Capítulo 31: Kapitel 30

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Es war still im Haus.

Marit erwachte mit einem dumpfen Pochen im Hinterkopf, als hätte jemand in der Nacht mit feinen Hämmern auf ihr Innerstes geschlagen. Ein schales Gefühl lag hinter ihren Augen, suchte sich seinen Weg zu ihren Organen und formte sich zu leichter Übelkeit im Magen. Das Licht schien greller als sonst, obwohl es durch die schmalen Ritzen der Jalousie nur vorsichtig tastend ins Schlafzimmer kroch.

Sie blinzelte. Draußen schien bereits die Sonne.

Mit einer fahrigen Hand fuhr sie sich durch das zerzauste Haar. So viel hatte sie doch gar nicht getrunken? Ein Glas Wein, vielleicht zwei. Und trotzdem fühlte sie sich wie benebelt, als hätte der Schlaf nicht erholt, sondern für Stunden ausgelöscht.

Langsam richtete sie sich auf, die Decke rutschte von ihren Schultern, und ein feiner Duft stieg ihr in die Nase. Mit ihrer Tochter Emma hatte sie vor Jahren in München einmal einen Kurs für Parfüms besucht. Das hier war teuer, sehr teuer, eine Mischung von Leder, Amber, Hölzern, Gewürzen und Blüten. Nichts für die Damen und schon gar nichts für sie. Es war schwer und elegant.

Sie strubbelte sich über die langen silberweißen Haare, die in jungen Jahren in der Farbe jedem Kornfeld Konkurrenz machten. Sie setzte sich an den Bettrand und versuchte, sich zu sammeln. Leichter Schwindel ließ sie für einen Moment die Augen schließen.

Sie hatte doch keinen Herrenbesuch hier? Oder Konrad? Der verrückte Kauz hatte schon öfters versucht, mit ihr zu flirten. Sie öffnete die Augen, der Schwindel war vorbei. Ihr Blick glitt über die stämmigen Beine und den Bauch, der im Sitzen auf ihren Oberschenkeln ruhte.

Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, schämte sie sich bei dem Gedanken, noch einmal mit einem Mann zusammenzukommen. Seit damals hatte sie keinen Mann mehr in ihrer Nähe gehabt, dafür jede Menge Sahnekuchen. Als Heilpraktikerin hätte sie es besser wissen müssen.

Als Emma nach Berlin gezogen war, dort heiratete und Lara bekam, hatte Marit geglaubt, mit diesem hübschen kleinen Babystern einen neuen Mittelpunkt in ihrem Leben gefunden zu haben. Lara war mittlerweile vierzehn und hatte nicht mehr so oft Zeit für ihre Oma. Aber wenn sie kam, dann gehörte die Zeit nur ihnen beiden. Und wenn die ganze Familie kam, war es ein Highlight, das sie Tage im Voraus zählte.

Trotzdem hatte Marit sich hinter ihren Rundungen versteckt, unsichtbar für das, was sie für die körperliche Liebe nicht mehr zu empfinden glaubte. Vielleicht war sie mit fünfundsechzig auch einfach zu alt für so etwas? Und jetzt war Sina da. Die brauchte sie doch schließlich auch. Oder?

Vom Bett aus öffnete sie die Jalousie. Sie liebte den Ausblick auf die weite unverbaute Natur, im Hintergrund das ruhige Ankommen der Wellen am Strand, rhythmisch und sanft.

Es war jetzt gut dreißig Jahre her. Udo, ihr Ehemann, fuhr zur See, und Emma war gerade sechs Jahre alt gewesen.

Marit strich sich über die Stirn, sie schwitzte, und gleichzeitig konnte sie ihre Gedanken, die sie nicht mochte, nicht bändigen. Sie war jung, hatte eine großartige Figur und war nie gierig gewesen. Aß oft weniger als andere, und doch hatte sie zugenommen. Langsam, stetig, unaufhaltsam wie das Absinken eines Bootes im Hafen.

Wenn sie ehrlich war, hatte sie es früh gespürt. Nicht das Gewicht, das mehr und mehr kam, sondern die Schwere davor. Die Müdigkeit, die nicht weichen wollte. Das ständige Frieren, selbst im Hochsommer, wenn andere barfuß durch den Garten liefen. Ihre Haut war trocken geworden, ihre Haare stumpf. Sie hatte weniger gegessen als früher, oft nur einen Apfel, eine Suppe, ein Stück Brot und doch zeigte die Waage plötzlich andere Wahrheiten.

Natürlich hatte sie es gewusst. Als Heilpraktikerin erkannte sie die Zeichen, noch bevor der Laborwert es bestätigte: Hypothyreose. Die Schilddrüse, so klein sie war, so mächtig konnte ihr Schweigen sein. Sie produzierte nicht mehr genug Thyroxin, jenes Hormon, das den Stoffwechsel lenkte, die Energie, die Wärme, das Licht im Körper. Ohne all das wurde der Körper träge. Das Denken. Der Puls. Das Herz.

Anfangs hatte sie alles, was sie aus der Naturheilkunde kannte, sich selbst verordnet, Schüßlersalze, Braunalgen. Nichts half. Wie eine mächtige Walze überrollte sie die Krankheit, die sie nun zwang, jeden Morgen auf nüchternen Magen L-Thyroxin zu nehmen. Sie öffnete die Schublade ihres Nachttischchens, nahm aus einer Packung eine kleine weiße Tablette und griff nach dem Wasser, das sie stets am Bett bereit stehen hatte.

Manchmal fragte sie sich, ob es nicht auch eine Form von Schutz war, diese innere Verlangsamung. Als wolle der Körper sich weigern, weiter zu rennen in einer Welt, die keine Pausen mehr kannte.

Ihr Mann Udo schaute sie kaum noch an, und wenn, dann nur flüchtig. Auf eine Berührung durfte sie schon gar nicht mehr hoffen. Eines Tages, irgendwann, kam er nicht mehr nach Hause, dafür brachte der Postbote ein Schreiben eines Anwalts aus Dänemark. Er war zurück in seine Heimat und reichte die Scheidung ein. Besseres als Sahnekuchen gab es damals einfach nicht und die Rundungen nahmen zu.

Sie erhob sich und lachte leise über ihre Gedanken. „Vorbei, ist doch alles vorbei.“

Sie dachte wieder an Konrad, während sie in ihre Hausschuhe glitt. Konrad, er sah schon gut aus mit seinem Spitzbärtchen, den kleinen blaugrauen Augen, eingebettet in Lidern voller kleiner Falten. Und er hatte sie immer noch, die tolle Figur.

Sie verbannte ihn aus ihren Gedanken und ihrem Schlafzimmer und maß dem Duft nach Herrenparfum keine weitere Bedeutung zu. Es gab Wichtigeres.

Sie schleppte sich in den Morgen, spürte ihre Schritte, als ginge sie durch Wasser. Was war nur los mit ihr? Kaffee, sie brauchte Kaffee.

In der Küche war es unordentlich. Auf dem Tisch und auf der Arbeitsplatte stapelten sich Teller mit Soßenklecksen, Stielgläser, zum Teil noch halbvoll mit nun schalem Wein. Auf einem der Teller teilten sich zerknüllte Servietten den Platz mit Fettkanten und Sehnen von Fleischresten. Im Spülbecken Besteck und Brotkrümel, als hätte das gestrige Grillfest nie geendet.

Sie stellte Wasser auf, griff nach dem Porzellanfilter, stopfte Kaffeepulver hinein. Während sie das heiße Wasser langsam darüber goss, versuchte sie, sich zu sammeln.

Sie schaute auf die analoge, batteriebetriebene Küchenuhr ihrer verstorbenen Mutter hing über der Eckbank. Ihre Augen wurden groß. „Halb zehn!“ entfuhr es ihr laut. Wann hatte sie das letzte Mal so lange geschlafen? Das musste eine Ewigkeit her sein.

Sina!

Wo war Sina?

Marit hob die Stimme, als sie die Porzellankanne beiseitestellte.

„Sina! Ich mach uns Kaffee! Ich habe verschlafen, tut mir leid! Sollen wir draußen frühstücken?“

Keine Antwort.

Sie schlurfte durch den Flur zum Gästezimmer. Das Bett war unberührt. Die Decke lag glatt wie am Tag zuvor. Hatte Sina die Nacht etwa draußen auf der Liege verbracht? Sie ärgerte sich über sich selbst. Sina war sehr krank, und die Nächte konnten kalt und feucht werden draußen. „Ich bin aber auch ein Döspaddel.“ Hoffentlich war nichts passiert.

Die Terrassentür stand offen. Ein warmer Wind zog durch das Wohnzimmer, trug den Duft des Kaffees hinaus in den Garten, als wolle er Sina wecken. Marit folgte dem Luftzug bis auf die Terrasse.

„Sina? Schlafmütze?“

Nichts.

‚Oh Gott, oh Gott, oh Gott‘ – Marits Herz schlug schneller. Auf das Schlimmste gefasst, trat sie an die Liege.

Sie war leer. Kissen und Decke lagen auf dem Boden, achtlos, als habe sich jemand eilig entfernt.

Ein kalter Knoten bildete sich in Marits Magen. Ihr Blick glitt zum Badezimmerfenster. Es war geschlossen, alles war ruhig. Die Terrassenfliesen unter dem Fenster glänzten trocken und sauber in der Sonne.

Marit trat hinaus in den Garten. Ihr Hals und Mund wurden trocken, und sie hatte Schwierigkeiten zu schlucken.

Sina war noch nie allein weggegangen. Nicht ohne ein Wort. Nicht ohne Jacke oder eine Decke. Und schon gar nicht in diesem Zustand.

Ein alter Schrecken stieg in ihr auf, jener Moment, als Emma mit fünfzehn Jahren weggelaufen war, weil sie, ihre Mutter, sich gegen diesen widerlichen Freund gestellt hatte. Marit erinnerte sich an das panische Suchen, das Versagen der Zeit, das unstillbare Gefühl, nicht genug getan zu haben, bis man sie am Kreidefelsen auf einem alten Baumstamm weinend sitzen fand.

Sie zog sich schnell an und verließ das Haus, lief durch den Garten, über die kleine Seitenstraße, durch das Wäldchen hinter dem Friedhof. Ihr Blick streifte die alten Steine, das verwitterte Holzkreuz, das Grab, wo sie Sina gefunden hatten – zusammen mit dem toten Faris.

Nichts.

Marit drehte sich im Kreis, rief ihren Namen, spähte durch Zweige und Gebüsch. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad, fuhr runter an den Strand und suchte das Ufer ab.

Ein Mann, der mit einem kleinen Jungen Ball spielte, sprach sie an. „Kann ich Ihnen helfen? Haben Sie etwas verloren?“

‚Ja, ich befürchte, ich habe ein Leben verloren‘, dachte sie, schüttelte dabei tonlos den Kopf und achtete nicht weiter auf den Mann in Badehose.

Für einen Moment blieb sie stehen, schaute nach rechts und links den Strand mit den angeschwemmten Algen an.

Was, wenn sie ins Wasser gegangen war? Sie war unglücklich in diesem Körper, in dieser Zeit, in dieser Welt. Sie vermisste ihren Mann und ihre Tochter.

Was, wenn es ihr alles zu viel geworden war? Wenn sie glaubte, dass niemand sie verstand?

Und zum allerersten Mal wurde Marit wirklich bewusst, was hier eigentlich geschehen war. Was Realität war. Eine Realität, die sie vor einer Woche noch als völligen Unsinn abgetan hätte.

Sie schaute weit auf das Meer. In der Ferne sah sie ein Containerschiff. Wie konnte man einem Menschen so etwas antun? Wie konnte man, ohne dass derjenige das wollte, einfach … von den Toten erwecken? Wie war all das möglich? Und wie viele ‚Sinas‘ gab es noch?

Und wo war Sina jetzt?

Die Angst wurde körperlich, ein Druck auf Brust und Kehle, heiß und eisig zugleich. Ihre Finger zitterten, als sie das Handy aus der Tasche zog. Ihre Stimme war zu hoch, als sie sprach:

„Katja? Sven? …Sina ist verschwunden

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