الفصل 30: Noah – Aren

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Der Park liegt in warmem Licht.

Der Kiesweg zieht sich hell durch die Bäume, die Luft ist klar, vom Hudson her kommt ein leichter Wind, der nach Wasser riecht. Unten glitzert der Fluss zwischen den Stämmen, träge, gleichgültig. Es ist einer dieser Abende, an denen die Stadt weit weg wirkt, als hätte sie beschlossen, uns für einen Moment in Ruhe zu lassen.

Ich gehe neben Lina her, ohne nachzudenken. Unsere Schritte passen sich an, wie von selbst. Keine Eile. Kein Ziel. Nur dieses angenehme Gefühl, draußen zu sein, Raum zu haben.

„Also“, sagt Mike und stößt mich leicht mit dem Ellenbogen an, „wenn dieser Tharun jetzt hier auftaucht, zieh ich um. Ernsthaft. Der Typ hat diesen Ich-bin-wichtiger-als-alle-anderen-Blick.“

Ich schnaube.

„Ich fand das nicht witzig.“

„War es auch nicht“, gibt Mike zu. „Mehr… gruselig. So was wie: Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast.“

„Genau das“, sage ich.

Lina verzieht den Mund.

„Madleen hätte ihn keine zwei Minuten ausgehalten“, sagt sie trocken. „Einmal dieses Lächeln von ihr, und sie hätte ihm erklärt, wie die Welt wirklich funktioniert.“

Mike lacht leise. „Das stimmt. Madleen macht kurzen Prozess.“

„Und danach wäre sie beleidigt gewesen, weil er nicht richtig zugehört hat“, fügt Lina hinzu und schüttelt den Kopf.

Ich grinse.

Wir bleiben stehen, dort, wo der Weg sich teilt.

„Mara hätte längst da sein müssen“, sagt Mike und schaut auf sein Handy. „Ich wette, sie schreibt gleich Bin gleich da, und meint damit Ich habe noch nicht mal das Auto gestartet.“

„Sie kommt“, sagt Lina ruhig.

Mike lächelt schief. „Du kennst sie noch nicht lange genug.“

„Natürlich kommt Mara zu spät. Genau dann, wenn irgendwer stirbt oder die Erde sich auftut, steckt sie garantiert im Stau.“

Ich sehe ihn an.

Er wirkt blasser als eben. Seine Augen wandern über die Wege, die Bäume, den Himmel.

„Sie hat gesagt, sie kommt gleich“, fügt er hinzu.

„Gleich ist offenbar ein philosophischer Begriff.“

Der Wind streift meine Haut, kühl und kurz, als würde er nur prüfen, ob der Sommer noch da ist. Fort Tryon liegt offen vor uns, weit, still, schutzlos. Wege, Bäume, Himmel nichts, hinter dem man sich verstecken könnte.

Lina steht neben mir.

Nicht nah.

Nicht fern.

Genau dort, wo sie sein muss.

Zwischen uns ist nichts Ungesagtes mehr. Kein Ziehen. Kein Drängen. Nur dieses tiefe Wissen, das bleibt, wenn man aufgehört hat, sich selbst zu belügen.

Ich lehne mich an das Geländer, das den Weg vom Abhang trennt, schaue hinunter zum Fluss. Alles ist friedlich. Fast zu perfekt. Stimmen von irgendwoher, entferntes Lachen, Schritte, die sich verlieren.

„Schon schön hier“, sagt Mike. „Fast so, als würden wir ein ganz normales Leben führen.“

Ich drehe mich zu ihm.

„Tun wir doch.“

Er grinst.

„Ja klar. Mal abgesehen von mordlustigen Hobbits, die hinter uns her sind, und der Tatsache, dass ich Mara noch erklären muss, warum mein bester Freund wie ein Signalfeuer über dem Atlantik leuchtet, führen wir ein völlig normales Leben.“

Wir lachen kurz und gehen langsam weiter. Ich schaue zurück, von Mara immer noch nichts zu sehen.

Dafür spüre ich Lina immer bewusster.

Unsere Schritte finden sich einfach. Lina ist näher bei mir als eben noch. Nicht so nah, dass es auffällt. Jedoch nah genug, dass ich ihre Wärme spüre und ihren Duft nach frisch gewaschenem Haar wahrnehme, wenn sie den Kopf minimal zu mir neigt.

Meine Hand streift ihre.

Kein Zufall.

Kein Festhalten.

Sie hebt kurz den Blick, dieses kleine, ruhige Lächeln, das nichts fordert und alles sagt. Für einen Moment ist da nur dieses leise Einverständnis zwischen uns, dieses Wir, das sich ganz selbstverständlich anfühlt.

Ihr vibrierendes Handy kennt für Zauber kein Erbarmen.

Lina bleibt stehen. Nicht abrupt. Als hätte sie etwas zurückgerufen, das sie gerade losgelassen hat. Sie schaut auf das Display, ihre Miene verändert sich kaum, nur ihre Schultern spannen sich minimal an.

„Von meiner Mutter“, sagt sie nach einem Augenblick.

Sie schaut erst mich, dann Mike an.

Ich bleibe bei ihr. Sage nichts.

„Sie hat seit zwei Tagen nichts mehr von Eamon gehört“, fügt sie leise hinzu.

Der Park klingt weiter. Schritte. Stimmen. Wind in den Bäumen.

Aber zwischen uns wird es stiller.

„Und“, fragt Mike vorsichtig, „ist das gut oder schlecht?“

Lina liest noch einmal.

„Sie glaubt, Aren verfolgt sie nicht mehr.“

Ich spüre dieses feine Ziehen in ihr, irgendwo zwischen Brust und Nacken.

Nicht Angst.

Eher… Unschärfe.

„Oder“, sage ich ruhig, „er hat längst aufgehört, ihr zu folgen.“

„Oder ich verfolge diejenigen, bei denen es sich lohnt.“

Ein Schatten löst sich vom Stamm einer alten Buche.

Ein Schritt.

Dann noch einer.

Aren tritt aus dem Halbdunkel zwischen den Bäumen auf den Weg.

Nicht hastig.

Nicht suchend.

Er bleibt stehen, ein paar Meter entfernt, genau im Licht.

Mike atmet hörbar ein.

„Okay“, murmelt er, mehr zu sich selbst als zu uns,

„den kenne ich jetzt definitiv nicht vom Elternabend.“

Niemand lacht.

„Noah“, sagt Aren ruhig.

Der Klang meines Namens in seinem Mund ist falsch. Zu sicher. Zu vertraut.

Natürlich kennt er ihn.

Mike stößt ein kurzes Lachen aus, das sofort wieder abbricht.

„Okay“, sagt er. „Ich überspringe jetzt den Teil mit kennen wir uns, ja?“

Aren schenkt ihm einen flüchtigen Blick. Kaum mehr als eine Randnotiz.

Dann sieht er wieder mich an.

„Du hast lange gebraucht“, sagt er. Kein Vorwurf. Keine Genugtuung.

Nur eine nüchterne Feststellung, die mir unter die Haut geht.

„Manche Dinge wollen einfach nicht gefunden werden“, fügt er hinzu.

„Aber sie werden es immer.“

„Was willst du?“, frage ich.

Sein Blick gleitet zu Lina. Bleibt einen Herzschlag zu lange dort.

Etwas in mir spannt sich scharf. Ich mache einen halben Schritt vor sie. Nicht demonstrativ. Instinktiv.

Aren bemerkt es.

Natürlich bemerkt er es.

„Bestätigung“, sagt er leise. „Dann Auslöschung, genau in dieser Reihenfolge.“

Er greift in seine Jacke.

Langsam.

Mit Bedacht.

Jede Bewegung sitzt. Als hätte er diesen Moment geprobt.

Mike zieht scharf die Luft ein.

„Okay“, sagt er hastig, die Hände bereits halb gehoben, „nur damit wir das klären: Wenn das jetzt eine Waffe ist, bin ich offiziell raus aus diesem Gespräch.“

Er zieht etwas hervor und hält es hoch.

Ein Foto.

Alt. Die Farben leicht verblasst, die Ränder weich vom Anfassen.

Er zeigt auf eine Frau. Dunkelblondes Haar, zu Zöpfen geflochten. Der Blick offen, sie trägt eine Latzhose, darunter wölbt sich ein Bauch.

Etwas in ihrem Gesicht trifft mich mit brutaler Präzision.

Nein, ich erinnere mich nicht, aber ich erkenne sie.

„Deine Mutter“, sagt Aren.

Mike flucht leise, ungläubig, fast flehend.

„Scheiße…“

„Lotta“, fährt Aren fort. „Vom Stamm der Valeryn.“

Lina bewegt sich nicht.

Aber ich spüre sie, nicht als Kraft, sondern als Halt. Als würde sie mir wortlos sagen: Ich bin hier. Fall nicht.

„Lotta war klug“, sagt Aren. Ich sehe ihm an, er genießt jeden Augenblick, indem ich das Gefühl habe, in einzelne Stücke zu verfallen. Lotta … Lotta

„Sie wusste, wie man verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen.“

Er hebt den Blick zu mir. Seine Augen sind pechschwarz, sein Blick ist die pure Gier.

„Du heißt nicht Noah.“

Der Satz trifft härter als alles zuvor.

„Dein eigentlicher Name ist Aedan“, sagt er ruhig.

„Du bist ein Erstgeborener. Erstgeborene bekommen immer Namen es Hüters. Das war auch so bei den Valeryn.“

Mein Hals ist zu trocken, um zu schlucken.

Die Welt rückt zur Seite. Nicht weg, nur schief.

Als hätte jemand die Realität minimal verschoben, damit ich endlich sehe, was immer da war.

„Dein Stamm wurde ausgelöscht“, fährt Aren fort.

„Nicht aus Grausamkeit. Aus Notwendigkeit.“

Er senkt das Foto.

„Und ich bin hier, um zu beenden, was vor siebzehn Jahren begonnen wurde.“

Aren mustert mich noch einen Moment.

Als würde er abwägen, wie leicht oder schwer ich zu brechen bin.

Die Stimme kommt von hinter ihm.

Ich kenne sie sofort.

Nicht vom Klang allein, vom Gewicht.

Mike reagiert, bevor er denkt. Er stößt hörbar die Luft aus, ein kurzes, raues Geräusch. Seine Hand fährt fahrig über sein Gesicht, dann zieht er ein zerknittertes Taschentuch aus der Hosentasche und wischt sich über Stirn und Nacken. Schweiß steht ihm auf der Haut. Nicht aus Hitze. Aus Angst. Aus zu vielen Möglichkeiten, die ihm gerade gleichzeitig durch den Kopf schießen.

Aren dreht sich langsam um.

Eamon tritt aus dem Schatten der Bäume.

Nicht hastig.

Nicht suchend.

Er wirkt nicht erschöpft. Aber angespannt bis in jede Faser. Seine Schultern sind hart, der Blick scharf, als würde er alles gleichzeitig erfassen. Ich erinnere mich an seine Worte, wie ein Echo:

Wenn ich einem Morvath begegne, verlässt nur einer von uns den Raum.

Jetzt erst lacht Mike leise auf. Ungläubig. Fast erleichtert.

„Okay“, murmelt er. „Ganz ehrlich? Jetzt freu ich mich wirklich, dich zu sehen.“

Eamon würdigt ihn keines Blickes.

Sein Fokus bleibt auf Aren.

„Du irrst dich“, sagt er noch einmal.

Einen Moment lang stehen sie sich gegenüber.

Der Raum zwischen ihnen ist dicht. Geladen.

Ich spüre es nicht als Magie, sondern als Gefahr.

Der Boden unter meinen Füßen vibriert leicht. Erst kaum merklich. Dann stärker. Wurzeln knacken. Erde arbeitet. Nicht laut, wach.

Aren lächelt schmal.

„Du“, sagt er leise.

Kein Name. Keiner nötig.

Eamon antwortet nicht. Seine Hände sind ruhig. Zu ruhig.

Aber seine Augen brennen. Nicht wild. Gezügelt.

Sie umkreisen sich nicht körperlich.

Aber alles in ihnen tut es.

Ich weiß es plötzlich ganz klar:

Wenn einer von ihnen den ersten Schritt macht, gibt es kein Zurück.

Keinen Park. Kein New York. Keine Zeugen.

Am Rand meiner Wahrnehmung spüre ich Lina.

Ihre Fingernägel drücken sich in meinen Unterarm.

Sie hält sich an mir fest, als wäre ich das Letzte, was sie noch vom Fallen abhält.

Ich bewege mich nicht.

Aber ich halte stand.

Eamon hebt minimal das Kinn.

Eine Geste. Kaum sichtbar.

Ein Versprechen.

Nicht an Aren.

An jemand anderen.

Aren erkennt es. Sein Blick zuckt kurz, nicht vor Angst. Vor Berechnung.

Er weiß nicht, was passiert, wenn er jetzt angreift.

Er weiß nur: Es wäre endgültig.

Das Beben wird stärker.

Mike flucht leise hinter mir.

„Bitte sagt mir, dass das hier nicht gleich eskaliert“, flüstert er.

Niemand antwortet.

Aren lächelt.

Nicht breit.

Nicht offen.

Dieses schmale, grausame Lächeln, das nichts verspricht außer Schmerz.

Langsam hebt er den Arm.

Nicht ruckartig.

Nicht aus Wut.

Bewusst.

Seine Hand richtet sich auf Eamon, zwei Finger leicht gespreizt, als würde er etwas Unsichtbares greifen. Die Luft zwischen ihnen spannt sich, wird dichter, schwerer, als hätte jemand begonnen, sie zu falten.

Ich halte den Atem an. Schließe meine Augen, meine Gedanken wirbeln in Sekunden um mich herum, mein Vater, der hoffentlich verschont bleibt, meine Mutter, die ich habe nie kennenlernen dürfen, mein bester Freund, dessen Herz neben vor Angst zerfließt und Lina, die ihr Gesicht gegen meinen Arm drückt.

Aren hatte seine Entscheidung getroffen, die Erde in unserem direkten Umfeld fing an zu beben und ein tiefes Grollen war zu hören.

„Ich rate dir, lass das!”

Ich reiße die Augen auf und sehe zwei weitere Schatten hinter Bäumen hervorkommen.

Eamon war nicht alleine gekommen.

Aren fährt herum. „Nerik?“

Ein Mann mit Glatze und Vollbart und einem kräftigen Leib tritt hervor, seine Augen glühen genauso schwarz wie die von Aren und Eamon.

Nerik tritt einen Schritt vor.

Nicht zwischen sie.

Sondern über sie hinweg.

„Das genügt.“

Seine Stimme schneidet durch die Spannung wie ein Urteil.

Jetzt kam auch der zweite Schatten hervor.

Aren wurde blass. „Du hast Skarn den Großmeister der Umbraith mitgebracht?“

Der Mann neben Nerik bewegt sich nun ebenfalls.

Er ist von normaler Statur, älter, graues Haar, das ordentlich zurückgekämmt ist. Eine schlichte Brille sitzt tief auf der Nase. Er trägt ein kariertes Sakko, darunter ein weißes Hemd, geschlossen von einer schwarzen Fliege.

Er könnte ein Professor aus einer anderen Zeit sein. Einer, der über Literatur spricht, über Ordnung, über Regeln.

Seine Augen zerstören diesen Eindruck sofort.

Kalt.

Präzise.

Nicht interessiert an Menschen, nur an Konsequenzen.

Er kniet sich nieder und legt die Hand flach auf den Boden.

Das Beben verstummt.

Aren richtet sich auf. Noch immer stolz. Noch immer gefährlich.

„Woher wisst ihr…“

„Du bist seit zwei Tagen nicht mehr allein“, sagt Nerik.

Eamon senkt den Blick.

„Genauer gesagt, seit Finnland “, sagt Skarn und betrachtet seine Hände.

Stille.

„Ihr habt einen Skeldur auf mich angesetzt, kann das sein?“ Aren lässt endlich seinen Arm sinken.

Nerik nickt, „Cerebryn war so freundlich, Caelan hat ihn ins Vertrauen gezogen und daraufhin hat er sich gleich aufgemacht.“

Skarn geht einmal um Aren herum, die Arme auf dem Rücken verschränkt. „Wir wissen vielleicht noch nicht alles, aber wir wissen genug. Du hattest nie den Auftrag zu quälen, wie du es mit Elowen und dem Vater des jungen Valeryn gemacht hast, nie den Auftrag zur Auslöschung, aber da waren dir Maeve und eine alte Finnin im Weg, was? Du hattest nur einen einzigen Auftrag, herauszufinden was an dem Bann der Resonanz stimmte. Eamon hat uns über alles aufgeklärt.“

Etwas zerbricht in Aren Gesicht. Nicht laut. Nicht dramatisch.

Endgültig.

„Du hast Grenzen überschritten“, sagt Nerik.

„Nicht aus Irrtum. Aus Entscheidung.“

Aren richtet sich auf.

„Und jetzt?“

„Jetzt“, sagt Nerik ruhig,

„gehst du.“

Das Wort fällt nicht wie ein Befehl.

Sondern wie ein Urteil.

Aren lacht auf. Kurz. Hart.

Ein Laut ohne Humor.

„Du glaubst wirklich…“

Der Boden unter seinen Füßen bricht das Wort ab.

Nicht reißend.

Nicht laut.

Er gibt nach.

Millimeter nur.

Aber genug.

Aren spannt sich an, stemmt sich dagegen. Zum ersten Mal, seit er hier steht, verliert seine Haltung diese mühelose Überlegenheit. Die Luft um ihn herum verdichtet sich, presst gegen Brust und Schläfen, nimmt ihm Raum. Zeit.

Ich spüre es bis in die Knochen.

Das ist kein Wegziehen.

Das ist Entzug.

Etwas greift nach ihm, nicht von außen, sondern von überall.

Aren stößt scharf den Atem aus. Seine Zähne knirschen. Die Hand, die eben noch erhoben war, verkrampft sich, als würde sie plötzlich nichts mehr finden, woran sie sich festhalten kann.

„Nein“, zischt er.

Nicht als Bitte.

Als Trotz.

Skarn hebt den Blick.

„Du hast gewählt“, sagt er leise.

Der Druck nimmt zu.

Nicht schmerzhaft.

Unerbittlich.

Aren geht ein Schritt zurück. Dann noch einer. Nicht freiwillig. Als würde der Raum selbst ihn verschieben. Seine Konturen flackern für einen Moment, als hätte die Welt Mühe, ihn noch zu halten.

Ich denke an Maeve.

An all die Leben, die er genommen hat, ohne zu zögern.

Das hier ist kein Ausgleich.

Aber es ist Ende.

Aren schreit nicht.

Er presst die Lippen aufeinander, bis Blut hervortritt. Sein Blick findet noch einmal meinen. Voll Hass. Voll Wissen.

Dann zieht es ihn fort.

Nicht mit Licht.

Nicht mit Lärm.

Mit Leere.

Der Platz, an dem er stand, ist plötzlich… falsch. Zu still. Als wäre dort etwas herausgerissen worden, das nie hätte bleiben dürfen.

Der Park atmet aus.

Langsam.

Schwer.

Und ich weiß:

Das war keine Warnung.

Keine Verschiebung.

Das war Auslöschung.

Mike lässt sich schwer auf eine Bank fallen, fährt sich mit beiden Händen durchs Gesicht.

„Okay“, sagt er heiser. „Das… das war definitiv mehr als ein Spaziergang.“

Eamon tritt näher.

Nicht hastig.

Als müsste er erst sicher sein, dass nichts mehr zurückschlägt.

Seine Stimme ist leise. Müde.

„Es tut mir leid.“

Nicht entschuldigend.

Eher wie jemand, der weiß, dass Worte zu spät kommen.

Er dreht sich leicht zur Seite.

„Das sind Nerik, Großmeister vom Stamm der Mor‘kels…“ein kurzes Nicken in Richtung des gedrungenen Mannes mit dem Vollbart.

„…und Skarn, Großmeister der Umbraith.“ Fügt er nicht ganz ohne Stolz hinzu.

Der Mann mit der Brille hebt kaum merklich den Kopf. Sein Blick ruht einen Moment auf uns, nicht prüfend, eher abwägend. Als würde er uns einordnen, nicht beurteilen.

Mike schluckt.

„Cool“, sagt er heiser. „Also… freut mich. Unter anderen Umständen.“

„Eamon hat uns alles erzählt“, sagt Skarn. Seine Stimme ist ruhig, sachlich, ohne jede Schärfe. „Von seinem Vergehen. Von Maeve. Von Aren.“

Nerik verschränkt die Arme vor der Brust.

„Von euch“, fügt er hinzu.

Ich spüre, wie Lina sich noch fester an mich klammert.

„Von uns?“ fragt Mike vorsichtig. „Das klingt jetzt… ehrlicher, als mir lieb ist.“

Skarn tritt einen halben Schritt vor. Nicht drohend. Aber präsent.

„Von uns habt ihr nichts zu befürchten“, sagt er.

Ein kurzer Blick zu Lina. Dann zu mir.

„Solange ihr die Kontrolle wahrt.“

Eine Pause entsteht.

Nicht lang.

Aber schwer.

Nerik hebt die Hand und deutet mit zwei Fingern auf den leeren Platz im Kiesweg. Dorthin, wo Aren eben noch gestanden hat.

„Wenn nicht“, sagt er ruhig, „endet es dort.“

Niemand widerspricht.

Der Wind fährt durch die Bäume. Blätter rascheln. Irgendwo lacht jemand, viel zu weit weg, viel zu normal.

Mike räuspert sich.

„Okay“, sagt er schließlich. „Nur damit ich das richtig verstehe: Wir sollen einfach… keine Weltuntergänge verursachen?“

Eamon sieht ihn lächelnd an.

Erschöpft, aber ehrlich schlägt er Mike kurz auf die Schulter.

„Das wäre ein Anfang.“

Ich ziehe Lina näher an mich. Nicht schützend. Selbstverständlich.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt es sich an, als würde die Welt, für diesen einen Atemzug, stillhalten.

Nicht aus Angst.

Sondern, weil sie zusieht.

Linas smaragdgrünen Augen sind weit geöffnet, stiller als ich sie je gesehen habe. Als hätte sie alles gesehen, alles verstanden, alles entschieden.

„Noah“, sagt sie.

Mein Name klingt anders in ihrem Mund.

Nicht wie ein Ruf.

Wie ein Ja, ich bin bereit.

Ich ziehe sie zu mir.

Nicht sanft.

Ihre Hände sind sofort da. An meinem Nacken, meinem Rücken, als hätte ihr Körper diesen Weg längst gekannt. Unsere Stirnen berühren sich. Atem auf Atem. Zu nah, um noch zu denken.

„Ich will dich“, sagt sie.

Nicht leise.

Nicht unsicher.

Meine Antwort ist ihr Mund.

Kein Zögern. Keine Frage.

Unsere Lippen treffen aufeinander, heiß, fordernd, endlich. Als würde etwas einrasten, das zu lange offen war.

Die Welt verschwindet.

Nicht in Licht.

In Gleichklang.

Mein Herz schlägt.

Ihres auch.

Nicht nebeneinander, zusammen.

Ich schmecke sie. Salz. Wärme. Leben.

Ihre Hände krallen sich in mein Shirt. Meine Finger in ihr Haar. Wir halten uns nicht, um uns zu bremsen.

Sondern um nicht zu fallen.

Als wir uns lösen, nur einen Atemzug weit, berühren sich unsere Stirnen wieder.

„Das“, sagt sie leise, atemlos, „ist es.“

Ich lächle. Zum ersten Mal ohne Gewicht.

„Ja“, sage ich. „Das ist es.“

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