Capitolo 19: Elowen – Begegnung

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Ich sitze seit Stunden auf dem Sofa.

Ohne Licht und nirgends ein Geräusch.

Der Morgen hat begonnen, ohne dass die Nacht je aufgehört hätte.

Schlaf war unmöglich.

Ich bin todmüde und gleichzeitig hellwach, als würde etwas in mir den Körper nicht loslassen wollen.

Das in der Nacht war ein Mor’kel.

Daran gibt es keinen Zweifel.

Ich habe versucht, ruhig zu bleiben.

Habe gesprochen, wie Maeve es mir beigebracht hat.

Ich habe mich in Gelassenheit geübt, mir ständig vor Augen geführt, ein Mor’kel kann nicht fühlen und keine Gedanken lesen. Er hat mich nur am Telefon.__

Ich habe ihm gesagt, dass Maeve die Skeldur an der Nase herumgeführt habe, und gesagt habe, ich sei die Nichte, weil die Alte immer so schrecklich neugierig sei. Nichts weiter. Nur ein kleiner Streich unter Nachbarn. Alles sei wie immer. Alles in Ordnung.

Ich habe mir selbst zugehört, und nichts davon geglaubt.

Die Tränen kamen später.

Leise.

Ohne Geräusch.

Es war die Trauer um Maeve, die sich plötzlich nicht mehr wie Vergangenheit anfühlte, sondern wie eine offene Stelle, an der man ansetzen kann.

Ich greife zum Telefon und rufe Caelan an.

„Wie geht es euch?“ Ich bemühe mich um eine ruhige Stimme.

Das letzte, was ich will ist, meine Kinder in Angst und Schrecken zu versetzen, es ist schon alles schlimm genug.

Ich frage nach der Uhrzeit in Schottland, nach dem Wetter, nach Belanglosigkeiten.

Caelan beantwortet mir die Fragen, wie ein Junge, der seit 2 Tagen im Schullandheim ist. Und dann, schweigt er. Einen Moment länger, als nötig wäre.

„Mathair…“, seine Stimme ist sanft und voller Sorge.

Es bricht aus mir heraus wie ein Wasserfall.

Ich erzähle von dem Anruf, dass ich mich wirklich um den richtigen Tonfall bemüht habe, von der Stille in der Dunkelheit und von den Schatten, die mir Angst gemacht haben und davon, dass ich am liebsten sofort zu ihnen reisen würde.

„Nein“, sagt Caelan, der ruhig zugehört hatte. Seine Stimme klang nicht hart, aber unmissverständlich. „Alles muss normal bleiben. Gerade jetzt. Bloß nicht auffallen.“

Zwei Tage noch, dann kämen sie zurück, am Montag war wieder Schule, Alltag auch für mich. Normalität als Tarnung.

Ich nicke in einem fort, obwohl er es nicht sehen kann. Es tut so gut ihn zu hören. Ein Sohn der seine Mutter beruhigt, mein Sohn.

Kaum habe ich aufgelegt, meldet sich Siri.

„Zwei unbekannte Personen im Eingangsbereich. Sie wollen zu dir, soll ich ihnen öffnen, Elowen?“

Ich stehe auf und gehe an den Bildschirm von der Überwachungskamera.

Unten, am Fahrstuhl, stehen zwei Männer.

Ein älterer und ein jüngerer.

Die Verwandtschaft zwischen ihnen ist unverkennbar.

Nicht im Gesicht, es ist der Blick.

Die gleiche Ruhe und die gleiche Aufmerksamkeit. Der Ältere schaut direkt in Kamera

Sie sind da und sie wissen, dass ich zu Hause bin.

Ich denke einen flüchtigen Moment daran, Siri zu sagen, ich sei unter der Dusche.

Der Gedanke ist kaum da, da verwerfe ich ihn wieder.

Mor’kels sind wie Raubtiere.

Haben sie ihre Beute einmal im Visier, lassen sie sie nicht mehr los.

„Lass sie raufkommen, Siri.“

Der Aufzug setzt sich in Bewegung.

Das leise Surren kommt näher.

Zu mir.

Nach oben.

Ich öffne die Tür.

Sie treten ein, ohne Eile.

Ein Geruch legt sich in den Raum.

Asche.

Und etwas Metallisches.

Blut, denke ich, ohne zu wissen warum.

„Hallo Elowen. Ich bin Aren Morvath und das ist mein Sohn Tharun.“ Er zeigt auf sein jüngeres Ebenbild. „Das wir Mor’kels sind hast du dir sicher schon gedacht.“

Er schaut mich mit seinen eisblauen Augen an. Ihr gesamtes Erscheinungsbild ist gepflegt und unter anderen Umständen hätte ich sie als gutaussehend bezeichnet. Ihr hellblondes Haar wird von einer einzelnen dunklen Strähne unterbrochen.

Aren geht ungeniert durch die Wohnung.

Bleibt am Fenster stehen, betrachtet die Skyline.

„Schön“ sagt er ruhig. .„Sehr modern.“

Er dreht sich zu mir um.

„Du hast dir als Finanzmaklerin einen Namen gemacht, Elowen.“

Sein Blick gleitet durch den Raum, betrachtet jedes Möbelstück, jedes Bild an der Wand.

„Hattet ihr nicht ein kleines, altes Haus in Connemara? Du und David?“

Mein Herz schlägt einmal zu hart.

„Mein Mann ist tot“, sage ich ruhig.

„Ja“, sagt er. „Das weiß ich.“

Er setzt sich auf das Sofa, als wäre er eingeladen worden.

Der Jüngere bleibt im Türrahmen stehen.

„Wo sind deine Kinder?“ fragt er.

Sein Blick trifft mich wie tausend Nadelstiche.

„Nicht hier.“

„Caelan ist Großmeister und lebt mit eurem Stamm in Connemara“, sagt er beiläufig.

„Und Lina ist noch Schülerin. Warum ist sie nicht bei dir?“

Ich halte seinem Blick stand.

„Sie ist ein paar Tage bei Caelan. In Irland.“

Aren nickt langsam.

„Irland“, sagt er. „Natürlich.“

Tharun sagt kein Wort. Er beobachtet mich. Er ist der Lehrling seines Vaters.

Ich biete Kaffee an.

Höre mich reden, als gehörte die Stimme jemand anderem.

Mein Handy vibriert.

Mark! Noahs Vater. Er hätte sich kaum einen günstigeren Moment aussuchen können.

Ich ignoriere es.

Das Vibrieren hört nicht auf.

„Willst du nicht rangehen?“ fragt Aren freundlich.

Ich nehme ab.

„Hi Mark. Tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe.“

Ich höre mich selbst sprechen, kontrolliert, aber dennoch hastig.

„Ich hätte dich eh gleich angerufen. Klar treffen wir uns heute Abend. Neunzehn Uhr, beim Italiener bei dir um die Ecke. Und diesmal bin ich pünktlich, versprochen.“

Tharuns Blick verändert sich. Nicht viel. Aber genug. Arens Blick bleibt unbewegt.

„Ich kann gerade nicht“, sage ich weiter ins Telefon. „Ich habe einen Termin. Geschäftlich. Bis später.“

Ich lege auf.

„Dein neuer Freund?“ fragt Aren ruhig.

„Ja“, sage ich.

„Wie lange ist David tot?“

Er macht eine kurze Pause und schaut auf ein Familienfoto im Bücherregal.

„Drei Monate? Das ging ja schnell.“

„So eng ist das noch nicht“, sage ich. Oh Gott! Ich rede mich um Kopf und Kragen.

„Wir sind Freunde.“

Jetzt ziehe ich auch noch Mark mit hinein.

„Ist er ein Mensch?“ fragt Tharun. Seine Stimme klingt bedrohlich.

Ich sehe ihn an.

„Natürlich ist er ein Mensch. Was denn sonst?“

Aren steht auf, kommt auf mich zu und bleibt direkt vor mir stehen.

„Das fragst du wirklich, Elowen?“

Er nickt Tharun zu und geht zurück in die Diele.

„Uns wurde zugetragen, dass die Resonanz aktiv geworden ist. Hier. In New York.“

Mein Magen zieht sich zusammen.

„Da Caelan bei eurem Stamm ist“, fährt er fort, „müssen entweder du oder Lina involviert sein. Und… noch ein Hybrid.“

Ich lache leise.

„Ach was. Ich habe eine Freundschaft ohne Bedeutung. Und Lina ist erst seit zwei Tagen in der neuen Schule.“

„Das geht schnell“, sagt Aren „In der Jugend. Auch bei Hybriden.“

Er beugt sich leicht vor, sein Blick wird intensiver.

„Oder kann sie nicht fühlen, deine Lina, Herzmagierin?“

Meine Haut spannt.

„Doch“, sage ich. „Natürlich. Bei uns ist alles normal.“

Aren nickt langsam. „Alles sehr seltsam, findest du nicht?“ Sein Mund lächelt, während sein Blick mich regelrecht röntgt.

Ich muss schlucken.

„Aber wir haben ja Zeit.“ Er greift nach dem Türgriff, macht in Richtung seines Sohnes eine Handbewegung, das sie aufbrechen wollen.

„Meine Familie und ich haben ein Haus am Stadtrand gefunden.“

Er lächelt immer noch, aber um seine Mundwinkel liegt nun ein grausamer Zug.

„Ich habe Tharun auf derselben Schule angemeldet wie Lina. Ab Montag. Sogar dieselbe Klasse.“

„Ach“, sage ich. Geh endlich, nimm deinen lausigen Sohn und geh! „Schön. Es gibt eine sehr nette Klassensprecherin. Die wird ihm alles zeigen.“

Tharuns Blick gleitet über mich, kalt wie der Winter am Nordkap.

„An der Klassensprecherin bin ich nicht interessiert.“

Mir läuft eine Gänsehaut über den Rücken.

Der Junge ist schlimmer als sein Vater.

Aren klopft ihm auf die Schulter.

„Komm. Lass uns gehen.“

Sie sind fast draußen, da dreht er sich noch einmal um.

Sein Blick bleibt an mir hängen.

„Du kannst gut lügen, Elowen.“

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