Bab 18: Noah - Eamon

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Der Wind kommt von der Seite.

Nicht hart, eher prüfend, als wolle er wissen, wer wir sind und warum wir hier auftauchen. Das Haus steht schief in der Landschaft, als hätte es sich irgendwann einfach geweigert, gerade zu bleiben. Verwittertes Holz, abgeplatzte Farbe an den Fensterläden, ein Dach, das schon bessere Jahrzehnte gesehen hat. Schottland riecht hier nach feuchtem Gras, Stein und nach Sommer, der sich nicht benehmen kann: warm, satt, zu hell für diese Einsamkeit.

Schafe stehen im Hang. Bewegungslos. Sie beobachten uns.

Ich steige aus dem Wagen und spüre es sofort.

Kein Druck. Kein Ziehen.

Nur dieses leise Wissen unter der Haut, dass hier nichts zufällig ist.

„Also“ sagt Mike hinter mir, während er sich streckt, „wenn hier gleich jemand mit Dudelsack aus einem Nebel tritt, dann bin ich raus.“

Ich grinse ihn an. „Du guckst zu viel Filme, Alter.“

Caelan schließt die Autotür leise, als könnte man die Welt dadurch nicht wecken. Sein Blick tastet über das Gelände, über die Hänge, über das Haus. Er wirkt ruhig. Er ist es nicht. Ich höre ihn und das, was ihn zusammenhält wie ein gespanntes Seil.

Lina steht neben dem Wagen. Das Haar ist vom Wind gelöst, ein paar Strähnen kleben ihr an der Stirn. „Sind Hybride nicht alles reich?“

Ihr Herz macht Geräusche, die nicht zu ihrer stillen Haltung passen. Es hat gerade erst gelernt, wie es brennen soll, aber niemand hat ihr gezeigt, wie sie es löschen kann.

„Eamon ist reich, steinreich sogar.“

Mike hebt erstaunt die Augenbrauen. „So also leben Reiche, gut zu wissen, da bleib ich lieber arm.“

Caelan dreht sich zu ihm um, sieht ihn ernst an. „Eamons Frau und kleine Tochter wurden vor 50 Jahren von einer Mor’kel getötet, seitdem hasst er die Mor’kels wie die Pest und damit es nicht eskaliert, hat er sich mit einer Schafzucht hier zurückgezogen.“

Mike bleibt abrupt stehen. „Und was wurde aus der Mor’kel?“

Ich fühle, dass er die Antwort ahnt.

„Die Mor’kels haben sie ausgelöscht, was sonst!“ Caelan geht einen Schritt schneller.

Mike dreht sich zu mir um. „Ja genau, was auch sonst…“

„Geh einfach weiter.“ Seine Angst jagt durch jede seiner Zellen. Ich ziehe ihn mit mir.

Kies knirscht unter unseren Schuhen. Das Tor hängt schief, die Einfahrt ist mehr eine Idee als ein Weg. Der Sommer liegt über allem, aber der Wind nimmt sich trotzdem, was er will.

Mike zieht die Nase hoch. „Riecht hier nach…“ Er starrt mich an. „Sag nicht, das ist Schaf.“

„Das ist Leben“, murmelt Caelan.

„Ah“, sagt Mike. „In New York riecht Leben anders. Mehr nach Abgasen und Hoffnungslosigkeit.“

Der Fensterladen klappert wieder, als wir näherkommen. Nicht schlimm. Nur hartnäckig. Als würde das Haus sich selbst kommentieren.

Die Tür geht auf, bevor jemand klopft.

Ein Mann steht im Rahmen. Nicht groß. Sehnig. Die Haut wetterhart, das Gesicht von Linien durchzogen, als hätte er mehr Winter gesehen als Jahre. Graues Haar, ungebändigt. Wache Augen, die nicht freundlich, aber auch nicht feindlich sind

Er schaut mich prüfend an.

„Du hörst gut“, sagt er mit rauher Stimme,

Ich fühle, es ist kein Lob, aber Achtung.

Mike räuspert sich. „Äh“, sagt er. „Ich hör auch ganz okay. Vor allem, wenn jemand Essen ankündigt.“

Eamon starrt ihn einen Moment verblüfft an, bevor er laut loslacht.

„Du gefällst mir.“ Er klopft Mike auf die Schultern. „Willkommen bei den Hobbits“,

Caelan atmet aus, als hätte er nicht gewusst, dass er die Luft überhaupt angehalten hat. „Er ist ein Mensch“, sagt er entschuldigend. „Er weiß von uns vieles, aber er versteht es nicht.“

„Das sehe ich.“ Eamon tritt zur Seite. „Kommt rein und setzt euch. Maeve hat mir alles erzählt und euch angekündigt.“

Ich folge Caelan und den beiden anderen.

Drinnen ist es warm. Nicht stickig. Eher wie ein Raum, der den Sommer nicht aussperrt. Es riecht nach Kräutern, nach Röstaromen, nach Fleisch, das Zeit hatte und nach Lamm mit etwas süßlichem darunter. Angebrannte Zwiebeln vielleicht, oder Honig. Mein Magen reagiert schneller als mein Verstand.

Mike bleibt im Flur stehen, als hätte ihn jemand an den Boden genagelt. „Okay“, flüstert er mir zu, „ich nehme alles zurück. Selbst Dämonen wären mir egal, solange es hier so riecht.“

Caelan dreht sich zu ihm um. „Du redest zu viel“, sagt er, aber seine Stimme hat eine Kante weniger.

Eamon schließt die Tür, als würde er die Außenwelt nicht aussperren, sondern sortieren. Dann geht er voraus durch einen schmalen Flur in einen Raum, der nach Holz und Alltag aussieht. Ein großer Tisch, Kerben in der Platte, als hätte man hier nicht nur gegessen, sondern gelebt. Ein Fenster zur Seite, dahinter Grün und Licht.

„Nun setzt euch endlich“, sagt er nicht.

Er stellt einfach vier Gläser hin. Wasser. Klar. Kühler als die Luft draußen. Er gießt ein, stellt die Karaffe ab. Das Geräusch von Glas auf Holz ist plötzlich das Lauteste im Raum.

Mike sitzt als erster, gefolgt von uns anderen.

Ich sehe in die Runde, alle Herzen vereinigen sich ungefiltert in mir.

Da ist Caelan, kontrolliert, Rücken gerade, Blick wach.

Lina zögert, bevor sie sich setzt mir gegenüber. Zu nah, um harmlos zu sein. Zu weit weg, um sicher zu sein.

Ich höre sie. Stärker als ich sollte. Als würde mein Herz ihren Takt suchen, obwohl ich es nicht will und nicht soll.

Eamon nimmt Platz, als wäre der Stuhl für ihn gebaut worden. Er mustert uns alle, ohne zu starren. Es ist dieses seltene Sehen, bei dem man das Gefühl hat, man kann nichts verstecken.

„Ihr denkt“, sagt er schließlich, „ihr seid hier, um Antworten zu bekommen.“

Mike hebt den Finger. „Also ich bin hier wegen des Essens. Und weil mir keiner gesagt hat, dass man Dämonen nicht googeln kann.“

Eamon schmunzelt. „Gut. Einer von euch ist ehrlich.“

Caelan bleibt still. Ich höre seine Anspannung wie ein leises Knirschen.

„Du bist Caelan O’Gommery“, sagt Eamon.

Caelan nickt nur.

„Und du bist Noah.“

Ich friere innerlich. Ein Schattenwesen kann meinen Namen sagen. Einfach so. Woher kennt er mich? Und was genau weiß er über mich?

Eamon bemerkt es. „Maeve“, sagt er knapp. „Sie hat mir geschrieben, ich weiß über alles Bescheid. Und du bist Lina, der andere Resonanzpartner.“

Lina presst die Lippen zusammen. Ich höre in ihr diese winzige, wütende Trauer, die nicht raus darf.

„Und ich bin hungrig“; Mike schielt zu dem Kochtopf auf dem Gasherd.

„Das ist Mike, mein bester Freund seit dem Kindergarten. Er ist ein Mensch“, füge ich hastig dazu

Eamon lächelt mich an. „Ja, du bist ein Valeryn, durch und durch. Wen der Valeryn einmal im Herzen trägt, den lässt er nicht mehr los. Dein Menschenfreund ist der beste Beweis“; sagt Eamon, er schaut wieder zu Caelan. „Eure Mutter hat ja richtig was in Bewegung gesetzt. Das war mutig.“

„Oder dumm“, murmelt Caelan.

„Mutig und dumm“, sagt Eamon. „Ist oft dasselbe. Der Unterschied ist, ob man danach stehen bleibt.“

Er sieht Lina an.

„Und du?“ fragt er. „Willst du etwas sagen?“

Lina hebt den Kopf. Ihre Stimme ist leise, aber sie zittert nicht.

„Ich will wissen“, sagt sie, „ob wir etwas falsch gemacht haben.“

Ein Satz. Kein Drama. Keine Erklärung. Nur Wahrheit.

Eamon hält ihren Blick aus. Lange. Dann schüttelt er den Kopf.

„Nein“, sagt er. „Ihr habt nichts falsch gemacht. Ihr wart unwissend.“

Sein Blick wandert zu mir.

„Und so offen wie ein aufgeschlagenes Buch.“

Ich spüre, wie mir heiß wird. Nicht vom Sommer. Von dem, was er trifft.

Caelan verschränkt die Arme. „Niemand von uns weiß, wie weit es zwischen den beiden schon gegangen ist.“

Das Wort weit bleibt stehen wie ein Messer auf dem Tisch.

Mike hört auf zu atmen, nur kurz.

Lina spannt sich an, als hätte man sie erwischt, obwohl sie nichts getan hat.

Ich höre ihr Herz stolpern, dann wieder kontrollieren.

Eamon antwortet, bevor ich dazu komme.

„Nicht weit“, sagt er ruhig. „Sie haben das Bett nicht geteilt.“

Er holt den schweren Eisentopf vom Herd und stellt ihn auf den Holztisch.

„Und das ist gut so“, sagt Eamon. „ohne Kontrolle hätte es sie zerrissen.“

Lina verkrampft sich um ihr Glas. Ich sehe, wie ihre Finger weiß werden.

„Es ist die unkontrollierte Macht in ihnen. Wären beide von Anfang an wie Hybride erzogen worden, hätte die Resonanz mit ihnen nicht so ein leichtes Spiel gehabt.“

Der Wind klappert draußen. Der Sommer bleibt trotzdem.

„Was ihr fühlt“, sagt Eamon, „ist nicht das Problem. Es ist das, was ihr tut, wenn ihr glaubt, eure Gefühle rechtfertigen alles.“

Seine Stimme ist ruhig, aber darunter liegt etwas, das nicht heil ist.

„Die Mor’kels beobachten Handlungen“, fährt er fort. „Nicht Liebe. Nicht Angst. Nur Muster.“

Caelan nickt langsam. „Deshalb müssen wir neu weben.“

Eamon sieht ihn an, ein Hauch Anerkennung. „Genau.“

Mike hebt vorsichtig die Hand. „Kurze Zwischenfrage. Bedeutet das, dass ich jetzt Teil eines kosmischen Tarnplans bin?“

Eamon lächelt schief. „Du bist Teil des Musters, ob du willst oder nicht.“

Mike seufzt. „Hätte ich doch die Pizza genommen. Chips. Cola. Neue Netflix-Serie. Und…“ Er räuspert sich. „Mara.“

Ich werfe ihm einen Blick zu.

„Was denn Bro‘“, sagt Mike sofort, „ich darf doch wohl noch romantisch sein. Außerdem wäre ich jetzt gerne in Maras Armen statt…“ Er deutet vage in die Luft. „…hier bei den Schafen der Apokalypse.“

„Pizza und Chips machen dick“, sage ich automatisch, nur weil es sich anbietet. „Und du bist…“

Mike nickt ernst. „… Ich bin nicht dick. Ich bin gemütlich.“

Eamon lacht wieder. Kurz. Dann wird er ernst.

„Ihr bleibt zwei Tage“, sagt er.

Caelan richtet sich minimal auf.

„Wir üben Kontrolle“, fährt Eamon fort. „Und Loslassen. Nicht, um euch zu brechen. Um euch zu halten.“

Sein Blick trifft mich erneut. Schwer. Wahr.

„Wir können nicht in achtundvierzig Stunden nachholen, was euch nie beigebracht wurde“, sagt er. „Aber wir können verhindern, dass ihr euch selbst verliert. Und die verdammten Mor’kels euch vernichten. Zumindest sollten wir es versuchen.“

Ich höre, wie Lina ihre Angst runterschluckt, bevor sie Lina verschluckt.

Es wird still um mich herum.

Nicht die Stille von Frieden. Sondern die Stille, die kommt, wenn ein Raum plötzlich versteht, dass er die Wahrheit gehört hat und noch nicht weiß, ob er sie ertragen kann.

Der Duft von Lamm hängt schwer in der Luft. Mike schaut, als würde er gleich weinen.

„Okay“, sagt er heiser. „Bevor wir sterben oder das Universum kippt oder was auch immer… dürfen wir wenigstens essen?“

Eamon sieht ihn an. Ein winziger Funke Humor in den Augen.

„Darfst du“, sagt er. „Und was hier besprochen wird und was du zu sehen bekommst, heute und die nächsten zwei Tage, das bleibt alles hier unter uns. Du wirst still sein!“

Mike nickt. „Ich kann still. Total. Ich bin ein stiller, gemütlicher Hobbit.“

Er greift zu der Kelle im Topf und befüllt sie mit Lamm, Bohnen und Kartoffeln.

„Und sonst?“ fragt Caelan. „Ich meine, was wird die Mor’kels davon abhalten, sie und uns alle zu vernichten, wenn sie erfahren, dass zwei Hybride ein Paar geworden sind.“

Eamon lehnt sich zurück, als wäre das die einfache Frage.

„Sonst…“, sagt er, „…gibt es nur einen einzigen Weg.“

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