第 23 章: Kapitel 22

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Der Wind wehte mild und würzig vom Bodden her, als hätte er den Duft der Wiesen im Gepäck. Katja und Sven saßen auf der kleinen Holzterrasse hinter dem Haus, zwei dampfende Tassen auf dem alten Klapptisch zwischen ihnen. Die Dielen unter ihren Füßen waren warm von der Sonne, irgendwo zirpte eine Amsel. Es war einer dieser seltenen Tage, an denen sich Urlaub auch wirklich wie Urlaub anfühlte. Und doch ließ das Gespräch sie nicht los.

„Ich krieg das nicht aus dem Kopf“, sagte Katja und stützte das Kinn in die Hand. „Faris. Elin. Sina. Diese Sterbebegleiter. Lebensversicherungen, die gezahlt werden, wo die Toten noch warm sind. Es ist zu viel Zufall.“

Sven nippte an seinem Kaffee, zog eine Augenbraue hoch. „Du meinst, dass zwei Menschen, beide offiziell tot, ohne Angehörige, ohne Bestatter, ohne irgendwas, plötzlich irgendwo auftauchen, mit Symbolen, der eine nackt, die andere in einer Art Leichensack, der nach Mittelalter riecht? Und so ganz nebenbei zahlt die Lebensversicherung direkt zweihundertfünfzigtausend Euro? Ja! Klingt fast wie ein Tatort-Special.“

„Eher wie etwas, das keiner mehr kontrolliert“, murmelte Katja.

„Oder gerade jemand oder etwas kontrolliert alles.“ Er schaute in seine Kaffeetasse, als läge am Boden die Antwort. Katja sah ihn an. Lange.

„Was ist, wenn …“, begann sie, brach aber wieder ab.

Sven legte den Kopf schief. Er griff über den Tisch und streichelte ihr liebevoll über den Arm. „Na los. Sag’s. Du hast doch schon wieder so einen Gedanken, bei dem ich entweder lachen oder sofort einen Wein aufmachen muss.“

Katja lachte und ihre Antwort war leise. „Was ist, wenn das … was in Elin steckt … tatsächlich nicht sie selbst ist?“

„Roter oder weißer Wein?“

Sie überging seine Frage, beugte sich vor und sah ihm direkt in die Augen. „Was, wenn dieser Geist, diese … Persönlichkeit, wirklich von damals ist? Von 1489. Und irgendwie … in Elins Körper gelangt ist?“

Sven prustete los. „Katja. Ernsthaft? Hast du gestern Orphan Black geschaut oder The Ring? Oder kommt jetzt gleich noch ein Ufo?“

„Lach ruhig“, sagte sie. „Aber erklär mir, warum Sina alte Sprachformen kennt. Warum sie instinktiv auf mittelniederdeutsche Begriffe reagiert. Warum sie über Dinge spricht, die niemand ohne historische Ausbildung kennen kann. Und: Warum niemand weiß, wer sie wirklich ist.“

Sven wurde wieder ernst. „Okay. Ich gebe es zu. Das alles ist … seltsam. Vielleicht sogar verdammt seltsam.“ Er lehnte sich zurück. „Aber ein mittelalterlicher Geist? Katja, wir sind Polizisten. Keine Exorzisten.“

„Eben. Und genau deshalb müssen wir alle Fragen zulassen.“

Für einen Moment sagte keiner etwas. Nur der Wind, der durch die Apfelbäume strich, und das leise Klirren ihrer Tassen.

Katja wollte gerade einen weiteren Schluck Kaffee nehmen, als ihr Handy vibrierte. Sie sah aufs Display, dann zu Sven.

„Marit.“

Sven zog eine Braue hoch. „Na, das passt ja.“

Katja nahm ab. „Hallo?“

Am anderen Ende klang Marits Stimme leise, ein wenig erschöpft, aber klar. „Hi Katja. Ich wollte euch nicht stören. Ich … ich war gestern mit ihr in der Klinik. Und da sind ein paar Dinge passiert, über die ich mit euch reden will.“

Katja richtete sich auf. „Mit Sina?“

„Ja. Und dann kam Henning eben und faselte irgendetwas vor sich hin, aus dem keiner schlau wird. Ihm geht es, glaube ich, nicht gut. Ich kann das auch nicht am Telefon alles erklären. Es ist merkwürdig. Und irgendwie beunruhigend.“

Eine kurze Pause, bevor sie fragte: „Habt ihr heute Nachmittag Zeit? Ich würde den Grill anschmeißen. Ich dachte, es ist warm, ihr habt Urlaub und hier können wir in Ruhe reden. Und ach ja, ich habe Henning auch eingeladen, er tut mir so leid. Und ich habe auch Konrad gefragt, ob er kommen mag. Er kennt sich aus … und ich würde mich freuen, ihn zu sehen.“

Katja lächelte unwillkürlich in sich hinein, ein kleines, wissendes Schmunzeln, das Sven nicht entging.

„Klar!“, sagte sie ins Telefon. „Wir kommen.“

„Danke.“ Marits Stimme klang erleichtert. „Gegen fünf? Ich mach Kartoffelsalat. Und es wäre gut, wenn wir offen reden.“

„Offener als sonst?“, fragte Katja trocken.

„Ja“, antwortete Marit. „Vielleicht so offen wie noch nie zuvor.“

Katja legte auf und sah zu Sven. „Na, da bahnt sich doch was an. Ich meine Marit und Konrad.“

Sven grinste. „Tut es. Hat er mir selber gesagt.“

Katja stemmte gespielt empört die Hände in die Hüften. „Und du sagst mir nichts?“

Sie schnappte sich die Serviette vom Tisch und warf sie ihm an den Kopf.

„Aua!“, rief er lachend und fing das Tuch auf. „Ich wollte es dir schonend beibringen.“

„Was für ein Tag“, murmelte Katja und schaute auf die umliegenden Rapsfelder.

Sven lehnte sich zurück. „Vielleicht ist es genau der richtige Tag. Ich wollte dir nämlich etwas sagen: Ich denk drüber nach, vorzeitig in Pension zu gehen.“

Katja drehte sich zu ihm. „Was?“

„Ich bin müde, Katja. Ich habe es satt. Mord, Machtspielchen, Behördenwillkür … ich will mehr Zeit mit dir. Mit Patrick, seiner Frau Lisa und vielleicht wirst du bald selber Oma.“

Katjas Augen wurden immer größer. Sie wusste, dass Sven im Laufe der Jahre ein enges Verhältnis zu Patrick und ihren Eltern aufgebaut hatte, aber dass er nach Mallorca ziehen wollte, war ihr fremd. Patrick hatte erst vor einem Jahr Lisa geheiratet und jetzt wollte Sven, dass sie Großmutter wird?

„Weißt du mehr als ich?“ fragte sie misstrauisch.

Ihr alter getigerter Kater Schnief sprang auf ihren Schoß. Er schnupperte an dem Tisch, vielleicht lag ja irgendwo dort, ungeachtet von den Menschen, noch etwas Leckeres zum Abstauben. Katja hielt ihn zurück und streichelte ihn hinter den Ohren.

„Nein weiß ich nicht“, fuhr Sven fort und beobachtete das Schauspiel zwischen seiner Frau und dem getigerten Felltier, wie er Schnief liebevoll nannte. „Aber ich möchte dahin wo unser Leben wirklich ist. Ich meine, dass es noch mehr gibt als immer nur Fragen und Leichen. Was ist mit uns und unserem Leben, meine Liebste?“

Katja schwieg lange, bevor sie leise antwortete: „Ich brauche Bedenkzeit.“

Sie sah, wie sein Blick sie regelrecht streichelte und auch nach so vielen Jahren bekam sie immer noch eine Gänsehaut. Das war wirklich verrückt.

„Warum schmunzelst du?“ Sven sah sie immer noch an.

„Nur so!“

„Du bekommst Bedenkzeit. Fünf Minuten!“

Sven stand auf und gab ihr einen Kuss.

Das Quietschen des Gartentors unterbrach sie.

Henning Tiedemann stand vor dem Eingang, fast schon schüchtern. Er war blass, mit dunklen Augenringen, das Gesicht eingefallen, als hätte ihn die Nacht ausgespuckt.

„Darf ich kurz stören?“, fragte er heiser.

„Henning. Klar, komm rein“, sagte Sven. Er setzte sich wieder hin und zeigte auf einen freien Stuhl.

Katja stand auf. „Kaffee?“

Henning nickte, sichtlich dankbar. „Einen starken bitte. Was ich euch zu sagen habe … wird euch umhauen.“

„Darf ich dir so lange Schnief anbieten?“ Sie setzte den Kater Henning auf den Schoß.

„Schnief?“

„Als er mir als Jungtier zulief, hatte er Schnupfen, deswegen Schnief.“ Katja verschwand in die Küche. Sie sah durch das kleine Küchenfenster, wie Henning den Kater streichelte und sich mit der anderen Hand die Stirn rieb, als würde er etwas wegwischen, das sich festgesetzt hatte. Sven sah ihn an, aufmerksam, aber ruhig.

Als Katja zurückkam und ihm die dampfende Tasse reichte, sprang Schnief von seinem Schoß und Henning griff die Tasse mit beiden Händen.

„Ich war gestern Abend auf der Geburtstagsfeier eines Kollegen, und weil es spät wurde, zu spät, bin ich dort geblieben. Es war wohl auch ein Glas zu viel.“

Sven grinste schmal. „Deswegen schaust du also aus wie eine Mumie mit Sonnenbrand. Das letzte Bier war wohl abgelaufen, was?“

Henning reagierte nicht auf den Scherz.

„Als ich heute Morgen heimkam, war eingebrochen worden. Keine Spuren von Gewalt, die Tür war sauber geöffnet. Mit Zahlencode. Den kannte nur ich. Und Meike.“

Sven setzte sich gerade hin. „Wie bitte?“

Katjas Stirn legte sich in Falten. „Was wurde gestohlen?“

„Nichts.“ Henning sah sie ernst an. „Keine Wertsachen. Kein Bargeld, kein Schmuck. Alles noch da. Aber … Meikes Arbeitszimmer, leer. Die Unterlagen, Bücher, Notizen, alles weg.“

„Gezielt“, murmelte Sven. „Jemand wusste genau, wonach er sucht.“

Henning nickte langsam.

„Ich habe … nach unserem letzten Gespräch bei Marit … zwei Kartons mit Unterlagen von Meike ins Auto gepackt. Da war dieses komische Zeichen drauf, ich dachte, sie könnten wichtig sein. Ich bin zwei Tage mit ihnen herumgefahren. Heute Morgen habe ich sie in Marits Garage gestellt. Heimlich. Sie weiß nichts davon. Ich wollte sie nicht aufregen.“

Katja schwieg einen Moment fassungslos. Eine Windböe zog durch die alten, knorrigen Apfelbäume und wog das wachsende Korn hin und her.

„Hast du es zur Anzeige gebracht?“

Henning nahm Zucker und Milch in den Kaffee. „Wollte ich zuerst, aber als ich auf der Wache anrief, erzählten mir die Kollegen, dass man diesen Jutesack oder was das war, von dieser Sina aus dem Labor von Konrad gestohlen hat und dass man euch verboten hat, weiter in dem Fall zu ermitteln, weil es keinen Mord gegeben hat. Ja, und daraufhin bin ich zu Marit und habe die letzten beiden Kartons, heimlich, ohne Marits Wissen, dort versteckt.“

Sven überlegte einen Moment und drehte seinen Stock hin und her. „Hmmh, wenn du keine Ermittlungen willst, wegen des Einbruchs, lass uns später Konrad fragen, ob er uns hilft, quasi privat. Er kommt ja auch am Nachmittag zum Grillen.“

Henning nahm einen Schluck Kaffee, der ihm sichtlich guttat. Er sah fast schon flehentlich zu Katja. „Ich weiß ehrlich nicht mehr, wem ich noch vertrauen kann und wem nicht.“

Katja legte ihre Hand auf seine schmal gewordenen Schultern. „Konrad kannst du vertrauen.“

Henning rührte mit dem Löffel in seinem Kaffee, als wäre er auf Goldsuche. „Vielleicht übertreibe ich ja auch …“ sinnierte er leise. „Alles ist anders geworden, seit Meike tot ist.“

Sven sah ihn aufmerksam an. „Was denkst du jetzt?“

Henning schluckte. „Ich glaube … Meikes Tod war kein Unfall. Und es hat nichts mit meiner Arbeit zu tun. Nicht mit Little Bird. Es ging nie um mich.“

Er hob den Blick. „Es ging um sie. Es ging immer nur um Meike. Sie hat irgendwas herausbekommen, was sie das Leben gekostet hat.“

Katja schüttelte den Kopf, ihr Lächeln wurde bitter. „Und wir dürfen nicht ermitteln.“

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