第2話: Eliza – Brackenfold Care House

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Das Haus liegt etwas zurückgesetzt von der Straße, als wolle es nicht gesehen werden. Ein grauer Bau, drei Stockwerke, helle Fensterrahmen. Nichts daran ist hässlich. Nichts daran ist schön. Es ist einfach da.

Brackenfold Care House steht auf dem Schild am Eingang. Die Buchstaben sind sauber, sachlich. Als ginge es um etwas Überschaubares.

Drinnen ist es warm. Die Luft riecht nach Reinigungsmittel und etwas Süßlichem, das sich in allen Heimen gleich anfühlt. Schritte hallen gedämpft über den Linoleumboden. Stimmen kommen aus offenen Türen, brechen ab, werden leiser.

Hinter dem Tresen steht eine Frau. Mittleres Alter, dunkle Haare streng zurückgebunden. Ihr Blick ist wachsam, prüfend, ohne unfreundlich zu sein.

„Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich…“

Meine Stimme klingt fremd in diesem Raum.

„Ich bin wegen Alma Whitcombe hier.“

Ein kurzes Innehalten. Ihr Blick bleibt an mir hängen, als würde sie etwas abgleichen, das nicht auf Formularen steht.

„Und Sie sind?“

„Eliza“, sage ich. „Ihre Urenkelin.“

Das Wort bleibt zwischen uns stehen. Sie nickt nicht sofort.

„Ihre Mutter hat heute Morgen angerufen“, sagt sie schließlich. „Wegen des Haustürschlüssels.“

„Ja.“

Ich halte ihren Blick aus.

„Ich soll ihn abholen.“

Noch ein Moment. Dann entspannt sich etwas in ihrem Gesicht, kaum sichtbar.

„Ich bin Anna“, sagt sie und deutet auf sich. „Kommen Sie.“

Wir gehen den Flur entlang. Türen mit Nummern. Ein Fernseher läuft irgendwo. Ein Lachen, das abrupt verstummt. Eine Glocke klingelt.

„Sie können schon zu ihr“, sagt Anna und öffnet eine Tür. „Ich hole den Schlüssel. Ich bin gleich zurück.“

Zimmer zwölf.

Ich trete ein.

Am Fenster sitzt eine alte Frau im Rollstuhl.

Zierlich. Fast leicht wirkend, als würde sie mehr vom Licht gehalten als vom Stuhl. Ihr Haar ist schneeweiß und zu einem feinen Dutt gebunden, sorgfältig, als hätte diese Geste überlebt, auch wenn anderes gegangen ist.

Ihre Haut hat einen gelblichen Schimmer, dünn wie Papier, das zu lange dem Licht ausgesetzt war. Falten liegen darin ruhig, ohne Härte.

Die Nase ist schmal, die Lippen fein, zu einem Lächeln verzogen, das noch weiß, wie es geht.

Ihre Augen sind blau. Trüb, ja. Aber nicht leer. Sie scheinen irgendwohin zu schauen, an einen Ort, den ich nicht sehen kann.

„Hallo, Oma“, sage ich.

Sie reagiert nicht.

Ich setze mich auf den Stuhl neben ihr. Er ist unbequem, absichtlich, denke ich. Damit niemand zu lange bleibt. Ihre Hände mit Gichtknochen an den Fingerknöcheln, liegen ruhig im Schoß, so still, als gehörten sie jemand anderem.

„Ich bin’s“, sage ich leiser. „Eliza.“

Nichts.

Was soll ich ihr sagen? Hört sie mich überhaupt?

„Ich bin hier, um deinen Hausschlüssel zu holen.“ War da ein Zucken? Habe ich zu laut gesprochen?

Nein, keine Regung.

Ich weiß, dass ich nichts erwarten darf. Trotzdem sitzt da etwas in mir, das auf eine Regung gehofft hat.

Eine alte Frau bleibt in der Tür stehen. Klein, grauhaarig, eine Strickjacke, die ihr zu groß ist. Mit trippeligen Schritten kommt sie näher und legt Alma die Hand auf die Schulter.

„Mama“, sagt sie sanft und schaut mich an. „Du hast Besuch.“

Ich halte den Atem an.

Die Frau lächelt mich an. Ihr Blick ist freundlich.

„Das ist meine Mama“, sagt sie. „Sie wartet immer.“

Dann trippelt sie eilig zurück auf den Flur, als habe sie anderweitig noch wichtiges zu erledigen.

Ich sitze still.

Ich weiß nicht, was ich fühlen soll.

Ich nehme Almas Hand. Sie ist warm. Lebendig.

„Mama möchte das Haus verkaufen.“, sage ich leise, obwohl sie nicht gefragt hat.

Die Worte fühlen sich falsch an in diesem Raum. Zu hart. Zu praktisch.

„Ich weiß nicht, was du davon hältst“, sage ich. „Ich weiß nicht einmal, ob du es weißt.“

Ich schlucke.

Anna steht im Türrahmen, ein alter Schlüsselbund in der Hand. Sie bleibt stehen, als würde sie den Moment nicht stören wollen.

„Sie hatte einen guten Morgen“, sagt sie ruhig. „Sie hat gefrühstückt. Und ein wenig gelächelt.“

„Sie lächelt … grundlos?“

„Es gibt immer einen Grund“, sagt Anna.

Sie reicht mir die Schlüssel. Unsere Finger berühren sich kurz.

„Sie ist heute ruhig“, fügt sie hinzu. „Das ist ein guter Tag.“

Ich nicke.

Ich weiß nicht, warum mir plötzlich die Augen brennen.

Als ich aufstehe, beuge ich mich zu Alma hinunter. Ich küsse ihre Stirn. Sie riecht nach Creme und nach etwas Vertrautem, das ich nicht benennen kann.

„Ich komme wieder“, flüstere ich.

Im Flur drehe ich mich noch einmal um.

Alma sitzt noch immer am Fenster.

Dann wird mir plötzlich schwindlig.

Nur für einen Augenblick.

Als hätte jemand an mir gezogen.

Ich bleibe stehen, lege die Hand an die Wand.

Und weiß nicht, warum ich den Gedanken nicht loswerde, dass ich gerade etwas zurückgelassen habe, das zu mir gehört.

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