فصل 4: Kapitel 3

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„Sie müssen mir glauben, ich habe sie gesehen.“

Pastor Bernhard stand im blassen Licht einer Laterne,

der Kragen seines dunkelroten Morgenmantels schief, die Hände nervös ineinander

verschränkt. Sein Blick suchte Halt bei Hauptkommissarin Katja Sommer. Er zeigte auf die

Büsche, in denen sich nichts rührte.

„Deswegen habe ich Sie doch angerufen. Aber vielleicht ist sie schon weg.“

Angst und Neugier kämpften in seinen Augen, während er versuchte, etwas hinter Katja

auszumachen.

„Langsam, Herr Pastor. Was genau haben Sie gesehen?“

Katja folgte seinem Blick. Der Friedhof lag still, nur das gedämpfte Knirschen der Schritte

zweier Beamter war zu hören, die mit Taschenlampen in die Richtung gingen, auf die der

Pastor deutete.

„Eine Frau, vielleicht auch ein junges Mädchen. Bleich wie der Tod, Hautfarbe ganz

seltsam. Schmutzig, kurze blonde Haare. Sie trug so etwas wie einen …“

Er suchte nach Worten.

„… zerrissenen Leinenstoff und torkelte zwischen den Gräbern. Aber lautlos. Und dann

…“

Seine Stimme senkte sich, während er über Katjas Schulter in die Dunkelheit starrte.

„… dann war sie einfach verschwunden. Vielleicht betrunken. Vielleicht entführt. Wer

weiß das schon.“

Katja sah zu Sven, der neben ihr stand, den Stock in der Hand, und ihn fragend anschaute.

Sie hob kurz die Hand, um ihm zu bedeuten, dass er warten solle.

„Wann genau war das?“

„Kurz bevor ich Sie angerufen habe. Ich hatte schon geschlafen, aber der Ludwig, der

Dackel eines Gemeindemitglieds, war mal wieder entwischt und hat mich geweckt. Der

kommt gern hierher und bellt die Gräber an. Vorzugsweise nachts.“

Katja warf einen Blick auf ihre Uhr: 3:32.

„Ich konnte dann nicht mehr schlafen, bin runter und habe Ludwig verscheucht. Dann

wollte ich in der Kapelle beten, das hilft meistens. Da hörte ich eine Stimme. Sie rief einen

Namen … Matthes, glaube ich. Ja genau, Matthes!“

Einer der Beamten rannte heran, der Atem dampfte vor ihm in der kalten Luft.

„Wir haben einen Leichenfund, und eine Frau, die völlig verstört wirkt.“

„Oh Gott, oh Gott!“ Pastor Bernhard bekreuzigte sich, und der Schein der Laterne ließ den

Schweiß auf seiner Stirn aufblitzen. „Eine Leiche! Auf meinem Friedhof!“

„Ich bin Hauptkommissar Sven Widahn, Kollege und Ehemann von Katja Sommer.“

Sven stützte sich auf seinen Stock, und sein Blick folgte kurz Katja, als sie zwischen den

alten, schiefen Grabsteinen verschwand. Er wandte sich wieder dem Geistlichen zu.

„Bitte gehen Sie ins Haus. Ein Kollege nimmt gleich das Protokoll mit Ihnen auf.“

Der Pastor nickte hastig, setzte sich in Bewegung, und trotz seines gemütlichen Äußeren

rasten seine Schritte über den Kies wie das Trippeln eines aufgescheuchten Wiesels. Das

Knirschen verklang schnell in der feuchten Dunkelheit des Pfarrgartens.

Katja stand vor dem Toten. Unter einem knorrigen Baum, auf dem kalten Boden, lag er nackt auf dem Rücken. Der Kopf war zur Seite gedreht, die Augen geschlossen. Kein Blut, keine offensichtlichen Verletzungen, kein Tatwerkzeug.

„Ulrich und Konrad müssten gleich da sein.“

Sven trat neben sie.

Katja nickte erleichtert. Sven, Dr. Ulrich Majonika, Rechtsmediziner, Konrad Vohwinkel, Leiter der Spurensicherung, und sie waren ein eingespieltes Team und hatten schon viel zu viele Opfer auf den Inseln Rügen, Hiddensee und in Stralsund gemeinsam betrachtet und analysiert. Und das war genau das, was sie jetzt brauchte: ein gutes Team.

„Schau mal dort.“

Katjas Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Sie deutete auf eine Gestalt, die ein paar Meter entfernt im Kegel einer Taschenlampe stand, bewacht von einem Streifenpolizisten. Klein, zierlich, das blonde Haar hinten zu einem kurzen Zopf im Nacken zugebunden, das Gesicht verschmutzt, die Kleidung nur noch Fetzen.

Wieso war sie auf der Insel niemandem aufgefallen? Hier, in dieser gepflegten Urlaubsidylle, wirkte sie wie aus einer anderen Welt gefallen.

Die Frau stand still, verloren, nur ihre Augen bewegten sich, schmale, klare, blaue Augen, unwirklich in diesem Umfeld.

„Habt ihr sie schon mal gesehen?“, fragte Katja die Streifenpolizisten.

Kopfschütteln.

„Und was ist mit ihr?“, fragte Sven leise, folgte Katja ein paar Schritte. „Hat sie die Leiche gefunden?“

„Ist auf sie gefallen, im wahrsten Sinne des Wortes“, sagte Katja knapp. „Kam aus dem Gebüsch dort hinten.“

Katja suchte Blickkontakt zu der Frau. Viele Blicke hatte sie schon gesehen: Schock, falsche Fassungslosigkeit, kaltes Staunen. Dieser hier war anders. Die Augen irrten, als wäre die Frau in einer fremden, unwirklichen Welt.

Dr. Majonika trat zu ihnen. „Er ist nicht von hier.“

„Wie meinst du das?“, fragte Sven.

Der Mediziner zog sich die Handschuhe aus. „Hautbild, Haarstruktur, spricht für Südostasien.“

„Ein Flüchtling?“ Sven sah Majonika fragend an.

„Keine Ahnung.“

Katja sah wieder zur Frau. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie etwas damit zu tun hat. Spuren von Gewalt?“

„Auf den ersten Blick nichts. Seltsam ist nur, dass er unbekleidet ist. Näheres, wenn ich ihn auf dem Tisch habe.“

Katja sah ihren Mann an. „Glaubst du, sie war zur falschen Zeit am falschen Ort?“

„Glauben? Nein. Aber sicher bin ich nicht. Aber ein zufälliges Treffen zwischen einem nackten Toten und einer verstörten Frau in recht unangenehm duftender Kleidung? Kein Zufall!“

Sie gingen gemeinsam zu der Frau. Die Nacht roch nach nassem Laub und kaltem Stein, irgendwo tropfte Wasser auf Metall.

„Hast du Schmerzen?“, fragte Katja. Sie wusste, dass er größten Wert darauflegte, von ihr keine Hilfe anzunehmen.

„Geht schon“, antwortete Sven und war bemüht, mit Katja Schritt zu halten. „Und? Redet sie?“

Ein Streifenpolizist ließ die Fremde nicht aus den Augen. „Bisher nicht.“

„Verrückt?“, fragte Sven und ging einmal in gebührendem Abstand um die Frau und den Polizisten herum.

„Oder traumatisiert.“

Langsam trat Katja näher. Die Frau wich nicht zurück.

„Ich bin Katja Sommer, Kriminalpolizei. Wissen Sie, wie Sie hierhergekommen sind?“

Keine Reaktion.

„Wie heißen Sie?“

Wieder nichts.

„Kannten Sie den Mann?“

Ein kaum merklicher Atemzug.

Sven zog eine Tüte Bonbons aus der Tasche, bot allen einen Drops an. „Vielleicht Drogen. Oder Schock. Oder einfach vom Himmel gefallen.“

Der Polizist nahm einen, die seltsame Frau beachtete ihn nicht mal.

Der Geruch, der von ihr ausging, war eine Mischung aus Heu, getrocknetem Blut, Tierkot oder Stuhl und Urin. Katja legte ihr die Jacke um die Schultern. Der Stoff sank auf sie herab, und die Frau schien den Duft regelrecht tief in sich aufnehmen zu wollen, so, als wolle sie ihn festhalten.

„Wir nehmen sie mit nach Stralsund.“ Katjas Stimme war leise.

Konrad kam mit Wattestäbchen. „Ja, aber erst die DNA-Probe.“

Die Frau packte Katjas Arm, klammerte sich fest. Ihre Finger waren eiskalt.

„Lass das“, sagte Katja. „Später.“

„Katja, bitte! Vorschrift ist Vorschrift.“

„Ich übernehme die Verantwortung.“

Sie führten die Frau in Richtung Streifenwagen. Plötzlich stemmte sie sich dagegen, schrie auf, die Augen weit aufgerissen, und packte Katja noch fester.

„Die dreht ja voll ab!“, rief ein Beamter und versuchte, sie festzuhalten.

„Lasst sie bei mir.“

Katja drehte sich mit der Frau am Arm wieder um und ging zurück zu den Gräbern.

Sven stieß mit dem Stock auf den Boden. „Ich will jetzt aber eigentlich nicht den Rest der Nacht hier verbringen.“

Katja legte kurz die Hand auf seinen Arm. „Konrad, du kennst doch Marit Nyborg gut, ruf sie doch bitte an. Sie wohnt in der Nähe.“

Konrad zückte sein Handy und trat ein Stück beiseite.

„Ich setze mich einen Moment ins Auto“, sagte Sven.

Katja blieb bei der Frau. „Wie heißen Sie?“

„Marit kommt sofort!“, rief Konrad Katja zu.

Die Fremde öffnete den Mund, starrte Katja hilflos an. „Warum bin ich in der Hölle?“

Katja und Konrad sahen sich an. Etwas in der Stimme jagte ihnen einen Schauer über den Rücken.

Was hat man dir angetan, Mädchen?

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Der zweite Atem — Chapter 4 | Novelmint