alten Friedhof von Bergen auf Rügen."

Für einen Moment war nur das ferne Klacken der Müllabfuhr zu hören. Dianas Gesicht erstarrte, als hätte jemand die Farbe herausgezogen.

"Samira, Layla geht mal kurz in eure Zimmer"; sie schob die beiden Mädchen sanft auf den Flur zurück und schloss die Wohnzimmertür.

„Das… das kann nicht sein“, flüsterte Diana.

„Ja, es tut uns ja auch sehr leid. Wir hatten zunächst keinen Hinweis, wer die aufgefundene Person war, es gab ja auch keine Vermisstenmeldung." Sven rieb sich das linke Bein, der Campingstuhl verursachte ihm Schmerzen.

„Nein, natürlich gab es keine Vermisstenanzeige, er war ja auch nicht vermisst. " Ihre Stimme klang schrill, als schien sie im Glauben zu sein, sich verteidigen zu müssen.

Sie schob die beiden neugierigen und stillen Mädchen, die leise die Wohnzimmertür geöffnet hatten, erneut zurück auf den Flur und schloss die Tür.

"Er war doch in der Schweiz…, ich meine... er soll doch anonym in einem Friedwald…“

Sie schluckte, gestikulierte sinnlos in der Luft herum, fand kein Ende für den Satz. "Ich verstehe... gar nichts.“

Sven fasste in die Innentasche seiner Jacke und zog sein Dienst Tablet hervor. Auf dem Display leuchtete das Foto eines winzigen, kreisförmigen Tattoos, welches aussah wie ein geheimnisvolles Siegel, das am Oberschenkel des Opfers entdeckt worden war. Sven drehte das Gerät, sodass Diana es sehen konnte.

„Haben Sie dieses Zeichen jemals bei Ihrem Mann bemerkt? Vielleicht in den letzten Wochen… ein neues Tattoo?“

Diana blinzelte, schüttelte vehement den Kopf. „Faris hasste Tattoos. Er sagte immer, die Haut sei ein Geschenk Gottes, das man nicht beschmiert. Das da habe ich noch nie gesehen.“

Sven tippte den Bildschirm aus, schob das Tablet zurück. „Gut, das hilft uns weiter.“ Er räusperte sich. „Es tut uns leid, wenn wir Sie verunsichern. Wir versuchen gerade herauszufinden, wie ihr Mann auf den Friedhof gekommen ist.“

Tränen standen in Dianas Augen, aber sie blieben ungeweint. "Ja das möchte ich aber auch gerne wissen." Sie kramte ein Taschentuch aus der Jeanstasche und fuhr sich damit über die spitze Nase. „Stellen Sie Ihre Fragen.“ Ihre Stimme klirrte wie dünnes Glas.

Katja blätterte eine Seite nach vorn. "Frau Mertens, bevor wir weitergehen: Ihr Mann wurde in den Klinikunterlagen als Faris Mertens, Geburtsname Al Kazemi geführt, richtig?"

Diana nickte schwach.

"Ist es nicht eher unüblich, dass ein Mann aus dem arabischen Raum den Nachnamen seiner Frau annimmt?"

Ein matter Zug von Stolz huschte über Dianas Gesicht. "Doch, absolut. Aber Faris und ich dachten, dass er, und vor allem unsere Mädchen, es mit einem deutschen Namen leichter haben würden. Faris war Moslem, kam 2016 als Flüchtling in unser Land. Sie wissen ja, wie gespalten die Gesellschaft manchmal ist. Mertens klingt harmlos. Kein Mensch fragt zweimal nach Herkunft oder Religion."

Katja nickte, schlug ihr Notizbuch auf. „Frau Mertens, können Sie uns schildern, warum Ihr Mann die Klinik verlassen hat?“

Diana rieb ihre Unterlippe, als wolle sie Worte aus trockener Erde formen. „Es war Mitte Mai..."

"Wann genau?" hakte Sven nach.

"Genau...? Vor vier Wochen etwa. Eigentlich hatten wir mit dem Stationsarzt und dem Sozialen Dienst des Krankenhauses zugestimmt, dass er die letzten Wochen in ein Hospiz zieht. Wir wollten nicht, dass unsere Mädchen... sie hingen sehr an ihrem Vater, wissen Sie?"

Sie ließ sich die Wand entlang runterrutschen und setzte sich mit angewinkelten Beinen auf den Boden, den Kopf gegen die Wand gelehnt. "... und er liebte sie." Ihr Mund, ihr ganzes Gesicht wurde zu Tränen. Sie schüttelte im tiefen Schmerz den Kopf hin und her. "Wir hatten doch noch so viel vor, noch so viel vor, so maßlos viel vor. Er studierte Biologie und Mathematik, tagsüber jobbte er bei einem Kurierdienst und fuhr Pakete aus."

Sie nahm ein neues Taschentuch aus der Packung und fuhr sich damit übers Gesicht.

Katja und auch Sven ließen sie reden. Katja versuchte ein tiefes Ein- und Ausatmen zu unterdrücken, sie wusste, jetzt kam wieder einer der Momente, der ihren Beruf besonders schwer machte. Dass Sven ähnlich dachte, erkannte sie daran, wie er scheinbar konzentriert seinen Stock zwischen den Fingern hin und her drehte.

"Und dann…“ ein tiefer Schluchzer unterbrach sie, „… nahm er unmerklich ab, klagte immer häufiger über Rückenschmerzen und lehnte plötzlich sein geliebtes Fladenbrot ab, weil ihm davon übel wurde."

Für einen Moment packte sie die Erinnerung so stark, ihr Gesicht wirkte besorgt und gequält. "Kurz vor der Klinikaufnahme färbten sich seine Augen gelb, der Urin wurde dunkel und der Stuhl fast lehmig."

Katja starrte auf ihr Notizbuch, die Seiten waren immer noch leer. Vielleicht kam ja doch noch eines Tages der Durchbruch und niemand musste mehr an Krebs sterben. Aber das half ja Diana jetzt nichts und Faris erst recht nicht.

"Ich muss Ihnen leider noch etwas sagen", Sven räusperte sich, jetzt kam der schwere Teil. "Wir haben Faris nicht nur auf dem Friedhof gefunden, er war nackt."

"Was ... wie... was? Wie kann das sein?“ Dianas Stimme war nun vollends heiser.

Katja setzte sich spontan zu der hilflosen Frau auf den Boden, griff nach ihrer Hand.

"Aber warum? Wer macht so etwas Entwürdigendes?“ Ungläubig sah Diana sie an. "Das hätte Faris nie zugelassen!“

Katja sah Sven an, sie verstanden einander ohne Worte: wir lassen das jetzt so, wir überfordern sie sonst, da sind ja auch noch zwei Kinder, die sie brauchen. Sven nickte kaum merklich. Manchmal musste man abwägen zwischen Recht und Moral.

"Genau das möchten wir gerne herausfinden. Sehen Sie sich imstande, uns von den letzten Tagen Faris zu erzählen, vielleicht gibt es ja Ungewöhnliches, dem man bis jetzt keine Achtung geschenkt hat?"

Diana klopfte mit dem Hinterkopf rhythmisch gegen die Wand. Ein bitteres Lächeln auf den Lippen. "Ja, in der Tat, jetzt im Nachhinein..."

Katja hatte leise ihren Notizblock wieder hervorgeholt. "Erzählen Sie ganz in Ruhe, wir hören zu."

Diana stand auf und ging auf und ab wie ein Tiger im Käfig, die beiden Hände in den hinteren Jeanstaschen vergraben. "Wir wussten sehr schnell Bauchspeicheldrüsenkrebs, fortgeschrittenes Stadium, er hatte keine Chance mehr. Noch war er im Krankenhaus und ich fuhr jeden Tag nach der Arbeit zu ihm. Dann kamen der Stationsarzt und der soziale Dienst, Faris war ausgesteuert, man konnte in der Klinik nichts mehr für ihn tun, es gab zwei Optionen, entweder nach Hause oder in ein Hospiz. Wir entschieden uns für das Hospiz...", sie deutete mit dem Kopf zur geschlossenen Wohnzimmertür. "Wegen der Kinder, Sie verstehen?!“

Er bekam auch schnell einen Platz und sollte drei Tage später umsiedeln, einige Formalitäten waren schnell geregelt.

Jedoch nur einen Tag später," sie blickte aus dem Fenster auf das Hochhaus gegenüber, "es war eigentlich alles wie immer. Ich hetzte nach der Arbeit nach Hause, holte die Mädchen von der Schulgruppe ab und wir fuhren, wie jeden Tag, zur Klinik. Aber ..." Sie blickte Katja direkt an, "...in Faris’ Zimmer saßen zwei junge Männer. Freundlich, höflich, beide vielleicht Anfang dreißig. Lars und Felix – beide waren ehrenamtliche Sterbebegleiter, die Menschen bei ihrem letzten Weg beistehen.“

Katja machte sich eine Notiz. „Hatten sie Namensschilder? Eine Organisation?“

„Nicht, dass ich wüsste. Aber sehr nett waren sie. Sie trugen dunkle Freizeitkleidung, sehr gepflegtes Äußeres. Und… Faris lächelte, zum ersten Mal seit Wochen lächelte er wieder."

Sie musste auch lächeln, das machte ihr Gesicht weicher. "Nachdem die beiden Männer sich kurz vorgestellt hatten, standen sie auf, verabschiedeten sich. Ich bat sie noch zu bleiben, sie schienen ja Faris gut zu tun."

Diana holte tief Luft und nahm ihren Spaziergang durch das Zimmer wieder auf. "Der größere, Lars, sagte zu Faris: ‚Wir können alles so machen, wie wir besprochen haben, aber schlafen Sie bitte in Ruhe noch eine Nacht darüber‘.“

Sven sah zu ihr hoch. “Was genau meinte er damit?"

Diana zuckte hilflos die Schultern. „Ich dachte, es ginge um Seelsorge. Aber am nächsten Tag nahm Faris mich auf den Flur und sagte, er verlasse die Klinik auf eigenen Wunsch. Nicht ins Hospiz, er wolle mit Lars und Felix in die Schweiz. Dort gebe es Möglichkeiten der … Sterbehilfe.“

Die ältere Tochter, Samira, lugte wieder durch die Tür ins Wohnzimmer. Diana schenkte ihr ein angestrengtes Lächeln, wechselte in die arabische Sprache, schickte sie leise zurück. Fast schon entschuldigend sagte sie zu Katja: "Ich lerne seit neun Jahren Arabisch, mit Faris, damit ich auch seine Familie verstehe. Und die Mädchen... sie sind auch verwirrt, sie müssen ja auch damit umgehen, dass ihr Papa nicht mehr nach Hause kommt."

Katja lächelte zurück, alles gut, hieß ihr Blick. Sven fragte sanft: „Hat Ihr Mann erklärt, warum Sie und die Kinder nicht mit in die Schweiz kommen sollten?“

„Er wollte nicht, dass die Kinder das mit ansehen mussten. Es war vorbei, hatte er gesagt, er würde noch ein paar Tage, mit etwas Glück einige Wochen bei uns bleiben, dann eines Nachts sei er weg, wir sollten nicht suchen. Den letzten Weg geh ich allein, meinte er. Sein Körper werde verbrannt und auf einem Friedwald anonym beigesetzt, das sei alles schon geregelt. Für uns werde gesorgt. Er habe schon vor Jahren eine Lebensversicherung abgeschlossen über 250.000 Euro im Todesfall. Ich solle mit den Mädchen so schnell wie möglich nach Dubai gehen.

Sein Onkel, ein Juwelier, würde mir eine angenehme Arbeit und Wohnung besorgen. Die Frau seines Onkels ist auch eine Deutsche, wir würden ein gutes Leben dort haben. Er selbst, Faris, er lebe dann in unseren Herzen weiter. Und wenn er weg wäre, solle ich den Mädchen sagen, Papa sei jetzt im Himmel und würde von oben aus immer bei ihnen sein. So sei es für alle das Einfachste. Kein langer Abschied, kein Feilschen mit dem Leben, der Tod kommt immer, wann er will, hatte Faris gesagt.“

Oder wenn man ihn ruft, dachte Katja und blätterte in ihrem Notizbuch.

"Jedenfalls hatten wir noch drei wunderschöne Tage noch mit den Kindern, wir waren am Strand, bummelten, Eis für die Kids und Spielplatz, alles war fast wie immer. Faris schien jede Sekunde davon in sein Herz zu brennen. Ich hatte mich gewundert, dass es ihm so gut ging, er meinte, er habe eine Aufbauspritze oder so bekommen."

"Von wem?" Sven runzelte die Stirn.

Diana zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Er sagte mir weder, wo er es herbekommen hatte, noch wie das hieß. Aber dadurch hielt er eine Zeitlang so gut durch, ich hatte fast schon wieder so etwas wie Hoffnung, dass doch nur alles ein böser Traum sei."

Katja wurde besonders aufmerksam. „Also laut den Angaben im Krankenhaus hat man ihm nichts Besonderes gespritzt. Das Morphium hat er wohl zum Schluss abgelehnt."

Diana nickte, dieses Mal verunsichert und bedauernd. "Ja, er meinte, er bräuchte das nicht, ihm ging es auch so sehr gut, besser als mit Morphium, das ihn sehr müde machte. Die Spritze hat ihm geholfen. Als ich wissen wollte, was das sei, meinte er, es sei irgendetwas Experimentelles und ich solle mir keine Gedanken machen. Die Zeit wäre zu kurz, um darüber zu reden und wenn er einmal nein sagte und etwas nicht wollte, dann war das auch so. Ich wusste ja nicht, dass das jetzt so in Frage gestellt wird."

Sven stand mühsam auf. "Nein, alles gut. Was war dann am Ende?"

"Nach zwei wundervollen Tagen wurde ich nachts mit einem Mal mit Kopfschmerzen wach, das Bett neben mir war nicht nur leer, es war auch sauber gemacht, das Kopfkissen geschüttelt, die Decke glattgestrichen. Sein Kleiderschrank, seine Bücher, alles Persönliche von ihm... war weg. Es schien, als sei er nie da gewesen. Es war so… als sei nicht die Krankheit ein böser, sondern er, Faris selbst, ein wunderschöner Traum gewesen. Dabei bin ich am Abend zuvor bei ihm im Arm eingeschlafen.

Ich schaute nach den Kindern, sie schliefen friedlich in ihren Betten.“

Sie holte tief Luft, die Erinnerung machte ihr viel zu schaffen. „Ich wusste, er war auf dem Weg in die Schweiz und am anderen Tag … würde er sterben, dann von einem Beerdigungsinstitut abgeholt und eingeäschert werden. Ich bekam sehr schnell Post, einmal von der Lebensversicherung und einmal die Sterbeurkunde. In dem Schreiben von der Versicherung hieß es, dass ich das Geld nach Einsenden der Sterbeurkunde und den Unterlagen ausgezahlt bekäme."

Sven schüttelte den Kopf und sah Katja vielsagend an. Schweiz, Sterbeurkunde, Auszahlung, Anonym in den Wald, das ging alles zu schnell und zu glatt. Irgendjemand hatte da seine Finger im Spiel.

"Sie sagen, Ihr Mann war Moslem, Frau Mertens?“

„Ja!“

„Hat er sich vielleicht durch die Heirat mit einer deutschen Frau und dass er ihren Namen angenommen hat, Feinde gemacht in der Familie oder Freunde? Dann noch Sterbehilfe und anonyme Waldbeisetzung, das hat vielleicht nicht jedem gepasst?“

„Sein Vater war nicht unbedingt so glücklich über seinen Wunsch, den Namen abzulegen, hat das aber letztendlich akzeptiert. Sein einziger Bruder ist im Krieg gefallen. Seine Eltern sind beide dann bei Bombeneinschlägen umgekommen. Er hat nur noch seinen Onkel in Dubai, der hat ebenfalls eine deutsche Frau. Von Freunden in Syrien weiß ich nichts, ich denke, er hat diese Kontakte komplett abgebrochen. Faris selbst war zwar gläubig, aber in erster Linie war er ein Mann der Wissenschaft. Er sagte, Gott verstehe, wenn ein Mensch nicht länger leiden könne.“

Sven tauschte einen kurzen Blick mit Katja, machte sich eine Notiz. „Kennen Sie das Beerdigungsinstitut, mit dem Faris gesprochen hat?“

Sven stellte nun Fragen und Katja schrieb wortlos mit, auch hier war das Ehepaar ein eingeschworenes Team.

„Nein, ich habe mich um nichts gekümmert, ehrlich gesagt. Bei uns hat Faris immer dafür gesorgt, dass es uns gut geht."

„Haben Sie Lars oder Felix noch einmal gesehen?“

„Nein, nur das eine Mal.…“

„Haben Sie die Sterbeurkunde Ihres Mannes?"

„Ja klar."

Auf dem Boden lag eine blaue Plastikmappe. Flugtickets, Reisepässe und andere Dokumente in arabischer Schrift purzelten heraus, dazwischen lag die Sterbeurkunde.

"Hier, bitte!"

„Das Original?"

Diana nickte. Sven schaute hin, Datum des Todes 25.05., also vor drei Wochen.

„Schau mal auf das Datum." Er zeigte Katja die Urkunde. „Dürfen wir die Urkunde mitnehmen? Sie bekommen sie wieder, wenn die Untersuchung abgeschlossen ist.“

Diana Mertens nickte ergeben. „Wenn Sie sich was davon versprechen.“

Katja war aufgestanden und beobachtete durch das Fenster, wie draußen ein gebückter älterer Mann mit einem quietschenden Einkaufswagen über den Gehweg zog; er wühlte in den gelben Säcken nach Pfandflaschen, und das Klirren des Glases hallte durch die eintönige Wohnblockschlucht.

Sie schloss ihr Notizbuch. „Frau Mertens, wir werden alles daransetzen, herauszufinden, was mit Ihrem Mann passiert ist. Darf ich die Namen Ihrer Verwandten in Dubai haben?“

Diana riss einen Fetzen Papier eines Werbeblatts ab, mit dem sie gerade die letzten Gläser verpackte. Ihre Handschrift zitterte.

„Darf ich denn jetzt trotzdem nach Dubai? Er hat es doch so gewollt. Und kann ich seinen Körper nach Dubai überführen lassen? Ich meine, irgendwie kam doch jetzt alles ganz anders.“

Sven nickte ernst. „Noch ist er in Greifswald in der Rechtsmedizin. Ein Kollege kommt morgen Mittag und holt Sie ab. So leid es mir tut, Sie müssen Ihren Mann identifizieren. Danach geben wir Ihnen sofort Bescheid, wenn Ihr Mann freigegeben wird. Bitte beauftragen Sie doch einen Bestatter, der sich auskennt mit Überführungen, der wird Ihnen dann dementsprechend weiterhelfen."

Katjas Handy klingelte. „Ja bitte?"

Aus den Augenwinkeln erkannte sie, wie Sven Frau Mertens eine Visitenkarte überreicht.

Die Verbindung knisterte; Marits Stimme klang gedämpft, aber drängend: „Katja? Verzeih, wenn ich störe, sicher seid ihr gerade in einem Termin. Ich bin mit Sina beim Arzt, das kann alles etwas länger dauern, reicht es, wenn wir uns morgen bei mir treffen? Das wird heute zu spät und Sina sieht echt groggy aus. Kommt bitte morgen früh so zeitig ihr nur könnt zu mir nach Bergen. Dann reden wir über alles.“

Katja wechselte einen Blick mit Sven und nickte, obwohl Marit es nicht sehen konnte. „Wir kommen morgen erst zu dir, bevor wir nach Stralsund fahren. Versprochen.“

Marit atmete hörbar aus. „Danke. Fahrt vorsichtig.“

Die Leitung brach ab; nur das Summen des Flurs blieb.

Sven steckte seine Visitenkartenhülle weg. „Marit?“

Katja nickte. „Irgendetwas mit Sina scheint ihr auf dem Herzen zu liegen, sie klang besorgt.“

Sven gab Diana noch einmal kurz die Hand. „Wenn Sie heute Nacht etwas beunruhigt, rufen Sie sofort an. Wir haben eine Krisenpsychologin der Polizei in Bereitschaft, rund um die Uhr.“

Diana antwortete erschöpft: „Ich… danke. Ich werde versuchen, den Kindern etwas Schlaf zu gönnen.“

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