第2話: Noah – Fremde Stille

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Es ist Montagmorgen, und der Klassenraum fühlt sich an wie immer. Zu viel Lärm für die Uhrzeit, zu viele Leute, die so tun, als hätten sie Energie. Ein paar Mädchen kichern in der Ecke, zwei Jungs lehnen lässig an der Wand und reden über irgendetwas, das wahrscheinlich nicht halb so wichtig ist, wie sie tun.

Ich sitze an meinem Platz, noch halb im Wochenende, und scrolle gedankenlos durch meine Social Media Feeds, ohne wirklich etwas zu sehen, als Mike wie ein geplatzter Luftballon in den Stuhl neben mir fällt.

Sein Herz stolpert kurz, überhastet, dann schlägt es schneller. Ich höre das. Ich höre sie alle.

Die Herzen im Raum schlagen durcheinander, jedes in seinem eigenen Takt. Müde, nervös, aufgeregt. Solange ich denken kann, höre und lese ich Herzen. So deutlich, wie andere Worte auf einer Buchseite erkennen. Ich spüre, was Menschen fühlen, oft schon bevor sie es selbst zulassen. Für mich ist das nichts Besonderes, aber nur sehr wenige wissen davon. Einer davon ist der Irre, der sich neben mich gesetzt hat. Mike, mein bester Freund.

Der Klassenraum ist ein Potpourri aus Gefühlen, ein schwirrender Teppich aus Liebe, Glück, Sehnsucht, Angst, Stolz, Ego und Schmerz. Alles liegt offen vor mir, warm und flackernd wie Kerzen in einem dunklen Raum.

Mikes Herz sticht daraus hervor, laut und pochend, voller Stolz. Der letzte Rausch mit Mara klebt immer noch an ihm, ein vibrierendes Echo, das ich nicht überhören kann. Aber unter all dem Herzlärm beschäftigt mich plötzlich ein anderer Ton. Nein, kein Ton. Es ist Stille. Eine Stille, die nicht sein darf. Ein Leerlauf, ein Schatten. Etwas, das nicht von hier ist und mir fremd. Und ich weiß im selben Moment nicht, warum mich das so aus dem Konzept bringt. Ich schaue mich um, was ist anders? Aber ich erkenne nichts. Dieselben Gesichter, dasselbe Gequatsche, alles ist wie immer.

„Alter, ich schwöre dir, dieser Tag wird mies“, keucht Mike und wirft seinen Rucksack auf den Boden. Ich grinse nur, ohne aufzusehen.

Er streckt mir sofort die Hand entgegen. „Knete her“

Ich hebe eine Augenbraue, aber meine Finger tippen weiter über den Bildschirm. „Ach komm“ Selbstverständlich weiß ich genau, was er will. Aber ihn zu verarschen, ist eine meiner ganz großen Leidenschaften

„Doch, Knete her. Ich hab sie flachgelegt.“ Seine Augen blitzen mit seinem Herz um die Wette. Ich lache leise und schiebe dann einen zerknitterten Zehner aus der Tasche meiner Jeans. „Sagt wer?“ Ich kann einfach nicht aufhören ihn zu foppen.

„Sag ich, du Pfeife.“ Mike reißt mir gerade den Schein aus der Hand, als sich erneut die Tür öffnet.

Honigblondes langes Haar, Augen wie Sterne, Bücher vor der Brust wie ein Schutzschild, eine Figur, wie von einer AI geformt, steht das weibliche Wesen im Türrahmen. Sie bleibt stehen, als wäre sie sich nicht sicher, ob das hier der richtige Raum ist.

Da ist sie: die Stille. Für einen Moment stockt mir der Atem. Es ist das fremde Mädchen, wunderschön, aber etwas stimmt nicht mit ihr, etwas das ich nicht verstehe. Mike hat den Mund halb offen und starrt sie an. Ich stupse ihn an, „Mach den Mund zu, Alter, da kommen Fliegen rein.“ „Heilige Scheiße“, murmelt er. Er drückt mir den Zehner wieder in die Hand. „Hier, Bruder. Wir machen eine neue Wette.“ „Vergiss es.“ Ich schiebe seine Hand weg. „Die ist ne Nummer zu groß für dich.“

Sharon, unsere Klassensprecherin, geht auf sie zu. Sharon ist das genaue Gegenteil von Stille. Sie ist beliebt, der Mensch, der jeden Raum sofort einnimmt. „Hey, du bist neu, oder?“ höre ich sie sagen. „Ich bin Sharon, Klassensprecherin und heute dein Buddy, Komm, ich zeig dir, wo du sitzen kannst.“ Das fremde Mädchen nickt, sagt etwas und lächelt. Aber ich fühle nichts hinter dem Lächeln, keine Freude, keine Unsicherheit, keine Angst. Es ist als sei sie herzlos. Keine Emotion dringt zu mir durch. Nichts. Nur wieder diese Stille, die mir durch die Rippen schneidet.

Ich spüre so etwas wie einen Druck auf der Brust, gerade so, als würde mir das Atmen schwerer fallen. Ich starre sie an. Mein Smartphone vibriert in meinen Händen, eine Nachricht. Von wem? Egal. Dieses Mädchen, das Sharon folgt, sie ist nicht egal.

Ich richte mich unmerklich auf. Die Luft fühlt sich plötzlich dichter an, irgendwie schwer und gleichzeitig zu dünn. Mein Herz stößt einmal schneller, härter, als müsste es sich gegen etwas Unsichtbares stemmen. Was war das? Sie sieht kurz zu mir. Eine Sekunde. Vielleicht weniger. Aber es reicht.

„Alter, du glotzt ja richtig“, murmelt Mike und stößt mich mit dem Ellenbogen. „Das ist ja schon peinlich!“ „Hm.“ Mehr bringe ich nicht heraus. Denn irgendetwas stimmt nicht. Etwas in mir reagiert auf sie. Schnell. Unlogisch. Zu intensiv. Und ich habe keine Ahnung warum.

Die Tür geht erneut auf und Mara kommt herein. Mara, die Mike seit Wochen komplett kirre macht. Ich sehe sie natürlich auch. Man kann sie kaum übersehen.

Dunkles schulterlanges Haar in großen weichen Wellen, ein silbernes Nasenpiercing, enge schwarze Jeans, ein rosa cropped Hoodie. Ein paar dünne Ringe, die bei jeder Bewegung leise klirren. Sie ist etwas mollig, aber Mike hat auch den ein oder anderen Schokoriegel auf den Rippen. Für mich ist sie hübsch, klar. Aber nicht mein Typ. Zu viel Wirbel. Zu viel Energie. Für Mike dagegen ist sie alles.

Ein betörender Duft weht mit ihr an uns vorbei. Warm, süß, ein bisschen schwer. Ich kann nicht sagen, was es ist, aber der Duft passt zu ihr.

Sie schaut kurz rüber, und diese großen, braunen Rehaugen leuchten für Mike wie ein Versprechen. Sein Herz stolpert so laut, dass ich fast lachen muss. Mike beugt sich sofort zu mir. „Sag schon, was fühlt sie?“

Ich kann mir ein Lachen nicht mehr verkneifen. „Ihr fühlt beide dasselbe, du Geier. Ihr seid hungrig aufeinander.“ „Echt, Alter? Echt jetzt?“ Er wirbelt und zappelt auf seinem Stuhl herum, als würde er gleich abheben. Ich grinse. „Ja.“ Sein Herz rast. Sein Atem auch.

Mara wirft noch einen Blick über die Schulter, langsam und eindeutig, bevor sie zu ihren Freundinnen am Ende des Raumes geht. Ihr Duft bleibt wie ein süßer Schatten zurück.

Meine Gedanken kehren zurück zu dem fremden Mädchen. Mitten in all diesen lauten Herzen gibt es nur eine einzige Stelle, eine einzige Person, die absolut stumm bleibt. Es fühlt sich an wie eine einzige breite Masse, voller Herztöne alles ist so wie es sein sollte, bis auf das klaffende schwarze Loch. Es gehört nicht dahin, das darf nicht sein.

Was ist mit dir? Mädchen mit den smaragdgrünen Augen und Haaren mit der Farbe wie Honig?

Ich strenge mich an, bemühe mich alle anderen auszublenden und mich ausschließlich auf sie zu konzentrieren, aber ich höre nichts von ihr. Gar nichts. Keine Schwingung. Keine Wärme. Nur Stille. So tief, dass sie mir durch den Brustkorb schneidet. Zum ersten Mal in meinem Leben macht mir ein Herz Angst. Nämlich das, das ich nicht hören kann.

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