Глава 10: Kapitel 9

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Katja Sommer stand am Fenster im Wohnzimmer von Marits altem Haus, den Blick auf die Wiese vor dem Friedhof gerichtet. Der Morgen war still, nur ein leises Rascheln von Blättern drang herein. Sie versuchte, Ordnung in die Gedanken zu bringen, die die Frau in der Küche in ihr ausgelöst hatten. Diese Fremde, verwundet, verwahrlost, sprachlos, bar jeder Erinnerung … oder doch nicht ganz? Ihre Reaktionen waren unberechenbar, ihre Erscheinung wie aus einer anderen Zeit gefallen. Katja hatte schon viele Frauen in Ausnahmesituationen erlebt: Opfer, Täterinnen, Schatten ihrer selbst, aber das hier war anders. Ganz anders.

Sie fuhr sich durch das kurze Haar, das sie seit jungen Jahren feuerrot trug. Im Spiegel sah sie mittlerweile mehr Linien, die sich langsam vertieften. Die blauen Augen nicht mehr so leuchtend wie früher, und ohne Lesebrille kam sie auch nicht mehr aus. Die khakifarbene Bluse spannte leicht über der Brust, die schwarze Jeans saß bequem, zweckmäßig. Katja war kein Typ für Schmuck oder Spielereien. Ihre Figur blieb knabenhaft, klar gezeichnet, und sie trug ihre Geschichte wie eine unsichtbare Rüstung.

„Sie braucht Hilfe“, sagte sie und drehte sich zu Marit um.

Die Heilpraktikerin im Ruhestand saß in ihrem abgewetzten Ohrensessel, beide Hände um eine große Teetasse gelegt. Einige silbrige Strähnen hatten sich aus dem Dutt gelöst und fielen lose auf die Schultern. Ihr rundes Gesicht strahlte eine milde Offenheit aus, die an Großmütter aus Kindheitstagen erinnerte, nur dass ihre wachen, klugen Augen jeden unausgesprochenen Gedanken erkannten. Rote Apfelbäckchen, ein verschmitzter Mund. Sie trug ein verwaschenes Longshirt in Kirschrot und abgeschnittene Jeans, deren Fransen über die Knie reichten. An den Füßen Barfußschuhe, als wäre sie eben vom Strand gekommen. Und doch wirkte nichts an ihr nachlässig, sondern zutiefst geerdet. Bei Marit hatte sogar das Chaos eine innere Ordnung.

Das Wohnzimmer war gemütlich und ein wenig vollgestellt, ohne unordentlich zu wirken: Bücherstapel, ein abgewetzter Orientteppich, ein altes Buffet mit Emaillekrug, Keramikgeschirr und Teedosen. Auf den Fensterbrettern blühten Geranien, und der alte Kachelofen in der Ecke verströmte noch immer einen Hauch von Wärme, obwohl er längst aus war. Auf einem schlichten Fernsehschrank thronte ein großer Flachbildfernseher, der inmitten der behaglichen Einrichtung wie ein Fremdkörper wirkte, zu modern, zu präsent, als wolle er die Aufmerksamkeit an sich reißen.

„Sie gehört eigentlich in die Landesklinik“, sagte Katja zögernd. „Wahrscheinlich paranoide Schizophrenie, eventuell dissoziativ. Wir brauchen auf jeden Fall ihre Sachen für die KTU.“

Marit hob langsam den Blick, als müsse sie die Worte erst durch ein inneres Sieb laufen lassen. „Wenn du sie in die Klinik bringst, zerreißen sie die Frau in Stücke, Katja. Einfach Schema F. Da wird nichts erkannt, nur behandelt. Mit Medikamenten. Und mit Angst. Nicht zu vergessen, dass du nach einem Mörder suchst.“

Katja hielt ihrem Blick stand. Etwas in Marits Stimme ließ den sicheren Weg, Klinik, Protokoll, Akte, auf einmal falsch erscheinen.

Ein leises Geräusch ließ sie aufhorchen. Aus der offenen Küchentür klang ein Murmeln. Eine Sprache, die Katja nicht verstand. Roh, altertümlich. Ein Satz, fremd und doch fast poetisch, mit einer fremdartigen Melodie:

„Nu wiest jo ick! Winter, Sömmer, we kummt dör?“

Katja trat näher. „Was redet sie da?“

Marit zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht.“

Durch den Spalt sah Katja, wie die Fremde das große Fenster weit geöffnet hatte und die Türen von Kühl- und Gefrierschrank. Jetzt saß sie wieder auf dem Stuhl, den Rücken gerade, die Hände im Schoß. Ihr Blick wanderte zwischen Kühlschrank und Fenster hin und her, dann erstarrte sie, als würde sie einer stummen Bedrohung lauschen.

„Ich muss da rein“, sagte Katja leise. „Bevor sie noch wer weiß was anstellt.“

Die Küche war ein überraschender Kontrast zum Wohnzimmer: modern, aber mit Seele. Die Wände dunkel erdig gestrichen, dazu eine schneeweiße Küchenzeile mit schwarzem Induktionsherd und eingelassener Dunstabzugshaube. Über dem Herd ein schlichtes Regal mit Haken, an denen handbemalte Kaffeetassen hingen, jede einzelne ein kleines Kunstwerk, von Marits Enkelin Lara bemalt. In der Ecke beim Fenster standen Kräutertöpfe, gefüllt mit Thymian, Rosmarin, Zitronenmelisse. Daneben ein Keramikbehälter mit ganzen Kaffeebohnen und eine kleine elektrische Mühle. Die Tischgruppe mit gepolsterten Holzstühlen und einer Eckbank aus dunklem Nussbraun stand der Küchenzeile gegenüber; ihre Sitzpolster in warmem Taupe griffen die Wandfarben auf und ließen den Raum einladend wirken. Daneben: eine große, weiße Kühl- und Gefrierkombination.

Marit stellte den Wasserkessel auf und setzte einen Porzellanfilter auf eine altmodische Kanne. Routiniert füllte sie frisch gemahlenes Kaffeepulver hinein.

Katja ließ sich auf die Bank sinken und beobachtete die Fremde.

„Zumindest hält sie jetzt die Augen geschlossen.“

„Ja.“ Marits Stimme war leise. „Keine tiefen Falten, aber auch nicht mehr ganz jung. Ich schätze Mitte bis Ende dreißig.“

Der Wasserkessel pfiff leise, der Duft frisch aufgebrühten Kaffees breitete sich aus, warm, erdig, mit einer nussigen Note. Katja sog den Geruch ein, als könne er die seltsame Anspannung vertreiben.

Die Frau fuhr leicht zusammen, als Marit ihr eine Hand auf die Schulter legte. „Nicht erschrecken, mein Kind. Möchtest du einen Kaffee?“

Die Fremde musterte sie misstrauisch, dann glitt ihr Blick zu Katja. Marit stellte Katja eine Tasse hin, dann reichte sie auch der Fremden eine. Diese roch daran, zog die Brauen hoch. Misstrauen und Neugier zugleich spiegelten sich in ihren Gesichtszügen, als sie die Tasse vorsichtig ein Stück von sich weg schob.

Katja trank demonstrativ einen Schluck. Stark, rauchig, kräftig, wie immer bei Marit.

„Wie heißt du?“, fragte Marit.

Die Antwort kam leise: „Sina. Ich heiße Sina.“

Katja nickte aufmerksam. „Sina … und weiter? Was haben Sie auf dem Friedhof gemacht? Kannten Sie das Opfer?“

„Ich glaube, du überforderst sie gerade“, mischte sich Marit ein.

Sina blickte Katja direkt an, als wolle sie etwas sagen, und schwieg. Sie nippte kurz am Kaffee, verzog den Mund und stellte die Tasse beiseite.

„Warum bin ich hier?“ Da war er wieder, dieser flehentliche Blick.

Marit schloss die Kühlschranktür. In diesem Moment sprang Sina auf, packte ihr Handgelenk. „Du hältst den Winter gefangen! Das darfst du nicht!“

Marit lachte sanft. „Das ist kein Zauber, mein Kind. Nur ein Kühlschrank. Damit Milch nicht schlecht wird.“

Katja lehnte sich vor. „Sina, kannten Sie den Mann, der bei Ihnen lag? Den Toten?“

Sina schüttelte den Kopf. „Ich habe noch nie einen nackten Mann gesehen. Nur Matthes.“

„Wer ist Matthes?“

„Mein Mann.“

Katja sah Marit an. „Dann hat sie Angehörige. Vielleicht finden wir so etwas heraus. Wie heißen Sie mit Nachnamen?“

„Fehrmann“, kam es leise.

„Aus welchem Ort?“

„Garz.“

Katja zog ihr Handy hervor. „Ja, Micha … wir haben was. Die Frau heißt Sina Fehrmann, Garz. Alter unbekannt. Prüft Matthes Fehrmann, angeblich ihr Mann. Ja, ich weiß … sie bleibt erstmal bei Marit. Geht auf meine Kappe.“

Marit stand auf. „Sie braucht ein Bad. Und frische Kleidung. Ich habe noch Sachen von Emma hier, die müssten Sina passen. Ich nehme mal an, das, was sie trägt, packe ich dir ein.“

„Unbedingt. Für die Spurensicherung.“

„Komm, Liebes.“ Marit führte Sina hinaus.

Kaum war die Tür zu, klingelte Katjas Handy erneut. Auf dem Display stand: Sven.

„Ich bin auf dem Weg ins Präsidium. Michael hat mich informiert. Die Frau heißt also Sina Fehrmann, ok. Wir müssen reden, mit dem ganzen Team. Sina kann bei Marit bleiben. Aber nur ein, zwei Tage.“

„Ja, sehe ich genauso.“

„Katja!“ Marits Stimme aus dem Bad klang angespannt.

Katja verabschiedete Sven und ging ins Badezimmer und erstarrte.

„Sieh dir das an …“, sagte Marit leise.

Sina stand da, nackt, den Rücken ihr zugedreht. Die Arme vorne über die Brust gekreuzt. Das Lumpenkleid lag auf einem Hocker. Ihre Haut war fahl, gelblich und kränklich, der Körper abgemagert, als habe sie tagelang nichts zu essen bekommen.

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