Capitolo 15: Alma – Der Fremde

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Der Bach bleibt links von uns, als hätte er beschlossen, mich zu begleiten. Sein Wasser ist klar und kühl, und unter dem Licht bewegt sich seine Oberfläche in ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen.

Lirien sitzt auf meiner Schulter. Sie legt nur eine Hand an meinen Hals, genau dort, wo man den Puls fühlt. Als würde sie prüfen, ob ich noch lebe.

Eira geht neben mir.

Ruhig.

Wie immer.

Die Wiese ist voller Leben. Menschen gehen spazieren, als hätten sie alle Zeit der Welt. Ein paar Schritte weiter tanzt ein kleiner Hund im Kreis, jagt seinem eigenen Schwanz hinterher und bleibt plötzlich stehen, als hätte er vergessen, warum er losgelaufen ist. Ein Mädchen wirft ihm ein Stöckchen, aber der Hund schaut nur kurz hinterher und entscheidet sich dann für etwas Wichtigeres: einen Käfer im Gras.

Ein Vogel sitzt auf einem Ast und kippt den Kopf, als würde er uns zuhören.

Ich sehe es und fühle etwas in mir weich werden.

Lirien.

„Du riechst nach irgendwo“, flüstert sie.

Ich runzle die Stirn.

„Wie meinst du das?“

Sie beugt sich vor, schnuppert an meiner Wange, als wäre ich ein Apfel, den man prüft.

„Wie eine Tür, die sich gleich öffnet“, sagt sie. Dann kichert sie. „Und ein bisschen nach Äpfeln, Nüsse und Kastanien.“

Ich atme ein.

Das Gras riecht frisch. Der Bach nach Stein. Und irgendwo liegt wirklich dieser süße, runde Duft in der Luft, als hätte jemand eben erst einen Korb voll Äpfel abgestellt.

„Vielleicht“, murmele ich, „riecht hier einfach alles nach Äpfeln.“

„Nein“, sagt Lirien leise. „Nur die Dinge, die bleiben wollen.“

Eira schaut Lirien ernst an, als würde sie etwas sagen wollen, lässt es aber. Ihr Blick wandert über die Wiese.

Wir gehen weiter.

Der Weg führt unter Bäumen entlang, deren Blätter im Wind kaum rascheln. Blüten liegen im Gras, als hätte jemand sie absichtlich dort verstreut.

Er steht am Wasser.

Ein Stück abseits, nicht mitten im Weg, nicht so, dass man ihn übersehen müsste, eher so, als hätte die Welt ihn dort hingestellt, und nun müsse man selbst entscheiden, ob man hinsieht.

Er trägt dunkle Kleidung. Nichts Feierliches. Etwas Schlichtes, das zu ihm gehört. Seine Schultern sind gerade, aber nicht stolz. Eher so, als hätte er sich angewöhnt, nicht zu viel Raum einzunehmen.

Seine Hände…

Ich sehe sie sofort.

Hände, die gearbeitet haben.

Hände, die Dinge gehalten haben, die nicht fallen durften.

Ich bleibe stehen.

Lirien wird auf meiner Schulter plötzlich ganz still.

Eira sagt nichts. Aber ich spüre, wie sie sich neben mir aufrichtet, als würde sie den Moment festhalten, damit er nicht wegrutscht.

Ich gehe einen Schritt näher.

Dann noch einen.

Der Mann hebt den Kopf.

Sein Blick trifft mich.

Nicht wie ein Pfeil.

Wie ein Atemzug, der plötzlich da ist.

Ich will etwas sagen.

Mein Mund öffnet sich, aber kein Ton kommt heraus.

Er bewegt sich nicht.

Und doch ist da etwas, das sich zwischen uns spannt, fein wie ein Faden, den man nicht sieht und trotzdem spürt.

Ich erkenne ihn nicht und ich erkenne ihn doch.

Über eine Nähe, die älter ist als mein Körper.

Ich sehe seine Augen.

Sie sind nicht jung.

Auch wenn sein Gesicht es ist.

Diese Augen haben zu viel gesehen.

Ich strecke die Hand aus.

Nur… um zu prüfen, ob er wirklich er ist.

Er bleibt, rührt sich nicht.

Er antwortet nicht.

Und trotzdem ist es, als würde etwas in mir sprechen.

Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt, und in diesem Schlag liegt ein Name, den ich nicht ausspreche.

Zu gefährlich. Nicht hier und nicht jetzt.

Lirien rutscht von meiner Schulter, flattert ein Stück zur Seite und tut so, als hätte sie plötzlich etwas sehr Wichtiges im Gras entdeckt.

Eira tritt einen Schritt näher.

„Alma“, sagt sie leise.

Ich schlucke.

„Er ist da“, flüstere ich.

Eira antwortet nicht.

Aber ihre Hand legt sich kurz an meinen Rücken. Nicht drückend. Nur da.

Ich sehe den Mann an.

Und plötzlich weiß ich etwas, das ich nicht beweisen kann:

Er hat gewartet.

Ich atme ein.

Der Bach gluckst leise.

Blüten fallen.

Der Mann hebt die Hand.

Nur ein wenig.

Wie jemand, der etwas zurückhält, weil er weiß, dass es noch nicht Zeit ist.

Dann senkt er sie wieder.

Und ich verstehe.

Ich kann ihn sehen.

Aber ich kann ihn nicht festhalten.

Eira bleibt neben mir stehen, stiller als sonst.

„Du kennst ihn“, sagt sie leise.

Nicht fragend.

Wartend.

Ich hebe den Blick.

Zu schnell.

„Viele kenne ich“, sage ich.

Eira lächelt nicht.

Ein Moment lang sieht sie nicht zu mir, sondern an mir vorbei, als stünde dort etwas, das nur sie sehen kann. Ihre Hand hebt sich, bleibt in der Luft, als würde sie etwas berühren wollen und lässt es dann.

„Ich habe das nicht gewollt“, sagt sie.

Ihre Stimme ist weich, jedoch liegt darin auch eine Härte. Da ist etwas, das sich nicht wegstreicheln lässt.

„Nicht so“, fährt sie fort.

Ich schlucke.

„Was meinst du?“, frage ich, obwohl ich es nicht wissen will.

Eira schaut mich an.

Nur ein Blick.

Und plötzlich ist mir, als würde ich etwas verstehen, dass ich nie gelernt habe.

„Und trotzdem“, sagt sie leise, „war es richtig.“

Lirien ist ganz still. Sie sagt nichts, sie kichert nicht. Sie sitzt irgendwo im Gras, als hätte sie vergessen, dass sie leicht ist.

Ich senke die Hand.

„Manche Dinge“, sage ich, „müssen so lange still sein, damit sie überleben.“

Eira nickt kaum sichtbar.

„Ja“, sagt sie.

„Stille… ist manchmal das Einzige, was sein darf.“ Eira sagt nichts mehr.

Aber ich spüre ihren Blick auf mir, als hätte sie verstanden, dass ich eine Tür in mir geschlossen halte.

Ich gehe weiter.

Ich drehe mich nicht um.

Nicht, weil ich nicht will.

Sondern, weil ich Angst habe, dass er verschwindet, wenn ich ihn suche.

Und während wir weitergehen, spüre ich ihn noch immer am Bach.

Wie einen stillen Punkt in der Welt.

Wie einen Namen, den man nicht ausspricht.

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