Capítulo 29: Kapitel 28

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Die Stimmen sind längst verstummt, verlorene eintropfen auf dem Tisch fast getrocknet. Es sind das leise Zirpen der Grillen und das entfernte Rauschen des Meeres, welche die Nacht füllen. Über mir spannt sich der Himmel in dunklem Blau, während irgendwo ein Hund bellt, kurz und rau, als wolle er vor etwas warnen.

Ich liege auf dem Gartenbett, von Marit in Decken eingerollt wie ein Kind, die Briefe auf meiner Brust. Die Worte von Matthes und Alina sind in mir, so tief wie meine Narben. Der Körper in dem ich wohne, ist ermattet. Der Schlaf kommt in schweren Wellen.

Ich glaube, Schritte zu hören. Leicht. Wie Schatten. Ich hebe den Kopf an, aber der Garten ist leer. „Alina?“ flüstere ich. Keine Antwort. Nur der Wind, der mir das Haar aus dem Gesicht streicht, so zärtlich wie einst Matthes.

Plötzlich sehe ich ihn vor mir. Bruder Fidelis. So deutlich wie in jenen Nächten, in denen er mit meiner Tochter flüsternd bei Kerzenlicht die Buchstaben übte. „Ich bin müde“, flüstere ich. „Ich kann nicht mehr.“ Unter meiner Haut glimmt eine träge Hitze, als hätte sich das Fieber still in mich geschlichen. Jedoch schweigt Fidelis. Und hinter ihm … regt sich Bewegung. Zwei Gestalten, schlank, fließend, wie aus einer anderen Welt.

Ich will fragen, wer sie sind, doch meine Stimme bleibt in der Kehle stecken. Ein sanfter Druck auf meinem Arm. Kalte Finger. Ein Geräusch wie ein Zischen, dann Stille. Ich will Marit rufen, aber da ist kein Atem mehr. Nur Dunkelheit. Ehe das Licht ganz aus mir weicht, höre ich ein Wort, dumpf, wie durch Wasser gesprochen. Ein Name vielleicht. Oder ein Befehl. Dann … nichts mehr.

Ein Kribbeln läuft durch meine Fingerspitzen. Kalt. Metallisch. Ich versuche, die Lider zu heben, doch sie kleben wie versiegelt. Licht flackert hinter ihnen, rötlich, dann weiß, grell.

Ein Geräusch, regelmäßiges Piepen, dringt in mein Bewusstsein. Nicht das Knarren eines Holzfußbodens. Nicht das Zwitschern der Schwalben am Dachfirst. Nein. Dies ist keine Welt, die ich kenne oder gerade kennengelernt habe.

Mit Mühe öffne ich die Augen. Die Decke über mir ist glatt, mattgrau, durchzogen von feinen Linien. Kein Himmel. Kein Gebälk. Kein Stern, der mir Trost spenden könnte. Die Luft schmeckt unecht. Mein Mund ist trocken.

Etwas liegt auf meiner Brust, etwas, das sich mehr und mehr bemerkbar macht … nein, es ist nicht auf, sondern steckt in mir, schwer und kalt. Es ist nicht mein Herz, nicht meine Kraft. Es trägt nichts von mir, keine Erinnerung, kein Leben.

Ich blinzele. Rechteckiges Licht summt an der Decke. Links von mir flackert ein Licht, rhythmisch, unermüdlich, wie ein stummer Wächter im Raum.

„Wo bin ich?“ Meine Worte kommen rau, brüchig, kaum hörbar.

Niemand antwortet. Ich drehe den Kopf, langsam, als wäre der Nacken aus Stein gemeißelt. Ein Tisch. Ein Stuhl. Ein gläserner Wandabschnitt, dahinter Dunkelheit.

Hinter der Scheibe glaube ich Bewegung zu sehen. Ein Schatten, zu flach, um menschlich zu sein. Ich trage nicht mehr das Kleid, das Marit mir gegeben hat. Ein dünnes weißes Hemd liegt auf meiner Haut, fremd und feindlich wie etwas, das nicht zu mir gehört. Meine Unterarme sind festgebunden, nicht brutal, aber unmissverständlich.

Ein Hauch von Angst steigt in mir auf. Als nächstes kam die Erinnerung. Der Garten. Die Liege. Die Briefe auf meiner Brust. „Alina?“ Nichts.

Statt der Briefe sind da Fäden, die man auf meine Haut befestigt hat. Ich schließe die Augen, als könnte ich sie so herbeirufen. Die Seiten. Die Zeilen. Die Stimmen. Alinas leicht geneigte Schrift. Matthes’ krakelige Lettern, die sich gegen die Zeit stemmten. Die Wärme ihrer Worte, der Klang vergangener Versprechen. Meine Familie, zusammengefaltet in zwei zerbrechlichen Briefen, verborgen nahe meinem Herzen, sie waren fort.

„Fast … vereint“, murmele ich. Etwas in mir weicht zurück, als hätte eine unsichtbare Hand den Halt gelöst und mich in lautlose Tiefe entlassen. Ich presse meine Stirn gegen das kühle Kissen, atme ein wie eine Sterbende das Licht, und flüstere: „Sie haben uns wieder auseinandergerissen.“

Niemand antwortet. Nur das Summen und Piepen. Und irgendwo, tief in meinem Inneren, sackt etwas in sich zusammen, als würde mir unmerklich ein Stück Kraft entzogen.

Ich höre wieder ein fremdes Geräusch, wie zischende Luft. Jemand betritt den Raum. Schritte, rhythmisch, präzise. Ein metallisches Klicken, als ein Brett oder eine Platte abgelegt wird.

Die Person spricht nicht. Ich sehe nicht hin. Aber ich spüre es. Das ist nicht Bruder Fidelis. Nicht Matthes. Nicht Marit und nicht Katja. Es ist jemand anderes. Ich spüre keine Wärme, nur das leere, gleichgültige Interesse eines Menschen, der nicht glaubt, sondern prüft.

Die Schritte verstummen, gefolgt von einer Art kurzes Surren. Ich wende den Blick.

Eine Frau steht dort. Ihr Gesicht ist glatt, faltenlos, ohne Ausdruck. Das Haar zu einem festen Knoten gebunden, keine lose Strähne, kein Zögern in der Haltung. Ihre Kleidung ist weiß, makellos, wie der Raum selbst an ihrer Brust prangt ein blauer Edelstein.

Die Frau nimmt ein kleines Gefäß und streicht mir eine kalte, glitschige Flüssigkeit auf den Bauch. Ich zucke zusammen, doch sie reagiert nicht. Sie setzt etwas Flaches, Hartes auf meinen Leib und schiebt es langsam hin und her. Vor ihr steht eine schwarze Platte, auf der Lichter wie winzige Sterne aufleuchten und vergehen. Sie schaut hin und her zwischen den Lichterformen und meinem Bauch, als könne sie darin Dinge erkennen, die mir verborgen bleiben. Kein Blick für mich. Keine Frage. Kein Wort.

„Wo bin ich?“ flüstere ich. Keine Antwort. Sie zeichnet Zeichen auf ihre schwarze Tafel. „Wo bin ich?“ wiederhole ich.

Sie wischt die kalte Flüssigkeit mit einem Papier von meinem Bauch, stellt das schwarze Ding beiseite und greift nach einem Stapel Papiere. Sie lässt den Blick darüber gleiten, konzentriert, als stünde etwas Wichtiges darauf, das mir verborgen bleibt. Ich warte auf ein freundliches Wort, auf etwas, das mich erreicht, wie Marits Stimme, wenn sie meinen Namen sagt, doch stattdessen höre ich nur: „Sie sind stabil.“ Was immer das bedeuten mag. Ihre Stimme ist ruhig. Keine Wärme. Kein Spott. Kein Trost.

„Was ist das für ein Ort?“

„Sie sind in einer geschützten Umgebung. Ihre Lebenszeichen werden beobachtet. Weitere Worte … zu gegebener Zeit.“

„Bin ich krank?“

„Sie halten sich noch. Aber das Serum trägt nicht mehr lange.“

Ich horche auf. ‚Serum‘, ein fremdes Wort, das in mir nachhallt, ohne dass ich seinen Sinn verstehe.

„Ich will zu Marit“, flüstere ich. „Ich will zu Katja. Ich will … ich will nach Hause.“

Die Frau blickt mich einen Moment lang an, vielleicht doch mit einer Regung in ihren Augen, kaum sichtbar, wie ein flüchtiger Schatten. „Es ist sehr lange her, seit Sie diesen Ort Ihr Zuhause nannten.“

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