Глава 22: Noah – Tag 1

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Der Tisch ist gedeckt, als wäre heute ein ganz normaler Morgen.

Weißes Brot, Butter, Marmelade, Honig. Ein Krug mit Milch. Eine Kanne Tee, aus der noch Dampf aufsteigt. Das Holz des Tisches ist rau unter meinen Fingern, warm vom Raum, kalt von der Nacht davor. Ich setze mich und habe das Gefühl, als würde ich in etwas hineingleiten, das schon lange entschieden ist.

Lina sitzt mir gegenüber.

Ihre Haare sind noch ungeordnet, die Augen zu wach für diese Uhrzeit. Sie sieht mich an, als wolle sie etwas sagen und lässt es bleiben. Gut so. Sehr gut so.

Mike sitzt schief auf seinem Stuhl, den Ellbogen auf dem Tisch, das Kinn in die Hand gestützt. Er sieht aus, als habe man ihn mitten aus einem schlechten Traum gerissen.

„Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan“, sagt er, als könne er meine Gedanken lesen und gähnt demonstrativ.

Caelan greift nach der Teekanne, schenkt sich ruhig ein.

„Die Geräusche, die du von dir gegeben hast, hatten eine andere Sprache.“

Mike blinzelt.

„Das war kein Schlaf. Das war… Verdrängung.“

Ein Lächeln zuckt in mir hoch.

„Ernsthaft jetzt“, sagt Mike und richtet sich ein wenig auf. „Ich habe da noch mal drüber nachgedacht.“

Natürlich hast du das. Ich habe in der Nacht deine Angst gespürt, als wäre sie eine schwere Bettdecke.

„Als Eamon gestern gesagt hat …“ Er stockt, kratzt sich am Kinn. „Na ja… DAS eben.“

Niemand antwortet. Das leise Klirren von Besteck klingt plötzlich zu laut.

„Mit euch meinte er …“ Mike hebt die Augenbrauen. „… euch? Oder uns?“

Mir zieht es den Magen zusammen.

Ich sehe Lina an. Ihre Finger liegen still auf dem Tisch. Zu still. Ihre Schultern sind angespannt, als würde sie etwas zurückhalten, das nicht hierhergehört.

„Mit euch, meinte ich jeden von euch.“

Eamon steht plötzlich in der Stube, als wäre er schon die ganze Zeit da gewesen.

Geräuschlos und reine Präsenz.

Er setzt sich links neben mich. Der Stuhl bewegt sich kaum.

Mike räuspert sich.

Einmal. Zweimal. Er wirkt plötzlich erstaunlich aufrecht.

„Aber…“, sagt er dann. „Warum gleich so drastisch?“

Er hebt die Schultern, fast entschuldigend. „Ich meine, töten ist ja nicht gerade… pädagogisch.“

Eamon schaut ihn nur kurz an.

Mit einem Messer in der Hand, das mich an Dinge denken lässt, die nichts mit Frühstück zu tun haben, sticht er in eine Scheibe Brot und legt sie auf den Teller.

„Weil ich nicht zulassen kann, dass die Welt erneut in ein Chaos gerät, das niemand mehr kontrolliert.“

Er hebt den Blick.

„Die Stämme sind bereits unruhig.“

Lina runzelt die Stirn.

„Aber warum sind die Stämme unruhig? Die wissen doch nichts.“

Eamon hält inne.

Ich sehe, wie Mikes Blick an dem Messer hängen bleibt, das fast zärtlich durch den Schafskäse gleitet.

„Frag deinen Bruder.“

Alle Blicke gehen zu Caelan.

Caelan atmet aus. „Wenn Mor’kels plötzlich einer Eirelan Fragen stellen“, sagt Caelan. „Und Maeve nicht mehr antwortet, werden die Stämme unruhig.“

Eamon nickt zustimmend.

„Ganz genau. Und weil Bewegung da ist, wo jahrhundertelang Ruhe war.“

Er steckt sich den Rest Käse, der noch am Messer verblieben ist, in den Mund.

Eamon trinkt einen Schluck Tee.

„Ich weiß, was es einen persönlich kostet, umgehend zu handeln.“

Eamon starrt auf den Tisch

„Aber auch, was es gekostet hätte, es nicht zu tun. Nach dem Tod meiner Frau und meiner Tochter, verließ ich sofort den Stamm.“

Er hält die Teetasse fest in beiden Händen. Ich spüre seinen Schmerz körperlich.

„Und was genau wäre passiert, wenn du nicht sofort gehandelt hättest?“ fragt Mike und nimmt sich die dritte Scheibe Brot.

Eamon schaut ihn an, seine Augen bekommen wieder diese bedrohliche Farbe.

„Und der andere Engel goß aus seiner Schale ins Meer; und es ward Blut wie eines Toten, und alle lebendigen Seelen starben in dem Meer. Offenbarung 16:3. Reicht dir das als Antwort?“

Mike starrt Noah an, blass um die Nase.

„Er kann Bibel.“

„Zeit genug zum Lesen hatte ich ja“, sagt Eamon.

„Die letzten fünfzig Jahre.“

Eamon holt tief Luft und schlägt mit beiden Fäusten auf den Tisch.

Das Besteck klirrt, die Tassen springen, der Tee schwappt über den Rand und wir alle zucken zusammen

„Genug der Plapperei“, sagt er.

Die Gespräche, die Gedanken, sogar Mikes Nervosität kommen zum Stillstand, als hätte jemand den Raum angehalten.

Eamon richtet sich auf.

Sein Blick wandert von einem zum nächsten, bleibt an Lina hängen.

„Wir beginnen mit dem Training.“

Lina spannt sich an. Ich spüre es sofort.

„Herzmagie“, fährt er fort. „Du kannst fühlen. Du kannst beeinflussen. Aber du kannst es nicht kontrollieren.“

Er neigt den Kopf leicht. „Noch nicht.“

Caelan nickt zustimmend, ich fühle seine Erleichterung, endlich geht es in die richtige Richtung.

„Alles, was jetzt kommt“, fährt Eamon ruhig fort, „bleibt hier. Unter uns.“

Er lässt Lina nicht aus den Augen.

„Du wirst lernen, damit umzugehen.“

Eine kurze Pause.

„Und du wirst jetzt anfangen, mit...“

Er dreht sich zu Mike.

„…ihm“, sagt er.

Mike blinzelt. Einmal. Zweimal.

„Ich?“ Seine Stimme ist eine Spur zu hoch. „Wieso ich?“

Er lacht kurz, hohl. „Apokalypse hatten wir doch gerade, oder? Kann das nicht… jemand anderes machen?“

Er deutet in Caelans Richtung. „Er vielleicht? Der wirkt innerlich stabiler.“

Caelan hebt eine Augenbraue, sagt aber nichts.

Eamon bleibt ungerührt.

„Weil du ein Mensch bist“, sagt er.

„Und für die erste Lektion am besten geeignet.“

Mike schluckt.

„Ich wusste, dass mein Durchschnittsleben mir irgendwann zum Verhängnis wird.“

Eamon ignoriert ihn.

„Du, Lina“, sagt er ruhig, „wirst jetzt Mikes Gefühle manipulieren.“

Ich sehe, wie Lina erschrickt. Nicht laut. Nur ein kurzes Einziehen der Schultern, als hätte man sie plötzlich nackt angesprochen.

„Ich… was?“

Mike hebt beide Hände. „Moment. Manipulieren?“

Er lacht nervös. „Ich habe heute wirklich schon genug mit mir selbst zu tun.“

Eamon steht auf und tritt einen Schritt auf Mike zu.

„Du wirst merken, was sie will, dass du es fühlst“, sagt er ruhig zu ihm.

Dann wendet er den Kopf zu Lina.

„Und genau das ist der Punkt. Mike muss etwas anderes fühlen als seine Angst gerade.“

Lina sieht mich an.

Ich sitze ihr gegenüber. Zu weit weg und doch zu nah.

Ich spüre es sofort. Das eine Gefühl, das gerade alles andere verdrängt.

Sehnsucht.

Sie kommt nicht leise. Sie ist einfach da. Warm, ziehend, unvernünftig.

Und sie gehört mir. Nur mir.

Ich halte ihren Blick. Zu lange.

Schicke ihr nichts als Wahrheit zurück.

Ich auch nach dir.

Eamon sieht es.

„Nicht“, sagt er scharf.

Nur ein Wort.

„Konzentrier dich auf Mike, Lina. Nicht auf Noah.“

Mike hebt eine Augenbraue.

„Danke. Wirklich. Ich fühle mich sehr geehrt, die zweite Wahl zu sein.“

Lina zuckt zusammen. Atmet ein.

Schließt kurz die Augen.

Als sie sie wieder öffnet, sieht sie Mike an.

Nicht hart. Nicht fordernd.

Suchend.

Sie hebt die Hand ein kleines Stück. Unsicher. Fast, als würde sie sie gleich wieder sinken lassen.

Nichts passiert.

Und dann… doch.

Mike runzelt die Stirn.

Greift nach dem Krug mit dem Tee und setzt ihn direkt an den Mund. Trinkt.

Zu hastig. Zu gierig.

Dann nimmt er seine Tasse. Leer.

Greift nach Caelans. Trinkt auch die.

Greift weiter.

Ich ziehe meine Tasse weg, bevor seine Finger sie erreichen.

Mike hält inne.

Schluckt.

„Alter…“, sagt er heiser. „Ich weiß nicht, was hier gerade läuft…“

Er nimmt noch einen tiefen Zug aus dem Krug.

„…aber ich verdurste. Sofort. Innerlich. Dramatisch.“

Caelan schaut ihn einen Moment an.

Mike blinzelt.

Stellt den Krug ab.

Schaut sich um.

Mike räuspert sich. „Falls das eben normal war, möchte ich offiziell sagen: Das war es nicht.“

Eamon sieht Lina an.

„Was hast du getan? Was genau hast du ihm geschickt? Durst?“ fragt er. Nicht hart. Präzise.

Lina zögert.

Ihre Stimme ist leise, fast beschämt.

„Nein, ich weiß auch nicht. Ich sollte mich doch konzentrieren, und um mich zu sammeln, habe ich mir den Ozean vorgesellt“, sagt sie. „Das weite Meer.“

Sie schluckt.

„Aber das Gefühl… das Gefühl war stärker.“

Sie sieht kurz zu mir. Senkt den Blick wieder.

„Sehnsucht“, sagt sie.

Mike starrt sie an.

„Ich wusste es“, murmelt er. „Ich hätte direkt nach dem Frühstück aufstehen und zu den Schafen gehen sollen.“

Eamon starrt gegen die Zimmerdecke. Ich wünschte mir sehr, ich könnte ihn fühlen.

„Und aus Sehnsucht wurde Durst.“ sagt er.

„Unkontrolliert. Unsauber. Aber wirkungsvoll.“

Ich sehe Lina an. Ihre Wangen sind gerötet, ihre Augen dunkel.

Sie hat Angst. Und Neugier. Und etwas Wildes, Unkontrolliertes darunter.

Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen.

Es rutscht mir einfach raus. Kurz. Leise.

Lina wirft mir einen Blick zu.

Eine Mischung aus Verräter und Hilf mir.

Eamon bemerkt es. Natürlich.

Er kommt auf mich zu.

Fast lautlos und ohne Eile.

Im nächsten Moment beugt er sich so dicht zu mir, dass ich instinktiv den Atem anhalte.

Seine Augen sind fast schwarz. Nicht wütend. Wach.

„Du findest das lustig?“

Es klingt mehr wie ein Knurren als wie Sprache.

Ein Geruch dringt scharf in meine Nase. Ein Gemisch aus Asche und Blut.

„In jedem Moment“, sagt er, „kannst du einem Mor’kel gegenüberstehen.“

Sein Blick hält meinen fest.

„Und dann…“, sagt er leise, „…wirst du nicht mehr lachen.“

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