الفصل 24: Caelan – Schuld & Sühne

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Die Sonne steht hoch.

Zu hoch für Gedanken, die schwer sind.

Die Weide liegt offen vor uns, ein breites, flimmerndes Feld aus Gras, Staub und Tier. Die Luft hängt unbeweglich zwischen Himmel und Erde, warm und träge, als hätte sie beschlossen, heute nichts weiterzutragen. Kein Wind. Nur das leise, stetige Geräusch der Schafe, das Kauen, das Scharren, das gelegentliche Blöken.

Lina, Noah und Mike stehen weiter unten.

Drei Figuren im Licht.

Mike redet zu viel, gestikuliert, stolpert beinahe über einen Stein. Lina steht ruhig, konzentriert, als würde sie jedes Wort prüfen, bevor sie es in sich hineinlässt. Noah ist der Fixpunkt. Still. Wach. Zu nah an ihr, selbst aus der Entfernung.

Eamon bleibt bei mir.

Wir gehen ein Stück den Hang hinauf, weg von ihnen, weg von Blicken. Der Boden unter meinen Schuhen ist hart, ausgedörrt. Die Sonne brennt mir in den Nacken. Ich habe Elowens Stimme noch im Ohr.

Ihr Arm.

Der Supermarkt.

Aren.

„Er spielt mit ihr“, sage ich schließlich.

Meine Stimme klingt fremd in dieser Hitze.

Eamon bleibt stehen. Sieht nicht zu mir, sondern hinaus auf die Weide.

„Ja“, sagt er. „Katz und Maus.“

„Warum dann nicht mehr?“ frage ich. „Warum verletzt er sie nur? Warum geht er nicht weiter?“

Eamon dreht sich langsam zu mir um. Sein Blick ist ruhig, aber darunter liegt etwas Altes, Dunkles, Unverrückbares.

„Weil er es nicht kann“, sagt er. „Noch nicht.“

Ich schüttle den Kopf. „Woher weißt du das?“

Er braucht einen Moment. Ein Atemzug. Vielleicht zwei.

„Weil ein Mor’kel diese Grenze schon einmal überschritten hat.“

Mein Magen zieht sich zusammen.

„Du meinst …“

„Kyra“, sagt er. „Arens ältere Schwester.“

Der Name steht zwischen uns wie ein Schatten.

„Warum?“ frage ich leise. „Warum hat sie es getan?“

Eamon schaut wieder hinaus. Seine Augen folgen der Schafherde, die sich langsam bewegt, als wüsste sie nicht recht, wohin.

„Weil meine Frau kein Mensch war.“

Der Satz trifft mich unerwartet hart.

„Du meinst …“

„Sie war ein Hybrid“, sagt er. „Vom Stamm der Lithea.“

Der Stamm Lithea, Wasser und Wahrheit sind ihre Magie.

Mir wird schwindlig.

„Meine Frau Kathleen“, fährt er fort, „war das Reinste, was mir je begegnet ist.“

Seine Stimme bleibt ruhig, aber ich spüre etwas darunter, wie ein unterirdischer Strom.

„Und unsere kleine Orlana …“

Er hält kurz inne.

„Sie war ein Wunder.“

Ich sage nichts, lasse ihm Raum.

„Kathleen war das vierte Kind ihrer Eltern“, sagt Eamon. „Es gab einen Autounfall. Ihre Eltern und ihre drei Geschwister saßen im Wagen, sie war zu dem Zeitpunkt bei einer Freundin. Neun Jahre alt war sie alt und plötzlich alleine auf der Welt. Ihre Eltern und drei Geschwister tot. Weitere Verwandte gab es nicht, die Eltern der Schulkameradin, eine Menschenfamilie nahmen sie bei sich auf.“

Das wundert mich. „Und die Stämme?“

Er wendet mir den Blick zu.

„Die Stämme ließen es zu. Kathleen war alleine, man ließ sie ziehen und man vergaß sie.“

„Und die Mor’kels?“ frage ich.

„Wenn alle Stämme sich einig sind, können die Mor’kels nichts machen.“

Ein kaum merkliches Lächeln. Bitter.

„Kathleen und ich hatten eine gemeinsame Leidenschaft. Den Wald und die Natur. Eher ungewöhnlich für eine Lithea und einen Umbraith.“

„Die magische Resonanz hatte euch gefunden“, murmle ich.

„Wir begegneten uns auf einem unserer Spaziergänge, verliebten uns auch sofort ineinander, jeder dachte vom anderen, er sei ein Mensch.“ Sein Gesicht strahlt für einen Moment bei der Erinnerung.

„Bis zu dem Moment, als mein Wanderstab leuchtete und ihr Haar goldene Funken sprühten.“

„Echt?“ Ich kann ein Lachen nicht unterdrücken.

„Ja, wir schworen uns, niemanden etwas zu sagen. Alle Stämme glaubten, Eamon heiratet ein Menschenmädchen.“

Ein einzelnes Schaf kommt auf uns zu und lässt sich von Eamon streicheln.

„Wir hatten eine schöne Zeit, Kathleen, Orlana und ich.“

Ich spüre, wohin das führt.

„Und dann kam Kyra …“

Eamon scheucht das Schaf zurück zu seiner Herde.

„Auf unserer Hochzeit lernte Kathleen Kyra kennen.“

Es wird langsam kühler, die Sonne senkt sich langsam hinter die Bäumen des Waldes.

„Und sie wurden Freundinnen?“

„Beste Freundinnen sogar.“

Seine Stimme wird leiser.

„Sie teilten Geschichten. Rezepte. Vertrauen und Geheimnisse.“

Mir bleibt die Luft weg. Ich muss an Cerebryn denken, er ist auch mein Freund und ein Skeldur.

„Kathleen konnte, die, die sie liebt, nicht belügen“, sagt er. „Nicht auf Dauer. Sie glaubte an Wahrheit. An Bindung. Eine Lithea halt.“

Ein scharfer Zug zeigt sich um seinen Mund.

„Sie vertraute Kyra und erzählte ihr alles.“

Ich schlucke. „Und Kyra …“

„Ich weiß bis heute nicht, ob sie noch diskutiert haben oder gestritten“, sagt Eamon.

Er sieht mich an. In seinem Blick liegt Resignation und Schmerz.

„Als ich an jenem Abend nach Hause kam, gab es keine Kathleen mehr. Keine Orlana.“

Ich spüre den Knoten, der sich in meiner Brust bildet.

„Und Kyra?“

„Ging strahlend nach Hause“, sagt er. „Im Glauben, richtig gehandelt zu haben, erzählte sie stolz von ihrer Tat.“

Ich weiß, was das bedeutet.

„Aber sie hatte keine Genehmigung für das, was sie getan hatte.“

„Nein.“

„Deshalb wurde sie ausgelöscht.“

Eamon nickt.

„Warum hast du überlebt?“ frage ich.

Er sieht weg., in die Ferne, in den Himmel, der sich rosa verfärbt, über die Hügel, welche erste tiefere Schatten werfen.

„Weil ich gelogen habe“, sagt er leise.

„Weil du was?“

„Weil ich meine Frau verraten habe.“

Er unterdrückt ein Schluchzen.

„Weil ich behauptet habe, nicht gewusst zu haben, dass sie ein Hybrid war. Das Kathleen auch mich belogen hatte.“

Ein Atemzug.

Die Worte schneiden tiefer als jede Waffe.

„Deswegen bist du hier ganz allein mit den Schafen.?“

Eamon nickt.

„Maeve wusste es“, fährt er fort. „Sie kam mich eines Tages besuchen, wollte das ich zurückkehre zum Stamm. Ihr habe ich es erzählt. Sie schwieg all die Jahre. Und als sie von Lina sprach … wusste ich, dass ich handeln muss. Ich tue es für Kathleen und Orlana.“

Ich sehe wieder hinunter zur Weide. Schuld und Sühne.

Noah steht jetzt näher bei Lina. Zu nah. Seine Hand streift fast ihre.

„Was ich aber nicht verstehe, wieso konntet ihr ruhig und friedlich leben und Noah und Lina brauchen sich nur zu lange anzuschauen und die Erde bebt.“

Ich erinnere mich an den Moment im Flugzeug.

„Weil beide nie gelernt haben, mit ihrer Magie umzugehen. Sie zu beherrschen. Beide sind Herzmagier, da ist es auch noch schwerer. Sie müssen lernen ihre macht zu tragen und nicht getragen zu werden.“

„Also sind die Überlieferungen, das magische Resonanz und zwei Hybride sich nicht lieben dürfen…“

„Alles Unsinn, vorausgesetzt, sie können damit umgehen.“

„Und niemand weiß davon und die Mor’kels sind auf der Suche nach Beweisen.“

Eamon folgt meinem Blick.

„Und haben ausgerechnet einen Morvath ins Feld geschickt. Aber auch er braucht Beweise“, sagt er. „Und weil er weiß, was es kostet, Grenzen zu überschreiten, versucht er mit verbotenen Methoden, die sich aber nicht beweisen lassen, euch in die Knie zu zwingen.“

Ich atme aus. Langsam.

„Uns läuft die Zeit davon.“

„Ja.“

„Und Lina? Mutter hat ihre Herzmagie blockiert.“

Der Gedanke, dass ihr was geschieht, verbrennt mein Herz.

Eamon sieht mich an. Direkt.

„Ihre Blockade ist weg“, sagt er. „Durch Noah. Sie hat verstanden um was es geht. “

Crashkurs im Zaubern, geht mir durch den Kopf

„Stell dir einen Fisch vor, der sein Leben lang im Aquarium war. Und plötzlich im Meer ist.“

Mir wird klar, was er meint.

„Wenn sie ihre Kräfte nicht beherrscht“, sagt Eamon ruhig, „geht sie unter.“

Er schlägt mir kräftig auf die Schulter. „Aber sie wird es schaffen. Da bin ich mir sicher.“

Ich sehe zu den drei Gestalten unten.

Mike stolpert, fängt sich. Lina lacht kurz. Noah greift nach ihr, hält sie fest.

„Was ist der nächste Schritt?“ frage ich.

Eamon antwortet ohne Zögern.

„Morgen nach dem letzten Training“, sagt er, „gehen Noah und Lina allein in den Wald.“

Ich drehe mich zu ihm um. „Allein?“

„Ja.“

„Und wenn sie es nicht schaffen?“

Eamon hält meinem Blick stand.

„Dann werden sie Chaos bringen…“, sagt er und winkt den dreien zu, sie sollen zu uns kommen. „…und du weißt, was dann folgt.“

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