فصل 9: Noah – Mutter

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„Ich bin ein was? Ein Hybrid?“

Seit einer halben Stunde versucht mein Vater mir umständlich zu erklären, was es mit dem Brief auf sich und wer oder was ich sein soll.

Ich starre meinen Vater an und kann mir ein Lachen nicht verkneifen. Es kommt mir selbst fremd vor. Zu laut. Zu scharf.

„Ich habe ja schon viel Unsinn gehört“, sage ich. Warum fällt mir ausgerechnet jetzt Mike ein. „Aber das ist die Krönung.“

Mein Vater reagiert nicht sofort.

Er sitzt in dem alten Ohrensessel am Fenster, meiner mir unbekannten Großmutter. Blauer Samt, an den Kanten ausgeblichen, die Armlehnen weich vom jahrelangen Gebrauch. Seine Hände liegen ruhig auf den Lehnen, als hätte er sie dort fest verankert.

Ich sitze ihm gegenüber auf dem Sofa. Zu weit weg. Zu nah.

Kurzfristig legt sich ein Schatten über sein Gesicht, sein Herz pocht schwer. Ich spüre, wie er sich bemüht seine Gefühle zu kontrollieren. Im Gegensatz zu mir.

„Du bist ein Hybrid. Ob es dir gefällt oder nicht“, sagt er schließlich. Ruhig. Zu ruhig. „Und du bist mein Sohn.“

„Das erklärt jetzt exakt gar nichts“, murmele ich. „Hybrid, klingt nach Science-Fiction. Oder nach etwas, das vier Räder hat und in unserer Garage steht.“

Er hebt leicht den Kopf. Sieht mich an.

„Du stammst vom Stamm der Valeryn.“

Der Name hängt einen Moment zwischen uns.

Sagt mir nichts. Und gleichzeitig alles. Es ist keine Lüge in seinem Herzen. Entweder er hat Recht oder er glaubt wirklich das, was er da von sich gibt.

„Und die wären…?“ frage ich.

„Hüter des Universums “, sagt er. „So wie alle anderen Stämme auch. Jeder Stamm hat eine eigene Aufgabe und eigene Begabungen. Der Stamm der Valeryn kann Herzen hören und Gefühle verstehen. Genau wie du, Noah.“

Ok, das macht Sinn. Aber durch mich fließt Blut, kein Zaubertrank oder so. Ich kann auch nicht fliegen, besuche keine Zauberschule oder laufe durch Wände.

Ich lehne mich zurück, fahre mir durch die Haare. Mein Blick wandert zurück dem Umschlag, der jetzt auf dem Tisch liegt.

„Der Brief“, sage ich langsam. „Der war von dir.“

Er nickt.

„Nicht von ihr“, sage ich. „Von dir.“

„Ja.“

„Du hast ihn geschrieben“, wiederhole ich. „Nicht meine Mutter.“

„Weil sie es so wollte.“

Jetzt lache ich nicht mehr.

„Und warum wollte sie das?“ Meine Stimme wird leise, Aggression steigt in mir hoch. „Eine Mutter, die ihr Kind liebt, würde ihrem Kind doch wohl selbst schreiben wollen, oder konnte sie nicht schreiben? Ich meine, das mit der Kindererziehung hat ja auch nicht so funktioniert.“

Mein Vater schließt kurz die Augen. Atmet ein. Wieder aus.

„Deine Mutter hat mich drei Tage lang vorbereitet“, sagt er resigniert. „Auf alles, was ich dir heute sage. Und auf alles, was sie und ich hofften, dir nie sagen oder erklären zu müssen.“

„Und das war der Plan?“ frage ich. „Mich achtzehn Jahre oder noch länger im Dunkeln zu lassen?“

„Nein“, sagt er ruhig. „Unser Plan war, dich am Leben zu halten.“

Ich schlucke.

„Die Valeryn konnten genau wie du Herzen hören“, fährt er fort. „Gefühle spüren. Nicht nur erahnen, wirklich hören. Wie Stimmen. Wie Strömungen. Du weißt wohl am besten, wovon ich spreche.“

Unwillkürlich denke ich an das Brennen auf meiner Brust. Und an die Stille im Herzen bei der Neuen.

„Und einer von ihnen“, erzählte mein Vater weiter, „hat etwas getan, das nicht zu entschuldigen war.“

Ich sehe ihn an.

„Was genau?“

Er zögert.

„Er war Großmeister, das bedeutet er war der Anführer, des Stamms. Seine Frau, ein Mensch, verließ ihn. Für einen anderen Mann, ebenfalls ein Mensch.“

Ich ziehe die Stirn kraus. „Kommt vor.“

„Ja, aber aus Wut, aus Eifersucht oder gekränkter Eitelkeit“, sagt mein Vater leise, „hat er in die Gefühlswelt dieses Mannes eingegriffen. Eigenmächtig. Ohne Zustimmung der Stämme“

Ich spüre, wie mir kalt wird.

„Er hat ihn regelrecht gebrochen“, sagt mein Vater. „Wahnsinnig gemacht. Der Mann tötete zuerst die Frau. Dann sich selbst.“

„Oh wow!“

„Das stand einem Valeryn nicht zu“, sagt mein Vater. „Gefühle zu beeinflussen ist nur dem Stamm der Eirelan erlaubt. Und selbst sie dürfen es nur mit Zustimmung aller anderen Stämme.“

Ich starre auf den Boden.

„Und deswegen…?“

„Deswegen entschieden die Mor’kels, dass der gesamte Stamm der Valeryn ausgelöscht wird.“

Ich sehe auf.

„Alle?“

Er nickt. „Alle, ausnahmslos. Frauen, Männer, Kinder, alle. Als Warnung, an alle anderen Stämme, dass der Eingriff in den natürlichen Rhythmus des Universums niemals wieder geschieht. Die Macht eines Hybriden ist groß, die Kraft enorm. Aber ihr alle habt euch zu disziplinieren und müsst dem gesamten Universum dienen.“

„Und meine Mutter?“ frage ich heiser. „Lebt sie noch?“

Er schüttelt langsam den Kopf.

„Ich weiß nicht, ob sie noch lebt.“

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals.

„Sie hat jede Verbindung gekappt“, fährt er fort. „Alle Energie. Zwischen ihr und mir. Zwischen ihr und dir.“

Ich lache kurz auf. Bitter.

„Sehr fürsorglich.“

„Es war der einzige Weg“, sagt er. „Hätte sie auch nur einen Funken ihrer Energie bei dir gelassen, hätten die Mor’kels deine Spur aufnehmen können. Das ist der Grund, warum wir beschlossen haben, dir zu sagen, sie hätte uns im Stich gelassen und warum du dir kein Bild von ihr machen kannst. “

Ich presse die Lippen zusammen.

„Deshalb hast du den Brief geschrieben und nicht sie“, langsam fange ich an zu verstehen.

Er nickt.

„Als du und ich in die USA zurückkehrten, habe ich alles, was sie je berührt hat, weggeworfen. Wir mussten zu deinem Schutz komplett neu anfangen und frei sein. Frei von ihrer Energie und ihren Emotionen.“

Ich denke an all die Male, in denen ich mir als Kind gewünscht habe, eine Mutter zu haben.

„Hat ja funktioniert“, murmele ich.

Mein Vater sieht mich lange an.

„Wie bei allen Hybriden ist dein Körper menschlich, dein Geist und dein Herz magisch“, seine Stimme klang traurig und ich spürte den Felsbrocken auf seinem Herz. „Wir wollten, dass du die Chance bekommst, wie ein ganz normaler Mensch aufzuwachsen. Ohne Wissen. Ohne Last.“

„Und das mit dem Herzen hören?“ frage ich. „Hast du mir deshalb immer gesagt, ich soll mit niemandem darüber reden?“

Er nickt. „Und du hast es trotzdem getan.“

Ich seufze.

„Mike weiß es.“

Der Schatten zieht erneut über sein Gesicht, bevor er sich wieder sammelt.

„Dann hoffen wir, dass er schweigen kann.“

Ich schlucke.

„Die Male“, sagt mein Vater schließlich. „Die Zeichen auf deiner Haut, am Hals, auf der Brust und am linken Arm. Die stammen von deiner Mutter. Es ist gut, dass du sie hast tätowieren lassen.“

Unwillkürlich lege ich die Hand auf meine Brust. „Und warum leuchte ich wie ein Weihnachtsbaum und warum brennt es auf der Brust?“

„Sie sagte mir“, fährt er fort, „ich müsse auf zwei Dinge in deinem Leben besonders achten.“

Ich sehe ihn an.

„Erstens: Du darfst dich niemals in ein hybrides Mädchen verlieben.“

Mein Magen zieht sich zusammen.

„Hybride dürfen nur Menschen lieben“, sagt er. „Küssen. Nähe. Alles andere ist gefährlich. Die Macht eines Kindes zweier Hybriden wäre zu groß, falls die Mutter die Geburt eines solchen Kindes überhaupt überlebt.“

„Und zweitens?“

Er sieht mich fest an.

„Wenn deine Male jemals leuchten, dann sei die magische Resonanz geweckt. Wenn eines von beidem geschieht, muss ich den Brief hervorholen und dir reinen Wein einschenken.“

Mir wird schwindlig.

„Sie meinte, die Liebe zweie Hybriden könne wohl so starke Kräfte entfachen, und erst recht die ihrer Kinder, dass die natürliche Erdschwingung außer Kontrolle geraten und dass selbst die Mor’kels sie nicht mehr aufhalten könnten.“

Ich denke an heute.

An das Brennen.

An den Moment, als alles aus dem Gleichgewicht geriet. An das wunderschöne Mädchen mit den smaragdfarbenen Augen neben mir, dass keine Luft mehr bekam. Bei dem Gedanken an sie, flirrt es in meinem Magen

„Dad“, sage ich langsam. „Ich glaube…“

Er hebt die Hand. „Sprich es bitte nicht aus. Wir haben eh schon genug und vielleicht sogar schon viel zu viel gesprochen. “ Er wirkt plötzlich sehr müde. “Wir finden eine Lösung, mein Junge. Wir müssen!“

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