باب 14: Eliza – Herbstlaub

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Oma sitzt im Rollstuhl am Fenster.

Der Vorhang ist ein wenig zur Seite geschoben. Gerade so viel, dass Licht hereinfällt. Draußen ist Herbst. Ein heller Himmel, der nichts verspricht und trotzdem weich wirkt. Die Äste des Baums vor dem Fenster sind fast kahl.

Oma schaut hinaus.

Ich ziehe mir einen Stuhl heran und setze mich dicht neben sie. So dicht, dass unsere Knie sich berühren.

„Du frierst nicht?“, frage ich leise.

Keine Antwort. Oder vielleicht doch, nur nicht mit Worten.

Ich beuge mich näher zu ihr.

„Ich erzähle dir etwas“, sage ich. „Ein Geheimnis.“

Oma ist gut für Geheimnisse. Sie kann sie nicht weitertragen.

„Gestern Abend“, sage ich, „war ich in einer Pizzeria.“

Ich lächle.

„Es war sehr schön.“

Ich senke die Stimme, als könnte jemand mithören.

„Glaubst du an Liebe auf den zweiten oder dritten Blick?“

Ich schaue sie an, als erwarte ich tatsächlich eine Antwort<

„Oder auf den ersten“, sagt eine Stimme ruhig. „Selbst wenn die andere Person einen noch gar nicht wahrgenommen hat.“

Ich fahre herum.

Thomas steht im Türrahmen. Er wirkt nicht überrascht, eher so, als wäre er schon einen Moment da. Er kommt näher, geht um den Rollstuhl herum und hockt sich auf die andere Seite von Oma. Schaut ihr direkt ins Gesicht.

„Kennst du das?“, fragt er sie.

„Dass etwas schon da ist, bevor man es benennen kann?“

Oma schaut ihn an.

Und für einen winzigen Moment glaube ich, dass sie lächelt. Anders. Wissender.

Mein Herz jubelt.

Ganz leise. Ganz unvernünftig.

„Ich habe noch etwa eine Stunde zu tun“, sagt Thomas und richtet sich wieder auf. „Danach könnten wir ja noch etwas unternehmen. Wenn du Zeit und Lust hast.“

„Ich habe Hunger“, ich überlege laut. „Richtigen Hunger.“

Er lacht.

„Dann heute mal chinesisch?“

Ich lache ebenfalls, alles in mir jubelt.

„Aber dieses Mal auf mich.“

Thomas tritt an den Rollstuhl.

„Komm“, sagt er zu Oma. „Wir ziehen dich warm an.“

Er nimmt die Jacke vom Haken, hilft ihr behutsam hinein, greift nach einer Decke, legt sie ihr über die Beine, streicht sie glatt und prüft noch einmal, ob alles sitzt.

„Es ist Zeit für deinen täglichen Hofgang“, Thomas löst die Bremsen vom Rollstuhl.

Ich hebe amüsiert die Augenbrauen.

„Hofgang?“

„Ja“, nickt er. „So nennt man das wohl, wenn man hier raus darf.“

Ich grinse. „Klingt nach Gefängnis, dabei ist es eigentlich das Beste am Tag.“

Oma lächelt und wir setzen uns mit ihr in Bewegung.

Die Räder des Rollstuhls quietschen auf dem Linoleum, dieses helle, leicht beleidigte Geräusch, das in jedem Haus mit Bedürftigen gleich klingt. Im Mitarbeiterzimmer steht eine Praktikantin mit einem Kaffeebecher in der Hand. Sie schaut Thomas hinterher, einen Moment zu lang, ein bisschen zu offen. Ich sehe es. Er nicht.

Im Flur stehen zwei Mitarbeiter auf einer Leiter. Einer oben, einer unten, die Hände fest an den Sprossen. Sie hängen eine Girlande aus getrockneten Blättern auf. Ahorn, Kastanie, Buche, Eiche. Herbstfarben, matt und warm.

An den Zimmertüren hängen Bilder von Schulkindern. Gemalte Äpfel. Nüsse. Kastanien mit viel zu großen Augen. Der Herbst wurde hereingeholt.

Der Aufzug kommt. Die Türen gleiten auseinander. Wir fahren hinunter. Eng beieinander. Schweigend.

Draußen im kleinen Park ist es kühl, aber sonnig. Gärtner ziehen Rechen durch das Laub, immer wieder dieses trockene Rascheln. Säcke werden gefüllt, Stauden zurückgeschnitten. Der Park wird winterfest gemacht.

Thomas stellt den Rollstuhl so, dass Oma im Licht sitzt. Nicht im Wind. Nicht zu nah am Weg. Ich ziehe die Decke noch ein Stück höher, stecke sie sorgfältig um ihre Beine.

Sie lächelt.

Zufrieden.

Als wäre alles genau richtig.

Thomas und ich setzen uns auf die Bank, Oma direkt vor uns.

„Ich habe ihr Tagebuch dabei“, aus meiner Tasche hole ich das schwarze Buch hervor.

Thomas rückt näher.

„Zeig.“

Ich blättere.

„Nachdem sie bei Ireen eingezogen war, hat sie über zwei Jahre lang nichts mehr geschrieben. Aber jetzt schreibt sie folgendes: “

  1. September 1944

Liebe Lirien,

ich habe dich sträflich vernachlässigt. Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen. Aber so viel ist geschehen.

Das Haus ist zu einem Lazarett umgebaut worden.

So viele verletzte Soldaten sind hier. Ireen passt gut auf mich auf. Sie sagt, viele von den Männern sind traumatisiert und müssen erst wieder lernen, was gut und was böse ist. Ich soll mich von ihnen fernhalten.

Sie hat mir mittlerweile das Kochen beigebracht. Und das Tippen auf der Schreibmaschine. Beides macht mir Freude.

Sie wäre eine wunderbare Mama geworden. Sie sagt, es sei nicht Gottes Wille gewesen. Stattdessen sollte sie mich bekommen. Und sie werde gut auf mich achten, solange sie lebt.

Sie ist eine großartige Frau.

Heute Abend komme ich endlich mal wieder zu dir nach Aelyr. Das ist versprochen. Dann koche ich für dich oder lese dir die Geschichte vom Teufel mit den drei goldenen Haaren vor, die magst du doch so gerne.

Aber erst muss ich dir noch etwas anvertrauen.

Da ist etwas, das mich wirklich wundert und was ich nicht verstehe.

Ireen verschwindet immer mit Päckchen im Keller. Heimlich. So, dass es niemand mitbekommt. Außer mir.

Vielleicht versteckt sie ja irgendetwas unten, etwas das niemand finden soll. Manchmal soll ich für die Schwestern unten Mullbinden rauf holen. Aber wenn ich dann im Keller bin, ist da nichts. Nur Regale mit Mullbinden und Arzneien. Ich habe alles genau untersucht und nicht gefunden.

Ich traue mich nicht zu fragen.

Oh, ich höre Schritte auf der Treppe, jemand kommt hoch, Hoffentlich ist es Ireen. Sie hat einen Schlüssel. Wegen den Soldaten muss ich die Tür immer gut verschlossen halten,

Also, bis später.

Wir sehen uns heute Abend in Aelyr.

Ich schließe das Buch.

Oma schaut mich an.

Und diesmal bilde ich es mir nicht ein.

Da ist ein wissendes Lächeln. Nicht breit. Nicht triumphierend. Eher so, als hätte sie etwas bestätigt gesehen.

„Glaubst du“, frage ich Thomas leise, „dass es hier im Keller eine geheimes Versteck gibt?“

„Nein.“ Er schüttelt den Kopf.

„Die Kellerräume kenne ich“, sagt er. „Küche. Große Vorratsregale. Dosen mit Erbsen, Bohnen, Eingemachtes. Die Wäschekammer. Regale mit Handtüchern, Bettwäsche. Alles offen. Alles hell. Sauber. Modernisiert.“

Ich nicke langsam.

„Und wenn man doch etwas übersehen hat. Vielleicht gibt es ja doch noch irgendwo ein unentdecktes Versteck?“

Er sieht mich fragend an.

„Damals standen da alles Regale“, fahre ich fort, „so praktisch, so harmlos, ich frage mich, warum ist sie dann immer wieder heimlich runtergegangen? Und niemand kannte die Villa so gut wie sie. Wer weiß da alles noch im Verborgenen liegt.“

Ich sehe Thomas an, wie er überlegt.

„Vielleicht…“, beginnt er.

„Nein“, sage ich ruhig. „Nicht vielleicht.“

Ich spüre, wie etwas in mir fest wird.

„Ireen war klug. Umsichtig. Vorsichtig. Sie hat ein Lazarett geführt. Verwundete versorgt. Sie wusste, was sie tat.“

Thomas zieht die Stirn leicht in Falten.

„Niemand verschwindet mit irgendwelchen Päckchen im Keller“, sage ich, „wenn es dort nur Regale mit Mullbinden gibt. Wäre in den Paketen nur Verbandsmaterial gewesen, hätte sie nicht so ein Geheimnis draus gemacht.“

Der Rechen kratzt über Kies.

Ein Sack raschelt.

„Und Alma“, sage ich leiser, „hat es bemerkt. Und hier im Buch hinterlassen.“

Thomas atmet langsam aus.

„Ich habe in drei Tagen Nachtdienst“, sagt er schließlich. „Unten bei den Bewohnern, die sich noch selbst versorgen.“

Er sieht mich jetzt direkt an.

„Komm zu mir. Wir schauen gemeinsam. Ich habe einen Schlüssel für den Keller.“

In diesem Moment beugt sich Oma nach vorn.

Nur so weit, wie sie kann. Ihre Hände tasten, finden unsere. Ziehen sie zusammen. Legen sie ineinander. Laub raschelt. Ein Rechen kratzt über Kies.

Oma lächelt.

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