Bab 6: Caelan – Das Wissen

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Als ich die Wohnung meiner Mutter betrete, weiß ich sofort, dass etwas nicht stimmt.

Nicht wegen der Stille.

Die ist hier immer perfekt dosiert.

Nicht wegen der Ordnung.

Die ist makellos wie eh und je.

Es ist etwas anderes. Eine Verschiebung. Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber genug, um zu wissen: Etwas ist angerührt worden, das hätte ruhen müssen.

Ich gehe durch die Diele, werfe im Vorbeigehen einen Blick in den deckenhohen Spiegel. Groß, schlank, hellblondes Haar, das ich heute kürzer trage als sonst. Meerblaue Augen, energische Züge. Jeans, schlichtes Shirt. Gepflegt. Kontrolliert. So, wie sie es mag. So, wie ich weiß, dass sie es erwartet.

Ich hoffe einen Moment lang, dass sie zufrieden sein wird. Elowen zufrieden zu stellen, ist nicht einfach.

Dann sehe ich sie.

Meine Mathair steht an der Kücheninsel. Nicht in einem ihrer makellosen Kostüme. Nicht geschniegelt. Nicht unantastbar. Sie trägt einen hellblauen Jogginganzug. Die Haare offen, ungeordnet. Die Hände auf der Arbeitsfläche abgestützt, als müsste sie sich festhalten. Nicht aus Müdigkeit. Sondern, als hätte ihr etwas den Halt entzogen.

Das passt nicht zu ihr. Überhaupt nicht.

Die Küche ist so modern, dass sie eher wirkt wie ein Showroom als ein Raum, in dem jemand lebt. Milchiges Glas, dunkelgrauer Marmor, unsichtbare Bedienflächen. Ein leises Surren, als der Reinigungsroboter aus seiner Ladestation gleitet und seine Runde beginnt, als wäre alles normal.

Ist es aber nicht.

„Du bist gekommen“, sagt sie, statt einer Begrüßung, dafür mit einer mütterlichen Umarmung.

Nicht ihre Stimme trifft mich.

Es ist ihre Präsenz.

Sie wirkt kleiner als sonst, verlorener. Als hätte jemand an ihrer inneren Achse gedreht. Ich spüre Mitgefühl und Liebe für sie und frage mich, wie ich damit umgehen soll.

„Nun, du hast mich gerufen“, sage ich ruhig und lächle sie aufmunternd an. „Du meintest, ich sollte besser nach New York kommen.“ Ich drehe mich einmal um die eigene Achse und blicke mich um. „Schön hast du es hier. Bisschen kühl, die Einrichtung, aber schön. Ganz anders als in Connemara.“

Sie nickt. „Connemara“, sagt sie. Und ich glaube so etwas wie Sehnsucht oder Wehmut in ihrer Stimme zu erkennen. „Es war die Heimat eures Vaters.“

„Und es ist immer noch meine, Mathair. Wo ist Lina?“, frage ich.

„In der Schule“, antwortet sie. „Ich hoffe, wir haben ausreichend Zeit miteinander zu reden, bevor sie nach Hause kommt.“

Da ist sie wieder, die Schwere, die mich erneut einfängt und umklammert. Diese Dunkelheit, die mich in den erstbesten Flieger nach New York hat steigen lassen.

Ich trete näher an die Kücheninsel. „Mathair. Was ist passiert?“

Sie schließt kurz die Augen. Atmet ein. Wieder aus. Dann sieht sie mich an.

„Die Resonanz“, sagt sie.

Ein einziges Wort.

Und doch trifft es mich härter, als ich erwartet habe.

„Die Resonanz… hat sich gemeldet“, fährt sie fort. „Nicht vollständig. Nicht offen. Aber eindeutig.“

Ich spüre, wie sich etwas in mir zusammenzieht.

„Bei dir?“

Sie schüttelt den Kopf. Blonde Strähnen fallen ihr ins Gesicht. „Bei Lina.“

„Bei Lina?“

Ein Nicken. Langsam und schwer.

Nicht meine Schwester. Nicht in diesem Alter. Nicht unter diesen Umständen.

„Das ist unmöglich“, sage ich automatisch. „Die Resonanz hat sich seit Jahrhunderten nicht…“

„Ich weiß“, unterbricht sie mich scharf. Dann fängt sie sich, legt ihre eiskalte Hand auf meine. „Entschuldige bitte. Ich bin nur so durcheinander. Ich weiß, was die Überlieferungen sagen.“

Ich fahre mir mit der Hand über den Nacken. Meine Gedanken rasen. Bilder von Versammlungen. Von Ritualen. Von Regeln, die uns schützen und fesseln zugleich.

„Hat jemand außer dir etwas bemerkt?“, frage ich leise.

„Nein“, sagt sie schnell. „Noch nicht.“

Noch nicht. Zwei Wörter, die wie ein Echo in mir stehen bleiben.

„Caelan“, sagt sie dann. Und jetzt ist da etwas in ihrem Blick, dass ich selten bei ihr gesehen habe: Angst. „Du darfst mit niemandem darüber sprechen. Mit keinem der Großmeister. Mit niemandem.“

Mein Hals ist trocken. „Wie soll das gehen? Cerebryn ...“

Meine Mutter sieht mir an, dass ich überfordert und verwirrt bin. „Setz dich erst mal.“ Sie zeigt auf einen der mokkafarbenen Hocker vor der Kücheninsel. „Möchtest du Wasser oder Kaffee, Tee?“

Mein Magen zieht sich zusammen. „Irgendetwas, egal.“

Ich würde auch Essig trinken, wenn ich mir damit nur diesen Wahnsinn aus dem Kopf spülen könnte.

„Ich treffe mich nächste Woche mit Cerebryn“, sage ich. „Ich kann das nicht vor ihm verheimlichen.“

Meine Mutter stellt mir einen Espresso hin und ein Glas Wasser. „Dann triff dich halt nicht mit ihm.“

Ich nehme einen großen Schluck Wasser. „Unsinn. Du weißt selbst, dass das unmöglich ist. Und selbst wenn ich unsere Verabredung verschiebe, Cerebryn ist Großmeister wie ich. Sobald die offiziellen Treffen sind, wird er es wissen.“ Ich stelle das Glas ab. „Und dann wird man beginnen zu suchen.“

Sie nickt. Natürlich weiß sie das.

„Dann hoffe ich, uns fällt was ein“, sagt sie leise und starrt aus den riesigen Fenstern auf die Skyline von New York. „Du weißt, was auf dem Spiel steht.“

Ja. Das weiß ich.

„Aber wo genau ist die Resonanz erschienen?“, frage ich. Für einen Moment kommt mir der hoffnungsvolle Gedanke, meine Mutter irrt. Vater ist noch nicht lange tot. Vielleicht ist sie nur erschöpft, nur wund, nur…

Ihr Blick, den sie mir zuwirft, zerstört den Funken Hoffnung sofort.

Sie zeigt auf ein blaues Buch, das vor ihr liegt.

Ich runzele die Stirn. „Ein Notizbuch?“

„Ein Tagebuch. Linas Tagebuch.“

„Du liest Linas Tagebuch?“ Das hätte ich nun wirklich nicht von ihr erwartet.

Unwirsch winkt sie ab. „Also Caelan, wirklich. Für wen hältst du mich? Sie rief mich gestern spät Abend in ihr Zimmer, während wir beide telefonierten. Sie hielt das Buch in der Hand…“ Ich sehe, wie ihr ab hier das Sprechen schwerfällt, wie ihre Stimme kippt. „Und ein blauer Nebel umgab das Buch. Mit goldenen Funkeln.“

Sie wischt sich eine Träne aus den Augen.

Ich nehme das Buch vorsichtig, als hätte es Gewicht, das über Papier hinausgeht. Laut den Daten schreibt Lina seit zwei Jahren darin.

Ich blättere es durch.

Nichts.

Kein Flimmern. Kein Nebel. Kein Widerstand. Als hätte es beschlossen zu warten.

„Da ist nichts“, sage ich, und meine Stimme klingt flacher, als ich will. „Was erwartest du von mir?“

Sie schluckt. „Zeit.“

Zeit. Das Einzige, was wir nie haben.

„Ich brauche Zeit zu überlegen, was ich tun kann“, sagt sie leise. „Ich muss Lina schützen, ich muss uns… unseren Stamm schützen.“

Zeit bedeutet Verzögerung. Und Verzögerung bedeutet, dass etwas ungeschützt bleibt.

„Wenn es wirklich die Resonanz ist, dann…“

„Jajaja!“ Sie fährt mir ins Wort. „Ich weiß das alles, Caelan. Ich weiß das.“ Sie presst die Finger gegen die Tischkante, als würde sie sich daran festhalten. „Verschaff mir einfach etwas Zeit. Bleib ein paar Tage hier. Bitte.“

Ich sehe sie an.

„Bleib hier“, wiederholt sie, als wäre es keine Bitte mehr, sondern eine letzte Möglichkeit.

„Wie stellst du dir das vor?“, frage ich ruhig. „Soll ich den Stamm alleine lassen? Die Verantwortung einfach abstreifen, als wäre sie verhandelbar?“

Sie antwortet nicht sofort.

Ich gehe einen Schritt zurück, verschränke die Arme. „Du hättest in Connemara bleiben sollen“, sage ich leiser. „Nach Vaters Tod bist du geflohen. Du hast Irland überstürzt verlassen.“

Ihre Lippen pressen sich schmal zusammen.

„Geflohen“, wiederholt sie tonlos. Dann hebt sie den Blick. „Ja. Vielleicht. Aber alles dort hat mich an euren Vater erinnert. Jeder Raum. Jeder Geruch. Ich habe es nicht ausgehalten.“

Einen Moment lang liegt etwas Zerbrechliches zwischen uns.

Dann sage ich das, was ich seit Minuten zurückhalte:

„Und in deiner Eile hast du etwas übersehen.“

Sie erstarrt.

„Du bist nach New York gegangen, ohne die Umgebung vollständig zu prüfen“, fahre ich fort. „Ohne sicherzugehen, ob es hier… Wechselwirkungen gibt. Resonanz reagiert nicht nur auf Blutlinien. Sie reagiert auf Nähe. Auf Schnittstellen.“

„Das stimmt nicht“, sagt sie scharf. „Ich habe alles kontrolliert.“

„Alles?“, frage ich.

Sie richtet sich auf. „Ja. In diesem Viertel lebt nur ein weiterer Hybrid. Vom Ardael-Stamm. Ein alter Mann. Sechsundachtzig. Seine Kraft betrifft Erdwellen, nichts Emotionales, nichts Resonanznahes. Er lebt zurückgezogen mit seiner Frau. Wir sind für ihn vollkommen uninteressant.“

Ich sehe sie einen Moment an.

Dann nicke ich langsam.

„Du hast recht“, sage ich. „Von ihm geht kaum Gefahr aus. Er wird keine Resonanz auslösen.“

Elowens Schultern entspannen sich einen Hauch.

„Aber“, fahre ich fort, „das ändert nichts an einer Tatsache.“

Ich halte ihrem Blick stand. „Wenn die Resonanz erwacht ist, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Mor’kels davon erfahren.“

Sie sagt nichts.

„Was ich nicht verstehe“, setze ich nach, nun deutlich ruhiger, „ist etwas anderes.“ Ich zögere kurz. „Warum spürt Lina nicht die Gefahr? Sie müsste wissen, um wen es sich handelt. Oder zumindest, was er ist.“

Elowen wendet den Blick ab.

„Frag mich nicht“, sagt sie leise. „Es ist besser, wenn du nicht alles weißt.“

Die Antwort trifft mich härter, als ich erwartet habe.

Ich lasse einen Moment verstreichen. Dann sage ich langsam: „Du traust mir nicht.“

Sie antwortet nicht sofort.

„Wegen Cerebryn“, fahre ich fort. „Stimmt’s?“

Sie hebt den Kopf. Ein einziges, müdes Nicken.

„Er ist nicht nur dein bester Freund“, sagt sie. „Er ist ein Skeldur. Er kann Gedanken lesen. Und die Skeldurs stehen den Mor’kels näher, als mir lieb ist.“ Ihre Stimme wird fester. „Ich werde weder dich noch ihn in Gefahr bringen.“

Ich atme tief ein.

„Du meinst wohl“, sage ich ruhig, „uns alle.“

Sie schließt kurz die Augen.

Als ich wieder spreche, ist meine Stimme nicht mehr die eines Sohnes.

„Hör mir jetzt zu, Elowen.“

Ich sehe sie an, ohne Zorn, ohne Nachsicht.

Sie richtet sich unwillkürlich auf.

„Du reist so schnell wie möglich zum Stamm der Weisen“, sage ich. „Zu den Ailith. Sprich mit Maeve. Wenn es jemanden gibt, der zwischen Schutz und Wahrheit unterscheiden kann, dann sie.“

Elowen stößt ein trockenes Lachen aus. „Der Schutz der Ailiths ist wie ein Schweizer Käse. Voller Löcher. Und die Mor’kels wissen genau, durch welches Loch sie greifen müssen.“

„Hast du eine bessere Idee?“, frage ich.

Sie schweigt.

Resignation legt sich über ihre Züge.

„Nein“, sagt sie schließlich.

„Dann reist du morgen“, entscheide ich. „Ich bleibe hier.“ Ein kurzer Blick Richtung Flur. „Ich werde bei Lina bleiben. Und ich werde selbst herausfinden, was hier in Bewegung geraten ist.“

In meiner Erinnerung sehe ich meinen Vater kurz bevor er starb. Die Augen tief in den Höhlen, gelbliche Hautfarbe, das Gesicht abgemagert, der Tod um ihn herum.

„Mein Großer, du Stolz meiner Lenden“, hatte er gesagt und sich um ein Lachen bemüht. „Pass bitte auf die beiden Frauen auf. Deine Mutter wird deine Hilfe brauchen, sie tut immer so stark. Und Lina… hab ein Auge auf sie.“

Ich hatte es ihm versprochen. Aber auch ohne seine Worte hätte ich das getan.

Siris neutrale Stimme irgendwo unsichtbar im Raum unterbricht meine Gedanken:

„Hinweis: Lina wird in drei Minuten eintreffen.“

Drei Minuten. Nicht genug, um etwas zu verhindern. Aber genug, um es nicht mehr zurückzunehmen.

Meine Mutter erstarrt.

Ich auch.

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