Der Himmel hat ein schönes Blau.
Nicht das tiefe, satte Blau aus meiner Erinnerung, sondern ein kühleres, helleres Blau, aber schön.
Ich sitze still und wage mich nicht zu bewegen. Meine Finger umklammern den Stoff, den man mir um die Schultern gelegt hat. Er ist schwer von Wärme und riecht nach etwas, das ich nicht kenne – ein klein wenig blumig. Er riecht auch nach der Frau neben mir, nach dem Mann und nach dem Ort, an dem ich gerade bin.
Der Stoff schützt mich. Nicht vor der Angst und nicht vor den Fragen von Frau und Mann, aber vor der Kälte, die sich in mir eingenistet hat. Eine fremdartige, noch nie gefühlte Kälte.
Der Boden unter mir ist noch feucht vom Tau. Die kleinen weißen Steine, auf denen ich sitze, funkeln matt im beginnenden Morgen.
Die Wesen mit den blauen, zuckenden Hörnern sind verschwunden, summend wie ein Schwarm Hornissen. Nur ein dunkler Streifen im Gras erinnert an das, was gewesen ist. Auch der Tote ist fort. Ebenso die Männer in ihren dunkelblauen Gewändern.
Ich versuche, mich zu beruhigen und langsam, flach zu atmen. Ich will nicht auffallen, auch wenn nur noch der Humpelnde und die Frau mit den feuerroten Haaren hier sind.
Aber warum trägt die Frau ein Beinkleid? Will sie lieber ein Mann sein? Warum prügelt sie keiner durchs Dorf, so bunt wie sie gekleidet ist? Vielleicht, weil der Mann am Stock sie beschützt?
Sie mögen sich. Ich spüre, sie kennen sich schon lange, sind einander vertraut. Sie sprechen sanft und liebevoll miteinander. Sie erinnern mich an Matthes und Alina. Mein geliebter Mann. Mein geliebtes Kind. Mein Fleisch und Blut.
Die Sehnsucht in mir wird stärker, ein Seufzen bricht hervor. Meine Angst hat sich noch nicht entschieden, ob sie bleiben oder weichen will. Ich weiß immer noch nicht, wo ich bin.
Die Frau mit der bunten Gewandung gehört bestimmt nicht in die Hölle. Sie ist weder laut noch brutal zu mir. Ob ihre Hände so warm sind wie ihre blauen Augen? Sie sehen so sanft aus, wie die Hände einer Königin.
Und der Mann mit den silberblonden Haaren, der humpelt, seine Stimme hat nichts befohlen. Seine Augen sind wunderschön, sanft und doch misstrauisch. Er scheint schon viel gesehen zu haben in seinem Leben, sodass ihn nichts mehr so schnell erschreckt. Sicher war er in jungen Jahren ein schöner Mann.
Ich will ein Seufzen zurückhalten, doch heraus kommt ein Schluchzen. Ich weiß zwar nicht, wo ich bin, aber ich bin. Ich fühle, ich rieche, ich atme, ich denke – und bewegen kann ich mich auch.
Das Leinen auf meiner Haut kratzt fürchterlich, mein Hinrichtungsgewand, das schon viele andere vor mir getragen haben. Es stinkt, der Dreck klebt an mir. Jedoch mein Herz schlägt, und das allein ist ein Wunder.
Ein Vogel singt hoch oben im Baum und verkündet den Tag. Die Blätter zittern im Wind. Das Licht wird noch heller.
Ich bin müde und schließe für einen Moment die Augen. Schritte nähern sich. Sanft, nicht bedrohlich.
Und doch kann ich die Spannung in mir nicht verhindern. Meine Hände zucken. Aber ich will mutig sein.
Komm, sei mutig und öffne deine Augen!
Aber was, wenn sie mich wieder aufknüpfen? Wenn sie gemerkt haben, dass ich nicht tot bin? Wenn die beiden einen Weg gefunden haben, den Vogt und den Scharfrichter zu rufen: Kommt her, sie lebt! Ihr müsst sie noch einmal hängen!
Eine ältere, füllige Frau mit silberweißem Haar tritt zwischen den Steinfiguren hervor. Sie hat es zu einem Knoten hochgesteckt, ihre Wangen sind prall wie rote Äpfel im September.
Sie muss eine feine Dame sein, denn sie trägt einen Mantel aus dunklem Stoff. In der einen Hand hält sie einen Weidenkorb, in der anderen ein kleines Messer, mit dem sie eben eine Brennnessel geschnitten hat. Ihre Bewegungen sind ruhig, nicht feindselig.
Wohnt sie hier im Wald? Feine Damen wohnen doch in feinen Häusern, nicht im Wald.
Sie kommt näher. Ihre Augen sind braun wie Haselnüsse. Ihre Lippen schmal, doch sie scheint viel zu lächeln. Ihr Gesicht ist rund.
„Hallo, mein liebes Kind“, sagt sie leise.
Ist sie blind? Warum nennt sie mich Kind? Ich bin eine Frau. Nicht so alt wie sie, aber eine Frau, kein Kind.
„Schön, dich kennenzulernen“, fährt sie fort. „Ich habe Löwenzahn und Brennnesseln gepflückt. Magst du Brennnesseltee?“
Meint sie das ehrlich oder will sie mich vergiften? Hat sie vielleicht unter den Brennnesseln Tollkirsche oder Bilsenkraut versteckt?
Die Frau beugt sich zu mir, stellt den Korb ab und setzt sich auf die niedrige Steinmauer.
„Ich bin Marit“, sagt sie. „Ich war Heilpraktikerin hier. Ich praktiziere nicht mehr. Kennst du dich mit Pflanzen aus?“
Heilpraktikerin? Vielleicht meint sie eine Heilerin. Ich verstehe die Worte, was mich wundert, doch nicht immer den Sinn. Aber die beiden Frauen scheinen freundlich zu sein. Und ob ich mich mit Pflanzen auskenne? Ich kenne jedes Kraut auf der Insel.
Marit lächelt mich an. Die andere wirkt ein wenig verunsichert.
„Es ist gut.“ Ich spüre Marits warme Hand auf meinem Arm. „Du musst jetzt nicht reden. Nur atmen.“
Sie hat Recht. Vielleicht sollte ich genau das tun. Nur atmen. Ein und aus. Ein und aus.
Ja, das tut gut. Das Zittern verlässt meinen Körper.