فصل 22: Kapitel 21

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Es riecht scharf. Nicht nach Feuer oder altem Urin, sondern nach einem Trank, den Bruder Fidelis in seiner Truhe aufbewahrte. Damals hat er ihn auf offene Wunden geträufelt. Ein einziger Tropfen, und die Luft war voller Bitterkeit. Aber hier … hier ist kein Leben darin. Kein Kraut. Kein Atem. Nur ein kalter, fremder Geruch, der alles Reine vertreibt und alles, was man nicht sehen kann.

Ich sitze still, während Marit mit der Frau diskutiert. Streng ist sie, mit einer Stimme wie altes Eisen. Sie spricht nicht, sie bellt, wie Tara, Alinas Hündin, wenn sie etwas wollte. Selbstbewusst und bestimmend. Ich verstehe nicht alles, was sie sagt, aber es klingt wie Hiebe.

„Ohne gültige Versicherung? Da können wir Sie nicht aufnehmen. Regeln sind Regeln.“

Die Worte sind mir fremd. Nicht alle, aber ich erkenne den Tonfall. Ich kenne ihn. Aus einer anderen Zeit. Die Frau des Dorfschusters stand oft keifend am Brunnen. Ihre Wangen, rot vor Ärger und ihre Lippen, die nie ein gutes Wort kannten, bewegten sich fast unentwegt. Dieselbe Energie, dieselbe Kälte.

Ich ziehe die Schultern ein, kaum merklich. Das Licht in dieser Halle ist mir zu hell. Alles ist aus Glas und aus dem Silberzeug. Ich sehe kein Holz, kein Feuer. Kein Schatten. Ich begreife wenig. Den Inhalt der Wörter nicht. Die Geräte nicht. Nicht einmal das Licht, das nicht von einer Kerze stammt. Wie kann man so leben?

Diese Dinge haben keine Namen in meinem Kopf. Nur Formen. Geräusche. Bewegungen. Manches erinnert mich an früher. Anderes entgleitet mir, wie Wasser zwischen den Fingern.

Aber ich gewöhne mich daran. Daran, zu staunen. Daran, zu akzeptieren, dass ich vieles nicht begreifen kann.

Und vielleicht, so denke ich manchmal, ist genau das das Seltsamste: Dass mein Geist sich nicht dagegen wehrt. Dass er sich biegen lässt. Als hätte er schon einmal gelernt, Dinge aufzunehmen, die nicht aus dieser Welt stammen.

Ein Arzt kommt. Es muss ein Arzt sein, Ärzte haben immer diesen schnellen Schritt und diesen selbstbewussten Gang. Das war früher nicht anders. Er spricht mit der eisernen Frau, kurz und bestimmt. Er wendet sich Marit zu.

„Frau Nyborg? Wir erwarten Sie. Ihre Begleitung ist vorgemerkt. Kommen Sie bitte mit.“

Die unfreundliche Frau blinzelt überrascht. Ich sehe es. Ich sehe auch, wie Marit innerlich aufatmet. Ihre Hand legt sich sacht an meinen Rücken.

Alles ist geregelt, ohne dass ich es verstehe. Aber mir gefällt es hier nicht.

Die Luft riecht nach nichts. Nicht nach Erde. Nicht nach Feuer. Nicht nach Leben. Nur nach einer Reinheit, die in der Nase schmerzt.

Wir steigen Treppen hinauf. Stockwerk um Stockwerk. Glas, Stein, eine silberfarbene Stange umrahmt auf der rechten Seite die Treppe. Die Wände glänzen wie feuchte Schieferplatten. Unsere Schritte hallen auf dem Boden.

Marit keucht hinter mir. „Diese … vielen Stufen … wir hätten auch einen Aufzug nehmen können …“, murmelt sie mehr zu sich selbst. Ihre Hand ruht schwer an dieser Treppenstange, ihre Stirn glänzt vom Aufstieg.

Ich drehe mich nicht um. Aber ich erkenne anhand des Klangs ihrer Stimme, ihre Erschöpfung, Müdigkeit und Körperlast. Vielleicht Alter. Oder von allem etwas.

In meinem eigenen Körper spüre ich davon nichts. Nur dieses seltsame Schweben. Als wäre ich nicht ganz aus Fleisch gemacht.

Der Arzt dreht sich auf der letzten Stufe zu mir um. Klarer Blick. Helle Hände. „Dr. Preuß. Ich begleite Sie“, sagt er. „Wir starten mit einer Bildgebung. MRT vom Schädel. Dann sehen wir weiter.“

Ich verstehe kein Wort. Aber er spricht freundlich. Vor uns scheint mir eine durchsichtige Wand zu sein, besser gesagt, es sind zwei Wände gegeneinandergepresst, ich vermute sie sind aus dem gleichen Glas wie Marits Fenster. Aber diese hier zeigen mir nicht die Welt nach draußen, sondern in einen Raum, in dem ein paar Menschen hin und her laufen, wie Waldameisen. Alle tragen weiße Beinkleidung und hellblaue Hemdchen.

Der Arzt muss ein mächtiger Mann sein, hier im Haus. Kaum tritt er an der Glaswand, verschwinden die Wände einfach nach rechts und nach links lautlos, wie von Geisterhand. Marit und ich folgen ihm, und wir gehen durch eine weiße Tür mit einer Zahl darauf. Ich betrete einen kleinen Raum, er ist fast leer.

In der Mitte steht etwas, ein Riese aus Licht und Metall mit einem gähnenden Schlund. Vielleicht ein Ofen ohne Feuer? Ist es etwas, das mich verschlingt oder das Schmerzen macht. Seltsam, trotz dieser Gedanken fürchte ich mich nicht. Nicht mehr.

Eine der Frauen mit den weißen Hosen und den hellblauen Oberteilen reicht mir eine Haube, ein seltsames Ding, durchsichtig und weich, mit Bändern und Punkten. Ich setze es auf. Der Stoff schmiegt sich an meine Stirn, drückt leicht. Nicht schmerzhaft, nur spürbar.

„Das hilft uns, die Bewegungen des Kopfes zu erfassen. Legen Sie sich einfach hierhin. Ganz ruhig bleiben, bitte.“

Die Bahre ist schmal. Kalt. Ein Ruck, und ich gleite hinein, nur ein ganz kleines bisschen.

Ein leises Summen, ein metallisches Klicken. Ich schließe die Augen.

Ich weiß nicht, was ich sehen werde. Aber ich weiß, dass etwas zurückkommen wird. „Das ist das Loch“, denke ich. „Oder der Schlund. Oder das Auge.“ Mich überrascht in dieser Welt nichts mehr.

Ich spüre, wie die Haube meinen Kopf presst, nicht schmerzhaft. Nur fremd.

„Sie bleiben einfach ganz ruhig liegen“, höre ich eine Stimme. „Ich lasse Sie jetzt alleine und wir schieben Sie auf der Liege weiter hinein. Es ruckelt ein bisschen. Und Sie hören ein Hämmern, das ist normal. Keine Angst. Nicht bewegen.“

Ich nicke. Ich habe keine Angst. Nicht vor Licht aus der Decke, nicht vor unbekanntem Hämmern und nicht vor Metall.

Das Summen beginnt erneut. Ein Klicken. Ich schließe die Augen. Und wieder ein Ruckeln und es zieht mich in den Schlund.

Das Geräusch ist gleichmäßig. Tatsächlich, ein Hammer, fern auf Stein. Gefolgt von einem Moment der Stille. Und dann wieder dieses Rumpeln, das durch Mark und Knochen geht.

Ich verliere das Gefühl für oben und unten. Nur mein Herz schlägt, in der falschen Zeit und im falschen Körper.

Ich lasse mich wieder zurückfallen in eine Erinnerung, da wo ich eigentlich hingehöre.

Zuerst war da der Wein. Matthes hatte ihn mitgebracht. Er war schwer, rot und fremd. Nicht wie der, den Bruder Fidelis sonst zum Essen dazu stellte. Der Krug war verziert mit einem Zeichen, das ich zuvor noch nie gesehen habe. Zwei Kreise, ein Baum, ein Auge, ein Stern mit einem Schweif.

„Ein Geschenk von den Brüdern“, sagte Matthes und wich meinem Blick aus.

Bruder Fidelis! Sein Gang war schwer geworden in letzter Zeit. Die Schmerzen haben zugenommen, meinte er. Ich gab ihm Salbe mit Wacholder und Beinwell, doch er lächelte kaum noch.

Früher war es anders. Da erzählte er Alina lustige Geschichten. Und lehrte sie die Schriftzeichen, heimlich auf Stoff gemalt. Alina saugte sie auf, wie andere Kinder den Morgensegen.

Sie lachte dann. Und der Mönch lachte mit. Es war ihr Geheimnis. Unverraten. Bis zuletzt.

Im Winter kamen die vielen stillen Abende.

Das Licht senkte sich wie eine Hand übers Haus. Der Rauch wurde flach an die Wände gedrückt vom Wind. Wir saßen zu dritt in der Kammer.

Matthes, müde vom Meer, Salz in den Haaren. Alina mit glänzenden Augen. Und ich, mit einem Herzen voller Staunen.

Mein Kind, mein Fleisch, saß da mit einem Kohlestift in der Hand und malte Zeichen auf ein Holzbrett. Es war wie ein Zauber.

„Dit is ein A, Moder. Sihe, also macht man dat.“

Matthes schüttelte den Kopf, mit Augen voller Stolz und einem kleinen Lächeln um die Lippen. Kaum jemand im Dorf konnte schreiben, nicht mal Jan, der freche Sohn vom Wirt, der angeblich alles konnte und sich immer aufplusterte wie eine Riesenwelle. Und doch saßen wir drei da, am Feuer, in der warmen Stube, und fühlten uns wie heimliche Könige, während das Feuer knackte und die Schatten tanzten. Und aus Zeichen wurden Worte.

Geheim. Heilig. Niemand durfte es wissen.

Denn wer zu viel wusste, war ein Licht. Und Lichter löscht man aus.

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