제15화: Kapitel 14

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Marit hat gesagt, der nächste Tag würde heiß werden, heiß genug, um selbst die Wolken weichzukochen. Ich halte mich an diesem Wort fest. Der Morgen, ein neuer Tag.

Einer unserer Nachbarn war der reiche Bauer Lehmann, ein guter Freund des Vogts. Er hatte Kühe, Schafe, Ziegen, Hühner und Gänse, Bienen, mehrere Katzen und sogar einen Wolf, den er gezähmt hatte, der aber allen im Dorf unheimlich war. Alina war oft auf dem Hof, schaute der Bäuerin beim Melken zu und spielte mit den Söhnen des Bauern und mit den Katzen. Nur an den Wolf durfte sie nicht. Man verstand sich gut, und als Dank dafür, dass ich dem Bauern eine Paste zubereitet hatte, damit er wieder frei atmen konnte, schenkte mir seine Frau einmal die Woche eine Schüssel Milch mit Honig. „Smeert dat secht op de Bost, recht fein un good“, hatte ich ihm gesagt.

Morgens, wenn der Hahn krähte, mischte ich die Milch mit Honig, Hafer und im Sommer mit Brombeeren. Matthes und Alina liebten es. So war das Wort „Morgen“ ein Versprechen gewesen. Sonne über den Feldern, ein dampfender Topf über dem Feuer, Matthes’ und Alinas Lächeln, hell wie Tautropfen im Licht.

Hier klingt das Wort Morgen wie ein zerplatzter Dornbusch im Sommerwind.

Die Küchenstube riecht nach Sanddornzweigen und Lauge. Marit hat den Boden gewischt, und obwohl ich die Binsen vermisse, genieße ich die Sauberkeit. Ich sitze in dem breiten Stuhl, den sie Schaukelstuhl nennt, und betrachte das Blatt Papier, das der Druckkasten ausgespuckt hat. Darauf, gestochen scharf, die Zeichnung unter meiner Brust: ein Auge, zwei Kreise, ein Baum und eine Sternschnuppe. Kaum größer als ein Brotkrumen.

Matthes trug dasselbe Zeichen. Unter seinem Hemdkragen, im Nacken, wo es niemand sehen sollte.

Durch die offene Gartentür schweift mein Blick in eine Welt, die mir so fremd ist, dass ich mich selbst darin zerbrechlich fühle. Möwen kreischen im Himmel, Marits Rosen verströmen ihren Duft, orangefarben und stolz. In der Ferne liegt das Meer, das einzige, was mir vertraut ist. Es schimmert am Morgen wie geschmolzenes Zinn.

„Du erinnerst dich daran?“ Marit kniet neben mir und zeigt auf das Symbol. Ihre Haare fallen lose in die Stirn, die Augen warm, aber sorgenvoll.

„Matthes hatte es… ja.“ Meine Stimme wird dünn wie Garn. „Aber ich? Nein. Ich kann mich nicht erinnern.“

„Vielleicht kommt die Erinnerung zurück, wenn sie gebraucht wird“, sagt Marit.

Ich sacke in mich zusammen. „Wo ist Matthes? Ich will ihn sehen.“

„Er ist nicht hier, Liebes.“

„Aber… wo bin ich überhaupt?“

„Auf Rügen.“

„Nein!“ Ich springe auf, renne hinaus in den Garten. Das soll Rügen sein? Ich bin hier geboren, Alina auch, Matthes ebenso. „Uns Land, dat von de Water umringt is“, hatte Vater gesagt. Doch das hier? „Rügen ist eine Insel aus Salz und Wind, aus Hufen und Möwenschreien. Keine glatten Straßen, keine stinkenden Kutschen ohne Pferde.“

Ich ziehe Marit zu mir. Warum liegt in ihren Augen nur Mitleid?

„Die Häuser sind aus Fachwerk und Lehm. Strohdächer, die im Sommer nach Gras riechen. Über dem Herd ein Dreifuß, im Rauch Kräuter.“ Ich zwinge Marit mit mir ins Haus, bis in die Küche. Dort stelle ich mich vor sie, tippe mir gegen die Brust. „Ich bin die, die heilt. Mit Salben, Sud und Zauberwurzeln. Ich nehme den Mägden die Schmerzen, wenn das Kind im Leib querliegt. Ich bin Heilerin.“

Der Gedanke beruhigt mich.

„Und Matthes ist Fischer. Das Meer ist sein Bruder. Wenn er nach Hause kommt, riecht er nach Sturm. Seine Hände sind rau wie die Netze, sein Herz weich wie die Hand eines Kindes.“

Ich habe Tränen in den Augen, Marits Blick schweigt. „Am letzten Tag, als sie mich holten, sagte Matthes, er käme. Dass mein letzter Blick der seine wäre. Aber er kam nicht. Etwas Dunkles hatte ihn verändert.“

Ich zittere. „Nur der Vogt war da. Der Pfaffe. Und der Scharfrichter mit Kapuze. Kein Matthes. Kein Dorf. Dafür ein Rabe über dem Galgen, das nasse Holz unter meinen Füßen. Das Seil zog sich zu, immer mehr. Ich war von der Luft abgeschnitten. Das Blut rauschte in meinem Kopf. Und alles wurde schwarz.“

Marit wendet sich ab, ich zwinge sie, mich anzusehen. „Also, wo bin ich? Wieso bin ich hier?“

„Du bist auf Rügen“, flüstert sie. „Es ist Sommer. Und wir haben das Jahr 2025.“

Die Zahl macht meine Knie weich. 2025. Habe ich den Galgen überlebt? Bin ich durch Gottes Willen gefallen?

„Meine letzte Erinnerung ist 1489“, sage ich leise. „Ja, der Mönch sagte es. 1489. Kann man durch die Jahre fallen wie durch Wasser?“

Marit umarmt mich. „Ganz sicher nicht, liebe Sina. Es wird eine Erklärung geben. Wir werden sie finden.“ Für einen Moment lehne ich meinen Kopf an ihre Schulter. Nur fühlen, nicht denken.

„Katja, Sven und Konrad kommen morgen“, höre ich sie sagen. „Du wirst ihnen alles erzählen.“

Ich nicke. Aber werden sie mir glauben? Ich erinnere mich an den Teich bei Garz, wo wir die Wäsche rieben. Wäre damals eine Fremde zu uns gekommen und hätte gesagt, sie sei aus einer anderen Zeit, wir hätten sie ausgelacht. Oder die alte Müllerin hätte sie ertränkt.

„Hör zu, Sina“, sagt Marit, „ich muss noch ins Dorf, Mehl holen. Wir backen morgen Kräuterbrot. Wir werden grillen. Willst du mitkommen?“

„Ich bleibe.“

Die Tür fällt ins Schloss. Ich sehe das Fleischpaket im Schrank, hole es heraus. Marit ist so gut zu mir, da will ich ihr helfen. Fleisch muss in Salz, sonst wird es faulig. Draußen lehnt ein Sack „Streusalz“. Weiß wie Schnee, mit blauem Schimmer. Seltsames Salz, denke ich, aber vielleicht ist es hier so. Ich lege das Fleisch in eine Zinkwanne, schütte Salz darüber, bis es bedeckt ist.

Zufrieden sehe ich zu.

Die Sonne steht schwer im Fenster. Ich spüre den Drang, mich zu erleichtern. Aber das große weiße Loch, in das Marit mich setzen wollte, ist mir unheimlich. Ein Becken, das alles verschluckt. Niemals.

Unter dem Fenster finde ich eine Kanne und eine Schüssel. Ich verriegele die Tür, tue, was getan werden muss, und kippe den Inhalt zum Fenster hinaus.

Erleichtert gehe ich zurück durch die Kammern. Zum ersten Mal halte ich den Kopf gerade. Da sehe ich im Spiegel an der Wand… mich.

Ich erschrecke. Wer ist das? Spiegel kenne ich nur aus Silber oder Wasser. Aber dieses Glas zeigt die Welt in allen Farben. Nur mich zeigt es nicht.

Ich sehe die fahle Haut, das strohblonde Haar, die schmalen Lippen. Ich ziehe das Leibchen hoch. Kleine Brüste, gelbe Haut, das Symbol mit Auge, Kreisen und Baum. Ein Leberfleck am Rippenbogen.

„Das bin ich nicht“, flüstere ich. Mein Blick im Spiegel, fremde Augen, groß vor Entsetzen. Dieser Körper ist nicht meiner. Er ist ein Gewand, das man mir übergestreift hat.

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