第 32 章: Kapitel 31

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Das Licht war weich an diesem späten Vormittag, fiel durch die halb zugezogenen Gardinen in schmalen Streifen auf den alten Schreibtisch, auf dem sich Papierstapel, Mappen und Folien wie in vorsichtiger Absicht türmten. Es roch nach altem Holz, frisch gebrühtem Kaffee und einem Hauch Lavendel aus der Wäsche, die irgendwo im Nebenraum trocknete.

Sven saß auf Patricks ehemaligem Schreibtischstuhl, das steife linke Bein ruhte auf einem roten Sitzwürfel mit weißen Punkten. Der Raum war klein, das Fenster nach Südosten gerichtet, die Tapete alt, aber freundlich. Es war nicht mehr das Zimmer von Katjas Sohn. Es war nun ein Büro. Ihr gemeinsames Büro.

Katja saß auf dem Boden, ihr feuerrotes, kurzes Haar stand nach allen Seiten ab, wie bei einem Punk der 80er Jahre. Immer wieder spielte sie mit den Fingern in den Strähnen. Um sich herum hatte sie einen Halbkreis aus Folien, Karteikarten, eingescannten Dokumenten und ausgedruckten Fotos gebildet. Am Tisch ordnete Sven verschiedene Handschriftblätter nach Jahrhunderten, vom 13. links bis zum 20. rechts. Dazwischen lagen Zwischenstücke, Briefe, Auszüge aus Chroniken, Zeichnungen. Es war ein Chaos mit System.

„Schon wieder was auf Latein“, murmelte er und tippte mit dem Finger auf ein Blatt in Klarsichtfolie. „Hier. Das könnte ein Ortsname sein. Oder ein Titel. Ich bin mir nicht sicher. Und schau da, das Wappen taucht hier gleich zweimal auf, aber der Text ist unterschiedlich.“

Katja stand zu ihm auf, nippte an ihrem Kaffee, den sie vorsichtshalber auf das alte Bücherregal gestellt hatte, und beugte sich über seinen Fund. „Hm. Das da… Sub crypta silentii…“ Sie schaute auf das Übersetzungsprogramm auf ihrem Handy. „… unter der Kammer der Stille? Oder stille Krypta? Das klingt nach einer Metapher.“

Sven kratzte sich am Kopf. „Oder es ist keine Metapher. Sondern wörtlich gemeint.“

Sie sahen sich an.

„Du meinst, unter dem Kloster?“ fragte Katja.

„Genau. Schau dir das hier an.“ Er griff nach einem dünnen Blatt, fast pergamentartig. „Das stammt aus der Zeit um 1618. Das Kloster ist offiziell bankrott. Aber im gleichen Jahr tauchen plötzlich Zahlungen auf, hier wurde alles vermerkt: Gold, Edelsteine, Waren aus Venedig, Persien, Nordafrika. Und dann das hier…“ Er nahm ein weiteres Schreiben aus dem 17. Jahrhundert und reichte es ihr. „…ein Brief eines Kaufmanns aus Lübeck. Ich habe es schon übersetzt. Wörtlich steht da: ‚Für die Schwelle zur Erkenntnis zahlte ich drei Dukaten. Für den Blick hinter den Spiegel sechs weitere.‘“ Er ließ das Schreiben sinken und schaute aus dem offenen Fenster hinaus auf die Felder. „Was, wenn es ein geheimer Zugang war? Für Auserwählte, die zahlten?“

Katja stützte das Kinn in die Hand. „Aber wie passt das zum Orden? Zum Ordo Silentii? Oder zum Kloster Monasterium Pac Viventium?“

„Vielleicht gar nicht. Vielleicht war das Kloster nur ein Ort, den der Orden nutzte. Die Äbte des Ordo Pacis Benedicti wussten Bescheid, hielten still, bekamen ihren Anteil. So nehme ich an. Schau mal: alle Einnahmen, die durch Spenden vom Volk oder aus Verkäufen aus den umliegenden Dörfern stammten, wurden von diversen Mönchen schriftlich festgehalten. Aber alle anderen Einnahmen, von den… ich nenne sie einmal… Besuchern, die wir bis jetzt gefunden haben, waren immer nur von den Äbten vermerkt. Ich sage dir, nur sie kannten die Wahrheit. Vielleicht waren es gar keine Mönche, sondern nur Besucher in Kutten. Alchemisten, Gelehrte, aus allen Religionen und aus aller Welt. Reiche Männer, denen versprochen wurde, den Tod zu besiegen.“

Sven sah sie an und machte eine bittende Bewegung, dass auch er einen Schluck Kaffee haben wollte. „Vielleicht sind sie alle rein, aber nie wieder raus. Ich meine, wer weiß das schon.“

Katja sah zum Fenster. Ein Vogel schoss vorbei, ein scharfer Schatten huschte über die Wand. Draußen war es hell, aber in ihr dämmerte eine Ahnung.

„Wenn es diese Kammern wirklich gab“, sagte sie leise, „dann sind sie vielleicht nie zerstört worden. Nur vergessen. Vergraben. Oder… verborgen. Wann wurde das Kloster zerstört?“

„Im Dreißigjährigen Krieg brannten viele Klöster“, sagte Sven und blätterte weiter im Stapel. „Vor allem die von den Schweden besetzten. Das passt. Unser Kloster soll 1630 zerstört worden sein. Protestanten, vermutlich aus Rache oder aus Angst vor Ketzerei. Aber von unterirdischen Kammern wird nirgends mehr gesprochen. Ab da bricht alles ab.“

Katja nickte. „Eben. Vielleicht wussten die Krieger nichts von den Kammern. Vielleicht wollte man es vergessen. Vielleicht… musste man es vergessen.“

Sie lehnten sich beide zurück. Es war diese Stille nach einer Erkenntnis, die noch keinen Namen hatte. Etwas war da. Sie spürten es. Noch verschwommen, aber da.

Sven wollte gerade etwas sagen, als Katjas Handy vibrierte. Sie griff danach, sah den Namen auf dem Display.

Marit.

Ein stummer Blickwechsel. Sie nahm ab.

„Marit?“

Was sie hörte, ließ die Welt für einen Moment stillstehen.

Katja sagte nur einen Satz:

„Wir kommen sofort.“

Katja ließ das Handy sinken. Sven sah sie fragend an.

„Sina ist weg“, wiederholte sie tonlos.

Sven war sofort auf den Beinen, sein Bein protestierte, doch er ignorierte es. „Was meinst du mit weg?“

„Einfach verschwunden. Marit hat geschlafen, tief und fest, sie ist völlig durch den Wind. Und Sina... das Bett war unberührt. Sie hat wohl auf der Gartenliege geschlafen, meint Marit. Die Terrassentür war offen. Die Frage ist: freiwillig oder…?“

Sven zog sich ohne ein weiteres Wort seine Jacke über. Katja lief in den Flur, warf Sven mit geübtem Schwung seinen Stock zu. So schnell er konnte, lief er hinter ihr her, während sie den Haustürschlüssel griff. Sven schloss ab, während Katja den Wagen anließ.

„Wir fahren direkt zu Marit“, sagte Sven.

Katja nickte. „Ich rufe unterwegs bei der Wache an. Vielleicht haben sie irgendwas gesehen.“

Fast lautlos verschwand ihr BMW um die Ecke.

Vor ihrem Haus flirrte die Luft nun vor Mittagshitze, ein paar Vögel stritten sich lautstark im Fliederbusch.

Im Haus blieb es still.

Durch das weit geöffnete Fenster von Patricks altem Zimmer wehte ein leichter Sommerwind, blähte die seidig weißen Gardinen, als wären sie ein Ballkleid beim Tanz. Der Wind hob sachte ein Blatt Papier an, das auf dem Teppich lag, ließ es taumeln, gerade so, als wollte er prüfen, was hier zurückgeblieben war. Alles war still. Nur das leise Knirschen der Kieselsteine draußen war nicht mehr zu überhören.

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