باب 8: Kapitel 7

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Sven Widahn hatte diesen Ort noch nie gemocht.

Zu viele Tote hatten hier schon gelegen, Opfer, Täter, Verirrte und Vergessene. Und beinahe wäre er selbst einer von ihnen geworden. Manche Orte verlieren ihren Schatten nie.

Für Sven gehörte die Rechtsmedizin in Greifswald dazu. Schon der Gedanke an den Gang zwischen den kahlen Wänden reichte, um den Druck in seiner Brust zu spüren. Und die Erinnerung kam, ob er wollte oder nicht.

Der Schuss.

Der kurze Moment, in dem die Welt den Atem anhielt. Katjas Augen, voll Liebe, Ungläubigkeit und nackter Panik. Der brennende Riss in seinem Inneren, als hätte jemand ihn von innen her aufgeschlitzt. Katjas zittrige Hände in seinem Haar, während er versuchte, noch etwas zu sagen.

Der Krankenwagen, das grelle Blaulicht, Katjas Gesicht über ihm, Tränen, die auf seine Haut fielen. Und der Gedanke, dass er die Augen nie wieder öffnen würde.

Und doch war er damals zurückgekommen, gegen jede Wahrscheinlichkeit.

Humpelnd, das linke Bein steif wie ein altes Holzbrett, trat er über die Schwelle der Rechtsmedizin in Greifswald. Die Tür fiel schwer hinter ihm ins Schloss. Der Geruch schlug ihm entgegen: scharfes Desinfektionsmittel, kaltes Eisen und darunter dieser hauchfeine, süßliche Unterton von Endgültigkeit.

Der Flur war schmal und kahl, die weißen Wände wirkten wie blankes Papier, auf dem niemand eine Geschichte hinterlassen wollte. Neonröhren summten leise über ihm, ihr hartes, künstliches Licht spiegelte sich auf dem makellosen, hellgrauen Boden. An einer Tür stand schlicht und unbeteiligt:

Obduktion.

Sven setzte sich in Bewegung. Das gleichmäßige Klacken seines Gehstocks auf den Fliesen war das einzige Geräusch. Es hallte von Wand zu Wand und schien lauter zu werden, je weiter er ging, wie eine Mahnung bei jedem Schritt.

Der Weg durch diesen Trakt war ihm vertraut, und doch blieb jedes Betreten ein Übertritt zwischen Leben und Tod, zwischen Gewissheit und Abgrund.

Der Obduktionssaal roch noch konzentrierter nach dem, was ihn bereits im Flur empfangen hatte: steril, metallisch, unbestechlich. Auf dem Tisch lag die Leiche.

„Du siehst aus wie einer, der lieber einen Kaffee als einen Toten vor sich hätte“, sagte Dr. Ulrich Majonika zur Begrüßung, ohne den Blick von seinem Arbeitsplatz zu heben.

„Ich trinke keinen Kaffee mehr.“ Svens Stimme war rau, brüchig. „Seit damals im Krankenhaus schmeckt er mir nicht.“

„Ah. Der Körper erinnert sich, was er nicht verträgt. Gilt auch für den Verstand.“

Majonika hob den Kopf, die Brille leicht nach unten gerutscht. „Komm näher. Es ist nicht hübsch, aber interessant.“

Sven humpelte heran, das Geräusch seines Stocks wechselte auf das gedämpfte Echo der gummierten Bodenplatten. Der Tote lag still, wie alle hier. Mann, Mitte vierzig, schmal gebaut. Das Gesicht entspannt, als würde er tief und friedlich schlafen.

„Hast du einen Hinweis auf ein Gewaltverbrechen?“, fragte Sven leise.

„Keine äußeren Gewalteinwirkungen“, antwortete Majonika. „Keine Frakturen, keine Hämatome. Aber …“

Er zeigte mit dem Skalpell auf einen winzigen Punkt knapp oberhalb des Solarplexus, direkt über dem Verlauf des Vagusnervs. „Ein feiner Einstich.“

Sven beugte sich vor, die Hand fester um den Griff seines Stocks. „Also eine Injektion? Und was wurde gespritzt?“

„Unklar. Keine Substanzen nachweisbar. Keine Rückstände, keine Marker wie bei Betäubungsmitteln oder Biopharmaka.“

„Also gar nichts?“

„Ich denke eher an etwas, das wir nicht kennen.“

Majonika ging zur Kaffeemaschine am Rand des Raumes. Das leise Gluckern beim Durchlaufen klang hier fehl am Platz. Er goss sich einen Becher ein, und der Duft frisch aufgebrühten Kaffees legte sich über den kalten Raum, ohne ihn wärmer zu machen.

„Es gibt Systeme, die hinterlassen keine Spuren. Sie wirken direkt im Gewebe und verschwinden dann molekular betrachtet vollständig.“

Er nahm einen Schluck, musterte Sven über den Rand des Bechers hinweg.

„Wir reden hier nicht über das Zeug, das man in einer Hinterhofküche zusammenrührt. Das ist Hochtechnologie. Militärische Forschung, geheime Labore, vielleicht sogar Weltraummedizin, NASA, ESA, wer weiß. Manche Geheimdienste experimentieren mit solchen Substanzen. MI6, Mossad, GRU … alles denkbar. Spionageabwehr, lautlose Beseitigung, kontrollierte Lähmung. Die Palette ist breit.“

Sven verzog das Gesicht. „Und du glaubst ernsthaft, einer von denen lässt sein Versuchsobjekt nackt auf einem Friedhof liegen?“

„Ich sage nur: Die Möglichkeit besteht. Und die Möglichkeiten, die ich nicht kenne, sind wahrscheinlich noch schlimmer.“

Die Tür öffnete sich leise. Ein junger Assistent trat zögernd ein. Blass, unreine Haut, den Blick gesenkt. In den Händen ein Stapel Formulare. Er murmelte ein kaum hörbares „Entschuldigung“, legte Majonika die Unterlagen auf den Nebentisch und bemühte sich sichtbar, den Körper auf dem Tisch nicht anzusehen.

„Und was für eine Wirkung?“, fragte Sven.

„Keine Ahnung.“ Majonika kritzelte seine Unterschrift, reichte dem Assistenten die Papiere zurück. „Es wurde etwas injiziert, das steht fest. Aber was, warum und mit welchem Ziel. Das ist ein völliges Rätsel.“

„Und zu dem Mann selbst?“

„Wenn es ein Opfer ist, wohlgemerkt, wenn, dann ohne bekannte Identität. Keine Papiere, kein Match in der Datenbank. Keine registrierten Fingerabdrücke oder DNA. Ich schätze, arabischer Herkunft.“

„Also ein Geist.“

„Ein ehemals lebender Mensch.“ Majonika stellte den Becher ab. „Ich habe noch etwas.“

Widerwillig trat Sven näher. Das helle Licht über dem Tisch spiegelte sich auf der makellos gewaschenen Haut des Toten. Majonika hob das linke Bein an, winkelte es leicht. „Hier, am inneren Oberschenkel. Zuerst hielt ich es für ein Muttermal.“ Er reichte Sven eine Lupe.

Sven beugte sich, das Glas dicht vor dem Auge. „Das ist kein Muttermal.“

„Eben.“

Kaum sichtbar war auf der hellen Haut ein winziges, eingebranntes Tattoo: kreisrund, nicht größer als eine Ein-Cent-Münze. In der Mitte ein Auge, darunter eine stilisierte Baumwurzel, drumherum feine Runen. Darüber eine Sternschnuppe.

Etwas in Sven zog sich zusammen. Er richtete sich auf.

„Ich dachte, du solltest das sehen.“ Majonika nahm einen Schluck Kaffee. „Möchtest du auch einen?“

„Deinen Kaffee? Eher friert die Hölle zu.“

Sven trat ans Fenster. Draußen standen Bäume, deren Blätter sich kaum rührten. Alles wirkte still, zu still.

„Todesursache?“

„Bauchspeicheldrüsenkrebs, Endstadium.“

Sven drehte sich langsam um. „Das heißt …“

„… höchstwahrscheinlich natürlicher Tod.“

Für einen Moment war nur das Summen der Neonröhren zu hören.

„Und die Todeszeit?“

„Schwer zu bestimmen“, sagte Majonika. „Der Körper war auffallend kalt. Viel zu kalt für einen Fund im Freien bei zwanzig Grad Außentemperatur. Keine Insekten, kein Verwesungsbeginn. Aber klar definierte Kältespuren an der Haut.“

„Was heißt das konkret?“

„Ich denke, er lag mehrere Tage in einer industriellen Kühltruhe. Oder in einer der Kühlkammern eines Bestatters. Wahrscheinlich unter minus achtzehn Grad. Dann wurde er herausgenommen und erst in der Nacht auf dem Friedhof abgelegt.“

Sven schüttelte den Kopf. „Wer macht so was?“

„Bist du der Detektiv oder ich?“ Majonika hob eine Augenbraue. „Merkwürdig ist es allemal.“

„Dann war es vielleicht gar kein Mord …?“

Der Rechtsmediziner zog das Leichentuch über den Körper. „Ich würde sagen: nein.“

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