அத்தியாயம் 29: Alma – Das Tor

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Ich sitze noch auf der Bank.

Der Platz atmet leise um mich herum, als hätte er sich selbst zur Ruhe gerufen. Nichts hat sich verändert. Kerzen brennen, Organza-Tücher hängen zwischen den Ästen und bewegen sich, als würde der Sommerwind sie streicheln, nicht schieben. Auf den Marmorsockeln ruht der Onyx, und der Rauch steigt rosa und blau auf, vermischt sich, löst sich wieder, als hätte er keinen Grund, irgendwo anzukommen.

Eira sitzt neben mir.

Lirien, auf meinem Knie, leicht, warm, wie ein kleiner Gedanke, der geblieben ist.

Ich halte den cremefarbenen Stoffkoffer fest, obwohl ich nicht weiß, seit wann er da ist.

„Du willst greifen, was noch nicht dran ist“, sagt Eira leise.

Ich nicke, ohne zu wissen, ob es stimmt. Ich weiß nur: Ich sitze hier zwischen Dingen, die ich nie gekannt habe, und trotzdem fühlt es sich an, als hätte ich es schon einmal gesehen.

„Du hast gesagt …“, beginne ich.

Eira hebt den Blick.

„Wir haben gesagt, da kommt noch eine letzte Überraschung“, sagt sie.

Ich sehe sie an.

Und dann höre ich es.

Nicht die Engel. Nicht den Zug. Nicht den Bach.

Ein Geräusch.

Leicht. Ungeduldig. Zärtlich.

Pfoten, kleine Krallen auf Stein.

Tickidi… Tickidi …Tickidi.

Ich kenne nur einen der diese Geräusche gemacht hat. Unser Hund Max!

Ich drehe den Kopf.

Und da ist er.

Ein kleiner Hund, hellbraun mit Weiß, das Fell weich, als hätte jemand ihn aus einem warmen Tag gemacht. Im Gesicht kein Grau mehr. Kein müde vom Alter. Nur dieses Schwarz, das ich kenne, als würde die Zeit sich zurückgenommen haben. Dunkle, treue Augen, so wach, so voller Freude, dass mir der Atem stehen bleibt.

Mein Herz rast.

Er schaut mich an.

Als hätte er mich gesucht.

Als hätte er mich gefunden.

„Max“, flüstere ich. „Was haben wir dich vermisst.“

Er kommt, als hätte er nur darauf gewartet, dass ich seinen Namen sage.

Er springt an mir hoch, nicht wild, nur so, wie er es immer getan hat, wenn er nicht wusste, wohin mit seinem Glück. Seine Pfoten drücken gegen meine Knie, sein ganzer Körper vibriert. Er winselt kurz, leckt meine Hände, als müsste er sich vergewissern, dass ich wirklich da bin.

Ich lache.

Und im selben Moment steigen mir Tränen in die Augen.

„Du bist ja…“, flüstere ich.

Jung.

Ganz.

Wieder da.

Max legt den Kopf schief, als wäre diese Frage unnötig. Dann stupst er meinen Koffer an und schnaubt leise, als würde er sagen: Komm. Los jetzt.

Eira lächelt.

„Siehst du“, sagt sie. „Wir haben es dir doch gesagt.“

„Darf ich ihn mitnehmen?“

Lirien streicht Max über den Rücken, und er lässt es zu, als hätte er Elfen schon immer gekannt.

„Wenn du willst.“

Ich lege die Hand auf Max’ warmen Kopf.

Und plötzlich sehe ich es wieder.

Nicht als Bild.

Als Gefühl.

Ein Wochenende am Meer.

Edward am Steuer, konzentriert, ruhig, mit diesem Blick, als würde er alles beschützen, was hinter ihm sitzt, ich neben ihm.

Rose hinter uns, noch klein, noch unbeschwert, mit salziger Luft im Haar und der Sonne im Gesicht.

Und Max neben ihr, die Nase am Fenster, die Pfoten auf der Sitzkante, als könnte er es kaum erwarten, dass die Welt endlich nach Strand riecht. Die Augen zu Schlitzen im Wind, die Ohren flattern leicht und er sieht aus, als würde er lächeln.

Ich sehe, wie er durchs flache Wasser jagt, wie er mit seinem ganzen Körper lacht, wie er zurückkommt, sandig, stolz, und sich schüttelt, so dass wir alle protestieren und trotzdem lachen.

Und ich sehe ihn auf dem Rübenfeld.

Nach der Ernte

Zwischen den liegen gebliebenen Rüben, die nach Erde und Süße riechen.

Max scharrt, rupft, als hätte er einen Schatz gefunden, und schaut mich an, als müsste ich das unbedingt sehen: Sieh mal. Meins. Neben seiner Familie, und der unermüdlichen Hasenjagd galt seine Liebe den Zuckerrüben.

Mein Herz zieht sich zusammen und wird gleichzeitig weich.

„Ich habe dich so geliebt“, flüstere ich. „Nein, wir alle haben dich so geliebt.“

Max drückt seine Stirn gegen mein Bein.

Als Antwort.

Als Ja.

Als: Ich weiß.

Ich atme aus.

Und erst jetzt merke ich, dass ich nicht nur auf diesen Platz geschaut habe, sondern die ganze Zeit auch nach hinten.

In den Nebel.

Dorthin, wo sie herkommen.

Wo sie stehen, zögern, weinen, lachen, ihren Koffer halten wie ein Versprechen oder wie eine Strafe.

Dazwischen die Engel.

Wunderschön. Ruhig. Perlmuttflügel, die nicht schlagen müssen, um da zu sein.

Und irgendwo weit hinter dem Nebel, lasse ich sie zurück. Das weiß ich, obwohl ich sie nicht sehe:

Margret.

Eliza.

Richard.

Margret hat eine wundervolle Familie und Eliza ist bezaubernd. Ich hätte gerne mehr Zeit mit ihr verbracht und ich habe mich sehr gefreut, wann immer sie kamen.

Ich weiß, sie sind noch dort.

Noch nicht hier.

Und doch schon… nah.

„Ich denke an sie und ich freue mich für sie. Sie sind wundervoll. Ich wünsche ihnen ein gesundes langes Leben. Eliza wird bestimmt auch mal tolle Mutter“, sage ich.

„Ganz bestimmt.“ Eira schmunzelt.

„Kommt ihr mit mir?“

Lirien hebt den Kopf und schaut mich an.

„Nein, wir bleiben.“

„Ihr bleibt… bei ihnen“, flüstere ich.

Eira nickt.

„Wir sind da für die, die noch nachfahren“, sagt sie. „Für die, die noch schwanken. Für die, die noch auf dem Weg zum Zug sind. Für die kleinen Lichtpunkte, die jemand abholt.“

„Es ist also nicht vorbei“, sage ich.

Eira tritt einen Schritt näher und drückt mich fest an sich.

Nicht sanft. Nicht vorsichtig.

Fest.

Als würde sie mich erinnern, dass ich nicht aus Glas bin.

„Es ist nie vorbei“, sagt sie.

Lirien gibt mir ein Küsschen auf die Wange.

Es kitzelt.

Wie eine Feder.

„Ich passe auf deine Nachfahren auf“, sagt sie. „Auf Margret. Auf Eliza. Auf die, die kommen werden.“

Ich schlucke.

„Sehen wir uns wieder?“

Lirien lächelt.

Nicht tröstend.

Nicht versprechend.

Nur wirklich.

„Vielleicht“, sagt sie. „Wer weiß.“

Dann hebt Eira den Blick.

Und ich weiß, dass jetzt etwas passiert, ohne dass man es beschließt.

Das Lichtwesen steht plötzlich vor mir.

Nicht aus dem Nebel.

Nicht vom Zug her.

Einfach da.

Als wäre er die ganze Zeit schon da gewesen und ich hätte ihn nur noch nicht sehen dürfen.

Er schaut mich an.

Und ich habe das Gefühl, er sieht nicht mein Alter, nicht mein zittriges Inneres, nicht die Jahre.

Er sieht mich.

Ich will aufstehen, aber meine Knie fühlen sich für einen Moment an, als gehörten sie jemand anderem.

Max drückt sich an mein Bein, als würde er mir helfen.

Der Engel neigt den Kopf.

Seine Stimme ist nicht wirklich eine Stimme.

Sie ist wie ein Gedanke, der sich in mir formt, ohne dass er mir gehört.

Hallo, Alma.

Danke, dass du mit deinem Leben Mutter Erde bereichert hast.

Bist du bereit?

Ich starre ihn an.

Ehrfürchtig.

Und ein bisschen beschämt, als hätte er sich vertan.

„Ein echter Engel spricht mit mir?“, flüstere ich. „Ich bin doch nur ein einfacher Mensch.“

Der Engel schaut mich an.

Niemand ist einfach, Alma.

Und niemand ist nur.

Ich spüre, wie mir die Kehle eng wird. Ich zögere immer noch und frage mich was überwiegt, die Neugier auf das ‚hinter dem Tor‘ oder die Furcht vor dem loslassen.

Eira lächelt nur.

„Hier hat nichts Eile“, sagt sie.

Der Engel wartet.

Geduldig.

Nicht drängend.

Nicht fern.

Einfach da.

Ich drehe mich noch einmal um.

Margret… Eliza…

Ich fühle sie

Wie ein Faden.

Wie Nähe.

„Ich lasse sie allein…“, flüstere ich.

Du lässt sie nicht allein, denkt der Engel.

Du gehst nur vor.

Der Engel berührt mich leicht am Rücken.

Können wir, Alma?

Ich nicke.

Max stellt sich neben mich.

Als würde er sagen: Ich geh mit.

Ich greife nach meinem kleinen Koffer.

Und staune.

Er ist sehr leicht.

So leicht, dass ich fast lachen muss.

„Ich nehme ja gar nichts mit“, murmele ich.

Eira schüttelt den Kopf.

„Ein bisschen nimmt man immer mit“, sagt sie.

Lirien streicht mir noch einmal über den Arm, zart, wie Wind.

„Geh“, sagt sie.

Ich stehe auf.

Der Engel geht mit mir los.

Seine Flügel rauschen sanft, kaum hörbar, wie Stoff, der sich bewegt.

Max läuft an meiner Seite, aufmerksam, fröhlich, als wären wir unterwegs zu etwas, das gut ist.

Wir erreichen den schmalen Weg.

Goldene Pfähle rechts und links, die dunkelblaue Kordel dazwischen, dick und schwer, als würde sie die Welt zusammenhalten.

Ein zweiter Engel steht am Anfang des Weges und sieht mich an.

Er nickt.

Dann schaut er zum Tor.

Dorthin, wo der dritte Engel wartet.

Ich halte inne.

Nur einen Augenblick.

Ist es das wirklich gewesen?

War das mein Leben?

Alles?

Der Engel neben mir sieht mich an.

Alles ist gut, Alma.

Ich schlucke.

Und dann kommt das Zeichen.

Der Engel am Tor.

Ein winziges Nicken.

Nicht für die Welt.

Für mich.

Ich gehe los.

Allein auf dem Weg mit Max, der dicht bei mir bleibt.

Irgendwie kommt mir der Weg länger vor, ich spüre, hinter mir ist nur noch Nebel.

Alles weg.

Alles so fern,

Lirien.

Eira,

Der Zug

Der Bach, das Meer.

Alles hinter einer weißen Wand von Nebel.

Ich schaute nach rechts und sehe doch noch was.

Ein Streifen Gelb.

Hafer.

Kurz vor der Ernte.

Er duftet warm, süßlich, wie Vanille und Honig, und der Geruch trifft mich so plötzlich, dass mir kurz schwindelig wird.

Ich kenne ihn.

Nicht als Erinnerung an ein Feld.

Als Erinnerung an etwas, das ich war.

Mama.

Papa.

So verliebt, so glücklich, dass es weh tut.

Und ich mittendrin, vielleicht zwei, vielleicht drei Jahre alt.

Die Welt groß.

Die Luft voller Versprechen.

Ich möchte hinein.

In dieses Gelb.

In diesen Duft.

In diese Zeit.

Ich atme.

Ich gehe.

Kein Schmerz.

Kein Druck.

Nur dieses leichter Werden, Schritt für Schritt, als würde ich etwas ablegen, ohne dass ich es merke.

Noch fünf Schritte.

Und plötzlich ist da ein Gedanke, der mir wie eine kleine Klinge ins Herz fährt:

Was, wenn niemand für mich da ist?

Das Tor bleibt geschlossen.

Der Engel steht ruhig, nur sein Gewand schwingt, nach einer Melodie, die ich nicht höre.

Einen Atemzug lang.

Dann öffnet es sich.

Von der anderen Seite.

Ganz langsam.

Zaghaft, als würde jemand um Erlaubnis fragen, das Tor öffnen zu dürfen oder aber als sei es sehr schwer.

Der Engel tritt einen Schritt beiseite.

Und da steht sie.

Rose.

Nicht krank.

Nicht müde.

Nicht fortgerissen.

Rose.

Mit Edwards Augen.

Mit meinem Mund.

Mit kurzen rotblonden Haaren, die im Licht aufleuchten, als wären sie selbst ein Stück Wärme.

Sie lächelt.

Breitet die Arme aus.

Und ich spüre, wie in mir etwas bricht, das all die Jahre gehalten hat.

„Mama“, sagt sie.

Nur das.

Und es reicht.

Ich stolpere fast, weil meine Beine plötzlich nicht mehr wissen, ob sie gehen oder fallen sollen.

Rose kommt mir entgegen.

Schnell.

Als hätte sie auch die ganze Zeit gewartet.

Und im selben Moment, bevor ich etwas sagen kann, sagt sie es.

Ganz leise.

Ganz sicher.

„Du hast meinen Zettel gefunden, Mama.“

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herausgegeben bei Edition Nebelmeer

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