فصل 28: Noah – Schule

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Der Regen hängt noch in der Luft.

Die Schule riecht nach nassen Jacken und Reinigungsmittel.

Ich höre Stimmen, die zu nah aneinander vorbeigehen.

Alles ist in Bewegung, aber nichts kommt wirklich voran.

Mike redet, seit wir durch das Tor gekommen sind.

„Ich sag ja nicht, dass ich schuld bin“, sagt er, während wir den Flur entlanggehen, „aber Mara hat mir wirklich eine Ohrlasche verpasst. So richtig. Mit Schwung.“

Ich nicke. Zu spät.

„Nicht wegen Schottland an sich“, fährt er fort. „Also doch, schon auch. Aber mehr wegen der Tatsache, dass sie’s nicht von mir erfahren hat. Sondern von meiner Mutter.“

Er bleibt kurz stehen, zwingt mich fast, das auch zu tun.

„Meine Mutter, Noah. Meine Mutter.“

Ich sehe ihn an.

„Das ist mutig.“

„Das ist tödlich“, korrigiert er. „Und dann steht Mara da, verschränkt die Arme und sagt: Wenn wir eine Beziehung führen wollen, dann erwarte ich Ehrlichkeit.“

Er imitiert ihre Stimme erschreckend gut.

Ich atme aus.

Lina ist da.

Nicht bei mir.

Aber in meinem Blickfeld.

Sie steht an ihrem Spind.

Ein Junge steht neben ihr.

Silberblonde Haare, durchzogen von einer dünnen schwarzen Strähne,

als hätte die Nacht selbst eine Spur darin hinterlassen.

Zu sicher für jemanden, der heute zum ersten Mal hier ist.

Tharun!

Scheinbar sieht er gut aus.

Zu gut.

Ich merke es an den Blicken der anderen Mädchen.

An dem leisen Tuscheln.

Daran, wie sie näher rücken, als hätten sie plötzlich alle etwas Wichtiges an Linas Spind zu erledigen.

Sie lachen zu laut.

Stellen Fragen, die sie nicht interessieren.

Suchen ihre Nähe, aber nicht ihretwegen.

Er beachtet sie kaum.

Sein Blick bleibt bei Lina.

Unverschämt ruhig.

Als hätte er sie schon gewählt.

Lina hört zu.

Zu nah.

Zu entspannt.

„Ich meine“, redet Mike weiter, „was hätte ich denn sagen sollen? Hey Schatz, ich mach kurz ’nen Abstecher in die Highlands, keine Ahnung, wann ich zurück bin, vielleicht sterbe ich, bring Milch mit?“

Ich höre die Worte, aber ihn höre ich nicht.

Tharun beugt sich leicht zu Lina, flüstert ihr etwas ins Ohr. Lächelt sie an, seine Augen sprechen eine Sprache, die mir gar nicht gefällt.

Sie lehnt sich nicht weg.

Aber sie geht auch nicht näher ran.

Das reicht, um mir den Magen zusammenzuziehen.

„Noah?“

Mike schnipst mit den Fingern vor meinem Gesicht.

„Hallo? Erde an Problemzone.“

„Sorry“, sage ich.

„Du bist schon wieder weg“, sagt er. „Und ich rede hier von emotionaler Gewalt.“

„Du übertreibst.“

„Absolut“, sagt er. „Aber mit Recht.“

Madleen!

Ich spüre ihr Herz, bevor ich sie sehe. Es schlägt wütend, schmerzvoll, und voller Ego.

Sie taucht auf wie ein Modell auf einem Laufsteg bahnt sie sich den Weg zu mir. Jeans, kurzes Oberteil, bauchfrei mit Piercing. Sie ist klein und eher zierlich, aber die High Heels, die sie so sicher trägt, wie andere Pantoffeln, verleihen ihr eine erstaunliche Größe.

Wie immer in letzter Zeit, kommt sie im falschen Moment.

„Hey“, sagt sie.

Ihr Blick wandert von mir zu Mike, dann weiter.

Bleibt kurz an Lina hängen.

Und an Tharun.

Ich sehe es ihr an.

Sie merkt es.

„Hey“, sage ich.

Das Wort hängt zwischen uns.

Zu kurz für alles, was ich sagen müsste.

Ihr Haar ist dunkler vom Regen.

Offen und immer noch wild.

Ihr bauchfreies Shirt sitzt eng, zu eng für einen Montagmorgen, als müsste man sehen, dass sie da ist.

Sie bleibt kurz stehen.

Sieht Lina.

Sieht den Jungen.

Dann mich.

Ohne zu zögern, schlingt sie ihre Arme um meinen Hals und küsst mich.

Nicht vorsichtig oder fragend, sondern mit unangebrachter Leidenschaft, die sagt: du gehörst mir!

Lina wird blass.

Es kracht und Bücher fallen zu Boden.

Lina!

Tharun erkennt den Augenblick als richtigen Moment und hilft ihr die Bücher aufzuheben, sein Kopf nah an ihrem, seine Hände berühren nicht nur die Bücher.

Ich brenne, klammere mich an Kontrolle, während mir vom Zusammenbeißen der Zähne ein dumpfer Schmerz durch den Kiefer zieht.

Madleen sieht es, Tharun auch. Er kommt hoch, seine Augen werden schmal.

_‚Sei vorsichtig‘,_hatte Eamon gesagt. ‚Tharun ist schlau, man sagt, er wird eines Tages stärker als sein Vater. Er riecht einen Hybriden schon meilenweit gegen den Wind!‘

Mein Faden reißt.

Ich löse mich von Madleen.

„Madleen“, sage ich scharf, „kapierst du eigentlich gar nichts?“

Sie starrt mich an.

Meine Stimme ist laut

Tharuns Blick bleibt an mir hängen, während er ein Mädchen antippt, das vorbeigeht.

„Seit über einer Woche geh ich dir aus dem Weg“, fahre ich fort.

„Ich antworte auf keine Nachricht. Ich schreibe dich nicht mehr an. Ich melde mich nicht.“

Meine Stimme ist laut, zu laut.

Es ist mir egal.

Tharun flüstert dem Mädchen etwas zu, deutet auf mich.

„Das ist Noah“, sagt das Mädchen.

Er nickt kaum merklich.

„Und jetzt sag ich’s dir ganz offiziell: Lass mich in Ruhe. Ich will nicht mehr.“

Ich fühle, wie Scham ihr Ego überdeckt.

Starr wie eine Schaufensterpuppe schaut sie mich an, bis sie grell auflacht.

„Das ist alles wegen der da“, sagt Madleen laut und zeigt auf Lina.

Der Flur hält den Atem an.

Lina richtet sich auf.

Nicht langsam.

Nicht beherrscht.

Wütend.

„Vielleicht“, sagt Lina, ihre Stimme schneidet heiser durch den Raum, „hat er einfach keinen Bock mehr auf so eine Plastiktussi.“

Ein Keuchen, prusten und Gelächter.

„Falsche Wimpern“, fährt Lina fort, „aufgesetztes Lächeln und wer weiß, was an dir sonst noch alles nicht echt ist.“

Ihr Blick fällt unverhohlen auf Madleens bauchfreies Shirt, das gerade mal ihre Brüste verdeckt und bleibt dort einen Herzschlag zu lang.

Ein paar Mädchen kichern.

Schadenfroh und schrill. Ich fühle eine Welle der Genugtuung unter den Schülerinnen.

Ich greife nach meinem Handy schicke ihr eine Nachricht. Das muss aufhören, sofort!

Kontrolle!

Der Flur schließt sich.

Ein Ring entsteht. Wir vier in der Mitte.

Lina schaut kurz auf ihr Display und tippt schnell.

LINA

Sagt der Richtige

Sie steckt ihr Handy in die Hosentasche, drückt Tharun, der sichtlich Freude an der Situation hat, ihre Bücher in die Hand.

Ich sehe in ihren sonst so sanften smaragdgrünen Augen einen Ausdruck, der mir bei ihr fremd ist.

Kampflust!

Madleen geht dicht an Lina heran.

Zu dicht.

„Wenn du willst“, zischt sie, „können wir das draußen klären.“

„Das können wir auch hier klären…“

Der Flur bebt.

Einige johlen, andere rufen.

„Lina!... Lina! … Lina!“

Mike ist sofort da.

„Schluss jetzt“, sagt er. „Heute ist kein guter Tag für Mord und Totschlag“

Sharon kommt hinzu und greift nach Madleens Arm.

„Jetzt. Beide. Wegtreten.“

Noch einen Moment lang wirkt es, als würde Madleen trotzdem losspringen.

Dann lässt sie es.

Der Ring bleibt.

Alle warten.

Tharun ist unbemerkt zu mir getreten, seine Augen dunkel. Der Geruch von Asche und Blut umkreist uns, hält uns fest, als hätte der Raum selbst beschlossen, näher zu rücken.

„Du bist also Noah“, sagt er ruhig.

Seine Stimme kalt und überlegen.

Ich sehe ihn an.

„Ich weiß jetzt, wer du bist“, fährt er fort, sein Blick heftet sich an mein Tattoo am Hals, „aber was bist du? Jedenfalls ganz sicher kein Mensch.“

Sein Lächeln ist kurz und berechnend.

„Mein Vater wird sich freuen.“

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