الفصل 9: Alma – Der Riese

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Der Weg ist schön.

Nicht auffällig oder übertrieben.

Einfach schön, so wie Dinge schön sind,

wenn sie nichts von einem wollen.

Der Bach begleitet uns.

Er spricht leise mit den Steinen, als würde er ihnen alte Geschichten zuflüstern,

die niemand mehr aufschreiben muss.

Kleine Feen tanzen auf der Wiese.

Nicht für uns.

Sie tanzen, weil Tanzen ihr Zustand ist.

Menschen sitzen im Gras.

Ein Mann spielt Akkordeon.

Ein Seemannslied, schief gesungen, aber ehrlich.

Die Stimmen wiegen sich, und für einen Moment scheint alles im selben Takt zu atmen.

Elfen lachen.

Zwerge klopfen mit den Füßen den Rhythmus.

Es gibt nichts, was drängt.

Ich spüre, wie die Müdigkeit mich übermannt.

Nicht plötzlich und auch nicht schlimm.

Eher so, als würde mein Körper mir zuflüstern, dass er lange genug getragen hat.

Ich bleibe stehen.

Zeige nach rechts.

Dort steht ein Haus.

Es ist größer als die anderen Häuser.

Mit blauen Fensterläden. Und Blumen auf den Fensterbänken.

Eine Wiese daneben.

Ein Pferd.

Eine Kuh.

Sie grasen nebeneinander, gleichmütig, als wüssten sie nichts von Zeit.

Ein rostiger Traktor lehnt schief im Gras.

„Da“, sage ich.

„Ich möchte schlafen.“

Lírien hält inne.

Ihre Flügel verlieren kurz ihren Rhythmus, fangen sich wieder.

„Nein“, sagt sie.

Nicht streng.

Nicht laut.

Aber fest.

„Da kannst du nicht hinein, Alma.“

Ich sehe sie an.

„Warum nicht?“

Sie zögert.

Für einen Augenblick sucht sie nach einem Wort, das man nicht gern benutzt.

„Dort wohnt der Riese.“

Ich lache.

Kurz.

Mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung.

„Unsinn“, sage ich. „Das ist Aelyr. Hier kann mir nichts passieren.“

Ich gehe los.

Lírien fliegt neben mir, tiefer als zuvor, näher an meinem Arm.

„Er macht Menschen platt“, sagt sie leise.

„Wenn sie ihm zu nahekommen.“

„Du erzählst mir Märchen“, sage ich und merke erst später, wie dünn meine Stimme klingt.

Die Tür steht offen.

Drinnen ist es zuerst nur dunkel.

Gedämpft.

Wie ein Raum, der lange gewartet hat.

Und dann rieche ich es.

Feuchtigkeit.

Altes Holz.

Etwas, das nie ganz trocknet.

Der Geruch setzt sich auf meine Zunge.

Draußen war alles so freundlich gewesen.

Jetzt fühlt es sich an, als hätte man mir etwas gezeigt, nur um es mir gleich wieder wegzunehmen.

Je weiter wir gehen, desto höher werden die Wände.

Die Decke rückt fort.

Als würde das Haus wachsen, während wir kleiner werden.

„Alma“, sagt Lírien.

„Komm.“

Ich höre Stimmen.

Eine Frau.

Ein Mann.

Sie streiten.

Die Worte stoßen gegeneinander, schwer, ungelenk, als hätten sie vergessen, wie man leise ist.

Der Flur ist eng.

Möbel stehen zu dicht.

Die Luft trägt den Geruch von Moder, von etwas, das sich festgesetzt hat.

Ich suche einen Ausgang.

Ein Fenster.

Eine Tür.

„Ich wollte doch nur schlafen“, flüstere ich.

„Und dann suchen wir Rose.“

Lírien fliegt näher.

So nah, dass ich ihre Flügel fast spüre.

„Du bist ihm schon einmal begegnet“, sagt sie.

Ihre Stimme ist jetzt kaum mehr als ein Hauch.

„Du willst das nicht.“

„Davon weiß ich nichts“, sage ich.

„Doch“, flüstert sie.

„Du hast es nur vergessen.“

Wir stehen vor der Küchentür.

„Bitte“, sagt Lírien.

„Sei vorsichtig.“

Ich öffne sie.

Der Mann ist riesig.

Nicht nur groß.

Zu groß.

Er sitzt am Tisch und kaut an einer Schweinshaxe, als gäbe es nichts anderes auf der Welt.

Fett glänzt an seinen Fingern.

Kinder stehen um ihn herum.

Sie essen Brot.

Langsam.

Still.

Der Geruch von Fleisch,

von Fett und feuchtem Stein

liegt schwer in der Luft.

„Kommt mit mir“, flüstere ich den Kindern zu. Ich habe Angst, der Riese wird sie alle zertreten.

„Bitte.“

Lírien schüttelt den Kopf.

„Das geht nicht.“

„Aber sie müssen doch hier raus“, sage ich.

Meine Stimme bricht.

„Niemand will hierbleiben.“

„Doch“, Lírien deutet auf die Kinder. „Sie“

Die Frau hebt den Kopf.

Sie hat uns erblickt.

Ihre Augen sind hart.

Sie greift nach einem Reisigbesen.

„Raus“, zischt sie.

Der Mann grinst, steht auf und kommt auf uns zu, langsam

Ich will weglaufen, aber ich kann nicht.

Ich muss stehen bleiben, als wären meine Füße an den schmutzigen Boden genagelt worden.

Er hebt das Bein, sein Gesicht ist fettig von der Schweinshaxe.

„Er wird dich zertreten“, sagt Lírien.

„Wie eine Fliege.“

Mein Herz schlägt zu schnell.

„Lírien“, flüstere ich.

„Ich will hier weg.“

„Jetzt“, sagt sie.

„Mach die Augen zu. Ganz fest.“

Ich schließe sie.

Nur einen Augenblick.

Als ich sie wieder öffne, stehen wir wieder auf dem Weg.

Der Bach glitzert.

Eine Zeremonie ist im Gange.

Eine Fee heiratet einen Zwerg.

Elfen halten den Schleier.

Sie lachen.

Sie winken Lírien zu.

Lírien winkt zurück.

Mein Blick bleibt an dem Haus hängen.

Von hier aus ist es schön.

Die blauen Fensterläden.

Die Blumen auf den Fensterbrettern.

Das Pferd auf der Wiese, das ruhig den Kopf senkt, als gäbe es nichts zu fürchten.

„Von außen sieht es freundlich aus“, sage ich leise. „Einladend.“

Lirien schwebt neben mir, ihre Flügel fangen das Licht ein, brechen es und lassen es weiterziehen.

„Das Dunkle“, sagt sie, „zeigt sich selten nach außen.“

Sie sieht mich an.

„Im Menschen liegt es fast immer im Verborgenen“, sagt sie.

„Hinter Türen. Hinter Stimmen, die freundlich klingen. Hinter Fassaden, die niemand infrage stellt.“

Ich schlucke.

„Und wenn man es nicht sieht?“ frage ich.

Lirien lächelt kaum merklich.

„Dann heißt das nicht,

dass es nicht da ist.“

„Du musst dir nicht alles noch einmal ansehen, Alma“, sagt sie sanft.

„Dafür ist die Zeit zu kurz. Du kannst auch auf der Wiese schlafen, das ist sicherer.“

Sie setzt sich auf meine Schulter, lässt sich ein Stück von mir tragen.

„Und wir wollen doch Rose finden.“

Ich nicke.

Der Weg trägt uns weiter.

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