Hoofdstuk 20: Lina - Schafe

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Die Sonne steht tief über der Weide mit den Schafen.

Das Licht ist lila und orange, warm, als würde der Abend versuchen, uns zu täuschen. Alles scheint still und friedlich.

Caelan steht vor uns, am Rand der Weide und schaut in die Ferne.

Mike, Noah und ich sitzen auf der windschiefen Terrasse hinter dem Haus.

Alte Gartenstühle aus Holz und Plastik, ausgeblichen von Regen und Jahren. Meiner wackelt bei jeder Bewegung. Die Bohlen unter unseren Füßen sind krumm, knirschen und geben leicht nach, als wären sie müde.

Mike liegt mehr als er sitzt mit geschlossenen Augen auf eine niedrige Bank, die einmal grün gewesen sein muss.

Noah sitzt neben mir auf einem der Holzstühle.

So nah, dass ich seine Wärme spüre, obwohl wir uns nicht berühren.

Sein dunkles Haar fällt ihm in die Stirn, ein paar wilde Strähnen, als hätte er vergessen, sie zu ordnen. Er sieht gut aus und das auf eine gefährliche Art und Weise, die nichts verspricht und trotzdem alles verheißt.

Ich kann keine Gefühle lesen wie er. Aber ich sehe ihn. Das muss mir genügen.

Die Schafe stehen dicht beieinander, ihre Körper warme, helle Flecken im dämmernden Grün. Kein Laut außer dem leisen Rascheln des Grases, dem entfernten Ruf eines Vogels.

Ich spüre es zuerst in der Brust. Ein Druck, der nicht schmerzt, sondern drängt. Mein Herz schlägt schneller, ohne Grund, ohne Anlass. Oder vielleicht gibt es einen und ich will ihn nicht benennen.

Mikes Augen scheint tatsächlich zu schlafen. Sein Gesichtsausdruck friedlich und zufrieden, als verdaue er immer noch das Mittagessen, von dem er mehr als reichlich genommen hat.

Noah neben mir schweigt, sein Blick auf die Weide gerichtet.

Ein Widder stößt eines der Tiere zur Seite. Grob. Zielstrebig. Das Schaf wehrt sich nicht. Lässt sich positionieren, wie der Widder es verlangt und ergibt sich dem Rhythmus, der älter ist als alles, was wir gelernt haben.

„Schafe fragen nicht lange“, sagt Noah leise.

Seine Stimme klingt anders. Tiefer. Angespannter.

Ich drehe den Kopf zu ihm. Sein Blick liegt immer noch draußen, aber seine Schultern sind hart, als würde er etwas festhalten.

„Was?“ frage ich, obwohl ich weiß, was er meint.

„Die Tiere“, sagt er. Ein kurzes amüsiertes Zucken um seinen Mund. Er schaut mich an, sucht meinen Blick. „Die spüren, wann es Zeit ist. Und dann… passiert es einfach.“ Sein Blick wird intensiver, lässt mich nicht los

Warme Wellen machen sich breit in meinem Bauch. Nicht angenehm, aber auch nicht unangenehm. Ungewohnt und in diesem Augenblick einfach zu viel.

Ich merke, wie nah wir uns sind. Mein Körper weiß das besser als mein Kopf. Etwas in mir will einen Schritt näher gehen. Etwas anderes hält mich fest.

Angst mischt sich darunter. Nicht vor Noah, sondern vor mir.

Der Widder zieht sich zurück. Die Herde kommt wieder zur Ruhe, als wäre nichts geschehen. Das Gras richtet sich auf. Frieden kehrt zurück.

„So einfach ist das bei uns nicht“, sage ich.

Noah lacht leise. Kein echtes Lachen.

„Nein“, sagt er. „Bei uns wird alles kompliziert.“

Sein Blick trifft mich erneut. „Aber ich gebe nicht auf. Ich gebe dich nicht auf, kleine Irin.“

Ich spüre es wie ein Ziehen unter der Haut. Die Resonanz. Sie ist da. Sie hört zu. Sie wartet. Als würde sie sich freuen, dass wir so dicht an einer Grenze stehen.

Ich atme ein. Zu flach.

„Lina“, sagt Noah, und mein Name klingt wie eine Warnung.

Ich weiß nicht, wovor. Vielleicht vor ihm. Vielleicht vor mir.

Vielleicht davor, dass dieses ruhige Bild vor uns nur eine dünne Haut ist und darunter etwas lebt, das keine Geduld kennt.

Eamon kommt aus dem Haus. „Schön ist es hier, nicht wahr?“

Sein Blick auf Noah und mich gerichtet. Er weiß es, er weiß es ganz genau.

Mike blinzelt und reckt sich auf der Bank, die leise knarrt.

Er fährt sich mit der Hand übers Gesicht.

„Habe ich etwas verpasst?“ murmelt er.

Er sieht zur Weide, zu den Schafen, dann, mehr skeptisch, zu uns.

„Bitte sagt mir, dass es nichts Dramatisches war“, fügt er hinzu

Noah grinst ihn an und rückt ein Stück weg von mir. „Doch, Naturdoku. Ohne Kommentar.“ Er stupst ihn an.

Mike schaut lachend auf die Weide. „Echt jetzt? Und das in der Öffentlichkeit!“

Caelan kommt zu uns an die Wind und Wetter geprüfte Sitzgruppe.

Eamon sieht ihn an. „Hast du ihn erreicht?“

Caelan schüttelt den Kopf. „Noch nicht.“

Wen erreicht? Wen meint er?

Ich schaue Eamon an.

„Dann solltest du es noch einmal versuchen“, sagt er ruhig. „Du musst jetzt mit ihm sprechen.“

Caelan zieht sein Handy aus der Tasche und geht ein Stück den Weg hinunter, weg von uns, dorthin, wo man ungestört reden kann. Ich sehe ihm nach. Etwas zieht sich in mir zusammen, als hätte jemand einen Faden straffgezogen.

„Um was geht es eigentlich?“ frage ich.

Eamon setzt sich mir gegenüber. „Als du nach dem Mittagessen, ob in der Kammer dich hingelegt hast, hat Elowen angerufen.“

Ich bin noch zu verwirrt, um verärgert zu sein.

„Meine Mutter?“ Warum sagt mir das keiner? Vielleicht hätte ich sie ja auch gerne gesprochen.

„Ja“, sagt Noah. „Zwei Mor’kels waren bei ihr. Vater und Sohn.“

Die Wut ist schneller als die Angst. Ich springe auf, der Stuhl kippt nach hinten.

„Was?“ Meine Stimme schneidet durch die frühe Abendluft. „Und das sagt ihr mir erst jetzt?“

„Lina, bitte…“ Noah versucht mich zu beschwichtigen.

„Mor’kels sind die Bösen, oder?“ Mike schaut zwischen Noah und mir hin und her.

„Richtig “, sage ich zu Mike. „Und sie ist ganz allein zuhause und niemand sagt mir was.“

„Sch… sch… sch“, Eamon hat den Stuhl aufgehoben. „Beruhige dich und sei leise, du weißt nie, wer alles zuhört, junge Herzmagierin.“

Mit einem Griff, der keinen Widerspruch zulässt, zwingt er mich, mich wieder zu setzen.

„Deine Mutter lebt, sie ist die Hohepriesterin des Stammes Eirelan und sie weiß, was sie tut.“

Ich rümpfe die Nase, Hohepriesterin und wenn sie die Kaiserin von China ist, sie ist meine Mutter.

Noah dreht den Kopf zu mir. Sein Blick hält meinen. „In Kurzform, die Mor’kels haben nach dir und Caelan gefragt. Deine Mutter hat gesagt, du bist die nächsten Tage mit deinem Bruder in Irland unterwegs. Dann rief mein Vater an und deine Mutter hat so getan, als wäre er ein Freund und dass sie abends zum Essen verabredet sind.“

Seine Worte beruhigen mich nicht. „Und damit haben sich die Mor’kels zufriedengegeben?“

„Natürlich nicht,“ Erst jetzt merke ich Eamons Griff an meinem Unterarm. „Aber sie haben Aren Morvath und seinen Sohn Tharun zu deiner Mutter geschickt.“

Ich verstehe nicht, was er meint. „Ja, und?“

„Die Mor’kels sind Schattenwesen genau wie ich vom Stamm Umbraith“, fährt Eamon fort. „Aber die Morvath Familie ist besonders. Besonders geduldig und besonders grausam.“

Mike nickt langsam. „Super. Also genau die Sorte Leute, bei denen man hofft, dass sie einfach vergessen, warum sie gekommen sind.“

Eamons Blick geht ins Leere.

„Es war Arens ältere Schwester, die meine Frau und meine Tochter getötet hat.“

Mir wird kalt. Wirklich kalt.

„Sollte mir jemals ein Morvath begegnen“, spricht Eamon weiter, ohne die Stimme zu heben, „verlässt nur einer von uns den Raum.“

Ein Wind fährt über die Weide. Die Schafe rücken enger zusammen.

Ich merke, wie Noah mich ansieht. Sein Blick hält meinen einen Sekundenbruchteil zu lange. Ich kann seine Gefühle nicht lesen. Aber ich sehe in seinen Augen Unruhe und Sorge.

„Gefühle“, sagt Eamon, der unseren Blicken scheinbar gefolgt ist, „sind jetzt kein Luxus mehr. Sie sind ein Risiko.“

Mike wackelt gefährlich auf der altersschwachen Bank.

„Pizza und Netflix“, sagt er. „Das war früher mal ein funktionierender Notfallplan.“

Caelan kommt zurück. Er lässt sich auf einen weißen Plastikstuhl fallen, als habe er einen Marathon hinter sich.

„Und?“ Eamon beugt sich vor

„Ich habe Talan erreicht. Er vertritt mich im Moment als Großmeister“, Caelan legt sein Handy auf den Tisch. „Wenn jemand fragt, sind wir unterwegs. Mit dem Zelt. So wie früher. Als Dad noch gelebt hat.“

Er sieht mich an. „Du erinnerst dich.“

Ich nicke. Natürlich erinnere ich mich. An Regen, an Feuerstellen, an Nächte, in denen alles einfacher war.

„Das ist plausibel“, sagt Caelan. „Und es verschafft uns Zeit. Bis Montag.“

Zeit. Ein dünnes Wort.

„Ich habe auch mit Mathair gesprochen, wegen Mark“, sagt Caelan weiter. „Die beiden gehen heute Abend Pizza essen.“

„Ich will mit“, murmelt Mike.

„Ich habe ihr geraten, es zu tun“, sagt Caelan- Er spielt mit dem Handy auf dem Tisch, dass es sich hin und her im Kreis dreht. „Normalität ist Tarnung. Die Mor’kels werden sie beobachten. Wenn sie sie beim Lügen erwischen …“

Er beendet den Satz nicht. Unsicher schaut er mich an.

Ich wage kaum zu Atmen.

„Dann verlieren wir sie“, sagt Eamon ruhig.

Die darauffolgende kurze Stille ist schwer. Ich spüre Noahs Schulter dicht neben meiner. Zu nah. Oder genau richtig. Mein Herz schlägt schneller, und ich weiß nicht, ob es Angst ist oder etwas anderes, das keinen Platz haben sollte.

Von außen ist alles friedlich.

Die Weide. Der Himmel. Die Tiere.

Eamon bleibt sitzen. Seine Hände ruhen locker auf den Knien.

„Mor’kels können nicht fühlen“, sagt er. „Und sie können keine Gedanken lesen.“

Mike hebt kurz den Kopf.

„Schade eigentlich. Das würde vieles abkürzen.“

Eamon schenkt ihm einen knappen Blick. Kein Lächeln.

„Sie erkennen Muster“, fährt er fort. „Handlungen. Worte. Blicke. Bewegungen. Alles, was sichtbar ist.“

Er sieht zu Noah.

„Sie hören nicht, was in dir geschieht. Aber sie sehen, dass etwas geschieht.“

Noah sagt nichts. Sein Körper ist still. Zu still.

„Niemand weiß, dass ein Valeryn noch lebt“, sagt Eamon. „Und niemand weiß von deiner Fähigkeit.“

Eine kurze Pause. „Das ist euer Schutz.“

Ich merke, wie Noahs Kiefer sich anspannt.

„Es gibt nur einen Weg“, sagt Eamon ruhig. „Du musst menschlich sein.“

Mike zieht die Augenbrauen hoch.

„Also… keine Aura, kein Seelenblick, kein Ich spüre deine innere Zerrissenheit beim Bäcker?“

„Genau“, sagt Eamon. „Gar nichts davon.“

Ein Windstoß fährt über die Terrasse. Die Bohlen knarren leise.

„Sobald Aren oder Tharun auch nur das Geringste bemerken“, fährt Eamon fort,

„einen Blick, der zu lange verweilt. Ein Lächeln, das zu früh kommt. Eine Reaktion, die ein Mensch nicht haben kann…“

Er bricht ab.

„…wissen sie es“, ergänzt Caelan leise.

Eamon nickt.

„Ein Mensch fühlt nicht, was du fühlst, Noah. Und sobald du vergisst, dass du das verbergen musst, bist du sichtbar.“

Noah atmet einmal tief ein.

„Und wenn ich es nicht merke?“

„Dann merkt es jemand anderes“, sagt Eamon.

Ich spüre, wie sich etwas in mir regt. Unruhe. Druck. Als würde mein Herz nicht wissen, wohin mit sich.

Eamons Blick wandert zu mir.

„Ihr seid“, sagt er. „beide neu.“

Ich richte mich auf.

„Neu ist ein Wort für…“

„… untrainiert“, unterbricht er ruhig. „Ihr habt nie gelernt, eure Gefühle zu halten, zu kontrollieren.“

Seine Stimme bleibt sachlich. „Wenn du Lina, jetzt herausplatzt, oder du reagierst, bevor du nachdenkst, machst du dich verdächtig.“

Mike zieht den Mund schief.

„Großartig. Keine Gefühle. Keine Blicke. Keine Reaktionen. Ich liebe diesen Urlaub.“

Ich sehe Noah an. Er sieht nicht zurück. Sein Blick geht hinaus zur Weide, zu den Schafen, die dicht beieinanderstehen, als wüssten sie, dass Abstand gefährlich ist.

„Wir üben das“, sagt Eamon schließlich.“ Die nächsten 48 Stunden, dann muss es sitzen.“

„Und wenn nicht…?“ fragt Mike dazwischen

Eamon hält inne.

Nur einen Moment.

Seine Augen werden hart. Dunkel. Fast schwarz.

„Dann…“ sagt er ruhig, „…werde ich euch alle töten.“

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