অধ্যায় 10: Elowen – Maeve

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Die Nachricht erreicht mich, als ich im Taxi sitze.

Wenn du kommst, vergiss die Blumen nicht.

Mehr steht da nicht.

Wir wissen beide, was das bedeutet.

Es ist Teil unserer Codierung.

Entstanden vor Jahren, an einem windigen Strand in Brighton, barfuß im Sand, als wir beschlossen, dass wir eine Sprache brauchen, die niemand sonst versteht. Für den Fall, dass jemand zuhört. Oder mitliest. Oder denkt.

Blumen heißt:

Ein Skeldur ist in der Nähe. Gedankenlesen. Vorsicht.

Ein anderer Satz: Hast du Kampfersalbe? Mein Rheuma bringt mich um, bedeute:

Mor’kel vor der Tür. Akute Gefahr. Hilfe.

Ich antworte nicht.

Das wäre unklug.

Stattdessen lasse ich mir in London einen großen Strauß binden.

Rosa und weiße Rosen.

Dazwischen Lilien, weich und schwer duftend.

Ich denke beim Bezahlen an nichts anderes als an Blüten, Stängel, Blätter.

An Gärten. An Bäume. An Erde.

Nur Blumen. Nichts als Blumen.

Das Haus der Ailiths, dem Stamm der Weisen, liegt zurückgezogen, unscheinbar für jeden, der nicht weiß, wonach er sucht.

Ein großes viktorianisches Gebäude, mehrere Wohnungen, hohe Fenster.

Ein Altersruhesitz für alte, alleinstehende Hybride, aus allen Stämmen.

Der Stamm der Weisen besitzt viele solcher Häuser.

Kein normaler Mensch darf hier wohnen. Niemals.

Maeve öffnet mir die Tür, noch bevor ich klingele.

„Die Luft ist rein“, sagt sie sofort und zieht mich hinein.

„Die alte Schachtel von nebenan ist gerade eben für drei Tagen zu ihrem Sohn gereist. Sie kann nicht nur Gedanken lesen, sie ist auch furchtbar neugierig. Kürzlich musste ich auf die Toilette und mir fiel ein, dass ich das Toilettenpapier vergessen hatte zu kaufen, keine drei Sekunden dauerte es, da stand sie mit einer Rolle vor meiner Tür.“

Sie schnaubt und ich muss lachen.

„Vor drei Monaten ist sie eingezogen“, fährt Maeve fort, während sie mir den Mantel abnimmt. „Ich wusste ja von der Hausverwaltung das wir eine Neue ins Haus bekommen, aber musste es ausgerechnet eine Skeldur sein und dann noch direkt nebenan?“

Sie deutet mit dem Kopf den Flur entlang. „Alle anderen im Haus, schauen Quizshows oder Kochsendungen. Aber dank dem Froschgesicht weiß jeder wann Hertha aus dem Obergeschoss einen Gichtanfall hat und was Ludor in der Mansarde zu Mittag isst. Apropos essen“, sie geht mit mir in ein einfaches, aber gemütliches Wohnzimmer. „Du hast ja sicher im Flieger gefrühstückt. Heute Mittag gehen wir beide essen. Wann hast du das letzte Mal Pommes Fritte mit Malzessig mit Steak und Kidney Pie gegessen?“

Ich sehe sie an. Caelans Entscheidung, dass ich Maeve besuche, war der beste Einfall, den er seit langem hatte. Maeve ist klein, drahtig, lange silbergraue Haare, kluge braune Augen und scharfzüngig wie eh und je. Ein Plappermaul mit einem Herzen aus Gold und einem Verstand so klar wie Glas.

Sie dreht sich zu mir um und legt die Arme um mich.

„Maeve …“, sage ich leise. Ich kann zwar keine Gedanken und keine Herzen lesen, aber in ihrem Blick sehe ich, was sie denkt.

„Das mit David, deinem Mann … das tut mir so leid. Für dich und die Kinder. Es ist schrecklich.“

Sie hält mich fest, ich lasse es zu. Ihre Umarmung ist warm und mütterlich.

Er war ein guter Mann“, sagt sie ruhig. „Und er hat dich geliebt. Das hat man gespürt. Alle wussten es. Die Stämme haben mit dir gefühlt.“

Wir lösen uns voneinander.

„Möchtest du einen Kaffee oder Tee?“ fragt sie dann pragmatisch.

Ich atme aus. „Wodka pur wäre wohl eher angebracht.“

„Ui“, sagt sie nur. „Dann ist es schlimmer als gedacht.“

Sie setzt mir in einer Padmaschine einen Kaffee auf. Sie weiß, wie alle Eirelans trinke auch ich keinen Alkohol, das verträgt sich nicht mit unserer Herzmagie. Mit einem Blick, den ich nur von ihr und meiner längst schon verstorbenen Mutter her kenne, mustert sie mich, während sie die Tasse Kaffee von der Maschine nimmt. „Milch und Zucker, wie früher?“

Ich bemühe mich um ein Lächeln. „Manche Dinge ändern sich nie.“

„Raus damit, was ist los?“

„Kurzform?“

„Kurz, lang, wenn du mir mit so einem Gesicht gegenübersitzt, ist was in Bewegung geraten. Was ist es?“

Ein kurzer Moment von Wärme und Sicherheit flackert in mir auf. Ich könnte doch einfach für immer hier sitzen bleiben.

„Elowen?“

Sie holt mich zurück in die Realität.

Ich hole tief Luft. „Ok, Kurzform: Ich habe Lina nach ihrer Geburt ihr die Herzmagie genommen, jetzt hat die Resonanz sie heimgesucht.“

Maeve reagiert nicht. Sie sieht mich an, ohne einen Ton zu sagen. Atmet ein, atmet aus, kein Ton.

„Maeve?“

„Ok, Kaffee für dich, Wodka für mich! Und dann erzählst du mir alles von A bis Z. Lass nichts aus.“

Gefühlt eine Stunde später beende ich meine Erzählung, Maeve hat nur zugehört, mich nicht einmal unterbrochen, keine Fragen gestellt, oder Vorwürfe gemacht, immer nur ihr Glas gedreht, ohne einmal daraus zu trinken.

„Ich könnte ihr die Herzmagie wieder aktivieren, würde dass helfen?“ frage ich verunsichert.

„Um Gottes Willen nein! Sie könnte mit so einer Macht an Gefühlen nicht umgehen, das würde sofort die Mor’kels auf den Plan bringen. Außerdem wird die Resonanz das für dich erledigen, aber sanfter.“

„Die Resonanz?“

„Ja! Sie spinnt ihre Fäden schon. Der blaue Nebel ist nur ein Hinweis, dass die Resonanz aktiv wird. Nicht, dass sie es schon geworden ist. Das verschafft uns ein wenig Zeit, nicht viel, vielleicht ein paar Tage, aber immerhin. Leider lässt sie sich nicht aufhalten, es ist keine Kraft so stark, wie die Energie der magischen Resonanz.“

Ich rühre mit dem Löffel in meinem erkalteten Kaffee. „Aber wenn ich doch ein paar Tage habe, dann könnte ich doch mit Lina zurück nach Connemara und…“

Maeves Kopfschütteln unterbricht mich. „Das hat keinen Zweck, die Resonanz findet Lina, das steht fest. Und wenn du mit ihr bis ans Ende der Welt fliehst, sie findet immer einen Weg. Es ist wie es ist.“

Ich spüre die Verzweiflung in mir hochsteigen. „Wäre ich doch nie nach New York gezogen und hätte ich ihr nie die Herzmagie deaktiviert.“

Maeve schüttelt erneut den Kopf. Dieses Mal energischer. „Hätte, könnte, wollte, das nützt jetzt alles nichts mehr. Außerdem sind Resonanz und Linas fehlende Herzmagie, zwei verschiedene Paar Schuhe. Allerdings kann eines zum anderen geführt haben, da muss ich dir leider Recht geben. Was anderes, der Junge von dem du vorhin sprachst, der mit Lina zusammengestoßen ist, der sich an die Brust gefasst hat…“

„Ja auf dem Schulflur, sie bekam keine Luft mehr und er…“

Maeve winkt ab. „Jaja, aber weißt du, ich denke, er ist ihr Gegenstück, er ist der Hybrid.“

Ich schüttele den Kopf. „Ich habe alles kontrolliert, außer einem alten Hybriden der mit seiner Frau in der Nähe lebt, ist da niemand gewesen.“

„Und was, wenn der Junge genauso wie Lina komplett menschlich erzogen wurde? Weißt du, da ist etwas, das mir nicht aus dem Kopf geht. Dieser Griff an die Brust hat mit Herzmagie zutun…“

„Du meinst er ist ein Eirelan?“

„Nein, einen Eirelan hättest du 10 Meilen gegen den Wind aufgespürt. Ich denke an einen Valeryn!“

Verblüfft schaue ich sie an „Der Stamm der Valeryn wurde vor gut 17 Jahren vollkommen ausgelöscht.“

„Das ist eben die Frage. De Stamm war bekannt für seine Herzmagie, die Valeryns konnten jedes menschliche Herz hören, aber keinen Hybrid. Sie lebten alle als Stamm fest zusammen in der Nähe von Kopenhagen. Es gab unter den Valeryn, damals eine junge Hybridin, Lotta war ihr Name, sie war mit einem Amerikaner verheiratet. Kurz nach der Geburt ihres Sohnes zogen sie nach Finnland, weil ihr Mann Mark eine Stelle für ein Gebäudebau in Lahti bekam. Er war Architekt. Das gab Anfangs ziemliches Theater, die Valeryns waren sehr familiär und was zu ihnen gehörte, sollte bleiben. Als das … Unglück geschah und die Mor’kels den Stamm vernichten wollte, waren die drei schon ein paar Monate weg. Die Mor’kels hatten ein leichtes Spiel mit dem Stamm und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie auch Lotta und ihre Familie finden würden. Keara, meine älteste Tochter war mit Lotta eng befreundet und sie schrieben sich Nachrichten. Keara erzählte mir dann, dass Lotta ihren Mann und ihren Sohn wegschicken und alle Spuren von den dreien verwischen wolle, in der Hoffnung das zumindest ihr Mann und ihr Sohn nie mehr gefunden würden. Keara hörte nie wieder was von ihr, Lottas Rufnummer war nicht mehr vergeben. Niemand weiß, ob die Mor’kels die drei erwischt haben.“ Sie hält inne und sieht mich bedeutungsvoll an. „Sie waren wie vom Erdboden verschluckt.“ Nun nimmt sie doch einen Schluck von dem Wodka und schüttelt sich.

„Du meinst…“ frage ich und mir wird ganz heiß.

„Könnte doch sein, oder? Was, wenn der Vater mit dem Sohn zurück in die USA gekehrt ist und seinen Sohn abgeschirmt von den Hybriden komplett menschlich erzogen hat? Das wäre zumindest einen Grund dafür, dass du nicht wusstest, dass ein junger Hybrid in Linas Nähe ist. Stell dir mal vor, beide menschlich erzogen, beide haben nur noch ein Elternteil und beide sind voneinander berührt und angetan.“

Ich überlege kurz. „Lina macht mir nicht den Eindruck, dass sie etwas für den Jungen empfindet.“

Maeve stellt angewidert ihr Glas weg. „Noch nicht, du hast ihre Herzmagie auf Eis gelegt. Aber wenn der Junge tatsächlich ein Valeryn ist und die Resonanz einen Weg zu den beiden gefunden hat, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis Lina zumindest für den Jungen Liebe empfinden wird. So wird es kommen.“

„Ja, so wird es kommen und die Mor’kels gleich mit.“

Maeve steht auf und holt meinen Mantel. „Du bist nicht gekommen, um den Kopf hängen zu lassen, wir finden einen Weg, zumindest geben wir uns nicht kampflos geschlagen. Lass uns essen gehen“, sagt Maeve schließlich und stellt die leere Tasse ab. „Die Herausforderung ist erkannt. Beim Essen finden wir eine Lösung. Und ich habe da auch schon eine Idee.“

Ich nicke dankbar, greife nach meiner Jacke.

„Ich gehe nur noch kurz zur Toilette“, sage ich. „Mich frisch machen.“

Maeve ist schon an der Tür, als ich den Raum verlasse.

Ich ziehe die Jacke über, betrete das Badezimmer, die Tür ist noch ein Spalt auf.

„Vergiss nicht die Blumen mitzunehmen“, ruft Maeve plötzlich.

Mein Herz setzt einen Schlag aus.

Ich höre eine zweite Stimme. Etwas leiser und freundlich. Beunruhigend freundlich.

„Hallo Maeve. Ich war schon auf dem Weg zu meinem Sohn, da fiel mir ein, dass ich meinen Koffer vergessen habe.“

Eine kurze Pause.

„Du hast Besuch?“

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