অধ্যায় 28: Eliza – Wir sind da

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Alma schläft.

Nicht dieses ruhige Schlafen, das man kennt. Eher ein Wegdriften, bei dem der Körper noch hier ist, aber die Seele schon leiser wird, als müsste sie sich an etwas erinnern.

Mutter sitzt an der einen Seite des Betts. Ich sitze an der anderen. Ich halte Omas Hand.

Sie ist kühl. Nicht eiskalt. Nur so, als würde sie das Blut sparen.

Vater steht am Fenster und schaut hinaus in den Garten.

Der Garten liegt im Winterschlaf. Die Beete sind dunkel, die Sträucher still, die Wege leer. Und trotzdem sieht man: Hier war jemand, der wusste, wie man Ordnung in Grün bringt.

Mutter steht auf, geht langsam zu Vater ans Fenster. Sie bleibt neben ihm stehen, schaut hinaus, und ich sehe, wie sich ihre Schultern heben und senken, als müsste sie Luft aus einer sehr alten Schublade holen.

„Opa hat den Garten bis kurz vor dem Tod gepflegt“, sagt sie leise. „Niemand kannte ihn so gut wie er.“

Richard nickt, ohne den Blick abzuwenden.

„Er hat alle öffentlichen Landschaftsarbeiten der Stadt gemacht“, sagt Margret. „Alles. Parks. Plätze. Die Beete am Rathaus. Und dann noch private Gärten. Wenn jemand Rat brauchte… er wusste immer, was zu tun ist.“

Sie lacht plötzlich. Und im gleichen Moment bricht ein Schluchzen aus ihr heraus, als wäre beides miteinander verknotet.

„Einmal hat ihn sogar…“ Sie schluckt. „…der Buckingham Palace gerufen.“

Vater dreht den Kopf zu ihr. „Was?“

Margret wischt sich mit dem Handrücken über die Wange, als würde sie sich dafür entschuldigen, dass Tränen überhaupt existieren.

„Die Queen Mum“, sagt sie und lacht wieder, kurz und fassungslos. „Sie hatte einen Busch aus Australien geschenkt bekommen. Einen… Zylinderputzer. Den Namen vergesse ich nie.“

Richard stößt ein echtes, verblüfftes Lachen aus. „Einen was?“

„Ja, Zylinderputzer“, wiederholt Margret, als hätte sie das Wort seit Jahren im Mund und müsse es trotzdem jedes Mal neu aussprechen.

Richard schüttelt den Kopf. „Und? Hat er ihn wieder hinbekommen?“

Margret nickt, und diesmal ist das Lachen schon ganz dünn.

„Ja“, sagt sie. „Hat er.“

Sie hält kurz inne, als würde sie den Film sehen und ich konnte ihn mir gut vostellen: Opa im Garten. Mit Erde an den Händen. Mit dieser Konzentration, die bei ihm immer wie Ruhe aussah.

„Die Queen und die Queen Mum sind tatsächlich zu ihm in den Garten gekommen“, sagt Margret. „Und haben mit ihm gesprochen, während er den Strauch behandelt hat. Stell dir das vor.“

Ihr Gesicht verzieht sich.

„Er war so stolz“, flüstert sie. „Und Oma war so glücklich für ihn.“

Margret lächelt noch einmal.

Nur ganz kurz.

Wie jemand, der versucht, eine Erinnerung festzuhalten, bevor sie entgleitet.

Dann bleibt ihr der Atem weg.

Es ist kein abruptes Zusammenbrechen.

Es ist schlimmer.

Es ist, als würde etwas in ihr nachgeben, was sie seit Jahrzehnten mit zusammengebissenen Zähnen getragen hat.

Ihre Schultern sinken ab.

Nicht langsam.

Sondern auf einmal.

Sie presst die Lippen aufeinander, als wolle sie den Laut zurückhalten, der sich längst entschieden hat, herauszukommen.

„Ich war so kalt zu ihnen“, flüstert sie.

Die Stimme bricht schon beim ersten Wort.

„So unfassbar kalt.“

Richard sagt nichts.

Er tritt nur näher.

Margret hebt die Hände vors Gesicht, aber das Weinen findet trotzdem einen Weg.

Es ist kein leises Schluchzen.

Es ist kein kontrolliertes Weinen.

Es ist alt.

Es kommt von weit unten.

Von dort, wo man etwas vergräbt, weil man sonst nicht weitergehen kann.

„Wie konnte ich nur …“, flüstert sie, und diesmal klingt es nicht mehr wie eine Frage, sondern wie ein Urteil.

„Wie konnte ich nur so tun, als hätte ich Zeit.“

Ihre Knie geben nach.

Nicht ganz.

Aber genug, dass mein Vater sie auffängt, bevor sie es selbst merkt.

Sie klammert sich an ihn, als würde sie sonst fallen.

Nicht auf den Boden.

Sondern zurück in all die Jahre, in denen sie dachte, sie müsse stark sein.

„Ich dachte, wenn ich wegsehe, wird es leichter“, weint sie. „Ich dachte, wenn ich nicht hinschaue, tut es weniger weh.“

Sie schüttelt den Kopf, immer wieder, als würde sie versuchen, etwas Ungeschehenes abzuschütteln.

„Und jetzt…“, flüstert sie. „Jetzt ist nichts mehr zu ändern.“

Vater hält sie fest.

Er sagt nichts.

Er weiß, dass es nichts gibt, was man hier sagen könnte.

Dieses Weinen braucht keine Antwort.

Es braucht nur Raum.

Langsam führt er sie zum Stuhl am Bett.

Nicht wie jemand, der tröstet.

Sondern wie jemand, der trägt.

Mutter setzt sich.

Sie beugt sich vor.

Legt die Stirn in die Hände.

Und weint.

Nicht um Alma allein.

Nicht um Rose allein.

Sondern um alles, was sie war, als sie fünfzehn war.

Und um alles, was sie nie mehr sein konnte.

Sie zieht die Luft ein, ein gebrochener Atemzug.

Ich rücke zur Seite. Ich lasse Omas Hand los, so vorsichtig, als würde man eine Muschel wieder ins Wasser legen.

„Margret“, sagt Richard leise, und sein Blick ist plötzlich nicht mehr in der Erinnerung, sondern hier. „Rede mit ihr. Sie hört dich. Vor allen Dingen spürt sie dich. Es ist noch nicht zu spät.“

Mutter schaut ihn mit geröteten Augen an. „Meinst du?“

Ihre Stimme klingt klein. Nicht wie meine Mutter, wie die stolze, selbstbewusste Margret.

Vater nickt langsam und streichelt ihr über das Haar. „Es ist nicht zu spät. Sie ist noch da. Vielleicht hat sie sogar auf dich gewartet.“

Ich bewundere die Liebe zwischen meinen Eltern, sie war mir im Alltag nie so bewusst, aber hier wirkte sie so schön wie ein Tautropfen auf einer roten Rose.

„Ich denke, du musst es nicht mehr gutmachen“, sage ich und streichle meiner Mutter über den Oberarm. Ich weiß ja, was sie mitgemacht hat. „Du hast so gehandelt, wie du dich gefühlt hast. Wie du konntest. Wenn du anders hättest handeln können, hättest du es ja gemacht.“

Margret schaut mich an, als hätte ich ihr gerade etwas gegeben, das sie nicht erwartet hat.

Dann zieht sie mich zu sich und umarmt mich. Ganz fest.

„Ist Omas Weisheit auf dich übergegangen?“ murmelt sie.

Ich hebe nur die Schultern, weil ich nicht weiß, wohin mit dem Kloß.

„Oder Aelyr“, sage ich leise.

Margret lacht, ganz kurz.

Die Tür geht auf, Erica kommt rein.

„Oh“, sagt sie laut, und ihre Stimme fällt wie ein zu fröhlicher Ball in dieses Zimmer. „Mama hat Besuch.“

Sie will schon zum Bett trippeln, mit diesem unerschöpflichen Drang, nah zu sein, egal wie schwer die Luft ist, aber Anna und Thomas, die ihr gefolgt sind, halten sie auf.

Anna entschuldigt sich leise bei uns und lächelt Erica an, als würde sie ihr ein Geheimnis anbieten. „Komm“, sagt sie sanft. „Wir gehen ein Spiel spielen. Hast du Lust?“

Erica zögert einen Moment, schaut zu Alma, dann zu Anna.

„Ja, Spiel spielen, das ist gut“, sagt sie, als wäre das eine große Entscheidung. „Spiel spielen.“

Anna nimmt sie an der Hand und führt sie hinaus.

Thomas bleibt und schließt die Tür hinter ihnen.

Das Klicken ist leise. Und trotzdem klingt es im Zimmer wie: Jetzt ist Ruhe.

Richard schaut Thomas an.

„War der Arzt schon da?“

Thomas nickt. Sein Gesicht ist ruhig, aber ich sehe, dass er heute schon viel gesehen hat.

„Sie wird die Nacht wohl nicht überleben“, sagt Thomas. „Aber genau sagen kann das natürlich niemand.“

Margret presst die Lippen zusammen.

Thomas spricht weiter, langsam, sauber.

„Er meint, wenn ihr das wollt, können wir ihr Aufbaupräparate geben, über eine Infusion. Künstliche Ernährung. Einen Blasenkatheter legen. Alles, was man eben macht, wenn man…“ Er macht keine Pause, um das Wort zu vermeiden. „…wenn man aufhalten will.“

Er sieht uns an.

„Aber es hält es nur kurzfristig auf“, sagt er. „Und es wäre eine Tortur für sie.“

Keiner von uns sagt sofort etwas.

Dann schütteln meine Eltern entschieden den Kopf und ich stimme ihnen zu.

„Nein“, sagt Margret. „Sie ist achtundneunzig. Die letzten drei Jahre war sie immer mehr in einem Dämmerzustand. Sie ist bereit. Lassen wir los.“

Thomas nickt nur.

„Gute Entscheidung“, sagt er.

Richard atmet aus, und dann kommt dieser Moment, in dem das Praktische wie eine kleine Brücke wirkt, damit man nicht im Gefühl ertrinkt.

Er lehnt sich ein Stück zu Thomas.

„Sag mal“, sagt er leise, als hätte er Angst, Alma könnte es hören. „Was ist eigentlich aus…“ Er senkt die Stimme noch mehr. „…der Axt und der Jacke geworden?“

Thomas winkt ab, fast beiläufig, als wäre das die leichteste Sache der Welt.

„Ich habe beides abgegeben“, sagt er. „Mit dem Brief von Edward. Auf dem Revier. Ich habe eine Aussage gemacht. Jetzt kommt alles ins Kriminalmuseum. Nur noch Zeitzeugen. Alles anonym. Niemand wird auf euch zurückkommen.“

Richard nickt, und ich sehe, wie ein Teil von Spannung aus seinen Schultern fällt.

Margret schaut auf das Tagebuch, das auf dem kleinen Tisch neben dem Bett liegt.

„Steht noch etwas Besonderes drin? Vielleicht über ihre Torten?“ fragt sie.

Ihre Stimme ist wieder vorsichtig. Als würde sie Angst haben, dass jedes Wort Alma wecken könnte.

„Oma hatte eine Konditorei“, sagt Mutter plötzlich, und ich merke, wie ihr Blick einen Moment klar wird. „Keine Bäckerei. Da hat sie Wert drauf gelegt.“

Ich nicke. „Ja. Konditorei.“

„Und die Torten“, murmelt Margret, fast lächelnd. „So voller Phantasie, genau wie ihre Geschichten. Immer nur auf Anfrage hat sie die gezaubert. Sie war darin…“ Sie bricht ab, weil ihr die Stimme wieder wegrutscht.

„Laut dem Tagebuch hat Ireen ihr viel beigebracht“, sage ich.

Margret sieht mich an.

„Ich bin das Tagebuch durchgegangen“, sage ich leise. „Und ja… sie schreibt viel über Ireen. Fast zwanzig Jahre hat sie sie begleitet. Für Rose war sie wohl auch so etwas wie eine Oma.“

Margret nickt langsam.

„Sie hat wohl öfter gefragt, ob Edward mit der Familie nicht zu ihr ziehen wollte“, sage ich. „Stiller Manor war groß genug. Aber Edward wollte partout nicht.“

Margrets Mundwinkel zucken.

„Vielleicht hatte er Angst, wieder 2 Jahre im Schuppen eingesperrt zu werden“, sagt sie.

Richard lacht auf, und ich lache mit. Es ist ein wehes Lachen. Und gleichzeitig erleichternd, weil es zeigt, dass wir noch Menschen sind.

„Ireen wollte Oma sogar Stiller Manor vermachen“, sage ich, und ich höre mich selbst lachen, obwohl ich es kaum glauben kann.

Margret schnaubt nicht. Sie lacht richtig. Tränen stehen ihr dabei in den Augen.

„Kurz vor dem Notartermin ist sie gestorben“, sage ich. „Und Opa hat als erstes gesagt: Gott sei Dank.“

Margret schaut mich entsetzt an, als wäre sie wieder das Mädchen von damals.

„Oma hat ihn auch so angesehen“, sage ich. „Und gefragt: Wie Gott sei Dank? Du bist froh, dass sie tot ist?“

Richard beugt sich näher, als wolle er die Pointe nicht verpassen, obwohl es keine ist.

„Und Opa?“ fragt er.

„Nein“, sage ich und höre Edwards Stimme in dem Satz, obwohl ich ihn nie gehört habe. „Gott sei Dank, dass wir das Riesenhaus nicht haben. Das brauchen wir nicht. Wir haben alles. Wir sind glücklich.“

Sie lachen Tränen. Und für einen Moment ist das Zimmer nicht nur Abschied, sondern auch Leben.

Dann wird Margret wieder ernst.

Sie schaut auf Alma.

„Was hat sie zum Schluss geschrieben?“ fragt sie.

Ich spüre, wie sich meine Kehle sofort schließt.

„Sie schrieb vom Abschied von ihrer Tochter“, sage ich.

Margret greift nach Almas Hand. Und sie hält sie diesmal fest.

„Lies vor“, sagt sie leise.

Ich zögere. „Bist du sicher?“

Margret nickt. „Ja. Lies vor. Bitte.“

Ich hole tief Luft.

Ich schlage das Tagebuch auf.

„3. März 1987“, lese ich. „Die Ärzte haben uns gerufen. Wir sollen kommen.“

Ich schlucke einmal, weil die Zeilen nicht alt sind, während ich sie lese. Sie sind jetzt.

„Nun sitze ich hier“, lese ich weiter, „mein geliebtes Kind…“

Mutters Finger ziehen sich um Omas Hand zusammen.

Ich höre dich lachen. MEIN GELIEBTES KIND….

Nicht so sehr deine Sprache, aber wo ich dich gerade so im Bett liegen sehe, die Augen fest geschlossen, der Atem hektisch, mal tief, mal flach, fällt mir nur noch Liebe ein.

Und Kind.

Seit der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs haben wir viel geredet und alles gesagt.

Du hast dir Sorgen wegen Margret gemacht.

Hast dich gefragt, ob du eine gute Mutter warst, weil du nicht weißt, wer dich in jener verrückten Nacht geschwängert hat.

Margret hat einmal nach ihrem Vater gefragt, du hast ihr ehrlich geantwortet, danach habt ihr nie wieder darüber geredet.

Und wir mussten dir versprechen, auf dein Fusselchen, wie du sie nanntest, gut aufzupassen.

Ja, mein Schatz.

Das werden wir.

Du hast deinem Vater und mir so viel Freude geschenkt.

Hast unser Leben bereichert.

Jetzt wirst du wohl woanders gebraucht.

Wir hatten Monate Zeit, uns auf diesen Moment vorzubereiten.

Aber wenn es dann so weit ist …

wie sollen wir uns darauf vorbereiten, hinter dem Sarg unseres Kindes zu gehen?

Es ist nicht richtig.

Verdammt noch mal, einfach nicht richtig.

Früher als du noch jünger warst…, als Dave, deine erste Liebe in der 7. Klasse, dich verlassen hat, sind wir nach Aelyr geflüchtet. Wir haben uns in dein Bett verkrümelt, gekuschelt und dann waren wir bei Lirien, haben über Dave geschimpft und du hast wieder gelacht. Naja, zumindest ein bisschen.

Heute Nacht habe ich nach langer Zeit Lirien wieder besucht.

Sie hat mir versprochen, dass alles gut wird.

  1. März 1987

Es ist vorbei.

Du hast es geschafft.

Kein Leid mehr.

Wir waren mit Margret kurz Mittagessen, ließen dich nur ganz kurz allein.

Es ist, als hättest du genau auf diesen Moment gewartet.

Uns gesehen.

Friedlich.

Papa, Margret und ich.

Wir werden für sie da sein.

Das haben wir dir versprochen.

Sie scheint wütend auf uns zu sein.

Und das darf sie auch.

Sie hat ihren einzigen Halt verloren.

Wir verstehen sie sehr gut.

Wir geben ihr all unsere Liebe und bemühen uns, das Beste für sie zu geben, bis sie erwachsen ist und ihre eigenen Wege geht.

In deiner Hand fand ich vorhin einen Zettel.

Ich frage mich, wie lange du ihn schon festgehalten hast.

Wenn du mich suchst, du findest mich in Aelyr.

Ich werde dich suchen, mein Kind.

Eines Tages.

Wenn der Schmerz in mir nachgelassen hat.

Ich sehe zu meiner Familie, wie Mutters Schultern erneut zucken, den Kopf hält sie gesenkt, Vater scheint den Atem anzuhalten, starrt angestrengt aus dem Fenster und auch Thomas ist ganz still geworden

Ich schließe das Tagebuch nicht sofort.

Ich lasse es offen liegen, als müsste es noch einen Moment atmen dürfen.

Margret streicht mit dem Daumen über Almas Handrücken.

Ganz langsam.

„Wir sind da, einfach nur da“, flüstert sie.

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