الفصل 6: Eliza – Das Tagebuch

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Die Wohnung meiner Mutter ist hell.

Große Fenster, klare Linien, Glas, Stahl, Holz. Alles hat Platz. Nichts steht zufällig. Bauhaus, sagt sie immer. Zeitlos.

Ich sitze am langen Tisch, die Hände um eine Tasse Tee gelegt, die längst kalt ist.

Margaret steht noch. Sie bleibt selten sitzen, wenn es um Entscheidungen geht.

„Und?“, fragt sie.

„Hast du etwas gefunden?“

Ich weiß, was sie meint.

„Was Wertvolles?“, präzisiert sie.

„Schmuck. Goldmünzen. Wertpapiere. Irgendetwas, das zählt.“

Ich zögere.

Dann greife ich in meine Tasche und lege das zerfledderte Buch auf den Tisch.

Es wirkt hier fehl am Platz.

Margaret wirft einen kurzen Blick darauf und winkt ab.

„Ich meine wirklich wertvoll“, sagt sie.

„Nicht das Gekrakel einer alten Frau.“

Etwas zieht sich in mir zusammen.

Ich ziehe den Zettel aus dem Buch und schiebe ihn über den Tisch.

Wenn du mich suchst, dann findest du mich in Aelyr.

Sie liest es.

Einmal.

Dann noch einmal.

„Was soll das sein?“ fragt sie.

„Ich weiß es nicht“, sage ich.

„Aber er lag obenauf.“

Margaret schiebt den Zettel ein Stück von sich weg.

„Ach, dieser Unsinn“, sagt sie.

„Oma war schon immer etwas verrückt.“

„Verrückt genug, um dich mit fünfzehn aufzunehmen?“

Der Satz rutscht schneller aus mir heraus, als ich ihn aufhalten kann.

Stille.

Ich sehe sofort, dass es zu viel war.

„Entschuldigung“, sage ich leise.

„Das war unfair.“

Margaret atmet aus.

Dann setzt sie sich mir gegenüber.

Gießt Tee nach.

Die Bewegung ist ruhig, fast vorsichtig.

„Ich werde Oma und Opa dafür immer dankbar sein“, sagt sie.

„Nach Mutters Tod … ich war einfach noch zu jung, um alleine leben zu können.“

Sie sieht das Buch jetzt anders an.

„Zeig mal“, sagt sie.

Ich schiebe es zu ihr.

Ihre Finger bleiben kurz auf dem Einband liegen.

„Das ist ja wirklich alt“, murmelt sie.

„Vielleicht solltest du es Papa zeigen“, sage ich.

„Er interessiert sich doch für…“

„Papa interessiert sich für antike Kunst“, unterbricht sie.

„Nicht für so etwas.“

Sie schlägt das Buch auf.

05.04.1941

Heute hat der Himmel Geräusche gemacht.

Nicht wie Donner.

Es war tiefer und näher

Flugzeuge sind gekommen. Viele.

Sie haben den Himmel verdunkelt,

als hätte jemand das Licht ausgeschaltet.

An ihren Bäuchen und Flügeln waren Zeichen.

Hakenkreuze.

Schwarz.

Sie haben mir Angst gemacht.

Ich habe mir die Ohren zugehalten,

aber der Lärm ist trotzdem in mich hineingegangen.

Ob Papa auch Angst hat?

Er ist Soldat. Nicht weil er will, sondern weil er muss.

Mama sagt, ich soll tapfer sein.

Aber nachts höre ich sie weinen,

wenn sie denkt, ich schlafe.

Ich will nach Hause.

Aber unser Haus ist nur noch ein Haufen Steine.

03.07.1941

Heute hat Mama mich fortgebracht.

Wir haben nicht mehr genug zu essen, hat sie gesagt.

Alles ist eingeteilt worden, aber oft wird es gestohlen, statt zu teilen.

Ich habe Hunger und weil das so ist, muss ich fort.

Sie hat meine Hand so festgehalten, dass ich ihre Wärme immer noch spüre, auch jetzt, wo sie nicht mehr bei mir ist.

Sie hat gesagt, es sei nur für eine Weile.

Dass es sicherer sei und dass ich da satt werde und dass sie nachkommt.

Ich habe genickt und nichts gesagt.

Ich wollte nicht, dass sie merkt, wie sehr ich Angst habe.

Brackenfold ist klein.

Ein Ort mit Feldern und Tieren.

Eine Bauernfamilie hat mich aufgenommen.

Mich und andere Kinder.

Wir arbeiten.

Dann gibt es Essen.

Nicht viel.

Aber genug, das der Bauch nicht schimpft.

Wir schlafen, wenn es dunkel wird.

Und stehen auf, wenn es hell wird.

Ich zähle die Tage nicht mehr.

Ich zähle nur noch, wie oft ich an Mama denke und wann sie endlich kommt.

Margaret blättert weiter.

Langsamer jetzt.

„Wie alt war sie da?“ frage ich

„Dreizehn“, antwortet sie.

Ihre Finger streichen über den Rand der Seite, als müsste sie sich vergewissern, dass sie echt ist.

„So jung“, murmle ich in den Raum

„Sie hat nie darüber gesprochen“, sage ich.

„Ich weiß.“

Margaret schlägt die nächste Seite auf.

„Vielleicht konnte sie das nicht.“

Ein Moment vergeht.

„Hast du gewusst, dass sie Angst hatte?“ frage ich.

Mutter schüttelt den Kopf.

„Ich habe nur gewusst, dass sie manchmal woanders war.“

Einen Moment hält sie inne, dann liest sie weiter.

18.09.1942

Heute waren Soldaten da.

Sie standen vor der Tür und haben meinen Namen gesagt.

Ganz ruhig.

Als wäre es etwas Gutes.

Sie haben gesagt, meine Mama sei tot.

Ich habe genickt.

Ich weiß nicht warum.

Die Bäuerin gab mir eine Tasse warme Milch, statt das Glas Wasser, was wir sonst abends trinken.

Ich konnte nicht schlafen.

Der Himmel war zu laut.

Mein Herz auch.

Ich habe die Augen geschlossen.

Und plötzlich hat mich etwas an der Nase gekitzelt.

Ganz leicht.

Wie ein Hauch.

Ich habe die Augen wieder aufgemacht.

Da war niemand.

Dann habe ich es gehört.

Ganz nah an meinem Ohr.

Eine Stimme, die gelächelt hat.

Schließ die Augen noch einmal.

Ganz fest.

Und wenn du sie wieder öffnest, sind wir in Aelyr.

Ich habe es getan.

Und als ich die Augen wieder aufgemacht habe,

war der Himmel still.

Ich hebe den Blick.

Mutter sitzt reglos da.

Ihre Hand liegt auf der Seite, als wolle sie das Papier festhalten.

„Das habe ich nie gewusst“, sagt sie leise.

Ich nicke.

Ich sehe meine Großmutter im Rollstuhl sitzen, vor dem Fenster, reglos in die Ferne starren.

Ich kenne sie kaum, aber etwas hat begonnen, sich zu bewegen.

Ganz langsam.

Wie ein leiser Zug, der anrollt.

Und ich weiß:

Dieses Tagebuch ist kein Andenken.

Es ist eine Einladung.

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