الفصل 16: Kapitel 15

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Die Luft war schon am frühen Vormittag weich und voller Hitzeversprechen. Über den Feldern flirrte es leicht, und auf den Holzdielen unter Katjas Füßen knirschte noch der Morgentau. Sie blieb kurz stehen, blinzelte in die Sonne und sog den Duft von Thymian in den Töpfen und Marits frisch gebackenem Kräuterbrot ein.

„Oh wow! Kein Fünf Sterne Hotel würde das so hinkriegen wie du, liebe Marit!“ Katja legte den Ausdruck mit dem Symbol auf den Tisch.

„Warum steht der Tisch eigentlich so weit weg vom Haus?“ fragte Sven neben ihr. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, warf einen skeptischen Blick zur Wiese hinunter, wo unter dem Apfelbaum ein großer Gartentisch stand, sechs Stühle drumherum, aber nur vier Gedecke: feine Keramik, bunte Servietten, frisch gepresster Orangensaft, dampfender Kaffee, Quark, Schnittkäse, Butter, Milch und Zucker, Schinken, Honig, verschiedene Marmeladen, Brötchen, helles süßes Brot mit und ohne Rosinen, ihr Kräuterbrot, und in einer Schüssel lagen braune und weiße Eier wie kleine Schatzkugeln in Porzellan. Die rotweiß karierte Tischdecke flatterte leicht im Wind.

„Warte ab“, murmelte Marit. Ihr Blick ging zum Haus. Sie sah aus, als müsse sie etwas Schweres formulieren oder wie jemand, der gerade dabei ist, ein Geschenk zu überreichen, von dem sie nicht weiß, ob der Empfänger es annehmen kann.

Als sie näherkamen, deutete Marit auf die Wiese. „Setzt euch. Sina ist noch im Haus.“

„Wie geht’s ihr?“ fragte Katja vorsichtig.

Marit zögerte einen Moment. „Sie hat gestern sehr viel erzählt. Dinge, die sie für Erinnerungen hält. Sie ist fest davon überzeugt, dass sie im Jahr 1489 lebte und dass sie hingerichtet wurde. Sie hat alles so detailreich geschildert, so bildlich, dass es einem kalt den Rücken runterläuft.“

Katja zog die Augenbrauen hoch. „Als hätte sie’s wirklich erlebt?“

„Als wäre sie mittendrin gewesen“, sagte Marit leise. Sie schüttete Katja und Sven Kaffee ein. „Milch und Zucker und der ganze andere Rest ist Selbstbedienung.“ Sie stellte die Porzellankanne zurück auf den Tisch, setzte sich an ein Kopfende und schaute Katja an. „Und weißt du, was das Erschreckendste ist? Sie wirkt nicht verwirrt. Sie glaubt nicht, dass sie verrückt ist. Sie glaubt … wir sind es.“

„Also … sie hält uns für die Welt, die nicht stimmt?“ Sven kratzte sich am Kinn, während er den Brotkorb näher begutachtete. „Was glaubt sie denn, wo sie ist?“ Er entschied sich für eine Scheibe süßes Brot mit Rosinen. „Das hast du auch gebacken?“

„Bis auf die Brötchen habe ich alles gebacken, ich weiß ja, was für ein Schmecklecker du bist.“ Marit lächelte spöttisch.

Sven grinste und schmierte sich Butter auf das Brot. „Nochmal meine Frage: Was glaubt sie denn, wo sie ist?“

Marit schaute erneut aufs Haus. „Ich fürchte, das wirst du gleich selbst erleben.“

Sven hatte gerade einen Löffel Sanddorngelee genommen, als ein Geräusch ihn dazu veranlasste, in Richtung Terrasse zu schauen. Plötzlich bewegte sich das Fenster des Badezimmers, und eine Hand, kaum sichtbar, entleerte eine weiße Emailleschüssel mit geübtem Schwung über die Terrasse.

Ein Moment der Stille. Das Klacken des Fensters. Das Sanddorngelee tropfte auf den Teller.

Sven starrte Katja an. „Das ist jetzt nicht wahr. Das habe ich jetzt nicht wirklich gesehen.“

Marit stand ruhig auf. „Jetzt verstehst du, warum der Tisch unter dem Apfelbaum steht!“ Sie griff nach dem Wasserschlauch und begann wortlos, die Terrasse zu reinigen.

Katja lachte laut auf, sie streichelte liebevoll Svens Unterarm. „Dein Blick! Zum Schreien.“

Sven verzog das Gesicht, bemüht, das Gelee auf sein Brot zu verteilen. „Na bravo.“

Er überlegte, ob er überhaupt noch in das leckere Brot beißen sollte, als Sina zu ihnen auf die Terrasse kam. Sie trug ein schlichtes, sauberes blaugeblümtes Kleid, die Haare von Marit ganz kurz geschnitten, aber ordentlich. Ihre Haut wirkte fahler als gestern, ein Gelbstich lag darüber, der im Morgenlicht beinahe durchsichtig schien. Katja sah, dass auch Sven es bemerkte.

„Ihr seht sie heute zum ersten Mal so“, sagte Marit leise. „Gestern am frühen Morgen hat mich noch ein Anruf erreicht. Von Dr. Henrik Jessen.“

„Der Schönheitschirurg aus Binz?“, fragte Katja, um die Spannung etwas zu lösen. „Der nimmt doch nur gut betuchte Privatpatienten.“

Marit nickte. „Ja, aber er ist ein Freund von mir und er kann noch viel, als nur Falten glatt bügeln. Er hatte sich bereit erklärt, Sina kostenlos zu untersuchen. Blutwerte, Sonografie, Leberbild.“ Sie schüttete Sina ein Glas Orangensaft ein. „Gestern Abend kam sein Anruf und die Diagnose: Autoimmunhepatitis im Endstadium. Wir sollen morgen nochmal in die Helium Klinik fahren.“

„Hm …“ Katja sah zu Sven. Das Brötchen, das sie aufschneiden wollte, legte sie zurück auf den Teller. „Faris hatte Bauchspeichel …“

Sina unterbrach sie ruhig: „Das ist nicht mein Körper.“

Katja drehte sich zu ihr. „Wie meinst du das genau?“

Sina betrachtete ihre Hände, hob sie leicht an. „Ich spüre es. Die Farbe meiner Haut ist gelb und fahl, mein Bauch ist gequollen, ohne dass neues Leben in mir entsteht. Etwas stimmt nicht. Da sind Muttermale, die ich nie hatte. Und die Narbe, die ich von der Wunde vor Alinas Geburt hatte, ist weg. Matthes hat sie versorgt, sie war tief. Aber jetzt … nichts.“

Sie legte die Hand auf ihre Brust. „Ich spreche eure Sprache, ja. Aber ich denke in meiner. Ich verstehe jedes Wort, aber die Gedanken sind nicht dieselben. Ich bin nicht ich. Dieser Körper, der so krank ist und so fremd, der gehört mir nicht. Mein Leib hing am Galgen.“

Sven murmelte: „Die ist ja noch durchgeknallter, als ich dachte.“

Ein scharfer Tritt traf sein rechtes Schienbein unter dem Tisch. „Aua!“

Katja blinzelte unschuldig. „Weniger Urteile.“

Marit beugte sich leicht vor. „Bitte habt Geduld mit ihr. Ich weiß, was ihr denkt: Landesklinik, psychiatrische Station, Beruhigungsmittel zur eigenen Sicherheit. Aber … was, wenn es anders ist?“

„Marit, sie hat gerade ihr Geschäft aus dem Fenster gekippt“, erwiderte Sven trocken und deutete mit dem Daumen Richtung Badezimmerfenster. „Das ist nicht normal.“

„Nein, ist es nicht. Aber sie tut niemandem etwas. Und sie vertraut mir. Bitte.“

Katja sah, wie Sina in diesem Moment nach dem Quark griff und sich ein Stück Brot nahm. Ihre Bewegungen waren zart, vorsichtig, als würde sie einen Traum leben. Sie hob den Blick zum Himmel. Etwas in ihr war so weit fort, dass es schmerzte und zugleich so nah, dass man es kaum aushalten konnte.

„Henning!“ Marit ließ ihren Löffel in die Kaffeetasse sinken und winkte plötzlich mit einer langsamen, aber bestimmten Bewegung.

Katja drehte sich um. Ein schlanker Mann mit eingefallenen Schultern kam langsam den Weg entlang. Seine Kleidung war schlicht, Jeans, ein helles Hemd, das in der morgendlichen Sonne fast zu grell wirkte. Seine Bewegungen waren schwer, wie die eines Menschen, der innerlich durch tiefe Wasser watet.

„Ich war … nur kurz am Grab“, sagte er bemüht um ein Lächeln, kaum dass er den Gartenzaun erreicht hatte. Seine Stimme war leise, nicht schüchtern, aber vorsichtig, wie jemand, der nicht sicher ist, ob er stören darf.

„Komm rein, setz dich doch“, bat Marit. „Ich habe dich gesehen und dachte, du möchtest vielleicht ein Frühstück. Du wirst noch ganz mager.“ Gleich hinter der Terrassentür im Wohnzimmer stand ihre Geschirrvitrine, sie nahm ein weiteres Gedeck heraus. „Du siehst müde aus.“

Henning zögerte, trat dann aber durch das Gartentor. Als er sich Katja und Sven gegenüber wiederfand, huschte ein Ausdruck des Erkennens über sein Gesicht.

„Mordkommission 1, richtig?“ Er nickte Katja zu. „Wir haben vor ein paar Jahren mal kurz zusammengearbeitet. War in Stralsund, der Tod eines Junkies durch Fremdverschulden.“

„Henning Tiedemann“, sagte Sven leise, nickte erkennend. „Drogenfahndung.“ Er und auch Katja reichten ihm die Hand. „Meine Frau Katja Sommer kennst du? Sie ist auch in der Moko 1. Sie war damals nicht dabei. Der junge Kerl, aus Rostock kam er, Kehle durchtrennt, klar weiß ich das noch.“ Sven rückte mit einem Gedeck etwas zur Seite, um Henning Platz zu machen. „Deine Frau ist doch Historikerin, richtig?“

Henning nickte, der Schatten über seinem Gesicht wurde tiefer. „War! Sie ist vor einem halben Jahr bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Ich war auch damit bei euch, aber keine Chance. Alle sagen, es war ein ganz normaler Unfall. Ich bin sicher, da steckt dieser Drogenboss dahinter, Little Bird nennt er sich. Ich habe ihn lebenslang ins Zuchthaus gebracht, und er hat mir Rache geschworen.“

Betreten blickte Sven auf seine Kaffeetasse. Er hatte von einem Fall gehört, bei dem ein Kollege immer und immer wieder behauptet hat, ein Drogenboss habe seine Frau auf dem Gewissen. Sven hatte sich nicht weiter drum gekümmert und auch den Namen des Kollegen nicht beachtet. Es wurde eindeutig und nach sorgfältiger Untersuchung festgehalten: Es war ein Unfall. Aber so wie es aussah, hielt Henning immer noch an der Theorie fest.

„Es ist schön, dass du da bist“, sagte Marit sanft. Sie streichelte seine angespannten Schultern und mit einem Blick in Richtung Katja und Sven, der bedeutete, habt doch Mitleid mit dem armen Kerl, sagte sie: „Ich war bei der Beerdigung seiner Frau. Wir haben sie gemeinsam begraben, nicht wahr, Henning. Seitdem sehe ich dich fast täglich auf dem Friedhof. Möchtest du Kaffee?“

Henning sah sie an, kurz überrascht, dann dankbar.

„Wenn es nicht stört …“

„Natürlich nicht.“ Marit war bereits aufgestanden, stellte das Gedeck an die freie Seite des Tisches. „Setz dich und frühstücke mit uns. Möchtest du auch ein Ei, ja?“

Henning nickte stumm und ließ sich auf einem der beiden freien Stühle nieder.

Er nahm sich die letzte Scheibe Kräuterbrot, als sein Blick auf das ausgedruckte Foto in der Mitte des Tisches fiel.

„Moment mal … das habe ich schon mal gesehen“, murmelte er mit leicht gerunzelter Stirn. „Darf ich mal?“

Katja reichte ihm mit der einen Hand den Ausdruck rüber, mit der anderen nahm sie sich ein Ei aus der Schüssel.

Er lehnte sich zurück, zog die Augenbrauen zusammen, betrachtete die Runen, das Auge, die Baumwurzel, als wollte er sich ein verblasstes Bild in Erinnerung rufen. „Ein Symbol.“ Er legte sich eine Scheibe Gouda auf das Kräuterbrot. „Vielleicht nicht ganz genauso, aber … vielleicht auch doch. Meike hatte mal eine Kopie von so einer Zeichnung in ihrem Büro hängen. Irgendein altes Manuskript oder so.“

Sven legte sein Brötchen zur Seite. „Deine Frau kannte das?“

„Ja.“ Henning nickte langsam. „Das kann schon sein. Sie war Historikerin, spezialisiert auf Kulturgeschichte des Spätmittelalters. Sie konnte stundenlang in diesen Papieren wühlen. Irgendwas mit Symbolik, Geheimschriften. Ich habe es nie richtig verstanden.“

„Und du erinnerst dich genau an dieses Auge?“ fragte Katja nach.

Henning zuckte mit den Schultern. „Na ja, nicht hundertprozentig. Aber die Form … das Gefühl dabei … Es ist seltsam. Ich habe sie damals gefragt, aus Spaß: Wer von uns beiden ist eigentlich bei der Kripo? Du oder ich? Und sie hat nur gegrinst und gesagt: ‚Du wirst lachen, ich bin wirklich an was Großem dran.‘“

Er hielt inne. Die Erinnerung ließ seine Stimme leiser werden. „Ich habe ihr noch gesagt, naja so ein Auge erinnert mich an den Dollar oder die Illuminaten. Das sehende Auge, das alles beobachtet, das wusste sogar ich. Aber sie reagierte nicht wirklich auf meinen Einwand, irgendetwas oder Jemand hatte sie verändert. Vier Monate später kam der Anruf. Der Unfall.“

Einen Moment lang war es still. Nur das Summen der Insekten und das leise Rascheln der Blätter war zu hören. Der Ausdruck mit dem Auge lag noch immer zwischen ihnen. Wie ein stummer Zeuge.

Sina sah niemanden direkt an. Ihre Finger ruhten auf dem Rand ihres Glases, als würde sie darin eine Botschaft lesen, die nur sie lesen konnte. „Ich würde gern in die Unterlagen deiner Frau schauen“, sagte Katja leise, fast entschuldigend. Sven nickte. „Wir auch. Vielleicht ist da mehr drin, als du denkst.“

Henning zögerte kurz, dann zuckte er mit den Schultern. „Ich war gerade dabei, alles wegzupacken oder zu entsorgen. Ich bringe sie euch gerne vorbei, wenn ihr die alle noch mal durchforsten wollt.“

In dem Moment vibrierte Svens Handy auf dem Tisch. Er sah auf das Display, dann hob er ab. „Ja?“

Aus dem Hörer kam die Stimme seines Kollegen Heinrichsen, klar und dringlich. „Sven? Könnt ihr bitte nach Stralsund kommen? Wir glauben zu wissen, wer Sina wirklich ist.“

كيف كان هذا الفصل؟

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