Kapitel 16: Caelan – Reise

Ein gleichmäßiges Dröhnen zieht durch den Rumpf, tief und monoton, wie ein Atem, der nie ganz aussetzt. Über uns ein gedämpftes Kabinenlicht. Weich genug, um nichts grell wirken zu lassen, hell genug, um niemanden schlafen zu lassen, der nicht wirklich bereit dazu ist.

Ich sitze im Mittelblock. Vier Sitze nebeneinander, ein Streifen Stoff und Armlehnen zwischen zu vielen Körpern, zu vielen Gedanken, zu wenig Raum für das, was sich hier mitgeschmuggelt hat.

Links Noah. Neben ihm ich. Dann Mike. Rechts außen Lina.

So weit auseinander, wie es in einer Reihe eben geht.

Noah sitzt still, den Blick nach vorn gerichtet, als säße er in einer Kirche und müsste sich benehmen. Aber seine Stille ist ein Draht. Gespannt. Vibriert. Ich sehe es an seinem Kiefer, an den Fingerspitzen, die immer wieder eine Bewegung anfangen und sich im letzten Moment abbrechen.

Lina sitzt am anderen Ende und tut so, als wäre sie beschäftigt. Als gäbe es in der Tasche vor ihr etwas enorm Wichtiges. Als wären die weißen Linien auf dem Plastiktablett vor ihr interessant.

Sie spielt eine Rolle. Sie ist sogar gut darin.

Nur ihr Hals verrät sie. Und die Art, wie sie bei jedem Atemzug einen Hauch zu vorsichtig ist.

Mike dagegen sieht aus, als hätte man ihn in die falsche Welt gesetzt.

Er hat seine Schultern zu weit oben, die Knie zu dicht aneinander, als würde er vermeiden wollen, dass ihm jemand im Vorbeigehen die Seele streift. Sein Blick wandert zwischen Noah und Lina hin und her, als erwartete er, dass gleich jemand “Cut!” ruft und alles löst sich auf.

Tut es aber nicht.

Der Wagen der Flugbegleiterin rollt den Gang entlang, klappert leise über die Fugen. Plastikbecher, Eiswürfel, kleine Flaschen, das routinierte Lächeln, das alles normal macht, egal, was im Inneren eines Flugzeugs gerade nicht normal ist.

„Möchten Sie etwas trinken?“ fragt sie freundlich.

Mike dreht den Kopf zu mir, als hinge sein Leben an meiner Antwort. Er versucht zu grinsen. Es wird eher ein Zucken.

„Geht auch Whisky?“ flüstert er, gerade laut genug, dass ich es höre. „Ich meine… wir reisen doch nach Schottland. Und nach dem, was ich so… gehört habe…“

Ich sehe ihn an. Nur kurz.

„Vier Wasser,“ sage ich.

Die Flugbegleiterin blinzelt, nickt und greift nach den Flaschen.

Mike lässt den Kopf gegen die Rückenlehne fallen, als hätte ich ihm gerade einen letzten Trost verweigert.

„Vier Wasser,“ murmelt er. „Das ist die Art von Abenteuer, bei der man nüchtern sterben soll.“

Ich lasse ihn reden. Reden ist besser als Panik. Und Panik ist bei Menschen wie eine offene Tür: Jeder kann hineingreifen.

Die Flugbegleiterin stellt die Flaschen ab, lächelt noch einmal, rollt weiter.

Mike starrt auf die Etiketten, als könnten sie ihm erklären, wie er hier gelandet ist.

„Also…“ Er schluckt. „Ihr meint das ernst. Alles. Mor’kels. Stämme. Tattoos. Herzmagie. Das ist…“ Er sucht nach dem richtigen Vergleich, findet nur das, was er kennt. „Das ist wie Harry Potter, nur ohne Hogwarts. Wie Game of Thrones, nur ohne… Drachen. Und ich sitze hier, weil ich seit dem Kindergarten neben Noah wohne.“

Noah bewegt sich kaum. Aber ich sehe, wie seine linke Hand sich minimal schließt.

„Du sitzt hier,“ sage ich ruhig, „weil du dich entschieden hast, nicht wegzusehen.“

„Ich hab mich entschieden?“ Mike lacht heiser. „Ich hab nicht einmal verstanden, für was ich mich entscheide.“

Seine Stimme kippt. Nicht laut. Nur dünner.

„Ich bin… ich bin ein Mensch,“ sagt er, als wäre das plötzlich ein Problem. „Ich soll Dämonen…“

„Schattenwesen,“ korrigiere ich automatisch.

Er wirft mir einen Blick zu, der halb Bitte, halb Anklage ist.

„…Schattenwesen überlisten,“ fährt er fort. „Ich? Ich krieg schon Puls, wenn ich eine Spinne in der Badewanne sehe. Wäre ich doch zuhause geblieben. Chips, Cola, neue Netflix Serien und Pizza Dienst, außer in Maras Armen zu liegen, kann es doch kaum was schöneres geben“

Ich drehe den Kopf ein Stück zu ihm, ohne die Reihe wirklich zu verlassen. Die Stimme halte ich leise. Nicht, um freundlich zu sein. Um nicht aufzufallen.

„Glaubst du,“ sage ich, „wenn du dich verkriechst, machen die Mor’kels vor dir halt?“

Mike presst die Lippen zusammen. Sein Herz stolpert. Ich höre es nicht wie Noah, ich sehe es an ihm, wie Angst in einem Körper arbeitet.

„Wenn du allein bist,“ fahre ich fort, „bist du leichter. Für sie. Wenn sie allein mit dir sind und etwas wissen wollen…“ Ich lasse den Satz nicht ausklingen. Ich lasse ihn stehen. Wie eine Tür, die nicht ganz zugeht.

Mike wird blass.

„Okay,“ flüstert er. „Okay. Ich… ich bin dabei. Aber ich bin auch tot.“

Noah atmet einmal durch die Nase, ein kurzes, trockenes Geräusch, fast ein Lachen, fast ein Schmerz.

Lina dreht den Kopf, als hätte sie das gehört, obwohl sie es nicht gehört haben kann. Ihre Augen finden Mike. Finden seine Angst. Bleiben daran hängen.

Und ich sehe es: Sie will helfen.

Nicht klug, nicht kontrolliert, eher instinktiv.

Ihre rechte Hand hebt sich, nur ein Stück, als würde sie die Luft zwischen ihnen anfassen. Ihre Finger spreizen sich leicht, eine Bewegung, die nicht zu ihr passt, weil sie so neu ist, so ungeübt.

Mike blinzelt.

Seine Schultern sinken.

Ein Atemzug… und noch einer… und seine Augen werden schwer, als hätte man ihm eine Decke über das Gehirn gelegt.

„Oh…“ bringt er noch heraus, völlig überrascht von seinem eigenen Körper. „Das ist… das ist irgendwie…“

Der Satz fällt auseinander.

Er kippt zur Seite, als hätte man ihm das Rückgrat gezogen. Ein nasser Sack im Sitz, Kopf schief, Mund einen Spalt offen.

Noah sieht erst Mike an, dann Lina. Und obwohl er sich zusammenreißt, zuckt etwas in seinem Gesicht, ein echtes, ungebremstes Lachen, das er sofort schluckt und sich zu einem Prusten verwandelt

Ich kann es nicht ganz verhindern. Mir entgleitet ein kurzer Ton, der ebenfalls zu nah am Lachen ist.

Lina dreht sich zu uns. Empört. Rot im Gesicht, als hätte man sie ertappt.

„Ich wollte nur...“ beginnt sie leise.

„Ich weiß,“ sage ich, bemüht um eine klare Stimme. „Du hast geholfen.“

Noah lehnt sich über die Armlehne, als müsse er dringend etwas vom Boden aufheben. Seine Schultern zucken vor Lachen.

„So sieht Hilfe bei euch aus?“ Noah lacht immer noch. Sein Blick wandert zu Mike. „Er sieht aus, als wäre er im Sitzen gestorben.“

Lina faucht ihn an. „Er hatte Angst.“

„Und jetzt hat er Ruhe,“ ich lege beschwichtigend meine Hand auf ihren Arm. „Das ist… mehr, als viele Menschen in solchen Situationen bekommen.“

Sie presst die Lippen zusammen. Die Hand sinkt auf ihre Armlehne zurück. Unschuldig. Als hätte sie nichts getan.

Noah schaut wieder geradeaus. Ich merke, wie sehr er sich beherrscht. Wie sehr er sich bemüht Lina nicht anzuschauen, obwohl jede Faser ihn in ihre Richtung zieht.

Außer Mikes leisem Schnarchen herrscht eine Zeitlang Stille zwischen uns. Ich versuche mich auf den kleinen Bildschirm vor mir zu konzentrieren, folge dem Flugzeug bei seiner Flugroute, Noah und Lina tragen Kopfhörer und verfolgen einen Film.

Ich seufze. Noah und meine unbedarfte Schwester, selbst wenn sie sich nicht ansehen, sind wie zwei Magneten, die den Raum zwischen ihnen aufladen. Einen Moment lang, schließe ich die Augen. Ich spüre ihre machtvolle Energie, nicht in mir, sondern um mich herum. In der Luft. In der Art, wie mein Körper unwillkürlich wacher, lebendiger und mein Geist aufmerksamer wird.

Die Kabine summt. Leise Gespräche, ein Kind irgendwo, das lacht, Schritte im Gang. Toilettentüren werden geöffnet, einer kommt raus, ein anderer geht rein. Fliegender Wechsel, rechts und links vom Mittelgang.

Ich bin gerade dabei, mich wieder in eine Art Kontrolle zu zwingen, mich ein wenig zu lösen, von der Anziehung der Beiden, da verändert sich etwas unter meinen Füßen.

Nicht dramatisch. Nicht als Warnung.

Nur ein Rucken, als hätte jemand am Himmel gezogen.

Ein zweites, stärker.

Becher klirren. Ein paar Köpfe heben sich. Eine Frau zwei Reihen vor uns greift nach der Armlehne.

Die Anschnallzeichen blinken.

Die Flugbegleiterin, die eben noch geschniegelt und sicher wirkte, bleibt kurz stehen und schaut irritiert auf den Gang.

„Das ist nicht angekündigt…“ höre ich sie murmeln, mehr zu sich als zu jemand anderem.

Ich lehne mich minimal nach links, zu Noah.

Er sitzt steif. Zu steif.

Und ich weiß, ohne dass er etwas sagt, dass es nicht der Himmel ist, der hier zerrt.

Ich drehe den Kopf zu Lina. Sie hat die Augen geschlossen, als würde sie versuchen, etwas in sich festzuhalten.

Noch ein Ruck. Ein tieferes Zittern. Der Rumpf knarrt leise.

Ich spreche nicht laut.

Ich brauche keine Szene.

„Reißt euch zusammen,“ sage ich zwischen den Zähnen. Ruhig. Hart.

Noah atmet ein, langsam, als würde er einen Sturm schlucken.

Lina öffnet die Augen. Ihr Blick trifft meinen, erschrocken, entschlossen, wütend auf sich selbst.

Das Zittern lässt nach. Nicht sofort. Aber so, als würde jemand die Hand von einem Regler nehmen.

Der Wagen der Flugbegleiterin rollt weiter, vorsichtiger jetzt. Ihr Lächeln ist dünner.

Noah bewegt sich nicht.

Lina bewegt sich nicht.

Mike schläft wie ein Stein.

Ich lasse den Blick für eine Sekunde über die Reihe gleiten. Das hier wird eine lange Nacht.

Nicht, weil das Flugzeug noch Stunden in der Luft ist.

Sondern weil ich drei Teenager in einem engen Raum hüten soll, die mit einem Blick mehr anrichten können als andere mit einem Messer.

Mein Handy vibriert leise in meiner Hand.

ELOWEN

Seid ihr gut gestartet?

Ich werfe einen Blick nach links.

Mike schläft zusammengesackt im Sitz, der Mund leicht offen, als hätte man ihm den Stecker gezogen.

Noah und Lina starren beide stur nach vorne, zu angespannt, um sich auch nur anzusehen.

Wir sind in der Luft. Turbulenzen, nichts Dramatisches. Mike hat’s überlebt.

ELOWEN

Gut. Ich liege im Bett. Schlaf finde ich keinen.

Meine Stirn legt sich in Falten.

Warum?

Die Antwort lässt einen Moment auf sich warten.

ELOWEN

Maeve.

Ich erinnere mich an Maeves letzte Nachricht.

Hast du sie erreicht?

Drei Punkte erscheinen.

Verschwinden.

Erscheinen wieder.

ELOWEN

Die Verbindung ist tot.

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