第12話: Kapitel 11

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Das Besprechungszimmer im Präsidium von Stralsund wirkte wie ein Raum, der vergessen hatte, dass hier Menschen arbeiten, schmucklos, fast steril. Ein Ort für nüchterne Berichte, nicht für Wärme. Auf dem großen Konferenztisch lagen Aktenmappen, ausgedruckte Fotos, ein Tablet, daneben ein Stapel blauer Schreibblöcke. In der Mitte stand eine bauchige Glasschale, randvoll mit Gummitierchen und Lakritz, als hätte jemand einen winzigen Gegenpol zur Kühle schaffen wollen.

Draußen hatte sich der Himmel in ein tiefes Lila getaucht, der Rand leicht rötlich. Es war schon nach 22 Uhr, und die Fenster trugen noch immer die Wärme des langen Sommertages. Drinnen war es dagegen kühl, fast zu kühl, als wolle die Klimaanlage jede Emotion im Keim ersticken.

Katja Sommer lehnte an der Fensterbank, die Arme verschränkt. Die feuerroten, kurz geschnittenen Haare glänzten im gedämpften Licht. Die khakifarbene Bluse und die schlichte schwarze Hose standen ihr wie eine Uniform, zweckmäßig, ohne Schnörkel. Ihre Augen waren wach, aber in den Winkeln lag Müdigkeit.

Sven Widahn saß am Tisch, das linke Bein ausgestreckt. Er zog die Glasschale an sich heran und angelte daraus drei grüne Schaumfrösche, ordnete sie nebeneinander, als gehöre selbst sein Naschen zu einer stillen Disziplin. Sein Haar, früher lang und blond, war heute kurz, fast weiß. Die Falten um Mund und Augen erzählten von Schmerz, Hartnäckigkeit und Momenten, in denen er Katja nie wieder zu sehen glaubte.

Am Tisch saßen auch Michael Heinrichsen, bärig, kantig, mit wettergegerbtem Gesicht und einem Vorpommern Dialekt, der jedem Satz einen Hauch Unnachgiebigkeit gab, sowie Babsi Hammlot, die junge Praktikantin mit blondem Zopf. Sie tippte an ihrem Laptop, nippte an einem grünen Bio-Smoothie aus Bambus und warf hin und wieder einen Blick auf Svens klebrige Frösche, ohne Ekel, eher aufmerksam, als registriere sie jedes Detail im Raum.

Daneben blätterte Konrad Vohwinkel, Leiter der KTU, mit finsterer Miene in einem Bericht.

„Dann lasst uns zusammenfassen“, begann Katja. „Sina Fehrmann, etwa Mitte dreißig, heute Morgen auf dem alten Friedhof von Bergen gefunden. Neben ihr: männliche nackte Leiche. Keine Ausweispapiere. Opfer: orientalischer Phänotyp, keine sichtbaren Spuren von Gewalt.“

„Kein Blut am Fundort“, ergänzte Sven. „Keine Kampfspuren. Nur eine Einstichspur über dem Bauchnabel. Ullrich meint, das könnte so eine Art Geheimdienstnummer sein, MI6, BND, GRU, CIA oder Mossad. Oder was von der NASA, was weiß ich.“

Heinrichsen lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme und verzog den Mund. „Also nichts Alltägliches?“

Sven schüttelte den Kopf und knetete einen der Gummifrösche zwischen den Fingern. „Eher etwas, das man sich in einer streng geheimen Forschungsabteilung ausdenkt und dann wieder verschwinden lässt, als hätte es das nie gegeben.“

Katja hob die Augenbrauen. „Also mehr als nur eine kuriose Nadelspur.“

„Viel mehr“, Sven, der sich immer noch nicht entscheiden konnte, ob er mit dem Frosch spielen oder ihn essen sollte, nickte. „Wenn Majonika recht hat, hinterlässt das Zeug keinerlei Spuren. Wir könnten das Opfer auf links drehen und würden trotzdem nicht herausfinden, was da genau gespritzt wurde.“

„Und das Symbol?“, fragte Vohwinkel.

„Tattoo, winzig klein, am linken Oberschenkel“, sagte Sven. „Auge, Kreis, Wurzeln, unbekannte Schriftzeichen.“

Katja tippte mit dem Stift auf den Tisch. „Wir sollten das LKA und internationale Datenbanken durchsuchen lassen.“

Babsi nickte, begann zu tippen und murmelte beiläufig: „Ich kann parallel in den gängigen Tattoo Archiven suchen … vielleicht ist’s nur ein modisches Nischending.“

„Und“, Sven schob den Bericht der Rechtsmedizin über den Tisch und steckte sich den Frosch in den Mund, „der Mann war todkrank. Bauchspeicheldrüsenkrebs, Endstadium. Vermutlich natürlicher Tod. Keine Spuren von dem, was injiziert wurde. Er war wohl schon etwas länger tot, bevor er auf dem Friedhof landete, wahrscheinlich vorher gekühlt.“

Heinrichsen beugte sich vor. „Ich habe nach Svens Anruf bei der Sana Klinik nachgefragt. Und ich glaube, ich bin fündig geworden. Vor zwei Wochen hatten sie dort einen Patienten mit genau diesem Profil. Faris Mertens. Geboren 1986 als Faris Al Kazemi in Bagdad, 2016 nach Deutschland geflohen, 2018 verheiratet mit Diana Mertens, zwei Töchter, Physik- und Mathestudent. Vor einem halben Jahr kam dann die traurige Diagnose.“

„Was für ein Schicksal! Aber ist es nicht eher ungewöhnlich, dass ein Syrer den Namen seiner Frau annimmt? Findet ihr nicht?“, fragte Katja.

„Ja, aber was ist hier schon gewöhnlich?“ Heinrichsen klaute Sven einen der Frösche und steckte ihn sich in den Mund. „Er hatte auch einen Hospizplatz. Aber zwei Tage vor der Verlegung ließ er sich überraschend selbst entlassen, gegen den Rat der Ärzte.“

„Vielleicht wollte er einfach nur zu Hause sterben“, warf Babsi ein. Sie klang vorsichtig, ihre Finger verharrten einen Moment über der Tastatur, als sie Heinrichsens Blick spürte. „Er kann doch seine Meinung geändert haben, so etwas hat es schon gegeben.“

Heinrichsen kniff die Augen leicht zusammen, als wolle er überlegen, ob er auf den Kommentar eingehen sollte, ließ es dann aber so stehen. „Interessant ist außerdem“, fuhr er kauend fort, „dass in der Klinikakte erst vor kurzem vermerkt ist, er sei vor wenigen Tagen verstorben. Die Angehörigen warten laut Unterlagen darauf, dass er verbrannt und anonym in einem Friedwald beigesetzt wird, angeblich war das sein ausdrücklicher Wunsch. Die Sache wirkt … sehr glatt organisiert.“

„Dann statten wir der Witwe doch gleich morgen früh einen Besuch ab“, sagte Sven trocken. „Sie kann uns sicher mehr sagen, unter anderem, welches Bestattungsinstitut beauftragt wurde und das dann seine Toten verliert.“

Katja hob den Blick von ihren Notizen. „Und ob es sich bei der Leiche in Greifswald überhaupt um Faris Mertens handelt.“

Konrad meldete sich zu Wort. „Kommen wir noch mal zurück zu der Frau. Zwischen den Fasern des Leinensacks, den Sina trug, haben wir ein Stück gegerbtes Leder gefunden. Pigmentspuren, keine modernen Gerbstoffe. Vermutlich sehr alt.“

„Wie alt schätzt du? Bisschen genauer, wenn möglich?“, fragte Sven.

„Sagen wir: vorindustriell. Vielleicht mittelalterlich.“

Babsi tippte fleißig alle Informationen in ihr Laptop.

„Wir haben aber noch mehr entdeckt. Reste von Schafgarbe, Wermut, Wacholder, aber auch Blut, menschlichen Kot und Urin. Ob von Sina, kann ich nicht sagen, ich habe ja keine DNA von ihr bekommen“, fuhr Konrad fort und sah Katja streng an. „Dann haben wir noch scheinbar historische Konservierungsmittel wie verschiedene Harze und Bienenwachs. Das müssen wir aber noch genauer untersuchen lassen. Ich schicke das Teil in die Fachabteilung vom Freilichtmuseum Groß Raden, die sind Experten, was Mittelalter angeht. Zum Gewebe: Es ist grob, ungefärbt, mit tierischen Fäden genäht. Ich würde sagen, ein mittelalterliches Bestattungsgewand oder so. Aber wie gesagt: das kann ich erst sagen, wenn die Mitarbeiter im Museum den Fetzen untersucht haben.“

„Du meinst echt, es handelt sich um eine Art Totensack?“, fragte Michael.

„Wie gesagt: meinen ja, wissen nein.“

Katja rieb sich den Rücken. „Wer lässt eine lebende Frau so etwas tragen und setzt sie hilflos auf einem Friedhof aus?“

Konrad hob die Hände. „Nicht mein Fachgebiet.“

„Marit bringt sie morgen früh zu einem Arzt“, sagte Katja. „Sobald Laborergebnisse da sind, bekommt ihr alles. Und du deine DNA, Konrad.“

Sven trommelte leicht mit dem Stift. „Also: Faris Mertens und Sina Fehrmann, beide keine Papiere, keinen Eintrag, Leinensack aus dem Mittelalter, ein seltsames Tattoo, und sie spricht ein Platt, das keiner versteht.“

Michael pfiff leise. „Als wäre sie durch ein Loch in der Zeit gekommen.“

„Wäre das hier Science-Fiction, würde ich dir zustimmen“, murmelte Sven.

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