Глава 34: Kapitel 33

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Ich habe keine Fesseln mehr. Meine Arme liegen frei, auf einem weichen Laken, das nach nichts riecht, nicht nach Schweiß, nicht nach Wiese, nicht nach Lavendel. Es riecht nach … nichts. Die Wände sind weiß, zu hell, und das Licht hat keinen Schatten. Es fällt durch keine Fenster, denn es gibt keine.

Ich blinzle. Der Raum ist freundlich eingerichtet, es gibt zwei weiche Sessel, wie ich sie aus Marits Wohnstube kenne. Marit nennt sie Ohrensessel, aber Marits Sessel ist bunt, diese hier sind weiß. Zwischen den Sesseln steht ein Tisch, an den Wänden hängen kleine bunte Bilder, ähnlich wie die in Marits Haus. Es wirkt fast wohnlich, wäre da nicht diese Kühle, die nicht vom Wind kommt, sondern aus Werken, die mir verborgen bleiben. Sie stehen rechts und links von mir, summen und flüstern mit zuckenden Lichtern, wie unsichtbare Wesen.

Neben meinem Bett, dessen oberes Rückenteil jemand hochgestellt hat, sodass ich sitzen kann, steht ein kleiner Tisch. Eine Frau hat mir gezeigt, wie ich ihn heranziehen und wieder wegschieben kann. Darauf ein Tablett mit einer Schale Suppe, einem Stück weichem Brot und einem Becher Tee.

Ich ziehe den Tisch heran und das Heute löst sich in Bilder von damals auf: Matthes und ich, nach einer Nacht, in der wir das Feuer nicht verlöschen ließen, das Fell zerwühlt. Alina, barfuß, schiebt uns auf so einem Tisch einen Krug Milch und ein Stück Brot heran. Sie kichert, klettert zu uns in unsere Schlafstatt, und wir frühstücken zu dritt. Das Licht fällt durchs kleine Fenster, warm wie Honig. Oder ein Kranker, dem so ein Tisch die Anstrengung genommen hätte, aufzustehen, um zu essen. Ich sehe all das vor mir und doch sitze ich hier, allein, in einer Welt, die mir nicht gehört.

Vor mir steht eine Frau in einem hellblauen Gewand, das mich an Papier erinnert. Sie hat ruhige Augen und silberblondes Haar, streng zu einem Knoten am Hinterkopf gebunden. Ihre Stimme ist kühl, aber nicht unfreundlich.

„Guten Tag, Sina. Verstehen Sie, was ich sage?“

Ich sehe sie an. „Ja. Wo bin ich? Wo sind Marit und Katja?“

„Die beiden Frauen sind nicht hier. Und Sie sind an einem sicheren Ort.“

Sie setzt sich mir gegenüber und macht sich eine Notiz auf einem kleinen, flachen schwarzen Stück Glas. Ich habe in Marits Haus schon ähnliche schwarze Gläser gesehen. Eins davon war sehr groß. Marit drückte auf einen kleinen schwarzen Kasten, und plötzlich waren statt des schwarzen Glases riesige Schwalben zu sehen. Sie waren laut und hatten keine Angst, wenn man auf sie zuging. Greifen konnte man sie nicht, das Glas schien sie zu beschützen. Auch kleine schwarze Gläser kenne ich schon, aus denen Stimmen zu hören sind, ohne dass jemand in der Nähe ist. Einmal rief ich „Hallo“, und Katjas Stimme antwortete mir.

Ich will zurück, zu Marit und Katjas Haus, dorthin, wo der Wind nach Meer riecht, das Brot nach Wärme schmeckt und die Stimmen nicht aus schwarzem Glas kommen, sondern aus offenen Mündern von Menschen, die mich ansehen.

„Sie müssen keine Angst haben“, unterbricht die Frau meine Gedanken und schlägt die Beine übereinander. „Wir möchten nur mit Ihnen sprechen und dafür sorgen, dass es Ihnen so gut wie möglich geht. Wie fühlen Sie sich heute?“

Ich hebe die Hand. „Ich muss … mingere, dieser Leib ruft nach Ruhe…“ Ich stocke. „Ich brauche eine Schüssel!“

Verwirrung zieht über ihr Gesicht. „Geht es Ihnen nicht gut? Sie brauchen eine Schüssel, um sich auszuruhen?“

„Nein. Ich muss … Wasser lassen.“ Ich sehe sie eindringlich an.

Sie legt das dunkle Glas, auf dem sie geschrieben hat, beiseite und steht auf. „Ich zeige Ihnen die Toilette.“

Ich reiße die Augen auf. „Ich setze mich nicht auf diesen Höllenschlund.“

Ihre Stirn zieht sich zusammen. „Das ist nur eine Toilette. Sehr sauber, da passiert Ihnen doch nichts.“

„Das mag sein. Aber auf solch ein Loch setze ich mich nicht. Ich mach ja vieles mit in eurer Welt, aber das ist mir … nicht geheuer.“

Sie zögert und drückt einen kaum sichtbaren Knopf in der Wand. Wenig später kommt eine andere Frau, ganz in Weiß, mit einer Art fahrbarem Stuhl mit Eimer. Ich nehme ihn wortlos an und gehe ins angrenzende Bad.

Mit dem Eimer in der Hand komme ich zurück. „Wo ist das Fenster?“

„Hier gibt es keine Fenster. Frischluft kommt über die Klimaanlage. Und das da…“ Sie deutet auf den Eimer, bemüht, ihren Ekel zu verbergen. „… lassen Sie einfach auf dem Boden stehen. Jemand kümmert sich um die Probe.“

„Probe?“ Ich stelle den Eimer ab und setze mich wieder aufs Bett. „Was meint Ihr mit Probe?“

„Wir wollen Ihr … Wasser untersuchen. Um sicherzugehen, dass Sie stabil sind.“

Ich lehne mich in diesem Zauberbett zurück, das sich heben und senken lässt. Ich bin müde, selbst dieser Gang hat mich erschöpft. „Seid Ihr Quacksalber oder Ärztin? Oder beides?“

Ihr Lächeln ist freundlich und leer zugleich. „So ungefähr. Ich möchte mich zunächst vorstellen. Mein Name ist Dr. Ulla Vogel. Ich bin Neurobiologin mit medizinischer Zulassung. Zuständig für die neurokognitive Integrationsforschung.“

Eine männliche Stimme ertönt wie aus dem Nichts: „Ich denke, das versteht sie nicht, Frau Dr. Vogel. Nutzen Sie einfacheres Vokabular, bitte.“

Ich zucke zusammen, meine Finger krallen sich ins Bett, als könnte es mich beschützen. Zögerlich mache ich ein Kreuz über meiner Brust. „Heilige Mutter Maria… bei euch … haben sogar die Wände Stimmen?“

Ein Kichern, Männer, Frauen, irgendwo, aber nicht sichtbar. Geister! Ich blicke mich suchend um. „Ich höre sie. Aber ich sehe sie nicht. Was ist das für ein Ort? Sind das Totengeister, oder seid ihr Narren? Seid Ihr Hexen, Spielleute oder nur verkleidete Kinder?“

Dr. Vogel tritt näher. „Es ist alles in Ordnung. Niemand will Ihnen schaden. Die anderen…“ Sie zeigt auf ein rot blinkendes Licht in der Zimmerecke. „… beobachten nur. Über eine Art Spiegel. Es ist wie ein Fenster, durch das man blicken kann.“

„Ein Fenster ohne Licht.“ Ich schüttle den Kopf. „Ein Blick ohne Augen. Das ist gegen die Natur.“

Ich sinke zurück ins Kissen.

„Wir sind Wissenschaftler, Forscher. Menschen, die nach neuen Wegen suchen, Krankheiten zu heilen, das Leben zu verlängern.“

„Ah… dann seid ihr Alchemisten.“ Ich spreche das Wort weich aus, fast ehrfürchtig. „Bei uns waren das Männer mit Glaskolben und Kräuterbüchern. Sie sagten, sie suchten das Gold im Innern der Dinge. ‚Sie verschieben die Grenzen‘, hat Bruder Fidelis gesagt. Aber das hier…“ Ich sehe mich um. „Ihr seid sonderbar. Aber gut.“

Ich setze mich auf. Dr. Vogel schiebt den kleinen Tisch heran, und ich nehme einen Schluck Tee. „Das ist…“, sage ich und nehme noch einen Schluck, „ein Gebräu, das schmeckt wie der Schatten unter einem alten Baum, bitter, aber schützend.“

In der Suppe schwimmen Kartoffeln, Karotten, kleine grüne Punkte, die ich nicht kenne. Ich beiße ins Brot.

„Ich sehe, es geht Ihnen ein kleines bisschen besser. Die Vitalfunktionen sind momentan stabil.“

Ich verstehe nicht jedes Wort. „Was habt ihr mir gegeben?“

„Etwas, das Ihnen vielleicht bekannt vorkommt.“ Sie zeigt auf die Tasse. „Mariendistel.“

„Wir nannten es Marienblatt. Ich gab es den Müttern nach der Geburt. Und jenen, die zu viel Galle hatten.“

„Wir möchten Ihnen ein paar Fragen stellen. Nur, wenn es für Sie in Ordnung ist.“

Ich nehme einen Löffel Suppe.

„Sina… Sie wurden 1489 hingerichtet, richtig?“

Es wird still in mir. „Ich denke schon. Aber jetzt bin ich hier, wie kann ich also hingerichtet worden sein?“

Die Alchemistin räuspert sich. „Nun, Ihnen das zu erklären … ich glaube, das wird nicht funktionieren. Sie wurden hingerichtet, das ist dokumentiert. Zwischen Ihrer Hinrichtung und dem Heute sind mehr als 500 Jahre vergangen.“

Ich starre sie an. Die Worte schweben, ohne sich zu fügen. „Bedeutet das…, dass unzählige Winter vergangen sind?“

„So kann man das sagen“, erwidert sie nach kurzem Zögern. Ihre Augen halten meinen Blick fest, als wolle sie etwas Tiefes, Uraltes aus mir herausziehen. „Uns interessiert nicht nur, was davor geschah“, sagt sie leise, aber mit einem Unterton, der mir unter die Haut geht. „Uns interessiert … wie war die Zeit dazwischen? Was liegt zwischen Ihrem letzten Atemzug … und diesem Augenblick? Gibt es ein Leben nach dem Tod?“

Ich schließe die Augen. Tief in mir regt sich eine leise Spur, wie das Flüstern einer Erinnerung, die sich nicht zeigen will. Doch ein Schleier verwehrt mir den Blick. „Ich weiß es nicht. Da war etwas, ich spüre das. Aber ich kann nicht sagen, was.“

„Oder da ist einfach nichts“, murmelt eine andere Stimme aus der Wand.

„Alles geschieht nach Gottes Wille“, sage ich.

„Also erinnern Sie sich nicht?“

„Ihr könnt mich fragen, so viel Ihr wollt. Aber ich weiß es nicht. Das, was hinter dem Tod liegt … scheint nicht für diese Welt bestimmt zu sein.“

„Sie möchten Ihre alte Welt zurück?“

Mein Lächeln ist leise wie eine Erinnerung. „Ich möchte barfuß über warmes Stroh gehen. Meine Tochter lachen hören. Meine Hände in Brotteig tauchen. Das Knistern des Holzofens hören. Aber das alles ist fort.“

„Was wir möchten, ist, dass Sie uns sagen, wofür Sie sich halten.“

Ich hebe den Kopf. „Ich bin ein Mensch. Ich liebe. Ich trauere. Ich erinnere mich. Ich fürchte den Schmerz und bete im Schlaf. Ich bin … nichts Besonderes. Und Ihr, junger Herr in der Wand, wer oder was seid Ihr?“

Ich trinke noch einen Schluck Tee, stehe auf, trete vor die Wand. „Ich weiß mehr über das Leben als Ihr mit all euren gläsernen schwarzen Kästen und leuchtenden Tafeln. Ihr fragt nach dem Tod, aber habt ihr je gelebt?“

„Sie überraschen mich, Sina“, höre ich Frau Dr. Vogel hinter mir sagen. Ihre Stimme klingt noch immer beherrscht, doch darunter spüre ich etwas Neues, einen feinen Zug echter Anerkennung, der sie für einen Augenblick wärmer macht.

Ich sehe zur Decke. „Eure Welt riecht nach … falsch. Aber meine roch nach Erde. Und Blut. Und manchmal nach Jasmin. Sie war nicht immer schön. Aber sie war echt.“

„Fühlen Sie sich stark genug, mitzukommen? Oder möchten Sie ruhen?“

Ich halte ihrem Blick stand. Was, wenn dies der Weg zu Marit ist? Vielleicht führen sie mich zu ihr oder hinaus aus diesem weißen Käfig. „Ich will mit“, sage ich. Meine Stimme klingt entschlossener, als ich mich fühle.

Ich folge ihr durch einen schmalen Gang, vorbei an Türen ohne Namen. Am Ende eine rote Tür. Sie legt die Hand an ein Feld, und die Tür öffnet sich lautlos.

Die Kühle erschlägt mich. Und doch ist es, als trete ich auf vertrauten Boden. Staub, Stein, Erinnerung. Grob behauene Wände. Truhen, Säcke, Holzkisten.

„Hier gehen wir durch Jahrhunderte“, sagt Dr. Vogel leise. „Vieles haben wir schon entsorgt. Aber das hier könnte Ihnen bekannt vorkommen.“

Ihre Worte wehen an mir vorbei. Bis ich sehe, was sie aus einer Kiste hervorholt, die alleine auf einem Tisch steht.

Sie reicht mir ein Leinenkleid mit gestickten Blumen. Alinas Kleid und Matthes’ Hose. Als letztes, meinen Rock.

Ich halte den Stoff fest, presse ihn an mich, atme tief ein. Sommergras. Lachen. Verlust. Ein Riss zwischen den Zeiten.

Und dieser eine Gedanke, mein letzter Halt, der mich davor bewahrt, den Verstand zu verlieren:

Sie sind noch da.

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