فصل 21: Alma – Blaubeerkuchen

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In Aelyr kündigt sich nichts an.

Es ist einfach da.

Das Café steht am Rand eines Weges. Jemand hat es mit großer Geduld in die Landschaft gelegt. Nicht gebaut. Nicht geplant. Nur irgendwann begonnen und dann nie wieder aufgehört.

Die Fenster sind beschlagen, obwohl es draußen nicht kalt ist. Drinnen flackert Licht, warm und gelb.

Ich trete ein.

Es riecht nach Butter. Nach Teig. Nach Zucker, der sich irgendwo in einer Pfanne auflöst. Und nach Blaubeeren, süß und dunkel, als hätte jemand den Sommer in Gläser gesperrt und vergessen, ihn wieder freizulassen.

Die Tapete ist blau-lila, mit weißen Streifen. Weder modern noch altbacken. Und überall sind Blaubeeren.

Auf kleinen Bildern an der Wand. Auf Servietten. Auf den Tellern, am Rand ein Muster, das aussieht wie winzige Beeren mit Blättern. Sogar auf den Tassen…, Blaubeeren, die sich wie ein stilles Versprechen um den Rand ziehen.

Hinter dem Tresen steht Eira.

„Alma“, sagt sie. Ihr Blick bleibt ruhig.

Ich gehe an einen Tisch am Fenster. Der Stuhl knarrt leise, als würde er sich erinnern. Ich setze mich und lege die Hände auf die Tischplatte. Das Holz ist glatt. Nicht neu. Nur oft berührt.

Eira stellt mir einen Teller hin.

Ein Stück Blaubeerkuchen. Dick. Goldbraun. Am Rand knusprig. In der Mitte weich. Blaubeeren, so dunkel, dass sie fast schwarz sind, als hätte jemand die Nacht hineingebacken.

Obendrauf sitzt ein Klecks Sahne.

Nicht zu ordentlich. Frisch geschlagen. Genau richtig.

Ich starre darauf, als wäre es ein Zeichen.

„Gibt es auch etwas anderes?“, frage ich.

Eira lächelt nur.

„Nein.“

Natürlich nicht. Was frage ich auch.

Ich nehme die Gabel. Der erste Schnitt geht leicht. Der Kuchen gibt nach, ohne zu zerfallen. Ich hebe ein Stück an, sehe die Blaubeeren darin glänzen, als hätten sie ein eigenes Licht.

Ich esse.

Und für einen Moment ist alles still in mir.

Nicht die Stille, die weh tut. Nicht die, die sich anfühlt wie ein leerer Raum. Sondern eine, die sich wie eine Decke über die Schultern legt.

Eira stellt eine Tasse Kakao vor mich.

Dunkel, dick und duftend. Auf der Oberfläche schwimmt ein Hauch Sahne.

Ich nehme einen Schluck.

Es schmeckt nach Kindheit und Trost und nach etwas, das man sich sonst nicht erlaubt.

„Du hast lange nicht gegessen“, sagt Eira.

Ich öffne die Augen.

„Ich esse doch“, murmele ich.

„Ich meinte richtig“, sagt sie.

Ich sehe wieder auf den Kuchen. Ich nehme noch ein Stück. Langsam. Als müsste ich mir das erst erlauben.

Und dann fällt es mir auf.

Wo ist Lirien?“ frage ich.

Eira sagt erst nichts.

Ich schaue auf den Klecks Sahne, als könnte er mir antworten.

„Die würde das lieben“, murmele ich. „Die würde jetzt schon mit beiden Händen…“

„Sie hat draußen gerade alle Hände voll“, sagt Eira ruhig.

Ich blinzle.

„Womit?“

Eira wischt weiter, als wäre das eine ganz normale Antwort.

„Mit denen, die sich verlaufen haben“, sagt sie nur.

Ich breche ab, weil ich plötzlich merke, wie leer der Platz neben mir ist.

Die anderen Tische sind auch leer. Stühle stehen ordentlich untergeschoben, als hätten sich Menschen eben erst erhoben und wären gegangen, ohne ihre Wärme mitzunehmen. Auf manchen Tischplatten liegt noch ein Hauch von Licht, aber kein Schatten, der dazu gehört.

Es ist, als wäre dieses Café nur für mich da.

Oder als habe Aelyr beschlossen, dass heute niemand zuschaut, wenn mir etwas fehlt.

Draußen ziehen Menschen vorbei. Oder Wesen. Oder Erinnerungen. In Aelyr ist das manchmal dasselbe. Sie gehen nicht hastig. Niemand rennt. Niemand telefoniert. Niemand schaut auf die Uhr.

Ich habe hier noch nie eine Uhr gesehen.

Eira kommt nicht wieder, um zu fragen, ob es schmeckt. Sie kommt nicht, um mir etwas aufzudrängen. Sie ist einfach da, hinter dem Tresen, und wischt mit einem Tuch über eine Stelle, die längst sauber ist.

Wie jemand, der warten kann.

Ich esse weiter.

Und während ich esse, kommt dieses Ziehen.

Ganz leise.

Nicht im Bauch. Nicht im Herzen. Eher irgendwo hinter den Rippen, dort, wo man manchmal spürt, dass etwas fehlt, obwohl man nicht sagen kann, was.

Ich halte inne.

Der nächste Bissen bleibt auf der Gabel hängen.

Draußen auf dem Weg bleibt ein Mann stehen. Er trägt eine hellgrüne Latzhose und ein rot kariertes Hemd. Seine Haare sind grau, dicht, und am Hinterkopf schimmert eine kleine runde kahle Stelle, die so alltäglich ist, dass sie fast zärtlich wirkt.

Sein Rücken ist mir zugewandt. Die Schultern gerade. Der Kopf leicht geneigt, als würde er etwas hören, das sonst niemand hört.

Ich kenne diese Haltung.

Ich kenne sie so gut, dass mir die Hand zittert.

„Edward!“ Ich höre mich selbst wimmern.

Er dreht sich nicht um.

Von der anderen Seite kommt eine Frau auf ihn zu. Mitte dreißig vielleicht. Ihr Gang ist leicht, als hätte sie es nie eilig gehabt. Sie trägt eine Bluse mit Schulterpolstern, als habe sie einen Kleiderbügel verschluckt, der ihr die Form vorgibt. Der Stoff ist glänzendes Satin, gold-schwarz gestreift, und er fängt das Licht bei jeder Bewegung ein, als würde er selbst leuchten wollen. Dazu eine cremefarbene Bundhose, sauber, hoch sitzend, als hätte sie sich für jemanden angezogen, den sie nicht enttäuschen will.

Ihr langes blondes, dauergewelltes Haar fällt ihr über die Schultern und glitzert im Sonnenlicht, als lägen winzige Kristalle darin, die bei jeder Bewegung aufflammen.

Ich sehe sie.

Und mein Atem bleibt hängen.

„Rose“, flüstere ich.

Er sieht sie.

Und plötzlich verändert sich alles an ihm.

Nicht groß.

Nur so, wie sich ein Mensch verändert, wenn etwas Vertrautes auf ihn zukommt.

Er breitet die Arme aus.

Sie lacht, ohne den Mund zu bedecken, ohne sich zu bremsen, und läuft direkt in ihn hinein.

Er fängt sie auf, er hat auf sie gewartet.

Sie umarmen sich. Ganz selbstverständlich. Ganz warm. Kein Zögern.

Die Welt scheint leicht.

Und ich sitze nicht mehr.

Ich weiß nicht einmal, wie ich aufstehe.

Der Stuhl kippt zurück, schabt über den Boden, und irgendwo hinter mir klirrt eine Tasse, aber ich höre es kaum. Ich stoße die Tür auf und laufe hinaus, so schnell ich kann, als könnte Geschwindigkeit etwas retten.

Draußen ist die Luft anders.

Nicht weich.

Unruhig.

Der Weg ist plötzlich breiter. Und lauter.

Autos fahren vorbei, kantig und alt, in Farben, die ich lange nicht gesehen habe. Ein Motor röhrt auf, zu laut, zu stolz. Ein anderes Auto knattert, als hätte es sich verschluckt. Musik dringt aus einem offenen Fenster, ein Rhythmus, der nach Flucht klingt.

Menschen ziehen an mir vorbei.

Einige sind herausgeputzt, in Kostümen und Anzügen, in neonfarbenen Jogginganzügen mit Stirnbänder und junge Frauen in kurzen Hosen auf Rollschuhen. Sie hasten durch die Straße. Ihre Schuhe klacken und surren und machen aus jedem Schritt eine kleine Behauptung.

Andere sehen sich um. Sie wirken verloren und fehl am Platz.

Junge Frauen in zerrissen Strumpfhosen, Röcke die nur von Sicherheitsnadeln, gehalten wurden. Grelle Farben, die in die Landschaft schreien, ohne dass sie den Mund aufmachen müssen. Haare in Tönen, die es in der Natur nicht gibt. Lippen, die glänzen wie Lack.

Männer mit zu viel Schmuck, langen Ohrringen, schwarzem Kajal, als hätten sie sich selbst in eine andere Gestalt gemalt. Zu laut, zu dünn, zu leer in den Augen.

Sie laufen nicht wie Menschen, die wissen, wohin.

Sie treiben.

Und zwischen ihnen sind welche, die nicht mehr laufen.

Ein Junge sitzt am Rand des Weges, die Beine angewinkelt, der Kopf zu schwer für seinen Hals. Neben ihm liegt eine Jacke, als hätte sie jemand abgeworfen, weil sie plötzlich nicht mehr passte.

Ein Hund steht bei ihm.

Alt. Mit trüben Augen, aber wach. Er leckt dem Jungen immer wieder die Hand. Mit jeder Bewegung versucht er, ihn zurückzuholen.

Über dem Jungen schweben zwei Feen. Eine hält ihre Hände über seine Stirn, ohne ihn zu berühren. Die andere zieht an einem Faden aus Licht, der aus dem Nichts zu kommen scheint, als würde sie versuchen, ihn festzubinden, damit er nicht wegdriftet.

Ein paar Schritte weiter liegt ein Mädchen im Gras auf der Seite, die Haare über dem Gesicht. Neben ihr kniet ein Elf, die Schultern gesenkt, die Stirn dicht über ihrem Atem. Hinter ihm stehen drei weitere, wie eine kleine stille Wache, und jeder von ihnen hält etwas anderes in den Händen: einen Tropfen Wasser, eine winzige Flamme, ein Blatt, das nicht verwelkt.

Zwischen den Menschen laufen Feen über den Boden, nicht höher als ein Handteller. Sie sammeln Dinge auf, die niemand mehr bemerkt: ein verlorenes Haargummi, eine kaputte Kette, einen einzelnen Schuh. Sie legen es neben die Körper. Offenbar glauben sie, dass alles, was zu einem Menschen gehört, bei ihm bleiben muss.

Ein Elf kniet neben einem Mann, der ins Leere starrt. Er sagt nichts. Er legt ihm immer wieder die Hand auf die Schulter. Mehr bleibt ihm nicht. Nur diese Berührung.

Und überall, zwischen Neon und Lärm, zwischen Musik und Motoren, flackern kleine Elfen und Feenlichter auf. Kurz, unstet, wie Atem.

Es ist kein Fest hier. Es ist ein Auffangen.

Ich sehe Lirien.

Sie ist nicht bei mir. Sie hat keinen Blick für mich, sie ist dort draußen, mitten in allem. Sie fliegt tief, fast auf Augenhöhe, ihr Gesicht ungewohnt ernst. Sie berührt niemanden, und doch ist sie überall, zieht an unsichtbaren Fäden, stößt einen Hund sanft an, dass er bei dem Jungen bleibt, lenkt eine Fee zu dem Mädchen, hebt eine Hand, wehrt etwas ab, das ich nicht sehen kann.

Sie merkt nicht einmal, dass ich sie suche.

Ich laufe weiter.

Ich suche.

Edward.

Rose.

Ich sehe nur Rücken. Gesichter. Farben. Schatten.

Aber Rose ist nicht da.

Edward ist nicht da.

Es ist, als hätte Aelyr sie mir gezeigt und dann wieder eingezogen, wie eine Hand, die sich schließt.

„Nein“, flüstere ich, und meine Stimme klingt wie jemand anders. „Nein, ich hab euch gesehen.“

Ich bleibe stehen, mitten auf dem Weg, als könnte ich ihn damit zwingen, mir eine Antwort zu geben.

Mein Herz schlägt zu schnell.

Meine Hände sind kalt.

Und plötzlich ist hinter mir wieder diese Ruhe.

Als hätte jemand eine Decke über den Lärm gelegt.

„Alma.“

Eiras Stimme.

Ich drehe mich um.

Sie steht da, als wäre sie schon die ganze Zeit da gewesen. Nicht atemlos. Nicht überrascht. Nur… da.

„Ich hab sie gesehen“, sage ich, und es klingt wie Trotz. Oder Verzweiflung. Vielleicht auch beides. „Ich hab Edward gesehen. Und Rose.“

Eira nickt.

Einmal.

Langsam.

„Ja“, sagt sie. „Das hast du.“

Ich starre sie an.

„Wo sind sie hin?“ frage ich.

Eira tritt einen Schritt näher, aber sie fasst mich nicht an.

„Sie sind hier“, sagt sie.

Und dann, leiser:

„Du bist nur noch nicht da.“

Ich schlucke.

Der Lärm um uns herum ist plötzlich wieder da. Autos. Stimmen. Musik. Schritte. Aber ich höre nur Eira.

„Was heißt das?“ flüstere ich.

Eira sieht mich an, und in ihrem Blick liegt nichts Hartes.

Nur Wahrheit.

„Komm, lass uns wieder ins Café zurück. Iss deinen Kuchen“, sagt sie leise. „Trink deinen Kakao.“

Ich will protestieren.

Ich will rennen.

Ich will schreien.

Aber meine Beine fühlen sich an, als hätten sie plötzlich beschlossen, schwer zu werden.

Eira wendet sich um.

Und ich folge ihr.

Zurück in das Café, in die blau-lila Tapete, in die Blaubeeren an den Tassen, in den Klecks Sahne, der noch immer wartet.

Als wäre nichts passiert.

Als wäre alles passiert.

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