Hoofdstuk 5: Lina - Berührung

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Die Mensa riecht nach warmem Brot, Frittierfett und etwas Süßlichem, das ich nicht einordnen kann. Stimmen liegen übereinander, dicht und unruhig. Tabletts klappern, Stühle rücken, irgendwo lacht jemand zu laut.

Hinter mir sitzen Schüler Schulter an Schulter. Gespräche überlagern sich, werden zu einem gleichmäßigen Dröhnen. Es erinnert mich an einen Bahnhof in einer großen Stadt – zu viele Menschen, zu wenig Raum. Ich bin das nicht gewohnt. Mein Körper spannt sich an, noch bevor ich bewusst darüber nachdenken kann.

Ich gebe mir alle Mühe, mich auf Sharon zu konzentrieren.

„Montags gibt es immer vegetarisch“, sagt sie beiläufig, während wir uns langsam in der Menschenschlange vorwärtsbewegen. „Aber am besten sind die Burger oder Sloppy Joe, gibt’s immer donnerstags. Freitags gibt’s Fisch. Tag des Herrn oder so.“ Sie lächelt. „Dienstags und mittwochs, immer unterschiedlich.“

Ich sehe ihr zu, wie sie nach einer Quarkspeise greift. Mich dagegen lacht eher ein Salatteller an, überzogen mit einer rötlichen, cremigen Soße.

„Der ist mit Joghurtdressing und Rote-Bete-Saft gemacht“, sagt Sharon und schiebt mir den Teller zu. „Stehst du auf gesund? Dann ist der perfekt.“

Sie lacht leise und stellt mir eine kleine Plastikflasche Wasser auf mein Tablett.

An den Kassenautomaten angekommen, zieht Sharon ihre weiße Karte hervor.

„Ich zahl für dich mit, bis du deine eigene Karte hast. Das ist mit Mrs. Sharefield so abgeklärt.“ Ich zögere einen Moment. „Und … wann bekomme ich so eine Bezahlkarte?“

Sharon zieht ihre Karte durch den Automaten. Ein kurzes Piepen.

„Keine Ahnung“, sagt sie achselzuckend. „Aber das geht bestimmt schnell.“

„Aaah!“ Ihr Gesicht hellt sich auf. „Da ist Helen. Mein Herzblatt.“

Sie hebt den Arm und winkt heftig, fast überschwänglich. Mein Blick folgt der Bewegung ihrer Hand. Ich sehe ein Mädchen ein paar Tische weiter, das ebenso begeistert zurückwinkt.

„Komm“, sagt Sharon. „Wir setzen uns zu ihr.“

Ich drehe mich um und im nächsten Moment knallt etwas gegen mein Tablett. Nicht sanft. Nicht langsam. Metall auf Metall, ein harter Stoß, der mir bis in die Arme fährt.

„What the fuck …“

Noah! Na bravo!

Die Tabletts prallen aneinander, Teller, Plastikflaschen, rutschen, kippen. Ich höre das Scheppern schon, bevor ich sehe, wie sie zu Boden gehen. Etwas Warmes schwappt mir entgegen, gleichzeitig etwas Kaltes. Noahs restliche Suppe. Mein Salat. Alles auf einmal. Es spritzt. Weiße Soße. Rosa Flecken. Kleine grüne Stücke, die ich erst einen Moment später als Porree erkenne. Auf meinem hellblauen T-Shirt. Auf seinen Schuhen, seiner Jeans. Auf dem Boden.

„Tut mir leid“, sage ich hastig.

Um uns herum wird es laut. Stühle rücken, Stimmen heben sich. Weiter hinten im Raum recken sich Köpfe, um zu sehen, was vorne am Tresen passiert ist.

Mike ist sofort da. Sharon auch.

„Alles gut, alles gut“, sagt Mike und hebt eines der Tabletts auf. „Wir machen das.“

Sharon greift nach Servietten, viel zu vielen. „Ihr seht aus wie Ferkel“, sagt sie trocken. „Los. Waschraum. Noah, nimm sie mit. Mike und ich regeln das.“

Noah nickt grimmig. „Okay. Komm.“

Er geht ein paar Schritte vor. Ich bleibe kurz stehen und blicke an mir herunter.

Mein hellblaues T-Shirt ist jetzt ein Muster aus Weiß und Rosa. Rote Beete. Porree. Joghurt. Ich ziehe den Stoff vorsichtig vom Körper weg. Das krieg ich nie wieder raus.

Unwillkürlich denke ich an meine Mutter.

Neues T-Shirt. Erster Tag. Du bist eine Heldin, Lina.

„Hier lang“, höre ich Noah ungeduldig rufen.

Ich spüre seine Hand auf meinem Rücken. Nicht fest. Nicht selbstverständlich. Nur, um mich in die richtige Richtung zu drehen.

Außer Noah und mir ist niemand auf dem langen Flur mit den vielen Türen. Nur das Stimmengemurmel aus der Mensa folgt uns noch, entfernt sich Schritt für Schritt.

Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Noahs Hand scheint sich auf meinem Rücken sehr wohlzufühlen, geht mir durch den Kopf, als ich im selben Moment kaum noch Luft bekommen. Es ist, als würde mir jemand die Kehle zudrücken.

Was ist denn jetzt los? Bin ich plötzlich allergisch gegen ein Gemüse? Ich habe doch noch gar nichts gegessen.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Noahs Gesicht sich schmerzhaft verzieht. Sein Kiefer spannt sich, er atmet flach. Eine Ader tritt an der Seite seines Halses hervor, direkt unterhalb des Ohrs. Er greift sich an die Brust, als würde es dort ziehen oder brennen. Die Wärme seiner Hand an meinem Rücken verschwindet. Lieber Gott. Ich brauche Luft. Lass mich atmen.

Langsam lässt der Druck wieder nach. Nicht sofort, aber doch genug, dass ich wieder Luft in meine Lungen bekomme. Ich atme ein. Zu hastig. Dann noch einmal. Langsamer.

Noah tritt einen halben Schritt zurück. Er ballt die Faust und schlägt sich einmal gegen die Brust. Er sieht mich an, halb grinsend, halb verwundert.

„Boah, Alter“, sagt er. „Was war das denn bitte?“

„Vielleicht war etwas in der Salatsoße“, sage ich, ich japse immer noch.

Er lacht leise. „Ja. Definitiv verdächtig.“

Ich lache mit.

Unsere Blicke verhaken sich. Nicht geplant. Nicht gewollt.

Seine Augen sind blau. Tief und still. Als würde man darin zu weit sehen können, wenn man nicht aufpasst.

Eine Stimme zerreißt den Moment.

„Noah.“

Ich blinzle.

Sie steht ein paar Schritte entfernt.

Klein. Zierlich. Und trotzdem wirkt es, als würde sie den Raum beherrschen.

Ihr Haar ist rot gefärbt. Nach meinem Geschmack zu grell, aber das ist Geschmackssache. Sie trägt es offen, lang und wild.

Ihre Kleidung ist eng, aber nicht billig. Alles an ihr wirkt gewählt. Selbstbewusst.

Ihr Blick trifft zuerst ihn. Dann mich. Erst prüfend dann grenzziehend.

Sie tritt näher und küsst ihn. Kurz. Selbstverständlich. Besitzergreifend.

Noah zuckt minimal zurück.

„Madleen“, sagt er leise. „Lass das.“

Sie deutet auf seine Jeans. „Du hast da Soße.“

Mit einem Finger wischt sie über den Stoff. Langsam. Ihre Nägel sind rot lackiert, gepflegt. Sie hebt den Finger, sieht mich dabei an und führt ihn an ihre Lippen.

„Madleen, hör auf“, sagt Noah scharf.

Sie greift nach seiner Hand. „Komm.“

„Echt jetzt? Lass das. Du gehst doch nicht mit mir.“ Er bricht ab, schüttelt den Kopf. „Nicht heute.“

Sie schaut ihn an, als verstünde sie nicht, warum.

„Bis jetzt hat es dir immer gefallen.“

Noah antwortet nicht. Kopfschüttelnd dreht er sich abrupt um und verschwindet hastig im Waschraum für Jungs. Einen Moment lang ist es still mit ihrer zierlichen Gestalt lehnt sie sich lässig gegen die Wand und schaut mich an. Sie ist einen halben Kopf kleiner als ich. Ihr Blick ist kalt. Mir ist, als würde ihr Blick jede Zelle meines Ichs erfassen.

„Der Waschraum für Mädchen ist da“, sagt sie und zeigt nach links. Ich lächle. Du willst mich triggern? Was du kannst, kann ich besser.

„Danke“, sage ich ruhig. „Gut zu wissen.“

Für einen winzigen Moment flackert etwas in ihrem Blick auf.

Ich drehe mich um, ohne mich zu beeilen. Ohne zurückzuschauen.

Im Waschraum versuche ich, die Flecken aus meinem Shirt zu waschen. Wasser. Seife. Noch mehr Wasser.

Rosa Schlieren verlaufen im Stoff. Es bringt nichts.

Das lauwarme Wasser läuft mir über die Hände. Ich sehe in den Spiegel, alles ist wie immer, nichts scheint verändert. Und doch ist mir flau im Magen. Ich spüre, etwas mir Unbegreifliches nimmt gerade erst seinen Anfang und ich frage mich, ob ich das Ende wirklich wissen will.

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