Глава 28: Kapitel 27

Эта глава ещё недоступна на языке Russian. Войдите, чтобы перевести её и открыть для всех.

Der Himmel war inzwischen dunkler geworden, nur noch ein blasser Streifen Licht zog sich am Horizont entlang, als sie das Geschirr beiseite räumten und wieder Platz nahmen. Auf dem Tisch standen nur noch die Gläser, eine Kerze flackerte im Wind, das Zirpen der Grillen übertönte jedes Wort.

Sina lag auf der Gartenliege, Kissen unter Kopf und Nacken, eine Decke über den Beinen. Die Augen geschlossen, doch nicht im Schlaf. Man hörte es an den leisen Atemzügen, am kaum wahrnehmbaren Zucken ihrer Fingerspitzen, wenn jemand sprach, dem sie besonders lauschte.

Katja stellte die offene Kiste auf den Tisch, schob die erste Schicht aus Packpapier und Leinen zur Seite und hielt inne. „Seht euch das an“, murmelte sie.

Zwischen alten Dokumenten, Pergamentrollen und gebundenen Notizen klebten kleine, hellgelbe Zettel. Meikes Handschrift, hastig gekritzelt, manchmal nur ein Wort, manchmal ein ganzer Absatz.

„Vorsicht, möglicherweise ein Original!“ – „Siegel nicht entfernen. Wachsfragmente analysieren?“ – „Rückverbindung zum Augustiner Konvent prüfen, KI fragen.“

Marit beugte sich vor und lächelte schräg. „Sie wusste genau, dass wir ohne sie hier verloren wären.“

„Die Zettel sind überall“, sagte Katja, während sie vorsichtig weiterblätterte. „Sie war ein Profi, durch und durch.“

Marit hob ein handschriftliches Dokument mit lateinischem Titel. „Ich komm mit so etwas gar nicht klar.“

„Sina?“ Katja blickte zur Liege und hielt ihr das Schriftstück hin.

Sina hob den Kopf, ihre Stimme ruhig, beinahe zärtlich: „Ich kenne die Zeichen, die Sprache. Aber die Worte entziehen sich mir. Vieles ist älter als ich.“ Sie lächelte schelmisch: „Vielleicht kann euch eure neue Schriftgelehrten Maschine helfen. Wie hieß sie? In dem Kästchen mit dem Licht…“ Sie deutete auf Katjas Smartphone.

„ChatGPT“, sagte Katja.

„Schätt… wie auch immer. Ihr fragt es wie eine Weise am Rand des Dorfes. Und bekommt Antwort.“

Sven blätterte in einem Folianten mit spröden Seiten. „Dann sollten wir das tun. Offenbar kam sie selbst nicht mehr dazu, die KI zu befragen.“

Katja saß mit ihrem Glas Wein auf der Stuhlkante, den Blick still auf Sina gerichtet. Marit hatte die Liege vorgeschlagen, Sina hatte nur dankbar genickt. Seit Minuten sprachen sie über die Unterlagen, viele kaum zu entziffern, manche in alter deutscher Schrift, andere in Latein. Trotz Erschöpfung lag in Sinas Augen noch eiserner Wille, zu lesen.

„Hier!“ Henning reichte ein Dokument. „Das war in der Kiste mit dem Wachssiegel.“

Katja faltete das brüchige Papier auseinander. Wieder das Zeichen: ein Auge in einem Kreis, von feinen Linien umgeben. Ein Baum wuchs von unten hinein, darüber eine Sternschnuppe. Am Rand Runen, dazu vier kleine Dreiecke, alle mit der Spitze zum Auge. Dasselbe Symbol wie auf Faris’ Oberschenkel, auf Elins Brust – und in Meikes Unterlagen. Diesmal lag eine Karte dabei. Kein Ort, den Katja erkannte, aber die Form wirkte vertraut. Rügen?

„Das scheint ein Kloster in der Nähe von Groß Schoritz zu sein, Monasterium Pax Viventium“, sagte Konrad, der sich über sie beugte.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Katja, wie Marits Blick kurz bei ihm verweilte.

Henning runzelte die Stirn. „Ein Kloster bei Groß Schoritz? Das Gutshaus kennen wir, aber ein Kloster?“

Konrad deutete auf einen Zettel, von Meike beschriftet. „Hier: ‚Ordo Pacis Benedicti‘. Ich hatte Latein im Abi, ist aber ewig her. Pax Viventium heißt Frieden den Lebenden. Klingt nach einem Orden von Friedensbewahrern.“

„Möglich“, stimmte Marit zu. „Hier steht ‚Gründungsjahr 1231‘. Ob das den Orden oder das Kloster meint, hat Meike nicht notiert.“

„1231“, murmelte Katja und tippte die Zahl ins Smartphone. „Noch lange vor der Reformation.“

„Also katholisch“, sagte Marit. Sie hielt ein zerfleddertes Buch hoch. „Seht mal, hier…“ Mit Mühe entzifferte sie: „Ordo… Silentii… Initium… in tenebris… finis in carne? Solum… Deus… loquitur…“

Konrad zog eine Braue hoch. „So wie du das gelesen hast, bietet der Supermarkt Bratwürste im Angebot an und Gott sitzt auf der Kühltheke.“ Alle lachten, selbst Sina lächelte müde.

Marit stieß ihn an. „Na los, Mister Klugscheißer. Deine Bühne.“

Konrad las klar und ruhig: „‚Orden der Stille. Der Anfang liegt im Dunkel, das Ende im Fleisch. Nur Gott spricht.‘“

Für einen Moment lang legte sich Schweigen über den Garten.

„Das ist kein klassisches Kirchenlatein“, sagte er. „Eher eine verschlüsselte Symbolsprache. Und hier…“ er deutete auf eine Skizze „…unterirdische Gänge. Kammern.“

Sina öffnete die Augen. „Der Ort existierte“, sagte sie heiser. „Ich war nie dort, aber Bruder Fidelis, der zu uns kam, er war einer von ihnen.“

Katja kniete sich neben ihre Liege. „Kannst du von ihm erzählen?“

Sina nahm ihre Hand, kalt wie Stein. „Er kam alle zwei Wochen. Brachte Wein, sprach kaum. Aber seine Augen, sie hatten die Welt gesehen. Fidelis heißt Treue, sagte er. Alina liebte ihn. Einmal hatte sie sich verirrt, da brachte er sie heim. Er lehrte uns das Schreiben, heimlich. ‚Solange ich es mit Gott vereinbaren kann,‘ sagte er, ‚sind mir die Dorfbewohner egal.‘“

Katja wischte Schweiß von Sinas Stirn. „Du sagtest, du willst helfen. Wie meinst du das?“

„Solange mi de Leev sünd,“ flüsterte Sina wehmütig, „un de Atem bide Nacht. Solange mir die Liebe bleibt und der Atem in der Nacht.“

Ihre Augen öffneten sich weit. „Es gibt auf dieser Insel einen Ort. Tief unter der Erde. Fidelis warnte mich: Dort wohnt der Teufel. Ich fragte nicht weiter. Wenn es diesen Ort noch gibt, dann liegt dort die Wahrheit. Aber auch Gefahr. Grabt nicht zu früh, sonst verschlingt es euch.“

Die Gläser auf dem Tisch klirrten leise im Wind.

„Dann ist das hier…“ Henning deutete auf die Kisten „…erst der Anfang?“

„Ja“, sagte Katja. „Konrad, du kennst doch Pater Adrian in Rostock. Ist er vertrauenswürdig?“

„Sehr. Diskret und belesen. Wenn einer etwas über verschwundene Klöster weiß, dann er.“

„Frag ihn. Sag, es sei für private Recherche. Keine Namen.“

„Mache ich.“

Sina blinzelte, während Marit Kerzen anzündete. In ihrem Innern tauchte die Silhouette eines Mönchs auf, neben einem Mädchen mit flachsblondem Haar. Ein Mädchen, das sie nie wieder in die Arme schließen konnte.

„Der Anfang im Dunkeln, das Ende im Fleisch“, murmelte Sven. „Das meinten sie wörtlich.“

„Es klingt wie ein Schwur“, sagte Konrad.

„Oder eine Warnung“, ergänzte Henning.

Katja spürte, wie sich etwas verschob. Als würde ein Knoten sich lösen.

„Ihr lebt in einer guten Zeit“, flüsterte Sina. „Schade, dass ich euch Alina und Matthes nicht vorstellen kann… Wir hätten Freude gehabt. Alina Ärztin, Matthes wäre so ein… Kastenmann geworden.“ Sie deutete auf das iPhone von Sven, das auch dem Tisch lag. „Und ich hätte Radfahren gelernt.“

Katja nahm ihre kalte Hand. „Sina, du bist hier. Das zählt.“

„Damals… in Bergen, im Wald, mit Alina… es war kein Zufall. Es war eine Entscheidung von Männern, die glaubten, Gott zu spielen.“

Marit legte ein Postit beiseite. „Vielleicht finden wir die Erklärung für Alinas Tod.“

Henning seufzte. „Nicht in einer Nacht.“

Katja nickte. „Aber einen Anfang.“

Sina sank zurück. „Dann beeilt euch. Dieser Körper gibt auf.“

Marit zog ein vergilbtes Dokument hervor, band es auf. „Das ist keine moderne Schrift. Kein Latein.“

Sven reichte das Schreiben weiter an Sina.

Ihr Blick flog über die Zeilen, ihre Augen wurden größer. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Vielleicht war das der Grund, warum sie zurückgekehrt war, warum sie seit jenem Tag in Bergen wieder unter den Lebenden wandelte. Kein Friede im Himmel, kein Vergessen, nicht, bevor sie diese Worte in den Händen hielt.

Vielleicht hatte ihre Seele so lange gerungen, weil dieser Brief sie noch rief.

„Sina?“, fragte Marit vorsichtig.

„Das ist von ihm. Von Matthes. Ich übersetze ihn für euch direkt.“

Mit brüchiger Stimme begann Sina zu lesen, erst leise, dann lauter, als würde Matthes’ Stimme selbst aus der Vergangenheit zu ihnen sprechen:

„Meine geliebte Sina,

wenn dich diese Zeilen erreichen, weiß ich nicht, ob ich noch lebe. Ich bete, dass du diese Worte noch erhältst, bevor du von mir gehst. Ich bete, obwohl ich längst nicht mehr weiß, an wen.

Ich habe geschwiegen. Zu lange geschwiegen. Ich war feige. Ich habe dich allein gelassen, obwohl ich dir einst geschworen habe, so lange mir die Liebe bleibt und der Atem in der Nacht, immer an deiner Seite zu sein. Der Teufel versprach mir Trost, im Rausch, in fremden Armen, im Vergessen. Ich ließ mich darauf ein.

Sie hatten mir gedroht. Wenn ich spreche, wird unsere Familie ausgelöscht. Ich trug das Wissen in mir wie Gift. Und sie wussten es. Also nahmen sie uns Alina.

Und nun dich.

Aber ich schweige nicht mehr. Der Teufel kriegt mich nicht. Bruder Fidelis und ich, wir wurden Zeugen von etwas, das kein Mensch sehen sollte. Sie ließen uns keine Wahl: entweder helfen oder sterben. Wir haben geholfen. Haben geschwiegen. Haben die Körper fortgeschafft, die sie zurückließen. Ich habe gesehen, wie sie Seelen behandelten, schlimmer als Vieh. Und ich habe geschwiegen.

Fidelis hielt es nicht mehr aus. Er wollte beichten. Er sagte, Gott müsse ihm vergeben. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Zuerst holten sie Alina. Jetzt holen sie dich. Und mich.

Seit Tagen folgt mir ein Schatten, geliebtes Weib. Ich hoffe, mir bleibt genug Zeit, mein Versprechen einzulösen, dir und Gott gegenüber. Ich schwöre es bei allem, was ich je geliebt habe: Ich werde sie finden. Einen nach dem anderen. Und ihnen ein Ende setzen.

Sollte mich der Schatten vorher holen, so wisse, dass ich es versucht habe. Dass ich alles gab, was mir möglich war. Aber es gibt Mächte, Sina, gegen die wir nicht bestehen.

Wenn ich nicht zu deiner Hinrichtung komme, war der Schatten schneller.

In Gottes Hand sehen wir uns wieder. Du. Alina. Und ich.

In ewiger Liebe, dein Matthes.“

Sina hielt das Pergament einen Moment länger in den Händen, als könnte sie durch das Papier hindurch sein Herz berühren. Tränen liefen ihr haltlos über die Wangen. Und in ihrem Blick lag eine Ahnung, dass all ihr Weg, all ihr Leiden nur dazu geführt hatte, endlich diese Worte zu empfangen.

Als sie den letzten Satz sprach, sank das Pergament auf ihren Schoß.

Svens Stock klopfte. „Hinrichtung? Wovon redet er?“

Sina hob den Blick. „Im Jahr des Herrn 1489 verurteilte man mich. Sie sagten, ich hätte Alina getötet. Meine Tochter. Ich war eine Frau, die heilte, die lesen konnte. Das genügte. Man beschuldigte mich, sie mit meinem Messer erstochen zu haben.“

Sie sprach von Peitschenhieben, vom Pfarrer, der ihr Messer zeigte, von den Stimmen des Dorfes, die nach ihrem Tod schrien. Vom Urteil, von der Schande und vom Galgen. Von Matthes, der nicht kam.

Niemand wagte, sie zu unterbrechen.

Als sie endete, hielt sie die Briefe an ihre Brust, wie ein Kreuz.

Selbst die Luft hielt für einen Augenblick den Atem an.

„Das erklärt nicht, wie Sina heute hier sein kann“, murmelte Sven. „Oder warum der Brief jetzt auftaucht.“

„Noch wissen wir es nicht“, sagte Katja leise.

Sie alle schwiegen.

Sina sank tiefer in die Kissen. Katja sah, wie müde sie aussah.

Der Abend neigte sich. Schatten wurden länger, das Licht weicher, Stimmen leiser.

Katja blätterte in ihrem Notizbuch. „Wir wissen jetzt, dass es einen uralten Orden gab, der jedoch forschte, statt zu beten. Ordo Silentii, vermutlich im Kloster Pax Viventium. Und dass er irgendwann vernichtet wurde.“

„Wir haben ja längst nicht alles entziffert“, sagte Henning.

„Pater Adrian kann helfen“, nickte Konrad.

Sven schlug unruhig mit dem Stock. „Alles unfassbar. Und mein Bein tut weh.“

Henning schloss die Kisten. „Wir sollten uns aufteilen. Katja und Sven nehmen sie mit, bei euch sind sie sicherer.“

Katja nickte. „Wir fahren heim. Ich muss das sortieren.“

„Und ich bleibe bei Sina“, sagte Marit. „Wir treffen uns bald wieder.“

Sina lag still. Die Briefe auf der Brust, die Hand darüber gefaltet. Der Atem flach, das Gesicht friedlich, fast kindlich.

Marit strich ihr eine Strähne aus der Stirn. „Du liebe alte Seele. So viel gesehen, so viel verloren.“

Sie deckte sie zu, löschte das Licht und ließ den Garten in Stille zurück.

Und niemand ahnte, dass auf diesen Schlaf ein Erwachen folgen würde, das nicht friedlich war.

Как вам эта глава?

Войти чтобы также написать рецензию.

Гл 27Гл 29