제24화: Eliza – Lichter

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London ist im Dezember kein Ort.

London ist ein Zustand.

Die Straßen glänzen vom kalten Regen, als hätte jemand sie poliert. Über den Köpfen hängen Lichterketten wie Sternbilder, die sich jemand ausgedacht hat, weil die echten Sterne hier selten durchkommen. Busse schieben sich vorbei, rot und schwer, und überall riecht es nach nassem Stein, Parfüm und irgendetwas Süßem, das aus Türen quillt, sobald Türen aufgehen.

Margret geht neben mir, die Hände in den Manteltaschen, und heute ist ihr Schritt ein bisschen leichter. Nicht eilig. Nicht angespannt. Nur… vorwärts, als würde sie sich auf etwas freuen und sich gleichzeitig weigern, das zuzugeben.

Ich merke es daran, wie sie mich ab und zu streift. Mit der Schulter. Mit dem Ellbogen. So beiläufig, als wäre das nichts und als wäre es alles.

„Du läufst wie auf einer Mission“, sage ich.

Sie wirft mir einen Blick zu, der fast ein Lächeln ist.

„Ich bin auf einer Mission“, sagt sie.

„Oh Gott“, murmele ich. „Dann wird’s teuer.“

„Es wird wunderschön“, sagt sie trocken.

„Das ist das Teure daran“, sage ich.

Ich lache.

Und ich weiß nicht, ob ich gerade über sie lache oder darüber, wie gut es tut, dass es solche Tage noch gibt.

Wir laufen an einem Schaufenster vorbei, in dem sich Weihnachtslichter spiegeln. Drinnen stehen Tannenbäume, künstlich perfekt, und daneben ein goldener Schlitten, der so tut, als wäre er echt.

Margret bleibt kurz stehen, schaut hinein, als würde sie prüfen, ob sie irgendwo einen Fehler im Bild findet.

„Hab ich das richtig verstanden“, sagt sie dann, ohne Vorwarnung, „dass ihr am ersten Weihnachtstag bei Thomas’ Eltern seid?“

Ich ziehe die Schultern hoch.

„Ja.“

„Und am zweiten kommt ihr zu uns.“

Es klingt nicht wie eine Frage.

Es klingt wie eine Rechnung.

„Ja“, sage ich nochmal.

Margret nickt, als würde sie innerlich eine Liste abhaken.

„Du warst sonst immer am ersten Weihnachtstag bei uns“, sagt sie.

Ich schaue sie an.

„Ich weiß.“

„Und jetzt nicht mehr.“

„Nicht mehr“, bestätige ich.

Wir gehen weiter, und für einen Moment ist da nur das Geräusch unserer Schritte, das Summen der Stadt, das leise Dröhnen eines Busses, der an uns vorbeizieht.

„Nächstes Jahr machen wir das umgekehrt“, sage ich schließlich.

Margret schaut mich kurz an.

„Aha.“

Ich spüre, wie der Satz in mir nachklingt.

Nächstes Jahr.

Und ich denke an Alma.

Und ich frage mich, ob sie nächstes Jahr überhaupt noch da ist.

Nicht als Gedanke, den ich ausspreche. Nur als Schatten, der kurz über etwas Helles fällt.

Das Kaufhaus liegt an einer großen Ecke, als hätte es beschlossen, hier zu stehen und nie wieder wegzugehen. Riesige Schaufenster, in denen alles glitzert, als wäre Armut eine Legende. Innen ein warmes Summen, Stimmen, Musik, Schritte, die sich über glänzende Böden schieben.

Als wir eintreten, schlägt mir die Wärme entgegen.

Nicht angenehm. Nur anders.

Künstlich warm, wie in einem Traum, der zu hell ist.

Überall hängen Kugeln. Gold, Rot, Silber. Und dazwischen bewegen sich Menschen in Kostümen, die man nur in der Vorweihnachtszeit ernst nehmen kann: kleine Weihnachtshelfer mit spitzen Mützen, falschen Ohren, Glitzer auf den Wangen. Sie verteilen Flyer, lächeln zu breit und winken Kindern zu, die nicht wissen, ob sie sich freuen oder fürchten sollen.

„Das ist doch süß“, sage ich.

Margret verdreht die Augen.

„Wenn ich noch einmal so ein Ding mit Flügeln sehe, schreie ich“, murmelt sie.

Ich bleibe stehen.

„Was?“ frage ich.

Sie geht weiter, als hätte sie es nicht gesagt. Aber ich höre es. Und ich höre auch, dass es nicht nur um diese verkleideten Weihnachtswesen geht.

Wir fahren Rolltreppen hoch, vorbei an Parfümständen, an Schmuck, an teuren Mänteln, die aussehen, als hätten sie noch nie Regen gesehen. Irgendwo spielt ein Pianist „Let it snow“, und es klingt wie eine Drohung.

Margret steuert direkt in die Abteilung für Wohnen.

„So“, sagt sie. „Kissen. Handtücher. Bettwäsche. Und bitte nichts, was glitzert.“

„Ich glitzere nicht“, sage ich.

„Doch“, sagt sie. „Du glitzerst innerlich.“

Ich grinse, aber mein Blick bleibt an einem der Weihnachtshelfer hängen, der gerade einem kleinen Jungen einen Papierstern in die Hand drückt. Der Junge nimmt ihn, als wäre es etwas Heiliges.

Und plötzlich ist wieder dieses Wort in meinem Kopf.

Aelyr.

Ich weiß nicht, warum es sich immer wieder dazwischen schiebt, aber es tut es.

Wir laufen durch die Handtuchabteilung. Reihen über Reihen. Stapel, die aussehen wie kleine Mauern. Farben, die Namen haben wie Kaffee oder Nebel.

Margret greift nach einem Stapel mokkafarbener Handtücher und hält sie mir hin.

„Die sind schön“, sagt sie.

„Sind sie“, sage ich.

Sie legt den Kopf leicht schräg.

„Würde Thomas die mögen?“

Ich schaue sie an.

„Thomas ist ein Mann“, sage ich. „Er wird sich freuen, dass er sich abtrocknen kann.“

Margret schnaubt leise.

„Romantik lebt“, murmelt sie.

„Ich bin der Beweis“, sage ich.

Sie legt die Handtücher in den Korb, als wäre das ein kleiner Test gewesen, den ich bestanden habe.

Dann schaut sie mich an, und ich sehe es kommen, bevor sie es sagt.

„Ihr seid zusammengezogen“, sagt sie.

Oh Mutter! Innerlich verdrehe ich die Augen.

„Ja.“

„So richtig“, sagt sie. „Mit Zahnbürste. Mit Klamotten. Mit allem.“

„Ja“, wiederhole ich.

Margret zieht die Augenbrauen hoch.

„Ihr kennt euch wie lange?“

Ich tue so, als müsste ich rechnen.

„Vier Monate“, sage ich dann. „Fünf vielleicht.“

Margret schüttelt den Kopf, und diesmal ist es nicht streng. Es ist dieses leise Ungläubige, das Mütter haben, wenn sie merken, dass sie ihr Kind nicht mehr steuern können.

„Eliza…“, sagt sie.

„Ja, Mama! Ich weiß“, sage ich. „Es ist ein Risiko. Aber das ist es doch immer.“

Margret nimmt noch zwei Handtücher dazu, als bräuchte sie etwas, das sie festhalten kann.

„Und?“ fragt sie.

Ich zucke mit den Schultern.

„Man lebt nur einmal“, sage ich.

Margret schaut mich an. Lange.

„Das sagen immer die, die gleich mit dem Kopf durch die Wand gehen“, murmelt sie.

Ich lächle.

„Vielleicht“, sage ich. „Aber es passt zwischen uns. Und wenn es nicht gepasst hätte, hätte ich es nicht gemacht.“

Margret sagt nichts. Aber sie legt die Handtücher nicht wieder zurück.

Wir gehen weiter, vorbei an Kerzen, die nach Zimt riechen, und Deko, die aussieht wie Schnee, aber sich anfühlt wie Plastik.

Margret steuert direkt in die Kissenabteilung.

„So“, sagt sie. „Jetzt kommen wir zum Wichtigsten.“

„Zum Wichtigsten?“ frage ich.

„Zum Sofa“, sagt sie.

„Mein Sofa steht schon“, sage ich.

Margret schaut mich an, als hätte ich gerade etwas sehr Naives gesagt.

„Ein Sofa steht immer“, sagt sie. „Aber es lebt erst mit Kissen.“

Sie zieht ein cremefarbenes Seidenkissen aus dem Regal. Es hat feine Ornamente, kaum spürbar, aber man sieht sie, wenn das Licht schräg darauf fällt.

Sie hält es hoch, dreht es, prüft die Nähte, als wäre sie plötzlich nicht mehr meine Mutter, sondern eine Innenarchitektin mit einem Blick, der keine Ausreden akzeptiert.

„Das ist schön“, sagt sie.

Ich hebe eine Augenbraue.

„Du sagst selten, dass etwas schön ist.“

„Dann genieß es“, sagt sie trocken. „Das passiert nicht oft.“

Ich lache.

Margret hält das Kissen noch einmal gegen sich, als würde sie prüfen, ob es sich richtig anfühlt.

„Wie ist dein Sofa jetzt eigentlich?“ fragt sie. „Hellblau? Oder hellgrau?“

„Hellgrau“, sage ich.

„Ist egal“, sagt sie. „Das passt zu beidem.“

Sie greift nach einem zweiten.

Dann nach einem dritten.

„Mama“, sage ich und muss schon wieder lachen. „Du übertreibst.“

„Ich übertreibe nicht“, sagt sie. „Ich rette.“

„Wen?“ frage ich.

„Dein Sofa“, lacht sie. „Vor deinen Entscheidungen.“

Sie nimmt noch zwei dazu und legt alle fünf Kissen auf den Arm, als wären sie federleicht.

„Fünf“, sage ich.

„Fünf“, bestätigt sie. „Für ein Wohlfühlsofa.“

Ich sehe sie an.

Und für einen Moment ist sie einfach nur meine Mutter. Praktisch. Warm. Da.

Und genau deshalb rutscht mir der nächste Satz heraus, bevor ich ihn zurückhalten kann.

„Warum bist du so anders bei Oma?“ frage ich leise.

Margret bleibt stehen.

Nicht abrupt.

Eher so, als würde sie einen Schritt zu viel gemacht haben und müsste ihn innerlich zurückholen.

„Eliza“, sagt sie, ohne sich umzudrehen, „nicht hier.“

„Doch“, sage ich. „Warum nicht hier? Hier ist doch alles voll mit Lärm. Niemand hört uns zu.“

Margret dreht sich langsam zu mir um.

Ihr Blick ist ruhig. Zu ruhig.

„Ich bin nicht anders“, sagt sie.

„Doch“, sage ich. „Du bist sonst warm. Du bist liebevoll. Du hast mich warm erzogen. Du hast mich immer gehalten, egal was war.“

Ihre Augen werden einen Hauch weicher.

„Und?“ fragt sie.

„Und bei Oma…“ Ich schlucke. „Bei Oma bist du kalt.“

Margret drückt die Kissen fester an sich, als müsste sie etwas festhalten, das nicht aus Stoff ist.

„Sie ist alt und dement“, sagt sie.

„Sie ist unsere Familie“, sage ich.

Margret atmet aus.

Nicht genervt.

Eher… kontrolliert.

„Du hast sie nicht vergessen“, sagt sie.

„Doch“, sage ich. Und meine Stimme kippt. „Wir haben sie früher schon nur sehr selten besucht.“

Sie schaut mich an.

Und ich merke, wie mir plötzlich heiß wird. Nicht vor Wut. Vor Scham.

„Weißt du, was das Schlimmste ist?“ frage ich leise.

Margret sagt nichts.

„Dass ich…“ Meine Stimme bricht fast, und ich hasse mich dafür. „Dass ich zu meiner eigenen Schande zugeben muss: Wäre dieses Haus nicht zur Sprache gekommen, hätte ich sie glatt vergessen.“

Margret bleibt still.

Ich schlucke die Tränen runter, weil ich sie nicht in einem Kaufhaus verlieren will, zwischen Handtüchern und Weihnachtsmusik.

„Und ich lese ihr Buch, ihr Leben und jetzt denke ich daran, was ich verpasst habe“, sage ich. „Und ich schäme mich. Und es tut mir in der Seele weh.“

Margret tritt einen Schritt näher.

Dann umarmt sie mich kurz.

Nicht dramatisch.

Nur echt.

„Eliza“, sagt sie leise an meinem Ohr, „du warst schon immer ein sentimentaler Engel.“

Ich ziehe die Luft ein, weil es mich trifft, wie zärtlich sie sein kann, obwohl sie gerade eine Tür zuschlägt.

„Du hast nichts falsch gemacht“, sagt sie.

Ich löse mich ein bisschen.

„Aber Oma…“ beginne ich.

Margret hebt die Hand.

Nicht streng.

Nur: Stopp.

„Lassen wir das Thema“, sagt sie.

Und dann lächelt sie, als würde sie die Welt wieder glatt streichen.

Sie hält die Kissen hoch.

„Schau mal“, sagt sie. „Die passen perfekt. Und du nimmst sie. Ich zahle. Ende der Diskussion.“

„Du weichst aus“, sage ich.

„Ich entscheide“, sagt sie.

Und es ist nicht hart. Es ist nur… endgültig.

Sie dreht sich wieder zum Regal, als wäre nichts gewesen.

„Und danach“, sagt sie, „gehen wir rüber in dieses Steakhouse. Die haben jetzt vegane Steaks.“

Ich schaue sie an.

„Vegane Steaks?“

„Ja“, sagt sie. „Ich will wissen, ob die Welt endgültig den Verstand verloren hat.“

„Du willst es ausprobieren?“ frage ich.

„Ich will es beurteilen“, sagt sie.

Ich nicke.

Wir gehen weiter.

Handtücher. Kerzen. Kleine Dinge, die man kaufen kann, wenn man nicht weiß, was man sonst tun soll.

Und während Margret schon die nächste Abteilung ansteuert, bleibt etwas in mir hängen, wie ein Splitter, den man nicht rausziehen kann.

Ein Gedanke, der nicht loslässt.

Ich gehe neben ihr her, höre die Weihnachtsmusik, sehe die glitzernden Elfen, die Kinder, die lachen, und ich frage mich, wie man so viele Lichter aufhängen kann, wenn in manchen Familien immer noch so viel Dunkel ist.

„Mama“, sage ich schließlich, leiser als eben.

Margret schaut nicht hin.

„Hm?“

„Wusstest du…“, beginne ich.

Meine Stimme klingt plötzlich anders. Nicht anklagend. Nur vorsichtig.

„Wusstest du, dass deine Mama als Jugendliche magersüchtig war?“ frage ich. „Und dass sie sogar ins Krankenhaus musste?“

Margret bleibt stehen.

Nicht lange.

Aber lange genug.

Als hätte jemand mitten in dieses Kaufhaus einen Namen gestellt, der hier nichts zu suchen hat.

„Mama…?“ sagt sie.

Es ist kein Ruf.

Es ist ein Fragezeichen, das ihr aus dem Mund fällt, bevor sie es zurückholen kann.

Ihre Finger lösen sich um die Kissen, als hätte sie vergessen, dass sie sie trägt.

„Woher…“, beginnt sie.

Mehr nicht.

Dann atmet sie einmal tief ein, als würde sie sich sammeln, Stück für Stück.

„Komm“, sagt sie leise.

Und diesmal klingt es nicht nach Ausweichen.

Es klingt nach: nicht hier.

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